Karl Barth über die Dummheit: „Die Dummheit ist genial darin, alles zur Unzeit zu denken, zu sagen und zu tun, keine Möglichkeit eines Missverständnisses vorübergehen zu lassen, gerade das Notwendige, das Geforderte, das Heilsame regelmäßig zu unterlassen, das Überflüssige, Verbotene, Verderbliche aber mit sicherem Instinkte regelmäßig zu wählen, zu denken, zu sagen und zu tun.“

Über die Dummheit[1]

Von Karl Barth

Es muss also – wenn wir jetzt Alles überblicken – damit gerechnet und es darf wohl auch einmal ausdrücklich hervorgehoben werden, dass die ganze heilige Schrift und also das ganze Zeugnis von Jesus Christus auch diese Front hat: die Front gegen die Dummheit, die Front gegen die Toren, die nach Ps. 14,1 in ihrem Herzen sprechen: «Es ist kein Gott». Die heilige Schrift ist nicht, wie Freund und Feind es manchmal fast vermuten lassen, ein «liber pro», sondern ein «liber contra insipientem». Dummheit, diese rätselhafteste, mächtigste, aufregendste und furchtbarste Gewalt in der Weltgeschichte, in jeglichem menschlichem Lebensbereich und tief verborgen oder auch handgreiflich offenbar im Wandel jeder menschlichen Existenz – Dummheit ist nach der Bibel keineswegs bloß ein ärgerlicher, durch Erziehung und Aufklärung zu bekämpfender und zu beseitigender, aber durch andere gute Eigenschaften des Menschen wettzumachender und in Liebe zu entschuldigender Übelstand. Sondern Dummheit ist Sünde. [576]

Von Mangel an intellektueller Begabung und Erudition ist freilich nicht die Rede, wenn die Bibel vom Toren redet. Der biblische Tor kann so leidlich klug sein, wie es der Mensch im Durchschnitt nun einmal zu sein pflegt. Er kann gewiss auch unter, er kann aber auch über, er kann vielleicht sogar sehr hoch über diesem Durchschnitt stehen. Was ihn zum Toren macht, ist jedenfalls nichts, was mit einem schwächeren Gehirn oder mit unvollkommener Wissenschaft als solchen notwendig gegeben wäre. Der Mensch ist aber nach biblischer Darstellung dann töricht, dann dumm, wenn er, wie es auch mit seinem Gehirn und seiner Wissenschaft bestellt sei, der Erleuchtung durch Gottes Offenbarung entbehrt und darum sein Leben auf Grund von verkehrten und verderblichen Maximen und Motiven, auf Grund einer falschen Voraussetzung und darum auch nach Maßgabe einer falschen Methode lebt. Dumm ist also nach der Bibel vor allem, wer noch nicht eingesehen hat, dass er ohne Gottes Wort dumm, und zwar grunddumm sein und bleiben muss. Dumm ist also im Großen und im Kleinen alle Zuversicht, alles Sichstützen und Verlassen auf das, was man sich ohne Gottes Wort selber sagen kann, weil man es auch so weiß. Dumm ist jedes Verhalten, in welchem man sich selbst, als wäre man selber Gott, über das, was göttlich und also gut, schön, heilsam, ewig ist, meint autoritative Auskunft gegeben zu haben und auf Grund dieser Auskunft nun meint denken, reden, handeln zu können. Dumm ist dieses Verhalten selbstverständlich, und zwar noch verschärft, wenn es die Form hat, dass Einer Gottes Wort schon meint gehört und in Form irgend eines Prinzips oder Systems sich angeeignet zu haben, oder in der Form, dass Einer sich selbst für einen durch Gottes Wort bereits so Verwandelten hält, dass er weitere Offenheit für die Belehrung durch das, was es selber meint und will, entbehren zu können denkt. Wo also irgend ein gleichsam herrenlos gewordenes Prinzip – und hätte es die goldenste Klarheit und Wahrheit – den Menschen oder die Menschen so regiert, dass sie ihm unterworfen sind, wie man nur dem Worte Gottes unterworfen sein dürfte, da haben wir es bestimmt mit einer Offenbarung, ja im Prinzip mit der ganzen Offenbarungsökonomie der Dummheit zu tun. Und wo Menschen im Wahn, einer bereits hergestellten und ihnen so oder so gesicherten Güte teilhaftig zu sein, dahinleben und sich geltend machen, da ist das nicht nur Selbstgerechtigkeit, die sich mit dem Glauben nicht verträgt – das ist es freilich auch! –, sondern indem es das ist, zugleich alles verheerende und zerstörende Dummheit. Als Adam und Eva durchaus wissen wollten, was gut und böse sei [vgl. Gen. 3,5], da war das nicht nur Ungehorsam – das war es freilich auch –, da war das zugleich und als solcher der Absturz in die Dummheit, die als solche nicht wissen kann und nie wissen wird, was gut und böse ist, die diese beiden immer wieder verwechseln und verwirren wird. Und es liegt ein tiefer Sinn in der bekannten Redensart, laut welcher auch der Teufel in aller seiner teuflischen Klugheit und Schlauheit letzten Grundes ein dummer Teufel ist. [577]

Denn darin besteht und äußert sich die Dummheit: dass der Mensch in der vollen stolzen Meinung, wesentlich zu sein und das Wesentliche zu treffen, gerade nie das Wesentliche trifft: immer zu früh oder zu spät kommt, immer schläft, wo er wachen sollte, wacht, wo er ruhig schlafen dürfte, immer schweigt, wo geredet werden müsste, und immer redet, wo Schweigen das beste Teil wäre, immer arbeiten will, wo nur Beten, und immer beten, wo nur Arbeiten helfen würde, immer historische Betrachtungen anstellt, wo es um Entscheidung ginge, und immer entscheiden will, wo nun wirklich historische Betrachtung am Platze wäre, immer streitet, wo es nicht nötig ist, und immer von Liebe und Frieden redet, wo in aller Ruhe einmal dreinzuschlagen wäre, immer den Glauben und das Evangelium im Munde führt, wo es gelten würde, ein Stück gesunden Menschenverstandes walten zu lassen, und immer vernünftelt, wo man sich in die Hände Gottes befehlen dürfte und sollte. Man lese Pred. 3 die große Aufzählung, wie alles seine Zeit hat. Die Dummheit ist genial darin, alles zur Unzeit zu denken, zu sagen und zu tun, keine Möglichkeit eines Missverständnisses vorübergehen zu lassen, gerade das Notwendige, das Geforderte, das Heilsame regelmäßig zu unterlassen, das Überflüssige, Verbotene, Verderbliche aber mit sicherem Instinkte regelmäßig zu wählen, zu denken, zu sagen und zu tun. Und man täusche sich nicht darüber: Geringschätzung, Gleichgültigkeit oder Ignorierung sind bestimmt die Wege nicht, auf denen man der Dummheit entrinnen oder sich vor ihr schützen kann. Warum nicht? Weil sie dazu viel zu gefährlich ist. Dummheit ist lebensgefährlich, gemeingefährlich, staatsgefährlich, kirchengefährlich – und am meisten da, wo man sie nicht erkennt und gewähren lässt oder bloß mit Missachtung ihr begegnen zu können meint. Sie ist darum so gefährlich, weil sie sich ja niemals als Dummheit fühlen, erkennen und bekennen, geschweige denn als solche auftreten, sich vielmehr immer für Weisheit halten und entsprechend kostümieren wird: mit der größten Sicherheit, Behändigkeit und Ausdauer Gründe auf Gründe türmend, immer schon im Voraus im Recht und immer nachträglich Alles besser gewusst habend, immer gewaltig bestärkt durch sich selbst und so unermüdlich zu immer neuen Untaten aufbrechend. Sie ist weiter darum so gefährlich, weil sie auf den ersten Blick immer so harmlos, gutmütig und friedfertig zu sein scheint; hinter ihrer Biederkeit und Sanftmut verbergen sich aber wie die Krallen des Katzengeschlechtes in dessen weichen Pfoten [578] höchste Bösartigkeit, zänkische Aggressivität, rücksichtslose Gewalttätigkeit, die ihre Opfer anfällt und zerreißt, wie keine offenkundig satanische Bosheit es vermag. Und sie ist weiter darum so gefährlich, weil man sie immer wieder für eine vereinzelte Eigentümlichkeit Dieser und Jener halten möchte – es könnte wohl so sein, dass im Besonderen gerade sie gemeint ist bei dem Wort von dem Balken im eigenen Auge, den man am wenigsten zu sehen pflegt [vgl. Mt. 7,3] –, in Wirklichkeit aber ist sie eine von den Grundbestimmungen des ganzen Menschengeschlechts; in Wirklichkeit bleibt gerade sie nie allein, sondern wo sie auftritt, da wirkt sie gleichsam magnetisch, da ist es, wie wenn die Dummen alle gegenseitig aufeinander gewartet hätten, da eilen sie alle, vorher vielleicht feindselig untereinander, je aus ihren besonderen Höhlen hervor, um sich zu greulichen schleimigen Klumpen zusammenzuballen, um in Gestalt von massiven Mehrheiten wie eine Elefantenherde alles vor sich niederzutrampeln.

Was aber kann geschehen und ist zu tun gegen die Dummheit? Es ist mit Recht gesagt worden, dass gegen sie die Götter selbst vergeblich streiten. Irgendwelche Götter wird man in der Tat vergeblich gegen sie an- und aufrufen. Wer sie in heiligem Zorn bekämpfen oder wer sie mit Spott und Ironie beunruhigen, wer sie intellektualistisch schulmeistern oder wer ihr antiintellektualistisch den Hof machen will, der sehe zu, dass er nicht von der Dummheit überrannt werde – der sehe vor allem zu, dass er ihr nicht heimlich selber verfalle, indem er ihr begegnen will. Wir können uns vielmehr der Dummheit gegenüber zunächst nur an diesen einzigen Trost halten, dass in der Bibel mit ihrer Botschaft von der Weisheit Gottes tatsächlich auch auf dieser Front, auf der Front gegen die menschliche Dummheit gestritten und, wie wir dann wohl annehmen dürfen, nicht umsonst, sondern überlegen und siegreich gestritten wird: dass von Jesus Christus her gesehen auch dies, dass wir Menschen nun einmal so erschreckend dumm sind, nichts Neues, nichts Unvorhergesehenes und vor allem auch nichts in seiner Feindseligkeit wirklich Überlegenes ist. Soll uns das trösten, wie es uns trösten kann, dann müssen wir es uns freilich auch gefallen lassen, die menschliche Dummheit in dem Lichte zu sehen, in welchem sie von dort aus tatsächlich sichtbar ist. Das wird aber vor allem dies bedeuten: wir können nicht genug und nicht gründlich genug einsehen, dass das und nichts Anderes – das, was Ps. 14,1 geschrieben steht vom Wesen der Dummheit – ihr Wesen tatsächlich ist: dass die Toren in ihrem Herzen sprechen: Es ist kein Gott. [579]

Man bemerke, wie befreiend es ist, nach diesem Wort nicht etwa irgend eine mythische Macht hinter der Dummheit suchen zu müssen, der dann wohl auch mit Hilfe einer mythischen Gegenmacht, unter Aufgebot irgendwelcher besserer Götter zu begegnen und beizukommen wäre. Nein, dass sie Gott leugnet, dieses echt Menschliche ist in allen ihren Erscheinungsformen ihr letztes und einziges Geheimnis. Man hat ihr aber nach diesem Wort auch nicht den Respekt entgegenzubringen, als ob sie vielleicht irgend eine göttliche Mission und Kompetenz haben könnte. Nein, sie leugnet ja Gott und hat sich damit zum vornherein aller Autorität begeben und ins klare Unrecht gesetzt. Sie leugnet Gott, indem sie den Sinn seiner Geduld und also den Sinn der Zeit und also den Sinn des menschlichen Lebens leugnet. Das ist die verhältnismäßig sehr einfache Wahrheit über die menschliche Dummheit. Aber wenn das das gerade in seiner Einfachheit Befreiende jenes Wortes ist, so wird man als unter der Dummheit Leidender nun auch das Echo nicht überhören dürfen, das eben dieses von der heiligen Schrift den Toren in den Mund gelegte Herzensbekenntnis sofort in unserem eigenen Herzen erweckt. Es dürfte zu beachten sein, dass eben das, was Ps. 14,3 in Fortsetzung jener Stelle zu lesen steht: «Alle sind sie entartet und miteinander verdorben; Keiner ist, der Gutes tut, auch nicht Einer» von Paulus Röm. 3,9f. als Beweis dafür angeführt wird, dass Juden und Griechen sich Gott gegenüber in gemeinsamer Schuld, weil gemeinsam unter der Herrschaft der Sünde befinden. In der Tat! Wer spricht etwa nicht auch in seinem Herzen: Es ist kein Gott! Wer fasst und respektiert den Sinn der göttlichen Geduld? Wer ist also kein Tor? Wer ist also nicht dumm? Es gibt wohl eine Rettung aus der Torheit und damit vor der Torheit der Toren, aber eben nur eine, nämlich den Glauben, in welchem dem Herzensbekenntnis des Toren in demselben törichten Herzen widersprochen, und zwar radikal und wirksam widersprochen wird. Aber eben indem er diesen rettenden Widerspruch des Glaubens erfährt, wird gerade der Glaubende nicht umhin können, seine Solidarität mit dem Toren, seine Solidarität auch in jenem törichten Herzensbekenntnis – und Gottes Gnade als die einzige diese Solidarität durchbrechende und aufhebende, dieses törichte Herzensbekenntnis unterdrückende Wirklichkeit zu erkennen und zu anerkennen. Gerade dem Glaubenden wird, wenn er unter der menschlichen Dummheit zu leiden hat, der Balken im eigenen Auge nicht unsichtbar, sondern so sichtbar sein, dass sie als die Dummheit der Anderen tatsächlich nur noch als der Splitter in deren Auge wahrzunehmen ist [vgl. Mt. 7,3]. Die Furcht des Herrn ist ja der Weisheit Anfang [Ps. 111,10].

Der Glaubende wird also zuerst und vor allem darin weise sein, dass ihm seine eigene Dummheit nicht mehr so verborgen ist wie den Unweisen die ihrige. Seine ihn auszeichnende Weisheit wird vor allem darin bestehen, dass er sich mit den anderen Unweisen zusammen der Weisheit Gottes gegenübergestellt und vor allen anderen sich selber durch jene Lügen gestraft sieht. Das bedeutet dann eine weitere Befreiung: Schon kann es ja nun nicht mehr seine Aufgabe sein, auf Grund und mit den Mitteln seiner eigenen Weisheit den [580] anderen Unwei­sen als Feind den Feinden gegenüberzutreten. Schon ist er ja nun dispensiert von der aussichtslosen Aufgabe, die Dummen durch seinen Zorn niederzuschlagen oder durch seine Ironie zu erstechen oder auch durch seine Klugheit zu Weisen erziehen zu wollen. Schon muss er jedenfalls nicht der Kreuzritter sein, der durch seines Armes Macht die durch die Dummheit aus den Fugen geratene Welt wieder zu ordnen hat, um dann sicher schon am zweiten Tag dieses Werkes einsehen zu müssen, dass das nicht so einfach ist. Ist er darum entlassen aus dem Kampf gegen die Dummheit? Nein, erst jetzt ist er vielmehr wirklich in diesen Kampf hineingestellt und zu diesem Kampf fähig gemacht. Erst jetzt, erst in der aufrichtigen Solidarität mit den Dummen, erst in der Erkenntnis, dass er ihnen nicht helfen, geschweige denn sie anders machen kann, weil er viel zu sehr ihresgleichen ist – erst jetzt kann er ja wissen – jetzt aber wird er es auch wissen –, um was es in diesem Kampfe geht, was hier zu geschehen, was er selber hier zu tun hat. Die Dummen dumm zu nennen, sie als solche anzuklagen, niederzutreten oder auch stehen zu lassen? Das wird, von allem Anderen abgesehen, immer auch daran scheitern, dass er selber viel zu dumm ist, als dass daraus irgend etwas Ersprießliches hervorgehen könnte. Wohl aber wird er seine Teilnahme an der «Weisheit von oben» [vgl. Jak. 3,15.17] damit unter Beweis stellen, dass er den anderen Unweisen eben so begegnet, wie Gottes Weisheit, indem sie ihn selbst zum Glauben erweckte und aufrief, ihm selber begegnet ist: so nämlich, dass er ihre Dummheit und also ihr törichtes Herzensbekenntnis: Es ist kein Gott! zwar hört und nur zu gut versteht, zugleich aber gerade nicht etwa so ernst nimmt, wie es sich selbst wohl ernst genommen haben möchte. Nicht tragisch ernst, nicht blutig ernst! Man kann die Dummheit nicht tödlicher treffen, als indem man sie ernst, aber gerade nicht ganz, nicht völlig ernst nimmt. Natürlich nicht etwa im Blick auf eine ihr zum Trotz vorhandene natürliche Güte des Menschen! Schwer enttäuscht und im Nu von ihr überrannt wird der, der damit rechnet! Die Grenze des Ernstnehmens kann und darf nur die von Gott selbst gesetzte und gebotene Grenze sein, sonst bedeutet es gefährliche Kurzsichtigkeit und Willkür, die Dummheit nicht ganz ernst zu nehmen. Es gibt aber eine von Gott gesetzte und gebotene Grenze dieses Ernstnehmens. Und eben diese sieht und beachtet der Weise, während der Unweise immer darin unweise sein wird, dass er sie nicht sehen und beachten will, dass er also gegen die Unweisheit der Anderen in grenzenlosem Ernst meint vorgehen zu sollen. Die Grenze ist aber von Gott damit gesetzt und geboten, dass wir, nachdem uns Jesus Christus in unserer Torheit zur Weisheit gemacht ist [vgl. 1.Kor. 1,30], auch bei keinem von den anderen Unweisen damit, dass Jesus Christus nicht auch ihnen in ihrer Torheit zur Weisheit gemacht sein oder gemacht werden könnte, rechnen dürfen als mit einer uns einsichtigen und angehenden Voraussetzung. Als Weise haben wir den Unweisen nicht daraufhin anzusehen, dass er unweise bleiben, dass er sich dem Glauben verweigern könnte, sondern daraufhin, dass der Glaube und mit ihm die Weisheit auch ihm angeboten ist und vielleicht jetzt gerade durch uns angeboten werden soll. Wir haben ihn daraufhin anzusehen, dass auch er in [581] seiner Torheit mit uns Zeit hat: die Zeit, die uns um Jesu Christi, um des in ihm geschehenen Aufhaltens des göttlichen Zornes willen gelassen ist, gelassen ist zum Glauben, gelassen zum Weisewerden. Gottes Weisheit ist der Sinn seiner Geduld, haben wir gehört. Als Sinn seiner Geduld ist sie von denen, die an Gott glauben (obwohl auch sie in ihrem Herzen sagen: Es ist kein Gott!), denen, die nicht an ihn glauben (denen, die in ihrem Herzen nur das zu sagen scheinen: Es ist kein Gott), den scheinbar nur Dummen zu bezeugen. Wir wissen nichts davon, ob der Widerspruch gegen dieses: Es ist kein Gott! nicht auch in ihnen schon laut ist oder heute oder morgen laut werden wird. Wir wissen aber, dass dieser Widerspruch auf alle Fälle wichtiger und stärker ist als ihr törichtes Herzensbekenntnis. Wir haben sie auf alle Fälle gerade auf diesen mächtigen Widerspruch anzureden. Und das bedeutet eben: Wir haben sie in ihrer Dummheit zwar ernst, aber gerade nicht ganz ernst zu nehmen.

Wissend, dass Gott uns selbst bei unserer Sünde nicht behaftet, dass er unser: Es ist kein Gott! wohl Jesus Christus gegenüber, aber gerade nicht, wie wir es verdienten, uns selbst gegenüber ernst genommen hat und ernst nimmt, werden wir die anderen Unweisen bei ihrer Sünde noch viel weniger behaften können. Wir werden sie mit völligem Ernst auf die verborgene göttliche Möglichkeit des Glaubens, wir werden sie aber nur mit beschränktem Ernst auf die offensichtliche menschliche Möglichkeit ihres Unglaubens anreden. Vielleicht werden wir ihnen schon darum nicht nur befreit, sondern auch befreiend gegenüberstehen, dass wir sie mit ihrer Dummheit nicht noch mehr belasten, als sie es ohnehin sind, dass wir nicht von ihnen verlangen, was sie als Dumme nun einmal nicht leisten können. Aber es kann natürlich auch das das Letzte nicht sein. Noch bliebe es ja unter diesem Aspekt bei dem Abgrund zwischen Gläubigen und Ungläubigen, zwischen Weisen und Unweisen. Noch könnte die Solidarität zwischen beiden unter diesem Aspekt wie eine Art freundliche Fiktion aussehen. Sie ist das nicht. Wie wäre sie echte, wirkliche Solidarität, wenn sie nicht tätige Solidarität wäre, wenn also der Abgrund von hüben nach drüben nicht überschritten würde, wenn die Weisheit, wenn der Glaube nicht zum Zeugnis würde an die Unweisheit, an den Unglauben. Nicht indem der Glaube dem Unglauben sich selbst, wohl aber indem er ihm Jesus Christus bezeugt! Und diesen nicht als Zeugnis von der Weisheit des Glaubenden, wohl aber als Zeugnis von der in ihm offenbarten Weisheit Gottes, in welcher der erlösende Widerspruch gegen alle menschliche Unweisheit ein für allemal eingelegt ist: möge die Kraft unseres Glaubens und die Überzeugungskraft unserer Weisheit dabei groß oder klein sein.

Das, und also nach 1.Kor. 1 wirklich das Wort vom Kreuz [1.Kor. 1,18], bezeichnet die biblische Front gegen die menschliche Dummheit. Damit, mit [582] diesem Wort und mit ihm allein wird sie wirklich bekämpft. Hier wird sie wirklich bekämpft. Wir hörten ja, dass die Weisheit der Welt in dieser Begegnung zur Torheit gemacht, als Torheit entlarvt wird [1.Kor. 1,20]. Und wir lesen 1.Kor. 3,18[f.] das Wort, das Goethe so geärgert hat, dass er meinte, das Leben werde lebensunwert, wenn das wahr sei: «Niemand betrüge sich selbst! Wenn sich jemand unter euch weise zu sein dünkt in dieser Welt, so werde er töricht, damit er weise wer­de. Denn die Weisheit dieser Welt ist Torheit vor Gott.» Es ist wohl gesorgt dafür, dass es, wenn das Zeugnis von Jesus Christus laut wird, zum Kampf Mann gegen Mann, sapiens gegen insipiens kommen wird, und in diesem Kampf werden auch der Zorn, auch die Ironie, auch die Belehrung ihren gebührenden Platz haben. Dieser Kampf darf dann nicht durch allerlei Friedensrufe gestört und unterbrochen werden. Denn ohne diesen Kampf kann es keinen Frieden geben. Aber es geht um diesen Kampf: um den Kampf, in welchem der Gläubige dem Ungläubigen, der Weise dem Unweisen sich zugesellt: nicht um mit ihm zu parlamentieren, nicht um sich mit ihm zu verbrüdern, wohl aber um mit ihm zu reden, also nicht gegen ihn, sondern für ihn zu reden, nicht als sein Feind, sondern als sein für sich keines Sieges bedürftiger Freund, nicht um ihm zu sagen, dass er gegen ihn, sondern um ihm zu sagen, dass Gott gegen und noch viel mehr für sie beide recht habe. Das ist die Befreiung der Dummen, wenn man ihnen das so sagen kann, dass sie es hören dürfen und müssen, nicht als Gesetz, sondern als Evangelium und eben damit dann als das Gesetz, das auch sie weise macht. Dazu, dass sie weise werden und also einsehen, dass alles seine Zeit hat [vgl. Pred. 3,1], und also aufhören, alles zur Unzeit zu tun, dazu bedarf es ja nur des Einen, dass ihnen der Wahn, sie seien selbst weise und könnten über ihre Zeit verfügen, genommen und dafür die Einsicht gegeben wird, dass Jesus Christus auch ihnen zur Weisheit gemacht [vgl. 1.Kor. 1,30], dass sie um seinetwillen Zeit haben und dass damit über ihre Zeit verfügt ist, dass ihnen ihre Zeit gelassen ist als Zeit zum Glauben. Glauben sie nur erst, dann hören sie auch auf, gefährlich zu sein. Und sie werden dann mit sich reden lassen. Sie werden dann jener Bösartigkeit ledig werden. Sie werden sich dann an jenen schlimmen Mehrheitsbildungen nicht mehr beteiligen. Die große böse Front der Dummheit bekommt da sofort ein Loch, wo wieder ein Dummer zum Glauben kommt. Ein kleiner, aber realer Trost wird dann sichtbar und wirksam auch für alle Anderen auf dieser dunklen Erde. Das war offenbar gemeint, wenn die Apostel (z. B. Phil. 2,15) den Christen zugetraut haben, dass sie mitten unter einem verkehrten und verdrehten Geschlecht leuchten sollten wie Himmelslichter in der Welt.

Es ist schon «Aufklärung», was da erfolgt, wo wirklich Kirche ist, und es gibt in und für den Staat und die Gesellschaft keine wirkliche Aufklärung, wo [583] nicht wirkliche Kirche ist. Aber eben darum wird sich da, wo es finster ist, wo die Dummheit regiert, die entscheidende Frage gar nicht an die draußen, an die Dummen, sondern an die drinnen, an die Kirche richten: ob sie das Licht, das sie sein müsste, wirklich ist: die Trägerin des Zeugnisses von Jesus Christus als der uns offenbarten und zugewandten Weisheit Gottes – oder vielleicht doch nur eine Partei neben anderen, der Verkehrtheit und Verdrehtheit dieses Geschlechtes gleich verfallenen Parteien, vielleicht doch auch nur eine Vertreterin der Weisheit, die in Wahrheit Torheit ist. Ist die Kirche wirkliche Kirche, dann ist sie nicht nur selber befreit von der Angst vor der Torheit, dann dient sie auch der Befreiung der Toren. Die Dummheit der Menschen wäre nicht die furchtbare Wirklichkeit, die sie ist, wenn sie nicht zu dem Gericht gehören würde, unter dem die Welt steht. Das Zeugnis von Jesus Christus ist aber auch in dieser Hinsicht das Zeugnis vom Ziel und Ende des Gerichtes. Wiederum darf nun aber, solange die Zeit währt, in keiner Weise erwartet werden, dass das Zeugnis von Gottes Weisheit jemals und irgendwo etwas Anderes sein könnte als eben das Zeugnis von Jesus Christus und dass dieses Zeugnis jemals und irgendwo anders empfangen, dass man also jemals und irgendwo anders weise werden könnte als durch den Glauben. Die Weisheit Gottes ist der Sinn seiner Geduld, und so wohnt sie da, so ist sie da offenbar und zu finden, wo Gottes Geduld ihren Grund hat und wo dieser Grund uns sichtbar ist, d. h. aber in seinem fleischgewordenen Wort, in dessen Erniedrigung und Erhöhung, in Jesu Christi Kreuz und Auferstehung, wie sie der Inhalt der prophetischen und apostolischen Botschaft sind. Und weise werden in der Teilnahme an der Weisheit Gottes heißt notwendig: diese Botschaft hören, sie annehmen, ihr gehorsam werden.

Unsere ganzen Überlegungen haben uns zu dem Ergebnis geführt: Es gibt nicht nur eine Heiligkeit und Gerechtigkeit, sondern sichtlich, zu unserem Heil auch eine Rationalität Gottes und also, in der Erkenntnis Gottes, nicht nur eine Heiligung und Rechtfertigung, sondern auch eine Rationalisierung unserer menschlichen Existenz. Dass dem so ist, das bedeutet eine oft und zum Schaden der Christenheit und des christlichen Lebens übersehene und vernachlässigte Dimension des Reichtums des Wesens und der Erkenntnis Gottes, eine Dimension, über deren Vorhandensein sich klar zu werden der Mühe wirklich wert ist. Was es ist um den Frieden Gottes, der nach Phil. 4,7 höher ist als alle Vernunft, um als solcher unsere Herzen und Sinne zu bewahren, das versteht und fasst der nicht, der nicht gerade das weiß, dass Gott weise ist. Wiederum ist aber zu bedenken, dass eben dieses Wissen unter genau denselben Bedingungen steht wie unser Wissen um Gottes Heiligkeit und Gerechtigkeit, dass es anders als auf demselben schmalen Weg wie dieses nicht zu gewinnen und nicht zu erhalten ist. Die Rationalität Gottes als des Schöpfers, Erhalters und Herrn aller Dinge ist genauso seine und also die alleinige, d. h. die im Übrigen verborgene Rationalität, wie seine Heiligkeit und Gerechtigkeit seine und also die alleinige, d. h. die im Übrigen verborgene Heiligkeit und Gerechtigkeit ist. Und so ist die von ihm her sich vollziehende Rationalisierung [584] unserer Existenz genauso wie unsere Rechtfertigung und Heiligung sein allezeit und überall verborgenes Werk an seinen Kindern. Es heißt Kol. 2,3 nicht umsonst, dass in Christus alle Schätze der Weisheit und Erkenntnis verborgen sind. Gewiss auch offenbar! Aber weil in ihm und nur in ihm offenbar, darum im Übrigen verborgen: verborgen vor allem Suchen- und Findenwollen, das an ihm vorübergehen würde. Er und er allein ist – im Glauben an ihn – der Weg zu diesen in ihm verborgenen Schätzen.

An dem kann es also nicht sein, dass wir jetzt von einer uns allgemein vorhandenen Rationalität der Welt und also von einer uns allgemein möglichen Rationalisierung unserer Existenz geredet hätten. Sondern es ist die Weisheit Gottes, gerade weil und indem sie die wirkliche und wirksame Weisheit ist, durch die die Einfältigen klug werden, jenes Besondere, das, beschlossen in dem Wort vom Kreuz, von Gott denen bereitet ist, die ihn lieben, während es sonst und im Allgemeinen nach 1.Kor. 2,9 gerade von keinem Auge gesehen, von keinem Ohr gehört und in keines Menschen Herz gekommen ist. Nur als solches kann es von der Kirche als die wahre, die dringend notwendige und unendlich heilsame Aufklärung inmitten der großen, glotzenden und gefährlichen Dummheit der Welt verkündigt werden. Sie darf sich also, wenn sie die Weisheit, die Vernunft, den Sinn, die Zweckhaftigkeit des göttlichen Wollens und Waltens und damit dann auch den notwendigen Einzug von dem allem in die menschliche Existenz verkündigt, nicht etwa verleiten lassen, an Jesus Christus vorbei auf diese und jene auch sonst wahrnehmbaren Zweckhaftigkeiten zu blicken, um dann unter dem Titel göttlicher Weisheit diese ihre Logik und die auf ihre Logik sich begründende Ethik zu verkündigen. Und es kann sich der Glaube an Gottes Weisheit nicht auf solche anderweitig erkennbaren Zweckhaftigkeiten begründen wollen.

Das ist es, was die Kirche in einem geradezu exemplarischen Verfehlen ihres Weges im 18. Jahrhundert zu tun versucht hat, als sie es nach Anweisung der Leibnizschen Lehre von der prästabilierten Harmonie und einer darauf begründeten Theodizee unternahm, die Weisheit Gottes in der Struktur und im Ablauf der geistigen und natürlichen Weltwirklichkeit anzuschauen und die dort angeschaute Weisheit als den wahren Grund des Glaubens, als die Weisheit Gottes selber auszurufen. Warum sollte eine Anschauung von allerlei Weisheit inmitten der Weltwirklichkeit nicht möglich, warum sollte also z. B. im Leben der Bienen und Ameisen und doch auch anderer Geschöpfe, um vom Menschen nicht zu reden, nicht allerlei als Weisheit, Vernunft, Sinn und Zweckhaftigkeit Bestaunenswertes tatsächlich wahrzunehmen sein? Es ist der Mühe wert, dem allem nachzugehen. Dass alle Weisheit der Welt vor Gott [585] Torheit ist [vgl. 1.Kor. 1,20], das kann ja wohl nur der ganz legitim wissen und sagen, der an seinem Ort in irgend einem Maße auch eben an dieser «Weisheit der Welt» so viel eigenen Anteil hat, dass er weiß, was er damit sagt. Aber wiederum kann kein Zweifel sein daran, dass, von der biblischen Botschaft her gesehen, tatsächlich alles Erkennen von Weisheit, Vernunft, Sinn und Zweckhaftigkeit, das mit der Erkenntnis des Wortes vom Kreuz nicht identisch ist, eben die Weisheit der Welt, vor Gott Torheit ist, d. h. durch das Wort vom Kreuz [1.Kor. 1,18] als Torheit, als irregehend und in die Irre führend entlarvt wird. Es kann dieses Erkennen an der Weisheit Gottes Anteil bekommen, indem es der Erkenntnis des Wortes vom Kreuz untergeordnet, indem es in den Dienst dieser Erkenntnis gestellt wird. Es hat aber diesen Anteil nicht aus und in sich selber, es kann sich selbst als solches nicht als Erkenntnis der Weisheit Gottes ausgeben und gebärden; es kann nicht Grund des Glaubens und es kann also auch nicht Anweisung zu einem Leben in der Weisheit sein wollen. Will es das, will es an sich und als solches die Aufdeckung und der Nachweis der Wege der göttlichen Teleologie sein, dann kollidiert es als solches, zuerst heimlich und dann sicher früher oder später auch öffentlich, mit den Wegen der wirklichen göttlichen Teleologie. Die öffentliche Kollision wird immer dann stattfinden, wenn es wieder einmal offenbar wird, wie dialektisch dieses Erkennen ist, d. h. wie wenig es ihm möglich ist, das, was es Sinn, und das, was es Unsinn in der Weltwirklichkeit nennen zu sollen meint, sicher auseinander zu halten und miteinander in Einklang zu bringen, wie leicht der jeweils schon gewonnene Aspekt der in der Welt wirksamen Weisheit in sein gerades Gegenteil umschlagen kann, wie leicht aber auch die aus solchem Aspekt gewonnene Lebensweisheit plötzlich an den Punkt geraten kann, wo sie zur Dummheit wird, ja wo sie sich selbst als Dummheit erkennen und preisgeben muss. Wollte sich die Kirche des 18. Jahrhunderts die Disqualifizierung ihres Unternehmens vom Worte Gottes her nicht gefallen lassen, dann musste es eben das Erdbeben von Lissabon sein, das, weniger lehrreich und heilsam nun freilich, als fataler Angriff auf einen falsch begründeten Glauben tref­fen, sie an die Dialektik ihres Unternehmens erinnern und damit in dessen Durchführung hemmen und lähmen musste. Und der Vorgang wiederholte sich in größerem Maßstab und in verhängnisvollerer Weise, als die Kirche im [586] 19. Jahrhundert nach Anleitung Hegels die Vernunft in der Geschichte und damit das Leitmotiv eines vernünftigen Handelns entdeckt zu haben meinte, um sich unmittelbar darauf durch das nicht vorgesehene Problem der Übervölkerung Europas und die damit gegebene proletarische Not von der Ohnmacht dieser Vernunft und der darauf begründeten Vernünftigkeit überzeugen zu müssen und lange genug nicht einmal überzeugen zu lassen, sondern mit ihrer so in Weltweisheit verfälschten Botschaft nun faktisch in der Ohnmacht dazustehen, in der sie dann vom Weltkrieg und von den nachher aufgetauchten noch gefährlicheren Lösungsversuchen überrascht wurde, in der Ohnmacht, von der sie sich bis heute noch nicht erholt hat.

Gerade die Kirche müsste aber, auch ohne sich durch solche innerweltlichen Überraschungen belehren lassen zu müssen, wissen, dass die Weisheit so billig – nämlich auf Grund irgend einer Deutung der natürlichen oder geschichtlichen Weltwirklichkeit – nicht zu haben ist, nicht so billig, wie der Mensch mit seinen theoretischen und praktischen Konstruktionsversuchen sie immer wieder haben zu können meint. Gerade die Kirche dürfte nicht diesem Menschen zuliebe – in Wirklichkeit zu seinem größten Schaden und Nachteil – ihrerseits Weltweisheit treiben wollen, um dann, nachdem sie vielleicht eine Weile damit triumphieren konnte, umso sicherer auch mit ihr blamiert zu werden. Gerade in der Kirche müsste das Wissen darum lebendig bleiben, gerade von ihr müsste es laut ausgesprochen werden: dass die Weisheit Gottes der Weisheit der Welt, der Weisheit des Menschen tatsächlich nicht nur nicht entspricht, sondern letztlich entscheidend widerspricht, dass man also diese letztere wohl haben, pflegen, an ihrem Ort ehren, anwenden und fruchtbar machen kann, aber das Alles doch nur unter der Voraussetzung und im Rahmen dessen, dass ihr durch Gottes Weisheit zum vornherein und endgültig widersprochen ist. Man bemerke, dass dieses Verhältnis nun doch nicht etwa einfach und direkt eine Disqualifizierung der Weltweisheit bedeuten muss. Es bedeutet [587] das, wenn und sofern diese sich als Gottesweisheit, als göttliche Lebensweisheit ausgeben und gebärden will und sich eben damit, wie wir sahen, als Dummheit offenbart. Dann wird sie allerdings in den Streit der göttlichen Weisheit gegen die Dummheit hineingezogen, in welchem sie bestimmt auf die Länge den Kürzeren ziehen wird und im Kreuz und in der Auferstehung Jesu Christi sogar schon gezogen hat. Es könnte aber eben dies, dass ihr durch die Weisheit Gottes widersprochen ist, auch ihre Rechtfertigung und Heiligung, ihre Legitimierung und Rettung bedeuten. Ist doch die Weisheit Gottes sicher auch die Weisheit seiner Schöpfung und also eben die verborgene Weisheit dieser Welt und des in dieser Welt zu lebenden Lebens. An der göttlichen Geduld, deren Sinn die göttliche Weisheit ist, darf offenbar auch die Weisheit dieser Welt, das Erkennen von allerlei Weisheit in ihrer Wirklichkeit und die darauf begründete Lebensweisheit des menschlichen Geschöpfs in der ganzen Dialektik, der es verfallen ist, teilnehmen. Nur dass es diese Teilnahme eben als Werk der göttlichen Geduld und also den Sinn seines Tuns, auch seiner Weisheitsversuche, nicht in sich selbst zu sehen hat, sondern dort, von woher ihm Raum gelassen ist zu diesem Tun, und also in Gott und also in Jesus Christus und also dort, von woher ihm, indem ihm Raum gelassen ist, auch widersprochen wird.

Es kann also die Weisheit der Welt an der Weisheit Gottes teilnehmen: dann nämlich, wenn sie ihren Raum versteht als den ihr nicht etwa um ihrer selbst willen zukommenden, geschweige denn durch sie selbst geschaffenen und erhaltenen, sondern als den ihr durch Gottes Geduld gelassenen Raum, sofern sie also gerade nicht selber die göttliche Weisheit sein, sondern ohne letzten Ernst, als anspruchslose Betätigung der Existenz des Geschöpfs im Schutze des Humors des Schöpfers ihr Wesen haben will. In dem Maß, als sie das tut, in dem Maß also, als sie ihre Schranken wahrt, wird sie an der göttlichen Weisheit Anteil haben, wird sie auch gegen die Gefahren und Unglücksfälle ihrer eigenen Dialektik tatsächlich relativ ge­schützt sein, wird ihr die ihr unvermeidlich anhaftende Torheit tatsächlich nicht geradezu zum Verderben werden, wird sie in dieser ihrer Torheit geduldet sein und sich entfalten dürfen. Gerade dass sie den ihr seitens der göttlichen Weisheit widerfahrenden Widerspruch anerkennt und annimmt, gerade dass sie sich damit abfindet, dass ihr die Weisheit Gottes verborgen ist, und dass sie letztlich selber nur um diese Verborgenheit Gottes besorgt sein kann – gerade das wird ihr dann auch eine eigentümliche Würde und Sendung geben. Sie dient damit dem Glauben. Sie tut es faktisch auch da, wo sie den ihr entgegengesetzten Widerspruch nicht anerkennt und annimmt. Sie tut es dann unfreiwillig, in dem Sichtbarwerden der Katastrophen ihrer eigenen Herrlichkeit. Ihr ist aber angeboten, dass sie es auch freiwillig tun, dass sie sich auch als die Weisheit des Glaubens betätigen könnte. Sie wird also von der Kirche her immer auf diese doppelte Möglichkeit anzusehen und anzureden sein. Beide Möglichkeiten bedeuten, dass die Kirche mit ihrer Botschaft sie auf keinen Fall zu fürchten hat. Beide Möglichkeiten bedeuten aber auch Trost und Verheißung für die Kirche selber. Die Kirche [588] kann durch ihre Schuld, durch einen falschen Glauben an die menschliche Weisheit in deren Katastrophen verwickelt werden, und es kann dann doch immer noch so sein, dass sie, eben indem sie selber Schiffbruch leidet, unfreiwillig von der Verborgenheit der göttlichen Weisheit Zeugnis ablegen muss. Sie kann das aber auch freiwillig tun. Sie kann von der menschlichen Weisheit auch jenen weisen, d. h. zum vornherein der vorhandenen Schranke bewussten Gebrauch machen; sie kann den dieser gelassenen Spielraum annehmen als die auch ihr gegebene Gabe der göttlichen Geduld; sie kann sich, indem sie, wie Paulus es schließlich auch getan hat, nicht ohne menschliche Weisheit redet, den Widerspruch der göttlichen gegen alle menschliche Weisheit gefallen lassen. Sie kann menschlich so weise sein, Gott als dem allein Weisen, dem mónos sophós (Röm. 16,27; 1.Tim. 1,17) die Ehre zu geben. Sie kann darin menschlich weise sein, dass sie es der göttlichen Weisheit allein überlässt, sich selbst zu beweisen, und also sie gerade als die sich selbst beweisende bezeugen, die menschliche Weisheit dazu verwendend, diesen Selbstbeweis der göttlichen Weisheit als solchen sichtbar zu machen, ohne aber diesen Selbstbeweis und also ihr Zeugnis von ihm durch ein Zeugnis menschlicher Weisheit stützen und verstärken zu wollen. Wenn die Kirche wirklich die Weisheit Gottes bezeugt, dann wird sie bestimmt in diesem Sinn nie ohne menschliche, nie ohne die gewissermaßen wiedergeborene menschliche Weisheit sein. Es ist geradezu eine Probe auf die Richtigkeit ihres Zeugnisses, dass das nicht ausbleiben kann. Aber wiederum wird auch das eine Probe auf die Richtigkeit ihres Zeugnisses sein, dass die menschliche Weisheit, in der sie es ablegt, eben als wiedergeborene gewissermaßen unsichtbar sein, d. h. nicht für sich selbst, sondern nur für die Weisheit Gottes, für die Weisheit des Wortes vom Kreuz reden, dass sie diesem gänzlich dienen, dass sie nur in seiner Anbetung Weisheit sein wird. So ist Paulus menschlich weise gewesen in der Anbetung der Weisheit Gottes, wenn er der wahrlich auch menschlich weisen Darlegung seiner Erkenntnis der Wege Gottes mit Israel in Anlehnung an die uns schon bekannten Worte aus Jes. 40 den Widerspruch und eben so die Bestätigung jener großen Worte gegenübergestellt hat: «Gott hat alle verschlossen unter den Ungehorsam, auf dass er sich aller erbarme. Oh, welch eine Tiefe beider: der Weisheit und der Erkenntnis Gottes! Wie unerforschlich sind seine Gerichte und wie unausdenkbar seine Wege. Denn wer hat den Sinn des Herrn erkannt und wer ist sein Ratgeber gewesen? oder wer hat ihm etwas zuvor gegeben, dass es ihm wiedergegeben werden müsste? Denn aus ihm und durch ihn und zu ihm sind alle Dinge. Sein ist die Ehre in Ewigkeit. Amen.» (Röm. 11,32-36).

Quelle: Karl Barth, Unveröffentlichte Texte zur Kirchlichen Dogmatik II, hrsg. v. Hinrich Stoevesandt und Michael Trowitzsch, GA 50, Zürich: Theologischer Verlag Zürich, 2014, S. 575-588.


[1] Dieser in sich geschlossene Textteil, von Barth handschriftlich mit «Dummheit» überschrieben, schloss ursprünglich an den Passus KD II/1, S. 487-495, an und stand damit am Ende von § 30: «Die Vollkommenheiten des göttlichen Liebens», Abschnitt 3: «Gottes Geduld und Weisheit»; er wurde wohl im Dezember 1938 im Kolleg vorgetragen.

Hier der Text als pdf.

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