Eberhard Jüngels Predigt über Hebräer 13,14 aus Anlass aus Anlass der 900-Jahr-Feier der Stadt Tübingen (1978): „Die Selbstgerechtigkeit wirft nicht weniger große Schatten als die Schuld. Wenn wir dieser Gefahr erliegen, wenn bürgerlicher Stolz zur Selbstgerechtigkeit entartet, dann ist es höchste Zeit, auszubrechen aus dem Leben der Stadt. Dann ist der Galgenberg, dann ist der Ort unter dem Kreuz Jesu Christi der rechte Ort für uns.“

Segen für die Stadt. Predigt über Hebräer 13,14

Von Eberhard Jüngel

Wir haben hier keine bleibende Stadt, aber die zukünftige suchen wir. Hebr. 13,14

Liebe Gemeinde! Die ewige Stadt – gibt es ein größeres Versprechen für Menschen, die in Frieden leben wollen? Die Stadt, die bleibt, – gibt es eine größere Verheißung für das ver­gängliche Menschengeschlecht? Die bleibende, die ewige Stadt – davon träumt der Mensch, seitdem er selber zum Baumeister dieser Erde geworden ist. Es ist ein großes Versprechen, das sich die Menschheit immer wieder selber gege­ben hat. Aber es ist unerfüllt geblieben.

Zwar bauen wir seit Jahrtausenden. Und die eindrücklichsten Bauten demonstrieren gerade­zu den Willen der durch und durch sterblichen Bauherren nach Unsterblichkeit. Doch wir können unsere eigene Sterblichkeit, wir können die Vergänglichkeit unseres Lebens nicht da­durch abbauen, daß wir selber auf Erden die bleibende Stadt aufbauen. Denn die ewige Stadt – das ist ja nicht nur die Stadt, deren Mauern niemals einfallen werden. Die bleibende Stadt – das ist vielmehr die Stadt, in der man selber bleiben, in der man ewig leben kann. Man kann auch unverlierbare Heimat dafür sagen. Die bleibende Stadt, das ist in der Tat »etwas, das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war«. Wir mögen Orte heiliger Ge­schichte kennen, wie die Stadt, die man »die heilige« nennt; wir mögen Städte wegen ihrer Architektur und auch aus anderen Gründen für erhaben und erhebend halten wie die Stadt, die man »die ewi­ge« nennt; oder wir mögen eine Stadt einfach nur deshalb lieben, weil sie »unse­re Stadt« ist – weder Jerusalem noch Rom und sicherlich auch nicht das auf seine Weise weiß Gott unvergleichliche Tübingen können dar­über hinwegtäuschen, daß auf Erden nicht für die Ewigkeit gebaut wird. Wer hier auf Erden Städte baut, baut auch Gefängnisse, errichtet Kliniken, legt Friedhöfe an. Und in früheren Zeiten hatte die Stadt draußen, außerhalb des Tores, ihren Galgenberg. Das alles sind unüber­sehbare und zum Teil schreckliche Erinnerun­gen daran, daß wir auf Erden nur auf Zeit bauen und wohnen. Wir haben hier keine bleibende Stadt.

Aber die zukünftige, die von Gott her kom­mende, ewige Stadt, die suchen wir. Wohlge­merkt: die zukünftige, d. h. eine völlig neue und nicht etwa irgendeine uralte, eine sagenhaf­te, von Menschen zwar schön und vollkommen erbaute, aber in ihrer ganzen Pracht irgend­wann einmal versunkene Stadt. Nein, nicht wie­derauftauchende Vergangenheit, sondern noch nie dagewesene Zukunft ist gemeint. Gottes Stadt und also die Lebensgemeinschaft mit Gott ist gemeint. Die suchen wir. Und indem wir das tun, sehen wir zugleich unsere selbstgebauten Städte und Staaten, sehen wir unsere irdische Lebensgemeinschaft in einem neuen Licht. Im Licht, nicht im Schatten! Es fällt Licht, nicht Schatten von der kommenden Stadt in unsere irdischen Städte, es fällt ein helles Licht, nicht ein Schatten von jenem Leben in die anderen Leben hinüber, die hier gelebt werden müssen und die oft genug dunkel und schwer und ver­worren sind. so. wie es eben allein ein Men- «Aenleben sein kann. Wer die zukünftige Stadt sucht, wird die irdische mit anderen Augen sehen. So wie schon ein irdisches Stadtfest ge­nügt, um die eigene Stadt sehr neu sehen zu lernen, so lehrt uns erst recht das Licht, das von der kommenden Stadt her auf die unsere hin­über fällt, diese mit neuen Augen zu sehen. Man macht da überraschende Entdeckungen.

Liebenswertes wird nun erst recht liebenswert. Was bisher übersehen wurde, erstrahlt dann plötzlich in einer bislang verkannten Schönheit auf. Aber man übersieht auch die Schattenseiten nicht mehr. Man sieht in diesem Licht unsere irdische Stadt auch in dieser Hinsicht anders als sonst, eminent kritisch und nun wohl erst recht als eine sehr vergängliche Lebensgemeinschaft. Man sieht die Schatten, die die Mauern werfen: Rathaus, Kirche, Universität, all die Häuser, auf die wir so stolz sind: sie werfen ja nicht nur natürliche, sondern auch sehr unnatürliche, böse Schatten – so wie die Bewohner unserer Häuser, wie wir ja nicht nur menschliche, son­dern sehr oft sehr unmenschliche, böse Schatten werfen. Es hat keinen Sinn, das zu ignorieren oder gar zu leugnen, obwohl wir das nur zu gern tun. Schatten kann man nicht wegpolieren.

Ja, je mehr man versucht, die eigenen Schatten wegzuzaubern, desto unheimlicher und gespen­stischer werden sie. Auf Erden hat nur der Teufel keinen Schatten. Man sieht die vergäng­liche Stadt mit ihren Schattenseiten, die Stadt, in der man für immer nicht bleiben kann. Aber man sieht sic im Licht. Nach diesem Licht wollen wir fragen.

Deshalb habe ich diesen Text für den heutigen Sonntag ausgewählt, an dem die »schönen Tage« Tübingens, an dem das Fest der Stadt zu Ende geht. Es wird kein Wasser in den Wein gegossen, und dem gelungenen Fest wird nicht zum Nachhinein ein Tritt versetzt. Kein über­großer, überfrommer Zeigefinger soll zum Kehraus ein makabres Memento mori auf die Pflastersteine malen. Und wir fragen auch nicht mit dem bekannten Unterton des Moralisten: Ob die Tübinger die schönen Tage denn nun wirklich heiterer verlassen? Oder ob nicht viel­mehr alles nur ein schnell verflogener Rausch von Bürgerstolz gewesen sei? Oder gar Flucht vor dem, was morgen kommt? Und ob wir einander nun ungetrübter in die Augen blicken und getroster den vielen Augenblicken entge­gen gehen können, die noch auf uns warten in dieser Stadt? Dergleichen Fragen an ein Fest zu stellen heißt: das Fest verderben. Ich denke nicht daran.

Der Hebräerbrief hat ja auch nicht daran ge­dacht, das irdische Leben schlecht zu machen, als er in seiner bildreichen Sprache daran erin­nerte, daß sich das wichtigste Ereignis auf dieser Erde draußen, »vor dem Tor« der Stadt, nicht innerhalb, sondern außerhalb der Mauern der polis abgespielt hat. Auf dem Galgenberg vor den Toren Jerusalems, in dem unehrenhaften Ende des Lebens Jesu Christi, in der unverdien­ten Schande seiner Hinrichtung, da, allein da hat Gott zu erkennen gegeben, daß er eine neue Stadt bauen wird: die Stadt, aus der niemand mehr vertrieben, aus deren Leben keiner unter irgendeinem Vorwand ausgeschlossen wird. Weil man in ihr bleiben kann, deshalb wird sie die ewige Stadt nicht nur heißen, sondern auch sein. Und man kann in ihr bleiben, weil sie sich mit dem Leben Jesu verträgt und weil sie seinen Tod, sein Kreuz erträgt. Der, den die Welt aus ihrer Lebensgemeinschaft ausgeschlossen hat, schließt niemanden aus. Wer zu ihm kommt, wird bleiben.

Wer seine, wer diese zukünftige Stadt sucht, wird sich also einlassen müssen auf das Leben und Sterben des Mannes, den selbst die »heilige Stadt« nicht in ihren Mauern ertragen konnte. Er wird sich gerade dann darauf einlassen müs­sen, wenn er der irdischen Stadt Bestes sucht. Ich will wenigstens andeuten, was das bedeutet.

Wer die Stadt sucht, die bleibt und in der auch wir bleiben können, wird sich einlassen müssen auf das Leben dessen, der sich in unübersehba­rer Weise den Kindern zugewendet hat. Wir suchen diese Stadt, in der Kinder leben, und das heißt für Kinder nun einmal nicht nur: lernen, sondern vor allem spielen können. Auch die lauten und sogar die vorlauten Kinder sind gemeint, wenn es heißt: Lasset die Kinder zu mir kommen und wehret ihnen nicht. Und vielleicht waren sogar die Erwachsenen mitge­meint, wenn sie wieder spielen könnten; wenn auch nicht wie Kinder, so doch wenigstens mit ihren Kindern. Es fällt ein Licht von jener Stadt in die unsrige hinüber, wenn wir das ernst nehmen. Wir werden den fröhlichen Krach, das lustige Geschrei, aber auch die ängstlichen Schreie unserer Kinder dann mit anderen Oh­ren hören.

Wer die Stadt sucht, in der man bleiben kann, wird sich auf das Leben des Mannes einlassen müssen, der die Mühseligen und Beladenen zu sich rief, um sie zu erquicken. Wir suchen diese Stadt, in der gequälte Menschen, ganz egal ob sie von anderen gequält werden oder ob sie sich selber quälen, äußerliche und innerliche Entla­stung finden und darüber hinaus auch noch erquickt werden. Es fällt ein Licht von Jesu großer und unvergänglicher Einladung an die Mühseligen und Beladenen in unsere Häuser hinüber. Sie könnten Stätten der Einkehr sein, in denen nicht nur angenehme und bequeme, sondern eben auch unbequeme und ausgespro­chen schwierige Menschen Entspannung und Entlastung oder auch nur ein freundliches Dach über dem Kopf finden. Ich denke da auch an Tübingen und seine Studenten. Nicht zufällig ermahnt der Hebräerbrief am Anfang unseres Abschnittes, also im Zusammenhang mit der Feststellung, daß wir hier keine bleibende Stadt haben: »Vergeßt nicht, gastfrei zu sein; denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt.« Es wäre sicherlich eine Ausnahme, aber wer weiß, warum sollte nicht ausnahms­weise auch einmal in der Gestalt eines Studen­ten der Eberhard-Karls-Universität ein Engel an unserer Haustür klopfen?

Und nun tun wir gut daran, gleich weiter zu lesen. Denn unmittelbar nach den Engeln ist von den Häftlingen die Rede: »Denkt an die Gefangenen als wäret ihr Mitgefangene und an die Mißhandelten, weil ihr selbst nicht unver­letzlich seid.« Nein, unverletzlich ist keiner von uns. Und die Schatten der eigenen Vergangen­heit können jeden einholen. Gerade deshalb werden wir, wenn wir ernsthaft die zukünftige Stadt suchen, gut daran tun, uns nicht allzusehr in den Bollwerken unserer bürgerlichen Moral zu verschanzen. Damit kein Mißverständnis aufkommt: ein gerechtes und auf das Gemein­wohl bedachtes Leben ist allemal besser als ein Leben, das auf Zeit oder gar für immer im Gefängnis endet. Das Neue Testament hat Tu­gendkataloge und keine Lasterkataloge als Leit­linien empfohlen. Aber gerade der Gerechte weiß, daß die Selbstgerechtigkeit vor der Tür lauert, wenn ein Leben halbwegs gelingt. Und die Selbstgerechtigkeit wirft nicht weniger große Schatten als die Schuld. Wenn wir dieser Gefahr erliegen, wenn bürgerlicher Stolz zur Selbstgerechtigkeit entartet, dann ist es höchste Zeit, auszubrechen aus dem Leben der Stadt. Dann ist der Galgenberg, dann ist der Ort unter dem Kreuz Jesu Christi der rechte Ort für uns. Dann gehören wir dahin, wo wir die Schande dessen teilen, der für ein neues Leben in einer neuen Stadt gestorben ist, in der kein Gerechter mehr auf den Ungerechten herabsieht. Denn die Stadt, die wir suchen, wird sich nicht nur mit dem Leben des Mannes aus Nazareth, sondern mehr noch mit dem Tode des Mannes von Golgatha vertragen, der es sich gefallen läßt, daß alle Schatten dieser Welt auf ihn fallen, damit unser Leben, damit auch das dunkelste menschliche Leben hell wird. Es wird in dem Maße hell, in dem es die Gnade Gottes, und das heißt die Menschenfreundlichkeit Jesu Christi, reflektiert. Seine kommende Stadt, die Lebens­gemeinschaft mit ihm wird keine Angst vor den Schatten der eigenen Vergangenheit mehr ken­nen. Denn er ist draußen, verstoßen aus der Lebensgemeinschaft der ehrbaren Bürger für alle gestorben, die Schuld auf sich geladen ha­ben. Sein unschuldiges Leiden und Sterben steht gut für jedes schuldbeladene Leben. Seine Stadt wird ohne Gefängnisse sein: nicht weil lauter Gerechte und Selbstgerechte, sondern weil Sünder in ihr wohnen, denen ihre Schuld vergeben worden ist.

Deshalb vor allem fällt Licht von jener mit dem Kreuz Jesu Christi gezeichneten Stadt in die unsrige hinüber. Wir werden, wenn wir diese zukünftige Stadt wirklich suchen, in unseren Gefängnissen eben nicht nur gerecht, sondern auch barmherzig sein. Und wir werden, wenn wir die ewige Stadt suchen, auch und erst recht uns selber als Menschen erkennen, die in ihrer irdischen Lebensgemeinschaft gar sehr darauf angewiesen sind, daß sie einen gnädigen Gott und einen gnädigen Nächsten finden.

900 Jahre Tübingen – das ist ganz gewiß eine stolze Geschichte. Aber 900 Jahre Tübingen – darunter 500 Jahre Universitätsgeschichte – das ist auf jeden Fall auch eine Geschichte voller Schuld. Wir wären weder vor Gott noch vor uns selber ehrlich, wenn wir das verdrängen wollten. Wir verdunkeln das nun zu Ende ge­hende Fest der 900-Jahr-Feier unserer Stadt nicht, wenn wir daran erinnern, daß von der zukünftigen polis her das Licht der Gnade hin­überfällt in unsere Stadt. Es fällt auf jeden, der in dieser Stadt schuldig geworden ist. Wir ha­ben hier keine bleibende Stadt. Aber indem wir die zukünftige suchen, segnen wir das irdische, das vergängliche Tübingen. Wir wünschen sei­nen Bürgern und Bürgermeistern, seinen Arbei­tern, Handwerkern, Kaufleuten, Künstlern, Ärzten, Krankenschwestern, Patienten und Stadträten. aber auch seinen Studenten und Professoren nicht nur Glück, wie die Weltkinder sagen, sondern eben Gottes Segen. Segen, das heißt Freiheit von der Schuld vergangener Jahre, Tage und Stunden. Segen, das heißt Frei­heit für eine Zukunft, die sich mit dem Leben und Sterben Jesu Christi verträgt.

Der römische Papst spendet an hohen Feierta­gen der Stadt Rom und dem Erdkreis, urbi et orbi den apostolischen Segen. Wir sind nicht katholisch, haben auch keinen Papst. Und wir müssen auch nicht immer gleich an den ganzen Erdkreis denken. Aber den apostolischen Segen zu spenden – das ist auch unser Recht und unser Amt. Und so verkündige ich jedem in dieser Stadt Tübingen, der sich des Lebens und Ster­bens Jesu Christi nicht schämt, Vergebung aller seiner Sünden. Der Herr segne die politische und jede private Lebensgemeinschaft in dieser Stadt. Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über ihr und sei ihr gnädig. Der Herr erhebe sein Angesicht auf sie und gebe ihr Frieden. Amen.

Predigt am Sonntag, 20. August 1978 in der Tübinger Stiftskirche aus Anlass der 900-Jahr-Feier der Stadt Tübingen.

Quelle: Eberhard Jüngel, Reden für die Stadt. Zum Verhältnis von Christengemeinde und Bürgergemeinde, Kaiser Traktate 38, München: Chr. Kaiser, 1979, S. 48-59.

Hier die Predigt als pdf.

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