Hans Joachim Iwand, Zur religiösen Lage der Flüchtlinge (1949): „Was Menschen, Menschen wie wir, in was für Masken und Uniformen auch immer, an Menschen getan haben, das können nur Menschen – und zwar Menschen ohne Masken und befreit von jeder Unifor­mierung, Menschen, die »Jesum Christum angezogen ha­ben«, wieder gut machen. Das heißt: Die persönliche, menschliche Tat der Liebe ist die Grundlage für alle organi­sierte Hilfe.“

Zur religiösen Lage der Flüchtlinge (1949)

Von Hans Joachim Iwand

Mir ist der ehrenvolle Auftrag zuteil geworden, hier ein einführendes Wort zu sagen zur religiösen Lage der Flüchtlinge. Als ich den Auftrag angenommen hatte, und ich habe ihn gern angenommen, erkannte ich sehr bald, wie schwer es ist, hier ein echtes Wort zu finden. Eine Sache, die so beredt ist, wie die menschliche Not der Millionen von Vertriebenen, die durch unsagbare Schrecken hindurchge­gangen sind und keine neue Heimat gefunden haben, spricht lauter und vernehmlicher durch sich selbst und es ist schwer, einen guten Interpreten dieses Elends zu finden. Dazu kommt die Frage nach der religiösen Situation inmitten die­ses Grauens. Im Grunde genommen kann hier nur der recht urteilen, der auch noch hinter den bittersten Blasphemien die echte Frage nach Gott sieht, der hier nicht mit den Maß­stäben einer mehr oder weniger behüteten Existenz mißt, der vor allem begreift, daß die Tiefe der Anfechtung, die mit dem Dasein eines Heimat- und Besitzlosen gegeben ist, kaum zu ermessen ist. Aber dann zeigen sich mitten in die­sen grauenvollen Erlebnissen Zeugnisse eines ungebroche­nen Glaubens und Taten edelster Menschlichkeit, die ebenso nach oben unsere normale Religiosität und Ethik überragen, wie die Anfechtungen, die hier erlitten werden, unsere nor­male Gefährdung nach unten hin übertreffen. Hier werden Höhen und Tiefen erreicht, wie sie für unser normales kirch­liches Christentum fast unvorstellbar sind. Wohl aber nähert sich dort unser Leben wieder den Maßen der Bibel selbst.

Vor einiger Zeit war ich mit Christen zusammen, die drei Jahre unter den Russen in Königsberg gelebt hatten. Sie hatten erlebt, wie von 110000 Einwohnern der Stadt 76000 an Hunger starben. Was das heißt, kann ich hier nicht im einzelnen beschreiben. Jedenfalls wurde alle Gesittung durchbrochen durch den Hunger und die absolute Recht­losigkeit bis hin zum Kannibalismus. In dieser Situation – so sagten jene Männer und Frauen, die wunderbar behütet und geläutert durch das Leid herausgekommen waren, konnten wir kein Buch mehr lesen, nur noch die Bibel. Will man also ein ganz kurzes Wort über die religiöse Lage der Flüchtlinge haben, so möchte ich sagen, hier ist es geschehen, mitten in unserer modernen Zivilisation, daß Menschen wieder die Bi­bel begriffen und ergriffen haben, die Bibel als das Buch, das zu leuchten beginnt, wenn alle anderen Lichter erlöschen, das tröstet, wo aller Menschentrost vor dem Abgrund des Jammers und der Bosheit versagt.

Dazu kommt ein Weiteres. Das Leiden der Flüchtlinge wird nicht begriffen, wenn wir es mit den beiden, uns heute am meisten geläufigen Kategorien fassen wollen, der natio­nalen und der sozialen. Entsprechend unserer um sich selbst kreisenden, von Schuld und Gericht kaum noch etwas ah­nenden Kultur versucht man die Flüchtlinge heute wieder von daher anzusprechen. Die religiöse Betrachtung müßte aber der nationalen wie der sozialen Einstellung ein neues Gesicht geben. Der nationalen insofern, als wir das, was die Flüchtlinge erfahren haben, nicht begreifen werden, weil es uns nicht im tiefsten erschüttern wird, wenn wir nicht nach einem Standpunkt suchen, der jenseits der nationalen Ge­gensätze liegt. Ehe das Unheil über uns kam, haben wir Angehörige anderer Nationen in derselben Gestalt durch unsere Straßen irren sehen. Die Rollen wechseln, aber die Vorgänge bleiben. Das Unheimliche ist, daß Menschen an Menschen – Menschen, die im Moment die Macht haben, an Menschen, die ohnmächtig sind – so handeln. Der Glaube an Gott wird im Herzen des Menschen zerbrochen, indem der Glaube an den Menschen zerbrochen wird.

Man täusche sich nicht, es kann nur beides zusammen wiederhergestellt werden. Was Menschen, Menschen wie wir, in was für Masken und Uniformen auch immer, an Menschen getan haben, das können nur Menschen – und zwar Menschen ohne Masken und befreit von jeder Unifor­mierung, Menschen, die »Jesum Christum angezogen ha­ben«, wieder gut machen. Das heißt: Die persönliche, menschliche Tat der Liebe ist die Grundlage für alle organi­sierte Hilfe. Unsere Organisationen müssen dem dienen, daß der Mensch dem Menschen nahe kommt. Die Flüchtlinge sind nicht nur Vertriebene, die Haus und Heimat verloren haben, sondern sie sind durch Erfahrung und Erlebnisse hin­durchgegangen, wie sie nur noch mit den Gerichtsworten der Propheten zu beschreiben sind. Sie brauchen einen, der ihrer Seele hilft, frei zu werden von den Gesichten, die sie begleiten. Wer ihnen Hilfe verspricht durch Entfachung der nationalen Leidenschaften, der läßt sie die eigentliche Tiefe des Problems vergessen. Daß Menschen so an Menschen handeln konnten, ist das eigentlich Antichristliche, das Furchtbare, das sich in unserer Gesellschaft und Gemein­schaft wie ein Abgrund auftut, der uns alle zu verschlingen droht. Jeder Versuch, unser Problem innerhalb des Nationa­litätendenkens zu lösen, ist Verrat an seiner religiösen Wurzel. Wir kommen nicht her von Babel, sondern von Pfingsten. Es ist kein nationales Problem, es ist viel eher ein Phänomen der spätzivilisierten, zum Nomadentum zurück­kehrenden, seelenlosen Kultur.

Genau so steht es aber auch, wenn wir das Flüchtlings­problem sozial verflachen. Ich höre öfter, es käme heute darauf an, nicht dieselben Fehler zu machen, wie bei Beginn der Industrialisierung. Eine angesehene englische Zeitung sprach kürzlich von den Flüchtlingen als der ›Zeitmine‹ in­nerhalb der Westeuropäischen Union. So ähnlich sprachen im 19. Jahrhundert ernste Männer von den ›Sümpfen des Proletariats‹ Und doch ist das zu flach. Auch die Drohung mit den Folgen für unseren Kontinent liebe ich nicht. Sie entspringt der Angst, nicht dem Glauben und der Liebe. Der Glaube sieht die Dinge anders. Dieselben Flüchtlinge, die heute als Bettler vor unserer Tür stehen, hatten vor einigen Jahren noch ihr Eigentum. Heute stehen sie vor uns wie ein Mahnmal dafür, wie hinfällig die Dinge sind, die wir für so wertvoll erachten, und wie wichtig jene Größen der unsicht­baren Welt, denen wir die Realität absprechen. Hätten wir Gottesfurcht und Menschenliebe Punkt Eins in unserer Poli­tik sein lassen, ein Viertel unseres Volkes wäre heute nicht flüchtig. Würden wir heute lernen, daß Menschen mehr be­deuten als Dingwerte, die Flüchtlinge wären nicht so verlas­sen. Die Frage nach Mein und Dein muß der anderen von Ich und Du unter- und zugeordnet werden. Darum erfor­dert das Flüchtlingsproblem von unserem Volk eine prakti­sche, aus dem Liebesgebot folgende soziale Umstellung, ohne die wir alle morgen das Schicksal mit Recht tragen werden, das heute in Gestalt des Flüchtlings vor unserer Türe liegt.

Schließlich noch ein Letztes. Der Flüchtling trägt heute in unserem Volk ein Los, das von allen gemeinsam verschuldet ist. Sollten wir nicht von da aus neue Wege finden, ihm zu helfen, damit er nicht unter einem Kreuz zerbricht, das uns allen zu tragen auferlegt ist? Hier hat es Sinn von einer Soli­darität der Schuld zu reden. Tun wir das nicht, werden wir an Selbstgerechtigkeit zugrunde gehen und einander gegen­überstehen als die, die sich entschuldigen und die anderen verklagen. Uns bleibt nur eine Wahl: entweder wir versu­chen, das Flüchtlingsproblem als unser aller Last zu tragen und so neue Gemeinschaft zu bilden, oder die Redeweise und infernalische Mentalität des Wortes von den ›Habenichtsen‹ wird die soziale und nationale Parole von Morgen sein.

Ich habe nur sehr wenig sagen können. Ich habe versucht, dies Wenige als das mir Entscheidende herauszustellen. Ich habe versucht, die vordergründige Betrachtung der Flücht­lingsfrage in ihrer nationalen und sozialen Erscheinung zu ersetzen durch eine solche, die Gott, Mensch und Gemein­schaft – diese drei Worte – als die entscheidenden Punkte aufzeigt, die alle drei beachtet sein müssen, wenn die Ret­tung gelingen soll. Die Tatsache, daß wir in Deutschland nicht allein gelassen wurden in dieser Not, daß dem Leiden unserer Brüder und Schwestern eine mächtige Bewegung der Hilfe und des Erbarmens in der Welt antwortete, war für alle, die einen Sinn für das Wunderbare dieses Vorgangs bewahrt hatten, die neue Hoffnung. Es war ein Geschehen, der Taube gleich, die mit dem Ölzweig in die Arche zurück­kehrt. Wir erkannten an diesem Zeichen: Die Wasser fallen! Die größten Wendungen in der Welt ereignen sich im tief­sten Leid. Das Kreuz ist nicht umsonst das Zeichen der größten Hoffnung. Das Leid, das in diesen furchtbaren Jahren menschlicher Besessenheit gelitten worden ist und noch gelitten wird, könnte um Christi Willen das Heilmit­tel sein, an dem wir noch einmal im kleinsten wie im größ­ten Kreis zueinanderfinden als die eine große Menschheits­familie.

Christengemeinden sollten der Ausdruck sein für solche Stätten der Genesung des in der Wurzel bedrohten Lebens. Je offener wir die Tür für die Armen und Elenden halten, je mehr wir davon wissen und uns darum kümmern, desto reicher wird unsere Gemeinschaft sein an geistlichen Gü­tern. Die Armen sind der Schatz der Kirche. Das Flücht­lingselend könnte uns allen Hilfe sein zu echter Menschlich­keit und neuer Sinngebung des Daseins. Wie weit unser kirchliches Handeln dieser Weisheit entspricht, soll hier nicht entschieden werden.

Lassen Sie mich schließen mit einer Erinnerung aus der Bibel. Sie kennen alle jenes erregende Bild aus dem Buch der Offenbarung, wie das Weib mit dem Kind vor dem Drachen flieht und entrückt wird in die Wüste. Der Drache, in dem das urzeitliche Chaos sein Haupt erhebt, speit »ein Wasser aus wie ein Strom, daß er sie ersäufte« [Offb 12,15]. Nach der Sprache der Offenbarung ist das der Völkerstrom, die letzte und furchtbarste Waffe des Drachens gegen das schutzlose Weib. Aber dann heißt es: »Die Erde half dem Weibe und tat ihren Mund auf und verschlang den Strom« [Offb 12,16]. Das ist eine große Verheißung, an die wir uns halten dürfen wenn wir darangehen, den Strom einzudäm­men. Es gibt ein wunderbares Bündnis der Erde mit der Kirche – im Glauben an dieses Bündnis sollten wir mit gu­tem Gewissen und freudigem Geist alle nur möglichen Mit­tel und Wege benutzen, damit der teuflische Anschlag zunichte wird, der Strom versickert und unser Menschenbru­der, der Flüchtling, wieder seine Heimat findet auf Erden.

Was wir hier planen, geht über unsere, ja über aller Men­schen Kraft. Es wäre ein Wunder der Gnade Gottes, wenn das mit den Millionen von Flüchtlingen aufbrechende Schicksal nicht uns alle mit in den Abgrund risse. Wirklich ein Wunder. Scheuen wir uns, dieses Wort hier in die De­batte zu werfen? Haben wir nicht lange genug an die Wun­der des Antichrist geglaubt und ist das, was wir vor uns sehen, nicht die Frucht und das Werk dieses Glaubens? Wird es nicht Zeit, auf die Zeichen zu sehen, die die Zeichen des Christus sind: Liebe, Erbarmen, Gerechtigkeit und Friede, und sie die Wegzeichen unserer Wanderung sein zu lassen? Die erste soziale Tat, die am Anfang der christlichen Kirche steht, geschah unter dem Wort: »Gold und Silber habe ich nicht, was ich aber habe, das gebe ich Dir: Im Namen Jesu von Nazareth, stehe auf und wandle« [Apg 3,6]. Möchte das, was wir hier tun, von diesem Wissen um unsere Ohn­macht und dem Glauben an die Macht des Auferstandenen getragen sein. Denn »ohne mich könnt ihr nichts tun« [Joh 15,6].

Vortrag gehalten am 22. Februar 1949 auf der ökumeni­schen Flüchtlingstagung in Hamburg, die von der Flüchtlingsabteilung des Weltkirchenrates veranstaltet wor­den ist.

Quelle: Hans Joachim Iwand, Frieden mit dem Osten. Texte 1933-1959, hrsg. v. Gerard C. den Hertog, München: Chr. Kaiser, 1988, S. 25-32.

Hier der Text als pdf.

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