Martin Luthers siebte Invokavitpredigt am Samstag, 15. März 1522: „Gott ist ein glühender Backofen voller Liebe, der da von der Erde bis an den Himmel reicht.“

Martin Luthers siebte Invokavitpredigt am Samstag, 15. März 1522

Ihr habt gestern gehört von dem Gebrauch dieses heili­gen, hochwürdigen Sakramentes: welche dazu recht be­reitet sind, nämlich die, in denen des Todes Furcht ist, die schwache, verzagte Gewissen haben und sich vor der Hölle furchten. Die treten angemessen zu dieser Speise, um ihren schwachen Glauben zu stärken, zur Tröstung ihres Gewissens. Dies ist rechter Gebrauch und Übung dieses Sakraments: Wer sich nicht so befindet, der unter­lasse es, bis daß ihn Gott durch sein Wort anrührt und zieht.

Nun wollen wir von der Frucht dieses Sakraments reden, welche die Liebe ist: daß wir uns ebenso gegenüber unserm Nächsten finden lassen, wie es uns von Gott geschehen ist. Nun haben wir von Gott lauter Liebe und Wohltat empfangen, denn Christus hat für uns seine Gerechtigkeit und alles, was er hatte, eingesetzt und hin­gegeben, hat alle seine Güter über uns ausgeschüttet, welche niemand ermessen kann; kein Engel kann sie be­greifen oder ergründen: denn Gott ist ein glühender Backofen voller Liebe, der da von der Erde bis an den Himmel reicht.

Die Liebe, sage ich, ist eine Frucht dieses Sakramentes. Die spüre ich allhier zu Wittenberg noch nicht unter euch, obwohl sie euch viel gepredigt ist; in der solltet ihr euch doch weiterhin üben. Das sind die Hauptstücke, die allein einem Christenmenschen zustehen. Hierin will sich niemand, aber sonst wollt ihr euch in unnötigen Sachen üben, daran nichts gelegen ist. Wollt ihr euch nicht in der Liebe erzeigen, dann unterlaßt die andern Dinge auch, denn St. Paulus sagt 1.Korinther 13,1: »Wenn ich mit Engels- und Menschenzungen redete und hätte die Liebe nicht, so wäre ich wie eine Glocke oder Schelle.« Das sind so schreckliche Worte des Paulus: »Und wenn ich alle Kunst und Weisheit hätte, daß ich alle Geheimnisse Gottes wüßte, und würde auch den Glauben haben, so daß ich Berge versetzen könnte, so ist’s ohne die Liebe nichts; wenn ich auch alle meine Güter zur Speisung der Armen gäbe und ließe meinen Leib verbrennen und hätte die Liebe nicht, so wäre es mir nichts nütze.« (1.Kor. 13,2f.) So weit seid ihr noch nicht gekommen, obwohl ihr große Gaben Gottes habt, und davon viele: das Erkennen der Schrift als Höchstes. Das ist ja wahr, ihr habt das wahre Evangelium und das lautere Wort Gottes; aber es hat noch niemand seine Güter den Armen gegeben, es ist noch keiner verbrannt worden, und doch sollen diese Dinge ohne die Liebe nichts sein. Ihr wollt von Gott all sein Gut im Sakrament nehmen, aber wollt es nicht in der Liebe wieder ausgießen. Keiner nimmt sich des andern ernstlich an, keiner will dem andern die Hände reichen, sondern ein jeder hat auf sich selber acht, was ihm förderlich sei, und sucht das Seine, läßt gehen, was da geht, wem da geholfen ist, dem sei geholfen; niemand sieht auf die Armen, wie ihnen von euch geholfen werde. Das ist zum Erbarmen. Das ist euch sehr lange gepredigt; es sind auch alle meine Bücher darauf gerichtet und davon voll, den Glauben und die Liebe zu treiben.

Und werdet ihr nicht einander lieb haben, so wird Gott eine große Plage über euch ergehen lassen. Danach richtet euch. Denn Gott will sein Wort nicht vergeblich offen­bart und gepredigt haben. Ihr versucht Gott allzu hart, meine Freunde. Denn wenn einer das Wort unsern Vor­fahren vor einiger Zeit gepredigt hätte, dann hätten sie sich vielleicht recht anders hierin verhalten. Oder wenn es jetzt vielen armen Kindern in den Klöstern gepredigt würde, so würden sie es viel fröhlicher annehmen, als ihr es tut und euch gar nicht darein schickt, sondern mit anderem Gaukelwerk umgehen wollt, welches nicht vonnöten ist.

Seid Gott befohlen.

Quelle: Martin Luther, Ausgewählte Schriften, hrsg. v. Karin Bornkamm und Gerhard Ebeling, Bd. 1: Aufbruch zur Reformation, Frankfurt a. Main: Insel, 21983, 301-303.

Hier die Predigt als pdf.

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