Martin Luthers sechste Invokavitpredigt am Freitag, 14. März 1522: „Wer in einem solchen Glauben steht, der gehört hier­her und nimmt das Sakrament als eine Versicherung oder ein Siegel und Wahrzeichen, daß er der göttlichen Ver­sprechung und Zusage gewiß sei. Ja, solchen Glauben haben wir nicht alle; wollte Gott, es hätte ihn der zehnte Teil.“

Martin Luthers sechste Invokavitpredigt am Freitag, 14. März 1522

Ihr habt nun von den Hauptstücken gehört, bis auf das Empfangen des Sakraments, bei welchem wir noch sind. Das wollen wir noch weiter ansehen: Wie man sich dabei verhalten soll, auch welche zum Empfang dieses Sakra­ments tauglich sind und dazu gehören.

Hier wird es nötig sein, daß ihr euer Herz und Gewis­sen recht verständig und einen großen Unterschied ma­chen laßt zwischen dem äußerlichen Empfangen und dem innerlichen und geistlichen Empfangen. Das leibliche und äußerliche Empfangen ist das, wenn ein Mensch den Leib Christi und sein Blut mit seinem Munde empfängt, und solch Empfangen kann wohl ohne Glauben und Liebe bei allen Menschen geschehen. Das macht aber keinen Chri­stenmenschen. Ja, wenn das einen Christen macht, dann wäre die Maus auch ein Christ, denn sie kann das Brot auch essen, kann auch gut aus dem Kelch trinken. Ei, das ist eine einfache Sache. Aber das innerliche, geistliche, rechte Empfangen ist eine ganz andere Sache, denn es besteht in der Übung, im Gebrauch und in den Früchten.

Zum ersten wollen wir sagen: Das geschieht in dem Glauben und ist innerlich. Und wir Christen haben kein äußerliches Zeichen, durch das wir von andern abgeson­dert werden, als das Sakrament des Abendmahls und die Taufe, aber ohne den Glauben ist das äußerliche Empfan­gen nichts, der Glaube muß da sein und das Empfangen recht machen und angenehm vor Gott; sonst ist es lauter Spiegelfechten und ein äußerliches Wesen. In dem besteht die Christenheit nicht, sondern allein im Glauben, daran kein äußerliches Werk gebunden sein will.

Der Glaube, den wir alle haben müssen, wenn wir würdig zum Sakrament gehen wollen, ist aber darauf gerichtet, daß wir fest glauben, daß Christus, Gottes Sohn, für uns steht und alle unsere Sünde auf seinen Hals genommen hat und die ewige Genugtuung für unsere Sünde ist und uns vor Gott dem Vater versöhnt: Wer diesen Glauben hat, der gehört eben zu diesem Sakra­ment, dem kann weder Teufel, Hölle noch Sünde scha­den. Warum? Weil Gott sein Schutz und Rückhalt ist. Und wenn ich solchen Glauben habe und für gewiß halte: Gott streitet für mich; Trotz sei dem Teufel, dem Tod, der Hölle und Sünde, wenn sie mir schaden wollen, – dann ist das der hohe, überschwengliche Schatz, der uns in Christus gegeben ist, den kein Mensch mit Worten ergreifen oder erreichen kann.

Auch kann alleine der Glaube das Herz ergreifen. Und den Glauben haben ja nicht alle Leute. Darum soll man keine Anordnung aus diesem Sakrament machen, wie es der allerheiligste Vater, der Papst, mit seinen närrischen Gesetzen getan hat, da er gebietet, es sollen alle christli­chen Menschen zur heiligen Osterzeit zum Sakrament gehen; wer nicht geht, den solle man nicht auf dem Kirchhof begraben.[1] Ist das nicht ein närrisches Gebot, vom Papst aufgestellt? Warum? Weil wir nicht alle gleich sind, auch nicht alle einen gleichen Glauben haben, son­dern einer hat einen stärkeren Glauben als der andere. Deshalb ist’s unmöglich, daß es in eine allgemeine Ord­nung gezwungen werden kann. Denn darum werden die größten Sünden am Ostertag begangen, allein um des unchristlichen Gebotes willen, weil man die Leute zum Sakrament zwingen und treiben will. Wenn schon alle Räuberei, Wucherei, Unkeuschheit und alle Sünde auf einen Haufen gezählt würde, so überträfe diese Sünde alle anderen, und gerade da, wo man am allerheiligsten sein wollte. Warum? Der Papst kann keinem ins Herz sehen, ob sie den Glauben haben oder nicht.

Daß du aber glaubst, Gott trete für dich ein und setze all sein Gut und Blut für dich, als spräche er: Tritt kühn und frisch hinter mich, laß sehen, was dir schaden kann, laß hertreten Teufel, Tod, Sünde und Hölle und alle Kreatur; wenn ich vor dich trete, dann will ich dein Beschützer und Vordermann sein, traue mir und verlaß dich keck auf mich, – wer das glaubt, dem kann weder Teufel, Hölle, Sünde noch Tod schaden, denn Gott strei­tet für ihn, wer will ihm nun etwas tun?

Wer in einem solchen Glauben steht, der gehört hier­her und nimmt das Sakrament als eine Versicherung oder ein Siegel und Wahrzeichen, daß er der göttlichen Ver­sprechung und Zusage gewiß sei. Ja, solchen Glauben haben wir nicht alle; wollte Gott, es hätte ihn der zehnte Teil. Seht, solche reichen, überschwenglichen Schätze, mit welchen wir von Gott aus seiner Gnade überschüttet sind, können nicht allgemein bei jedermann sein, sondern allein bei denen, die Anfechtung erfahren, sie sei leiblich oder geistlich; leiblich durch Verfolgung der Menschen, geistlich durch Verzagen der Gewissen, äußerlich oder innerlich von dem Teufel, wenn er dir dein Herz schwach, ängstlich und verzagt macht, daß du nicht weißt, wie du mit Gott dran seist, und hält dir deine Sünde vor. Und in solchem erschrockenen, zitternden Herzen allein will Gott wohnen, wie der Prophet Jesaja 66,2 sagt. Denn wer begehrt einen Schirm, Schutz oder Rückhalt, der vor ihm steht, wenn er nicht Anfechtung empfindet, daß ihm seine Sünden leid sind und er sich täglich mit ihnen herumbeißt? Sonst wäre er noch nicht einer, der zu dieser Speise gehört. Diese Speise will einen hungrigen und verlangenden Menschen haben, denn in eine hungrige Seele geht sie gern, die stets mit der Sünde im Streit liegt und sie gern los wäre.

Welcher Mensch sich so nicht befindet, der enthalte sich eine Weile von diesem Sakrament, denn diese Speise will nicht in ein sattes und volles Herze; kommt sie aber dahin, dann ist sie da mit Schaden. Darum, wenn wir uns solche Bedrängnis des Gewissens und Schwäche unsers verzagten Herzes vorstellen und in uns empfinden, dann werden wir mit aller Demut und Ehrerbietung hinzutre­ten und nicht so frech hinzulaufen, so huschhusch, ohne alle Furcht und Demut. So finden wir uns nicht allezeit recht bereit: Ich habe heute die Gnade und bin bereit dazu, morgen aber nicht, ja es kann kommen, daß ich in einem halben Jahr kein Verlangen und keine Bereitschaft dazu habe.

Darum sind diejenigen am besten bereit, die der Tod und Teufel ständig anficht, und es wird ihnen auch da am nützlichsten gegeben, damit sie daran denken und einen festen Glauben haben, daß ihnen nichts schaden kann; denn sie haben den bei sich, dem niemand etwas abbre­chen kann: es breche der Tod, der Teufel, die Sünde herein, so können sie ihm nicht schaden.

Ebenso tat es Christus, als er das hochwürdige Sakra­ment einsetzen wollte. Da erschreckte er seine Jünger gar sehr und erschütterte ihre Herzen zuvor richtig, indem er sprach, er wolle von ihnen gehen, was ihnen sehr schmerzlich war (Matth. 26,2), und sagte: »Einer unter euch wird mich verraten.« (Matth. 26,21) Meint ihr nicht, daß ihnen das zu Herzen gegangen sei? Sie haben sicher die Worte mit aller Furcht angenommen und haben da gesessen, als wären sie alle Gottes Verräter gewesen. Und als er sie alle recht beben, zittern und betrübt gemacht hatte usw., da setzte er erst das hochwürdige Sakrament ein zu einem Trost und tröstet sie wieder damit, daß dies Brot ein Trost der Betrübten sei, eine Arznei für Kranke, ein Leben für Sterbende, eine Speise für alle Hungrigen und ein reicher Schatz für alle Armen und Bedürftigen.

Das sei genug für diesmal über den Gebrauch dieses Sakraments, wie ihr’s brauchen sollt. Hiermit seid Gott befohlen.

Quelle: Martin Luther, Ausgewählte Schriften, hrsg. v. Karin Bornkamm und Gerhard Ebe-ling, Bd. 1: Aufbruch zur Reformation, Frankfurt a. Main: Insel, 21983, 297-301.


[1] Papst Innozenz III. auf dem 4. Laterankonzil von 1215.

Hier die Predigt als pdf.

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