Karl Barth, Evangelium und Gesetz (1935): „Das Gesetz ist nichts anderes als die notwendige Form des Evangeliums, dessen Inhalt die Gnade ist.“

Evangelium und Gesetz

Von Karl Barth

I.

[3] Über „Gesetz und Evangelium“ würde ich nach der unter uns fast selbstverständlich gewordenen Formel zu sprechen haben. Ich möchte aber sofort darauf aufmerksam machen, daß ich nicht über „Gesetz und Evangelium“, sondern über „Evangelium und Gesetz“ sprechen werde. Die traditionelle Reihenfolge „Gesetz und Evan­gelium“ hat an ihrem Ort, den wir noch bezeichnen werden, ihr gutes Recht. Richtunggebend für das Ganze der hier zu umreißen­den Lehre darf sie gerade nicht sein. Es verhält sich nämlich so, daß, wer wirklich und ernstlich zuerst Gesetz und dann erst und unter Voraussetzung dieses zuerst Gesagten, Evangelium sagen würde, beim besten Willen nicht vom Gesetz Gottes und darum dann sicher auch nicht von seinem Evangelium reden würde. Von Zweideutigkeiten aller Art wird dieser übliche Weg auch im glück­lichsten Falle umwittert sein.

Wer zu unserem Thema recht reden will, der muß zuerst vom Evangelium reden. Denken wir hier sofort an jene 430 Jahre Ab­stand, in dem das Gesetz nach Gal. 3, 17 der Verheißung folgte. Es muß ihr folgen, aber es muß ihr folgen. Und indem es ihr folgt, folgt ihm selber die Erfüllung der Verheißung und in ihr, nur in ihr, auch seine eigene, des Gesetzes Erfüllung. Das Gesetz wäre nicht das Gesetz, wenn es nicht geborgen und verschlossen wäre in der Lade des Bundes. Und auch das Evangelium ist nur dann das Evangelium, wenn das Gesetz, das „zwischenhineingekommene“ (Röm. 5, 20) in ihm, als in der Bundeslade geborgen und verschlos­sen ist. Das Evangelium ist nicht Gesetz, wie das Gesetz nicht Evangelium ist; aber weil das Gesetz im Evangelium, vom Evan­gelium her und auf das Evangelium hin ist, darum müssen wir, um zu wissen, was Gesetz ist, allererst um das Evangelium wissen und nicht umgekehrt. [4]

Aber wir müssen sofort präzisieren: wer zu unserem Thema recht reden will, der muß zuerst vom Inhalt des Evangeliums, von Gottes Gnade reden. Wir sind uns einig darin: — wie könnten wir vor der heiligen Schrift eine andere Aussage verantworten? — wenn wir vom Evangelium und wenn wir vom Gesetz reden, mei­nen wir Gottes Wort. Gottes Wort kann uns nun freilich vielerlei sagen: es kann uns nicht nur trösten, heilen, lebendig machen, es kann uns nicht nur belehren und erleuchten, es kann uns auch richten, strafen, töten; und es tut tatsächlich das alles. Aber über­sehen wir hier dreierlei nicht:

1. Das Wort Gottes ist das eine „Wort der Wahrheit“, das Wort des „Vaters des Lichtes, in welchem ist keine Veränderung noch Wechsel des Lichtes und der Finsternis“ (Jak. 1, 17 f.). Die Entge­genstellung von Evangelium und Gesetz bezeichnet nach der Schrift wohl eine Zweiheit. Sie kann auch einen Streit bezeichnen. Aber größer als ihre Zweiheit und ihr Streit ist ihr Frieden in dem einen Wort dieses Vaters.

2. Das Wort Gottes erweist seine Einheit darin, daß es immer Gnade, d. h. freie, ungeschuldete und unverdiente göttliche Güte, Barmherzigkeit und Herablassung ist, wenn es uns gesagt wird und wenn wir es hören dürfen. Ein Evangelium oder ein Gesetz, das wir uns selbst, kraft unseres eigenen Vermögens und im Ver­trauen auf unsere eigene Autorität und Glaubwürdigkeit gesagt hätten, wäre als solches nicht Gottes Wort; es wäre nicht sein Evan­gelium und es wäre auch nicht sein Gesetz. Daß Gott mit uns redet, das ist unter allen Umständen schon an sich Gnade.

3. Das Wort Gottes bewährt diese seine Form darin, daß es auch inhaltlich, was es auch sage, eigentlich und letztlich Gnade ist: freie, souveräne Gnade, Gottes Gnade, die darum auch Gesetz sein, die auch Gericht, Tod und Hölle bedeuten kann, aber Gnade und nichts sonst. Jeder scheinbar andere Inhalt, den wir ihm zu­schreiben könnten, erweist sich angesichts des alttestamentlichen Weissagungszeugnisses sowohl wie angesichts des neutestamentlichen Zeugnisses von der Erfüllung als eingeschlossen in diesen, als relativ zu diesem Inhalt, zu Gottes Gnade. Ein Wort Gottes mit einem wirklich anderen Inhalt wäre als solches jedenfalls nicht ein Wort des dreieinigen Gottes, den die [5] heilige Schrift verkün­digt. Hören wir dieses Gottes Wort, dann hören wir: Gnade. — Eben weil nun das Evangelium die Gnade zu seinem besonderen direkten Inhalt hat, der dann auch den Inhalt des Gesetzes in sich schließt, erzwingt es sich die Priorität vor dem Gesetz, das doch, eingeschlossen ins Evangelium und relativ zu ihm, nicht minder Gottes Wort ist.

Wir müssen also vor allem von diesem Inhalt des Evangeliums reden. Gottes Gnade, die dieser Inhalt ist — in dem auch das Ge­setz eingeschlossen ist, wenn es wirklich Gottes Wort und Gesetz ist — sie heißt und ist Jesus Christus. Denn das ist Gottes Gnade, daß das ewige Wort Gottes Fleisch ward. Fleisch heißt: wie unser­einer. Gottes Wort verwandelte sich nicht in Fleisch. Wie wäre das Gnade, wenn Gott aufhörte, Gott zu sein, selbst wenn er das könnte? Was für eine Barmherzigkeit würde er uns damit erwei­sen? Nein, das Wort ward Fleisch, das heißt: ohne aufzuhören, Gott zu sein, nahm es zu seinem Gottsein hinzu und in sich auf zu unauflöslicher, aber auch unvermischter Einheit mit sich selber unser Menschsein, und zwar wohlverstanden: unser Menschsein in seiner durch die Sünde verfinsterten und zerstörten Gestalt, also nicht um der Kraft und Würde oder einer anderen Eignung des Menschseins, sondern um seines eigenen Wohlgefallens, um seiner unbegreiflichen Liebe willen und des zum Zeichen: aus Maria der Jungfrau. Das ist Gottes Gnade: daß es nicht nur unser aller Menschsein gibt, sondern in Jesus Christus Gottes eigenes Mensch­sein, das Menschsein seines Wortes und in ihm, in dieser seiner Er­niedrigung zu unserer Niedrigkeit die Gegenwart seines Gottseins für uns Andere, unser Anteil an seinem Gottsein, unsere Erhe­bung zu ihm. — Und nun hat dieses ewige Wort Gottes, indem es Fleisch trug, ertragen die Not, den Fluch, die Strafe, die den Men­schen als Fleisch stempelt und charakterisiert. Diese Strafe ist Got­tes Antwort auf des Menschen Sünde. Die Sünde besteht in der Eigenmächtigkeit, die Eigenmächtigkeit ist aber die Gottlosigkeit. Daß Eigenmächtigkeit Gottlosigkeit ist, kommt an den Tag in des Menschen Abscheu und Flucht eben vor der Gnade Gottes. Gottes Antwort auf die Sünde — auch sie ist Gnade — ist unser Sein als Fleisch: wir müssen sterben. Würden wir diese Antwort hören, so wäre sie [6] unsere Rettung. Wir würden dann, bedenkend, daß wir sterben müssen (Ps. 90, 12), in Erkenntnis unserer Verlorenheit als das Volk, das Gras ist (Jes. 40, 7), Buße tun und, getötet in unserer Eigenmächtigkeit, das ewige Leben erben. Damit er sich bekehre von seinem Wesen und lebe, darum und nur darum will Gott den Tod des Gottlosen (Hesek. 18, 21 f. u. Par.). Aber wer hört diese Antwort? Wer anerkennt sie? Wer beugt sich ihr? Wir alle nicht! Gottes Gnade stößt schon hier auf unseren Haß der Gnade. Das aber ist der Gnade eigentliches Werk, daß sein ewiges Wort — indem es Fleisch wurde, indem es im Fleische Gehorsam bewährte, indem es in diesem Gehorsam die Strafe litt und also starb — es übernommen hat, an unserer Stelle die rettende Ant­wort zu geben, die menschliche Eigenmächtigkeit und Gottlosig­keit preiszugeben, das Bekenntnis der menschlichen Verlorenheit abzulegen, Gott gegen uns recht zu geben und also die Gnade Gottes anzunehmen. Dies ist es, was Jesus Christus „die ganze Zeit seines Lebens auf Erden, sonderlich aber am Ende desselben“ für uns getan hat. Er hat ganz einfach geglaubt. (pístis Iēsoũ Röm. 3, 22; Gal. 2, 16 u. s. f. ist sicher als Gen. subj. zu verstehen!) Und in diesem Glauben hat er — nicht etwa zuerst uns ein Vorbild ge­geben (das hat er freilich auch getan!), sondern zuerst und vor allem stellvertretend unsere Strafe getragen. Das ist Gottes Gnade: daß unser Menschsein nicht nur, sofern es das unsrige ist, gerichtet und verloren ist um unserer Sünde — um unserer immer neuen Sünde! — willen, sondern zugleich, sofern es das Menschsein Jesu Christi ist, von Gott gerechtfertigt und angenommen im Gericht und in der Verlorenheit, weil Jesus Christus — es brauchte das ewige Wort Gottes dazu — glaubte, d. h. zur Gnade und also zu dem Gerichtetsein und Verlorensein des Menschen nicht Nein, sondern Ja sagte. — Es ist aber der reale Vollzug dieser Rechtfertigung und Annahme unseres Menschseins die Auferstehung Jesu Christi von den Toten. Gottes ewiges Wort in seiner Einheit mit dem Fleische ist nicht nur die Verheißung, sondern die Erfüllung der Verhei­ßung: daß die Buße des Menschen seine Errettung sei, daß der Gerechte seines Glaubens leben wird. Darum, weil er Knechtsgestalt annahm und also und darin gehorsam war bis zum Tode, darum hat Gott ihn erhöht (Phil. 2, 6 f.). In ihm, dem Einen und [7] Einzigen, der Gottes Gnade als Gnade gelten ließ im Flei­sche — weil er das ewige Wort war, das Fleisch geworden — in ihm triumphierte und offenbarte sie sich nun auch als Gnade. Der den Tod annahm als der Sünde Sold — und eben darin seine Sündlosigkeit bewährte — ihn konnte der Tod nicht hal­ten, dessen Leben mußte den Tod verschlingen und hat ihn ver­schlungen. Und das ist Gottes Gnade, daß wir als das Ende alles Menschseins, sofern es das unsrige ist, wohl nichts anderes vor uns sehen als die Altersschwäche, das Krankenhaus, das Schlachtfeld, den Friedhof, die Verwesung oder die Asche — sofern es aber zu­gleich das Menschsein Jesu Christi ist, ebenso bestimmt, nein noch viel bestimmter, nichts als Auferstehung und ewiges Leben.

Also: Gottes Gnade — seine Gnade für unser Menschsein, die Güte, Barmherzigkeit und Kondeszendenz, in der er unser Gott ist und als solcher sich unser annimmt — ist Jesus Christus, er selber und er ganz allein. Er selber und er ganz allein ist also der Inhalt des Evangeliums. Gnade und also der Inhalt des Evangeliums be­steht darum schlicht darin: daß Jesus Christus mit seinem in seiner Geburt angenommenen, in seinem Tode als gehorsam bewährten, in seiner Auferstehung verherrlichten Menschsein — er selber und er ganz allein — für uns mit unserem Menschsein eintritt. Er kann es, weil er nicht nur wie unsereiner, sondern Gottes Sohn und also selber Gott und also selber der Richter ist, vor dem er die Verant­wortung für uns übernimmt. Und er tut es, weil es sein unergründ­liches Wohlgefallen ist, von seiner Gottesmacht diesen Gebrauch zu machen, den Gebrauch einer Liebe, die auf keine Gegenliebe wartet, die auch keine Gegenliebe findet, die uns nur und die uns immer und auf alle Fälle als freie und reine Liebe begegnet. — Der Stand und Gang des Menschen unter der Gna­de ist danach zu bestimmen als der Stand und Gang eines solchen, für dessen Menschsein Jesus Christus mit seinem angenommenen, gehorsamen und verherrlichten Menschsein eintritt und zwar, weil der Mensch selber und von sich aus zum Glauben gar keine Willigkeit noch auch Fähigkeit hat, ganz und gar eintritt, so also, daß des Menschen eigenes Menschsein, wie Paulus gern sagt, tot ist, lebendig aber nur, indem er „in Christus“ ist, d. h., indem Jesus Chri­stus sein Subjekt geworden ist. „Ich bin mit [8] Christus gekreuzigt. Ich lebe, aber nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir. Denn was ich jetzt lebe im Fleisch, das lebe ich in dem Glauben des Sohnes Got­tes (ganz wörtlich zu verstehen: ich lebe — nicht etwa in meinem Glauben an den Sohn Gottes, sondern darin, daß der Sohn Gottes glaubte!), der mich geliebt hat und hat sich selbst für mich dargegeben“ (Gal. 2, 19 f.). Der Stand und Gang des Menschen unter der Gnade ist also darzustellen mit den alttestamentlichen Worten: „Wer unter dem Schirm des Höchsten sitzt und unter dem Schat­ten des Allmächtigen bleibt, der spricht zu dem Herrn: Meine Zu­versicht und meine Burg, mein Gott, auf den ich hoffe“ (Ps. 91, 1). Daß er in der Gemeinschaft der Heiligen ist, daß er Vergebung seiner Sünden empfangen hat, empfängt und empfangen wird, daß er der Auferstehung des Fleisches und dem ewigen Leben entge­geneilt, das glaubt er, aber das steht real nicht, das steht real auch nicht teilweise bei seinem Glauben, beim Sieg seines Glaubens — das steht real allein darin, daß der Herr Jesus Christus, für uns ein Mensch geboren, für uns gestorben, für uns auferstanden, auch sein Herr, seine Zuversicht, seine Burg, sein Gott ist. Jesus Chri­stus, er selber und er allein ist die einem solchen Menschen ge­schenkte Gnade.

II.

Wir haben nun, an zweiter Stelle, vom Gesetz zu reden. Das Gesetz ist nicht das Evangelium, wie das Evangelium nicht das Gesetz ist, haben wir gesagt. Wir müßten der ganzen heiligen Schrift widersprechen, wenn wir hier nicht unterscheiden wollten. Wir können aber nach dem Gesagten auch nicht vom Evangelium zum Gesetz hinüberblicken als zu einem Zweiten neben und außer dem Evangelium. Wir müßten wieder der ganzen heiligen Schrift widersprechen, wenn wir hier trennen wollten. Wenn wir den einen und den andern Fehler vermeiden wollen, werden wir jetzt ausgehen müssen von dem unzweifelhaften Zeugnis der Schrift, daß Jesus Christus (von dem wir hörten: er ist die Gnade, er ist der Inhalt des Evangeliums) dem Gesetz genug getan, das Gesetz erfüllt, das heißt durch Gehorsam gegen seine Gebote gehalten hat. Von dieser Tatsache, [9] daß Jesus Christus, indem er die „er­schienene Gnade Gottes“ (Tit. 2, 11) war, zugleich die Gebote des Gesetzes gehalten hat, werden wir, wenn es um die Definition des Gesetzes geht, auf keinen Fall abstrahieren dürfen; wir werden vielmehr von ihr auszugehen haben. Sie wird nicht nur das Kri­terium bilden, an dem wir alle von uns selbst gebildeten Gesetzes- und Normbegriffe zu messen haben. Sie wird auch der Kanon sein müssen zur Interpretation alles dessen, was uns im Alten und Neuen Testament als Gesetz begegnet: das Entscheidende, das ei­gentlich Gemeinte in jedem großen oder kleinen, inneren oder äußeren Gebot haben wir abzulesen aus der Erfüllung, die jedes von ihnen in Jesus Christus gefunden hat.

„Das Gesetz ist der offenbare Wille Gottes.“ Die Definition ist richtig. Aber wo ist der Wille Gottes offenbar? Gewiß ist Gott der Schöpfer aller Dinge und also der Herr alles Geschehens. Er und sein Wille und also das Gesetz sind uns aber nicht in allen Dingen, nicht in allem Geschehen offenbar, so offenbar nämlich, daß unsere Erkenntnisse davon mehr und etwas Anderes zu sein beanspruchen könnten als unsere eigenen Theorien und Deutungen. Wenn auch das Gesetz Gottes Wort ist, wenn es aber Gnade ist, daß Gottes Wort laut und hörbar wird und wenn Gnade nichts anderes heißt als: Jesus Christus, dann ist es nicht nur unsicher und gefährlich, sondern verkehrt, das Gesetz Gottes aus irgend einem Ding, aus irgend einem Geschehen ablesen zu wollen, das verschieden ist von dem Geschehen, in welchem uns der Wille Gottes, den Schleier unserer Theorien und Deutungen zerreißend, formal und inhalt­lich als Gnade sichtbar wird. Das ist aber das Geschehen des Willens Gottes zu Bethlehem, zu Kapernaum und Tiberias, in Gethsemane, auf Golgatha, im Garten des Joseph von Arimathia. Indem uns dieses Geschehen des Willens Gottes, also das Geschehen seiner Gnade offenbar wird, wird uns das Gesetz offenbar. Wir lesen aus dem, was Gott hier für uns tut, ab, was Gott mit uns und von uns will. Seine Gnade gilt ja uns, sie geht uns ja an. Auch und gerade in seiner Gnade bekundet er ja, daß er wohl für uns und an uns han­delt, aber für und an uns als seinen Geschöpfen in der relativen aber realen Unterschiedenheit ihres geschöpflichen von seinem schöpferischen Dasein und Wesen. Sein Handeln kreist [10] nicht in sich selbst, sondern es zielt hin auf unser Handeln, auf eine Kon­formität unseres Handelns mit dem seinigen. „Ihr sollt — genauer und richtiger: ihr werdet — vollkommen sein, wie euer himm­lischer Vater vollkommen ist“ (Matth. 5, 48). Die Gnade kann gar nicht Menschen offenbar werden, ohne daß sie diesen Anstoß be­deutet, sie bewegt in dieses Futurum: ihr werdet sein! Ja, die Offenbarung der Gnade ist als solche dieser Anstoß. Gilt der Indi­kativ: „daß ich nicht mein, sondern meines getreuen Heilandes Jesu Christi eigen bin“, dann ist eben dies sein Gelten die Auf­richtung der 10 Gebote samt ihrer Auslegung in der Bergpredigt samt ihrer Anwendung in den apostolischen Weisungen. Die Gnade braucht bloß unter uns kund zu werden, sei es ursprünglich im Glauben aller biblischen Zeugen, sei es als Weissagung und Er­wartung durch die Propheten, sei es als Erinnerung und Verkün­digung durch die Apostel, so bedeutet eben dies ihr Kundwerden die Aufrichtung des Gesetzes. Durch das Gesetz und die Propheten wird die göttliche Rechtfertigung der insgemein sündigen Menschen durch den Glauben Jesu Christi nach Röm. 3, 21 bezeugt. Die Pro­klamation des Bundes verheißener Gnade zwischen Gott und Israel geschieht als Promulgation der göttlichen Gebote. Aber Aufruf zur Kirche, und das heißt: zum Gehorsam des Glaubens (Röm. 1, 5) ist auch der Sinn des auf die geschehene Erfüllung schon zurück­blickenden Apostolats des Neuen Testamentes, weshalb denn auch die Ablehnung seiner Botschaft entscheidend als Ungehorsam be­zeichnet wird (Röm. 10, 21; 11, 30; 15, 31). Und als Prediger der Buße steht Johannes der Täufer mit seinem Hinweis auf den ge­genwärtigen Messias sehr angemessen in der Mitte zwischen Mose und Paulus. „Du wirst sein!“, „Ihr werdet sein!“, das und also Gottes Gesetz ist es, was sie alle in der ihnen zuteil gewordenen Offenbarung der Gnade — gleichviel ob sie ihnen Zukunft, Gegen­wart oder Vergangenheit bedeutet — vernommen haben und als ihr Zeugnis von dieser Offenbarung weitergeben. Gottes Gesetz, ein ganz bestimmter, fordernder, beanspruchender Gotteswille tritt aber auch in der Kirche, konkret in ihrer Predigt, in ihren Sakramenten, in ihrem Bekenntnis, denen, die in der Kirche sind, entgegen. Wie könnte die Herrschaft Jesu Christi verkündigt wer­den, ohne daß die Verkündigung als solche Gehorsams[11]forderung wäre, wie die Inkarnation anders denn als Gebot der Selbstver­leugnung, wie das Kreuz Christi anders denn als Befehl, ihm nachzufolgen und das eigene Kreuz auf sich zu nehmen, wie seine Auferstehung anders denn als unter der Mahnung der altkirchlichen Osterperikope 1. Kor. 5, 7 f.: „Darum feget den alten Sauerteig aus, auf daß ihr ein neuer Teig seid!“ Eben der Glaube an den articulus stantis et cadentis ecclesiae, an das Wort von der Recht­fertigung des Sünders durch die im Blut Chri­sti geschehene Ver­söhnung bedeutet Reinigung, Heiligung, Erneuerung oder er be­deutet gar nichts, er ist Unglaube, Irrglaube, Aberglaube. „An dem merken wir, daß wir ihn kennen: so wir seine Gebote halten. Wer da sagt: ich kenne ihn und hält seine Gebote nicht, der ist ein Lügner und in solchem ist keine Wahrheit“ (1. Joh. 2, 4 f.). Ja, und auch die Kirche wäre nicht die Kirche, wenn nicht schon in ihrer Existenz, aber auch in ihrer Lehre und Haltung das Gesetz Gottes, seine Gebote, seine Fragen, seine Mahnungen, seine An­klagen sichtbar und greifbar würden auch für die Welt, für Staat und Gesellschaft, wenn nicht gerade die Botschaft von des drei­einigen Gottes Gnade nach den drei Glaubensartikeln, die ganz allein die Aufgabe der Kirche bildet, als solche zum prophetischen Zeugnis für den Willen Gottes wider alle sündige Überhebung, wider alle Gesetzlosigkeit und Ungerechtigkeit der Menschen würde. — Man kann also wohl allgemein und umfassend sagen: das Gesetz ist nichts anderes als die notwendige Form des Evangeliums, dessen Inhalt die Gnade ist. Gerade dieser Inhalt erzwingt diese Form, die Form, die nach Gleichform ruft, die gesetzliche Form. Gnade heißt, wenn sie offenbar, wenn sie bezeugt und verkündigt wird, Forde­rung und Anspruch an den Menschen. Gna­de heißt, wenn an Jesus Christus, den Kommenden oder den Gekommenen geglaubt, wenn sein Name gepredigt wird: das Amt des Mose und Elia, des Jesaia und Jeremia, das Amt des Täufers, des Paulus, des Jakobus. Gnade heißt, indem sie zum Aufruf zur Gnade wird: Kirche, die es wagt und wagen muß, mit Autorität zu reden.

So also ist das Gesetz im Evangelium wie die Tafeln vom Sinai in der Bundeslade: so, daß das Evangelium immer als offenbares, als verkündigtes, als den Menschen an-[12]gehendes im Gesetz, in der Krippe und in den Windeln der Gebote, des Gebotes und Gebie­tens Gottes ist. Darum nennt Paulus das Gesetz mit letztem Ernst heilig und seine Gebote heilig, recht und gut (Röm. 7, 12). Darum verwahrt er sich dagegen, daß es gegen die Verheißungen Gottes sei (Gal. 3, 21). Darum sagt er, daß es uns vielmehr zum Leben gegeben sei (Röm. 7,10). Darum erklärt er (im Einklang mit den bekannten Worten der Bergpredigt Matth. 5, 17 f.), daß die Ver­kündigung des Glaubens nicht die Aufhebung, sondern die Auf­richtung des Gesetzes bedeutet (Röm. 3, 21). Darum bezeichnet er sich selbst — und das, wohlverstanden, gerade in seiner Eigen­schaft als Heidenapostel, als énnomos Christoũ (1. Kor. 9, 21). Darum kann er mit dürren Worten und gar nicht hypothetisch sagen, daß nur die Täter des Gesetzes gerechtfertigt sein werden (Röm. 2, 13). Es bricht also der Lobpreis des Gesetzes, wie er der Christusbotschaft des Alten Testamentes eigentümlich ist, wahrlich auch in der des Neuen Testamentes keineswegs ab. Wie sollte er auch? Man hat den Unterschied von Evangelium und Gesetz mit dem von Himmel und Erde, mit dem von Tag und Nacht ver­glichen. Gut! Auch die Unter­scheidung von Inhalt und Form be­zeichnet einen unendlichen Unterschied. Aber was bedeutet dieser Unterschied? Einen Unterschied von mehr oder weniger, besser oder schlechter oder gar den Unterschied von göttlich und mensch­lich oder von gut und böse, kann er sicher nicht bedeuten! Daß es unter dem Himmel eine Erde gibt, daß der Tag Tag ist in seinem Wechsel mit der Nacht, daß der Inhalt des Evangeliums auch eine Form hat, das ist nicht nur auch ein Gotteswerk, sondern nun ge­rade das Gotteswerk, das dem Evangelium Raum gibt in unserem menschlichen Raum und uns Menschen im Raum des Evangeliums. Wie sollte der Lobpreis angesichts dieses Gotteswerks unter­bleiben, wie sollte er je abbrechen können? Nein, der Ruhm des Gesetzes Gottes, wie er etwa im 119. Psalm angestimmt ist, wird in alle Ewigkeiten hinein nicht veralten. Wir würden, obwohl das Gesetz nicht das Evangelium ist, ohne das Gesetz tatsächlich auch das Evangelium nicht haben.

Aber eben zur Beantwortung der Frage: was Gott denn nun mit uns und von uns will in seinem Gesetz? werden wir, wenn wir nicht in die Irre gehen wollen, nun doch wieder in aller [13] Strenge auf den Inhalt des Evangeliums, auf die Tatsache, daß Jesus Christus das Gesetz erfüllt und alle Gebote gehalten hat, zurückkommen müssen. Das Gesetz bezeugt ja die Gnade Gottes; darin ist es die Form des Evangeliums; darin ist es Anspruch und Forderung, Bußruf und Prophetie. Damit, daß es uns von Gottes Gnade Zeugnis gibt, sagt es uns: ihr sollt — nein: ihr werdet sein! Gottes Gnade ist aber Jesus Christus, der mit seinem Menschsein für uns eintritt. Er tritt aber damit für uns ein, daß er an unserer Stelle — es brauchte das ewige Wort im Fleische dazu — geglaubt und das heißt zu Gottes Herrlichkeit und also zu des Menschen Elend Ja gesagt hat. In diesem seinem Glauben hat er das, was Gott mit dem Menschen und von ihm will, ein für allemal voll­bracht, hat er das Gesetz erfüllt und alle Gebote gehalten. Von diesem Glauben, den ganz allein er bewährt hat, zeugen, auf ihn zielen alle Gebote. Und darum wird dieser Glaube Jesu Christi, der der Kern und Stern des Evangeliums ist, wenn das Evangelium offenbar wird, jene Form, die nach Konformität verlangt, und damit das Gebot in allen Geboten, das Prinzip unserer Reinigung, Heiligung und Erneuerung, das Eine in Allem, was die Kirche sich selbst und der Welt zu sagen hat. Denn wenn Jesus Christus an unserer Stelle das getan hat — was wird dann aus uns? Ihr Männer, liebe Brüder, was sollen wir dann tun? Diese Frage (und vor unserer Frage schon die Antwort darauf) ist uns vorgelegt und auferlegt mit der ganzen Würde und Gewichtigkeit eben des gött­lichen Gesetzes: Ihr werdet glauben! Ihr, die ihr andere Götter habt neben mir, die ihr euch Bilder macht von mir, die ihr meinen Namen mißbraucht, den Sabbath schändet, Vater und Mutter ungehorsam seid, tötet, die Ehe brecht, stehlt, falsches Zeugnis redet wider euren Nächsten, begehrt, was sein ist — ihr werdet (und das wird die Negation und Umkehrung von dem allem sein) glauben, ihr werdet in Widerspruch zu diesen euren Sünden, im Kampf gegen sie, nein: in ihrer völligen und restlosen Austilgung — denn auch die kleinste Sünde wäre immer noch die ganze, die tödliche Sünde — Gott fürchten und lieben. Und dies wird eure Konformität sein mit jener Form des Evangeliums, euer Gehorsam also gegen Gottes Gesetz! Es ist also schon richtig, daß alle Gebote im ersten Gebot beschlossen [14] und je als besondere Einschärfungen des ersten Gebotes zu verstehen und zu erklären sind.

Aber was bedeutet nun gerade dieses erste Gebot, wenn wir es nicht anders denn als Form des Evangeliums verstehen dürfen? Was heißt Gott fürchten und lieben? Was heißt glauben? Der Glaube Jesu Christi, in welchem die Gnade geschehen und zugleich das Gesetz erfüllt ist, ist eine einmalige, eine unwiederholbare Tat. Nochmals: es bedurfte des ewigen Wortes im Fleische zu ihrem Geschehen. Ihn nachzuahmen in diesem Glauben und also zu glauben wie Jesus Christus glaubte, das werden wir wohl bleiben lassen, so gewiß er Gott ist, wir aber sind Menschen. Wohl aber kann und muß dies der Sinn des ersten Gebotes und also aller Gebote und also unseres Gehorsams gegen Gottes Gesetz sein, daß wir an Jesus Christus glauben, daß wir, nachdem das ewige Wort Fleisch geworden, im Fleische Gehorsam bewährt und im Fleische sich verherrlicht hat, seinen stellvertretenden Glauben, den wir nie realisieren werden, anerkennen und gelten lassen als unser eigenes Leben, das wir also nicht hier und nicht für uns, nicht in unserer Hand und zu unserer Verfügung haben, sondern droben, verborgen mit ihm in Gott (Kol. 3, 1 f.). Daß wir in diesem ganz bestimmten Sinn „trachten nach dem, was droben ist“, das ist es, worum es geht, wenn die Gnade, wenn der Inhalt des Evangeliums uns angeht, wenn es offenbar wird und also annimmt die Form des Gesetzes. „Das Gesetz ist geistlich“ (Röm. 7, 14), d. h. aber: sein Sinn und seine Meinung ist dieses Aufgehobensein unseres Lebens mit Christus. Das ist’s, was Gott von Israel wollte mit der ersten wie mit der zweiten Tafel des Dekalogs, mit den Opfer-, Speise- und Reinheitsgeboten, mit der Verfassung als Volkskirche oder Kirchenvolk, die er ihm als „Schatten zukünftiger Dinge“ gegeben hat. Das ist’s, was Jesus von seinen Jüngern wollte, wenn er ihnen geboten hat: Liebet eure Feinde! Habt acht auf euer Almosen! Sorget nicht! Richtet nicht! Das ist’s, was die Apostel von ihren Gemeinden wollten, wenn sie sie ermahnt haben zur Liebe, zur Einigkeit, zur Reinheit, zum täglichen Ablegen des alten Menschen. Nur das kann auch der Sinn und Inhalt der Auto­rität sein, mit der die Kirche ihren Gliedern und der Welt gegen­übertritt. Es geht immer um den Glauben an Jesus Christus, den Gekreuzigten und Auf-[15]erstandenen. Es kann also nie Ansprüche und Anforderungen geben, die anderswoher oder die in sich selber Gesetzeskraft hätten: es kann nur Zeugnisse geben. Und diese Zeugnisse werden immer der Gnade Gottes gelten, die alles für uns vollbracht hat und bei deren Vollbringen es sein Bewenden haben muß. Damit, daß sie das sagen, werden diese Zeugnisse mahnen, warnen, befehlen, gebieten und verbieten. Sie werden Gesetzeskraft haben, weil und sofern sie das „Gesetz Christi“ (Gal. 6, 2) und also das „Gesetz des Glaubens“ (Röm. 3, 21) und also das „Gesetz des Geistes des Lebens“ (Röm. 8, 2) verkündigen. Und das Gesetz und alle seine Gebote werden von uns gehalten und erfüllt, wenn sie bei uns Glauben finden, den Glauben an Jesus Christus, das heißt den Glauben, der sich an ihn hält und bei ihm bleibt, einfach darum, weil er das ewige Wort im Fleische ist, das alles vollbracht hat. In diesem Glauben ist aller Gehorsam beschlossen. Unsere Werke groß und klein, innerlich und äußerlich, sind ange­nommen, wenn sie als Werke dieses Glaubens — sie sind ver­worfen, wenn sie nicht als Werke dieses Glaubens geschehen. Hier müssen wir vorläufig Halt machen. Denn eben dieser Glaube, der sich Jesus Christus recht sein läßt als seinen Stellvertreter, ist das Werk und Geschenk des Heiligen Geistes, das wir uns nicht neh­men, um das wir nur bitten können.

III.

Wir haben im bisherigen von der Wahrheit des Evangeliums und des Gesetzes in ihrem gegenseitigen Verhältnis geredet. Nur von daher ist nämlich ihre Wirklichkeit, von der nun noch besonders zu reden ist, einzusehen.

Wir haben jetzt darauf zu achten: was es bedeutet, daß das Evangelium sowohl wie das Gesetz — oder also: der Inhalt und die Form des Evangeliums in unsere, der Sünder Hände gegeben sind.

Daß wir Sünder sind und was das heißt: Sünder sein, das wird durch Gottes Gnade, indem sie offenbar wird (und also durch das Gesetz) unwiderleglich und unzweideutig ans Licht gestellt. Wir mögen die Tiefe unserer Sünde daran ermessen, [16] daß nicht weniger als Gottes ewiges Wort sich unserer in dieser Tiefe annehmen und zwar so annehmen mußte, daß es an unsere Stelle trat, uns allein den Glauben und zwar den Glauben an ihn, der das Werk und Geschenk des Heiligen Geistes ist, zuweisend! Eben damit wird aber auch das Wesen der Sünde enthüllt, gegen die Gott in Jesus Christus streitet, deren Vergebung er uns in Jesus Christus be­reitet hat. Ist diese Vergebung darin begründet, daß Gott selbst, an unsere Stelle tretend, für uns tut, was vor ihm recht ist, dann besteht unsere Sünde darin, daß wir für uns selbst zwar nicht eintreten können, wohl aber eintreten wollen. Die Sünde besteht in der Eigenmächtigkeit, haben wir bereits gesagt, und insofern in der Gottlosigkeit, als Gott wesentlich gnädig ist, eben unsere Eigenmächtigkeit aber, unsere Abwehr der Gnade und unsere Selbstbehauptung gegenüber Gott unsere Gottesferne bezeugt und bedeutet.

Indem sich Gott unser annimmt in der Gabe des Evangeliums und des Gesetzes, legt er diese Gabe in unsere Hände, in die Hände von uns Eigenmächtigen, die, dem Sinn und der Bestimmung dieser Gabe zuwider, durchaus für sich selbst eintreten, weil sich selbst behaupten möchten. Was werden wir damit anfangen, wir, die wir mit allem und jedem durchaus „etwas anfangen“ wollen? Man merke wohl: Gott legt seine Gabe trotzdem in unsere Hände und sie ist und bleibt trotzdem, trotz der mehr als fragwürdigen Rein­heit unserer Hände, seine Gabe. Was dieses „trotzdem“ positiv bedeutet, das soll im vierten Teil dieses Vortrags zur Sprache kommen. Es bedeutet aber zunächst etwas Negatives. Und dieses Negative bildet den Hintergrund, von dem sich das Positive ab­heben muß, um als solches erkennbar zu werden. Von ihm ist jetzt also zuerst zu reden.

Es liegt in der Natur der Sache, daß es sich hier vor allem um unser Verfahren mit dem Gesetz Gottes handelt. Gottes Gnade hat ja, indem sie zu uns kommt, die Form des Gesetzes, des Gebotes, der Forderung, des Anspruchs. Was wird daraus, wenn wir, wir Sünder, diesen Anspruch vernehmen? Paulus hat darauf besonders im 5. und 7. Kapitel des Römerbriefes die grund­sätzliche Antwort gegeben: Unsere Sünde bedient sich des Gesetzes wie eines Sprungbrettes (aphormé Röm. 7, 8. 11) und erst, indem sie sich auf diese Weise Macht gewinnt [17] (Röm. 5, 20), indem sie „überaus sündig“ wird (Röm. 7, 13), indem sie mit dem Mißbrauch gerade des Gesetzes sozusagen ihr Meisterstück liefert, gerade das Gute, gerade das Beste in sein Gegenteil verkehrend (Röm. 7, 13), einen Betrug mit ihm verübend (Röm. 7, 11), feiert sie ihre Auferstehung (Röm. 7, 8 f.), wird sie als „in uns wohnende Sünde“ (Röm. 7, 20) als sündiges „Gesetz in unsern Gliedern“ (Röm. 7, 23) aktiv und erkennbar (Röm. 7, 7). Was ist, verglichen mit ihr die Sünde des Menschen, dem Gottes Gesetz nicht begegnet ist? Paulus hat sie, wie Röm. 1, 18 f. zeigt, wahrhaftig ernst ge­nommen. Und doch muß er sie geradezu „tot“ nennen (Röm. 7, 8) neben der Sünde, deren der dem Gesetze Gottes begegnende Mensch sich schuldig macht. In ihr erst wird die Sünde in ihrem Wesen sichtbar und verständlich. — Was ist es aber mit diesem Riesenbetrug, den die Sünde mittelst des Gesetzes begeht? Paulus antwortet: Er besteht darin, daß die Sünde gerade angesichts des Gesetzes mit seinem „Laß dich nicht gelüsten!“ das Gelüste, das Begehren in uns aufschießen läßt. Man darf sich durch die mit dem Analogon des klassischen nitimur in vetitum . . . sich einstellenden Assoziationen nicht verführen lassen, dieses „Begehren“ morali­stisch zu deuten. Was wir moralisch unter „Begehren“ verstehen, insbesondere die sexuelle Libido, an die die Auslegung der Kirche hier allzu schnell und allzu eifrig gedacht zu haben scheint, gehört im Sinn des Paulus sicher noch zu den Auswirkungen jener gewiß ernst zu nehmenden, aber im Vergleich zu dem, worum es hier geht, „toten“ Sünde. Das Gesetz, von dem Paulus redet, ist ja geistlich, und so muß es auch bei dem Betrug, den die Sünde ver­übt, indem sie jenes Begehren des Verbotenen erweckt, genau so wie bei dem Betrug der Schlange in der Geschichte des ersten Sündenfalles, um einen Betrug gerade hinsichtlich des geistlichen Charakters des Gesetzes gehen. Worin er besteht, das entnehmen wir einer anderen Stelle, wo Paulus nunmehr konkret von den durch die Sünde mit dem Gesetz Betrogenen redet. Er sagt näm­lich von den Juden, die Christus gekreuzigt haben und bis auf diesen Tag verwerfen: „Sie haben den Eifer um Gott, aber mit Unverstand; indem sie nämlich die Rechtfertigung durch Gott verkannten und ihre eigene aufzurichten sich bemühten, unter­warfen sie sich der Rechtfertigung durch Gott nicht. [18] Christus ist ja das Ziel des Gesetzes zur Rechtfertigung“ (Röm. 10, 2 f.). Das also ist das Begehren, das die Sünde angesichts des Gesetzes in uns aufschießen läßt — genau das Begehren jenes Schriftgelehrten, der von Jesus auf seine Frage: „Was muß ich tun, daß ich das ewige Leben ererbe“ schlicht an das Gesetz erinnert wurde: „Er aber wollte sich selbst rechtfertigen“ (Luk. 10, 29). In der Tat, wer wollte jemals etwas Anderes, wenn ihm Gottes Anspruch begegnet? Eben dieses Begehren ist der menschliche Ungehorsam, in seiner Wurzel aufgedeckt! Denn was geschieht da, wo man, konfrontiert mit Gottes Anspruch, seine eigene Gerechtigkeit aufzurichten sich bemüht? Offenbar dies: daß man aus dem Anspruch Gottes einen eigenen Anspruch macht, den Anspruch nämlich, daß man dem von Gott Geforderten selber genügen wolle und könne. Warum ist das Ungehorsam? Darum, weil Gottes Anspruch Zeugnis ist von der uns verheißenen, von unserer in Christus erfüllten Recht­fertigung durch ihn selber. Christus ist ja das Ziel des Gesetzes und zwar zu unserer Rechtfertigung. Dieser Rechtfertigung uns zu unterwerfen, ein Leben in dieser Unterwerfung, das wäre Ge­horsam. Eben an ihr schießt unser Begehren vorbei. Warum? Wir erkennen nicht, daß das Gesetz unsere Rechtfertigung durch Gott verkündigt. „Bis auf diesen Tag liegt, wenn Moses gelesen wird, die Decke über ihren Herzen“ (2. Kor. 3, 15). Warum ist dem so? Warum erkennen wir nicht, was wir doch im Gesetz lesen könnten? Das eben ist der Betrug der Sünde: von Haus aus beschäftigt da­mit, uns selbst zu behaupten und zu vertreten, verdecken wir uns selbst das Größte, das Entscheidende im Gesetz, den Inhalt, dessen Form es nur ist, die heilende und heiligende Gnade, um unterdessen mit Hilfe seiner Buchstaben, weil sie doch göttliche Buchstaben sind, bemüht, sie alle zu beachten und ihnen nach bestem Wissen und Gewissen gerecht zu werden, uns selbst zu stärken, zu bestätigen, zu erhöhen, als würdige Mitarbeiter Got­tes darzustellen. Ganz mit uns selbst beschäftigt, haben wir aus dem göttlichen Du wirst! des Gesetzes das menschlich-allzu- menschliche Du sollst! gemacht. Das ist das, was Paulus die „Schwächung des Gesetzes im Fleische“ (Röm. 8, 3) oder umge­kehrt: das Gesetz als die Kraft der Sünde (1. Kor. 15, 56) genannt hat. Von daher, aus diesem Betrug der Sünde der „Unverstand“ unseres [19] „Eiferns um Gott“! Man denke nur ja nicht, daß es ein, weil es in Unwissenheit begründet und weil es immerhin ein Eifern um Gott ist, relativ harmloses und verzeihliches Eifern sei, um seiner Unvollkommenheit willen vielleicht zu bedauern, um seiner guten Absicht willen immerhin auch zu loben. Nein, seine Unwis­senheit ist Ungehorsam und daß es Eifer um Gott sei, ist Lüge! Die Sünde triumphiert in diesem Eifern, mehr, unendlich viel mehr als in dem, was wir als Götzendienst, Gotteslästerung, Mord, Ehebruch und Diebstahl zu kennen meinen: unendlich viel mehr darum, weil hier, in seiner Gabe des Gesetzes, in dem mißdeuteten Dekalog, in den mißdeuteten Prophetenworten, in der mißdeu­teten salomonischen Lebensweisheit, in der mißdeuteten Berg­predigt und Apostelmahnung Gott selbst zum Anlaß und Vor­wand der Sünde gemacht worden ist. Ja, nun stürzt sich der Mensch freilich — mit der ganzen Leidenschaft seiner siegreichen und von Gott sich selbst überlassenen Willkür und zugleich mit der ganzen Leidenschaft seines bösen Gewissens und sicher, ganz sicher der Linie des geringsten Widerstandes folgend — der Eine auf diesen, der Andere auf jenen Buchstaben und Fetzen des Gesetzes: ein Jeder auf den, mit dem er das Geschäft am besten zu machen meint, und ein Jeder mit dem Triumph, daß er es mit seinem Buchstaben und Fetzen in der Hand, früher oder später — vor Menschenaugen wenigstens — zu einer Art Spezialrecht­fertigung gerade seiner Existenz bringt. Hier einer blindwütend in die Arbeit. Hier einer in die Pflege eines musterhaften Bürger- und Familienlebens. Hier einer in die Jagd nach „interessanten“ Anschauungen, Erlebnissen, Begegnungen und Beziehungen. Hier einer in eine demonstrative Einfachheit und Genügsamkeit. Hier einer in den souveränen Wandel eines zigeunernden Genies. Hier einer in eine zänkische kirchliche Orthodoxie und theologische Akribie. Hier einer in eine ewig lächelnde evangelische Freiheit. Hier einer in eine geschäftige philanthropische oder noch lieber pädagogische Fürsorge für allerlei „lahme Enten“ im Umkreis seiner Mitmenschen. Hier einer in ein weitausschauendes Unter­nehmen der Weltverbesserung im Großen. Hier einer in die feier­lichen Schrullen einer Privatexistenz nach gar keinem anderen als seinem höchst individuell eigenen Bilde. Hier einer in eine Ge­rechtigkeit mit der [20] großen Masse und dem Zug der Zeit. Hier einer raffinierter Weise gerade gegen sie. Und hier einer in den phantastischen Plan, es nun einmal mit der absoluten Ehrlichkeit, der absoluten Reinheit, der absoluten Selbstlosigkeit, der abso­luten Liebe zu versuchen. Eitelkeit der Eitelkeiten! Was noch alles? Wohin kann man sich nicht alles stürzen, wenn der Glaube, den Gott in Jesus Christus für sich selbst und für sich allein fordert, einmal übersehen und übergangen ist! Es gibt dann tausend Werke des Gesetzes — des in tausend Fetzen zerrissenen Gesetzes, tausend Knechtschaften, denen wir uns unterziehen, tausend Buchstaben, an deren jedem sich irgend ein Menschlein oder auch viele zugleich anklammern können, ihre eigene Gerechtigkeit daraus zu schlür­fen. Wir armen, immer schlürfenden und doch immer wieder durstigen Zecher! Ein harmloses, ein teilweise wohl gar löbliches Begehren? Nein, denn eben aus diesem Begehren geht — in sicht­baren und unsichtbaren Verlängerungen dieser unserer „guten“ Bestrebungen das hervor, was diesmal nicht der Mensch, sondern Gott in seinem Gesetz Abgötterei, Gotteslästerung, Mord, Ehe­bruch und Diebstahl nennt (vgl. Röm. 2, 12 f.). Eben dieses unser Begehren, dieses unser Eifern — um Gott? nein, mit Hilfe und zur Ehre Gottes um unsere eigene Gottlosigkeit — hat Christus ans Kreuz gebracht und bringt ihn mitten im Christentum (Hebr. 6, 6) immer wieder ans Kreuz. — Sagt das noch nicht genug dar­über, was das bedeutet, wenn Gott sein Gesetz in unsere Hände gibt?

Um nun zu verstehen, was darüber aus dem Gesetze wird — es ist und bleibt ja Gottes Gesetz! — müssen wir uns zwischen­durch klar machen: was wird darüber aus dem Evangelium, das ja des Gesetzes Sinn und Inhalt ist? So geht es natürlich nicht zu, wenn die Sünde uns mit dem Gesetz und damit um das Gesetz betrügt: daß dabei das Evangelium nun etwa gänzlich weggewor­fen und vergessen würde. Triumphiert die Sünde doch auch hin­sichtlich des Gesetzes nur in seinem Mißbrauch, nicht etwa — wohlweislich nicht etwa in seiner Preisgabe! Und andererseits: So kann es nicht zugehen bei jenem Betrug: daß das Gesetz zwar durch die Sün­de mißbraucht, geschändet, verkehrt würde, das Evangelium aber unversehrt bliebe, also die Gnade nach wie vor als Gnade von uns verstanden würde. Nein, mit der Form fällt und verdirbt auch der Inhalt, mit [21] Gottes Gesetz auch Gottes Evangelium. Von dem Volk Israel, das Mose und zwar entschei­dend dem ersten Gebot des durch Mose verkündigten Gesetzes nicht gehorchte, das seine Propheten verwarf und steinigte, das schließlich seinen Messias ans Kreuz schlug — von diesem Volk hat Jesaia gesagt, es rede von nichts denn von „Bund“ (Jes. 8, 12); es hat von Gottes Gnade, Geduld und Sündenvergebung immer — und am meisten wohl gerade am Tage von Golgatha — viel gewußt und gehalten. Die Pharisäer waren lang nicht so pharisäisch, wie wir es uns der Einfachheit halber vorstellen möchten. Haben nicht auch sie dem zukünftigen Zorn entrinnen wollen? (Matth. 3, 7). Haben nicht auch sie Jesus interessiert genug zu Tische ge­laden? Einen kleinen und unwesentlichen Schritt von ihnen weg stoßen wir schon auf ein Christentum, das hinsichtlich des Ge­setzes ebenfalls dem Betrug der Sünde verfallen ist und also, sich selbst rechtfertigen wollend, an das Halten des Größten und Ent­scheidenden im Gesetz gar nicht mehr denkt und nun dennoch als Gegengewicht und zur Temperierung seines unverständigen Eiferns um Gott auch von der Gnade nicht lassen, auch die Gnade gerne gebrauchen und in seinen Dienst stellen möchte. Aber was heißt hier Gnade? Hier ist aus Jesus Christus, der den Seinen alles schenkt, indem er in der Majestät Gottes selbst an ihre Stelle tritt, ein mythischer Halbgott geworden, der ihnen angeblich Kräf­te, eine Art magische Begabung mitteilt, deren Gegenwart sich kon­statieren läßt wie die jeder anderen Begabung, mit der zu schalten und zu walten als mit ihrem Besitz sie Freiheit haben, die ihnen vor sich selbst und vor Anderen zum Ruhm gereicht, an der sie eine rechte Hilfe zu haben glauben bei ihrer Bemühung, sich selbst zu behaupten, zu vertreten, zu rechtfertigen, deren sie sich — und darauf kommt es wohl heimlich vor allem an — zu trösten ge­denken, wenn es wegen der Unvollkommenheit ihrer Bemühun­gen zu Enttäuschungen und Stillständen, da und dort wohl auch einfach zum Versagen kommen sollte. Jesus Christus, die unent­behrliche Begleitfigur, der nützliche Hebelarm und schließlich und vor allem der Lückenbüßer bei unserem Bemühen um unsere eigene Rechtfertigung! Jesus Christus, die Personifikation der wunderbaren Ideen, die wir uns zum Zweck dieser Rechtfertigung je nach dem Geist und Geschmack unseres Jahrhunderts zu machen [22] pflegen! Jesus Christus, der große Kreditgeber, der gerade gut genug ist, uns zu unseren eigenen Gerechtigkeitsunternehmungen immer wieder die nötige Deckung zu geben! Dies ist’s, was hier aus der Gnade, aus dem Evangelium wird. Im Schatten des Be­trugs der Sünde mit dem Gesetz muß aus dem Evangelium unweigerlich das werden. Hier wird die Gnade weggeworfen, hier ist Christus umsonst gestorben (Gal. 2, 21). Denn hier wird das Ärgernis, das heilsame Ärgernis des Kreuzes, beseitigt (Gal. 5, 11). Hier ist geradezu Feindschaft gegen das Kreuz (Phil. 3, 18). So hat Paulus von dem im Schatten dieses Betrugs blühenden Chri­stentum geredet. Das ist sicher: „Gottes Kraft zur Errettung“ (Röm. 1, 16) wird das so entstellte und verkehrte Evangelium nicht bedeuten können, wenn das entstellte und verkehrte Gesetz uns etwa in die Anfechtung führen sollte, von der nachher zu reden ist. Dieser Jesus Christus hat in der Anfechtung, die dem Betrug der Sünde notwendig folgen muß, noch keinem einzigen Menschen auch nur Hilfe oder Trost, geschwei­ge denn Errettung bedeutet.

Und nun läßt sich Antwort geben auf die Frage, was denn bei jenem Betrug der Sünde, wenn unsere Eigenmächtigkeit sich des Gesetzes Gottes bemächtigt, aus diesem wird.

Wir streifen jetzt nur die Tatsache, daß es in dieser Entstellung und Verkehrung jeder Verfälschung ausgesetzt ist: Jetzt, nämlich wenn es bei unserem angeblichen Gehorsam gegen das Gesetz um unsere Selbstrechtfertigung geht, mag das Naturrecht, mag eine abstrakte „Vernunft“, mag die Geschichte, mögen in diesen letzten betrübten Zeiten die so glücklich erfundenen „Volksnomoi“ das Wort ergreifen, um dem Gesetz Gottes den zu diesem Zweck brauchbaren und erwünschten Inhalt zu geben. Wir streifen nur die Tatsache, daß seine Deutung jetzt, wenn Christus nicht sein Ziel sein soll, zwischen einem Nomismus, der sich unter diese oder jene Observanzen und Disziplinen beugen zu sollen glaubt, und einem Antinomismus der reinen, aller konkreten Forderung und Bindung abholden Innerlichkeit haltlos hin und herschwan­ken wird. Werkgerechtigkeit sind, wohlverstanden, beide: der Nomismus und der Antinomismus. Und wir streifen nur die von Paulus Gal. 4, 8 f. hervorgehobene Tatsache, daß der Dienst des der Verheißung beraubten und damit entehrten und entleerten Gesetzes — ohne alle Rhetorik, [23] sondern in konkretestem Ernst gesagt: den Rückfall aus dem Glauben an den einen lebendigen Gott in den armseligen Elementendienst der Heiden darstellt. Soll Gott einmal nicht mehr Gott sein in seinem Gesetz, dann ist es vielen andern Gesetzen, dann ist er selbst vielen andern Göttern, die es ja auch gibt, nur zu ähnlich geworden und ihn und sein Gesetz mit diesen andern gelegentlich zu vertauschen, wird dann eine reizvolle Sache werden. Wer sich einmal darauf eingelassen hat, sein Leben in dieser oder jener Form von Werkgerechtigkeit in seine eigene Hand zu nehmen, der soll, wenn er klug ist, die ewigen, ehernen, großen Gesetze seines Schicksals, seine kosmisch- siderischen Gegenspieler, nur ja nicht vergessen, er soll den Kalen­der seiner astrologischen Möglichkeiten für diese Woche und für den nächsten Herbst nur nicht zu weit von der Hand legen. Das gehört nämlich auch zu einem Leben unter dem durch unsere Eigenmächtigkeit entehrten und entleerten Gesetz, daß wir wie böse Buben in Erwartung des Lehrers im Weltraum herumspähen müssen, Ausschau haltend nach dem, was etwa noch über uns kommen möchte und was es etwa für uns bedeuten könnte. Das gehört auch zu diesem unserem Leben, daß uns jener Kalender tatsächlich sehr viel interessanter ist als die Bibel!

Das Alles ist schrecklich genug, aber es ist doch nur Symptom des viel schrecklicheren Gerichtes, das darin begründet ist, daß Gott seiner auch in seinem entehrten und entleerten Gesetz nicht spotten läßt, daß es Gottes Anspruch an den Menschen bleibt, auch wenn es der Mensch in den Dienst seiner eigenen Ansprüche stellt. Wie, wenn Gott nun dabei bliebe, daß sein Gesetz erfüllt, seine Gebote gehalten sein wollen? Ja, wie sollte er nicht dabei bleiben, wie sollte er, so gewiß er Gott ist, davon weichen können? Und wie, wenn Gott uns nun beim Wort nähme, uns behaftete bei unserem kühnen Plan und Programm, sein Gesetz selbst zu er­füllen und in dieser unserer Erfüllung des Gesetzes selbst für uns einzutreten? Wie, wenn er nun das kleinste seiner Gebote auch nur halbwegs, auch nur zu einem kleinen Teil wirklich von uns selbst gehalten haben wollte? Aber nein: Gott fordert zweifellos ein ganzes Halten aller seiner Gebote. Und nun: recht fertige dich selbst, wenn du eben darin zum vornherein und in Grund und Boden verurteilt bist, daß du meinst, dich selber rechtfertigen zu können und zu [24] sollen!! Wir können ein ganzes Leben lang „um Gott eifern mit Unverstand“ — und kein Zweifel: wir tun das tatsächlich alle! — dahinter aber steht unbeweglich (in der ganzen Unbeweglichkeit der Gnade Gottes, die in seinem Gesetz offenbar ist!) die Tatsache, daß Gott sich nichts vormachen läßt, daß wir vor ihm samt und sonders erfunden sind als solche, die ihm den Glauben verweigern, um desto sicherer sich selbst meinen und auf sich selbst vertrauen zu können — die Tatsache, daß dies das Gericht über alle unsere uns vermeintlich rechtfertigenden Werke und vor allem über das Werk unseres uns vermeintlich rechtferti­genden Glaubens bedeutet. Denn wenn eines unserer Werke als Sünde gegen das erste Gebot dem Gericht verfallen ist, dann sicher unser vermeintlich bestes: das Werk unseres Glaubens an den Arianer- und Pelagianer-Christus, dem wir die Ehre antun, ihn als unschuldig nützlichen Rand unserer Selbstbehauptung gerade auch noch gelten zu lassen. Steht es aber so mit unserem besten Werk, wie steht es dann mit allen anderen? Das Entsetzliche, was nun — in Entsprechung zu dem Betrug der Sünde — zwischen Gott und dem Menschen wirklich wird, ist oft beschrieben wor­den. Ich nenne jetzt nur das Ergebnis: Wir haben die Recht­fertigung durch Gott tatsächlich ausgeschlagen. Unsere Selbst­rechtfertigung ist uns nicht gelungen, weil sie in sich selbst unmög­lich ist. So haben wir keine — keine Rechtfertigung. Wollen habe ich wohl — ja nur zu viel — aber Vollbringen des Guten finde ich nicht — wie sollte ich, da schon mein Wollen als das eines betro­genen Betrügers ein verkehrtes ist? Das ist’s, was das Gesetz, das von uns entehrte und entleerte Gesetz, das doch Gottes Gesetz ist und bleibt, uns jetzt zu sagen hat. Und das ist die Anfechtung: wenn wir aus dem Rausch unseres kraft der Sünde angesichts des Gesetzes aufgeschossenen Begehrens erwachen und sehen müssen, daß sich am Gesetz und seiner Forderung nichts geändert hat. Wenn wir das wirkliche Gesetz wieder hören und wenn wir nun vielleicht gar nichts anderes mehr hören können als das wirkliche Gesetz Gottes, das uns das zu sagen hat: Wollen hast du wohl, aber Vollbringen des Guten findest du nicht! Deine Sünden nicht nur, nein, deine guten Werke sind sündig, weil, mehr vielleicht als das, was du für deine Sünden hältst, Werke deines Begehrens gegen Gott! — dann ist die Anfechtung da. Wir wissen jetzt von Gottes Offen-[25]barung nur dies, daß er uns mit Recht zürnt, daß wir ihm auf tausend Worte nicht eines zu antworten haben, daß wir also verloren, dem Tod und der Hölle verfallen sind. Und was soll nun, da wir mit dem Gesetz auch und gerade die Gnade verscherzt haben, aus uns werden? — Dies ist’s, was aus dem Gesetz Gottes in unseren Händen wird: es ist jetzt das „Gesetz der Sünde und des Todes“ (Röm. 8, 2), der Vollstrecker des gött­lichen Zornes (Röm. 4, 15), das Gesetz, das Paulus — nicht durch­gängig aber in der Regel — den „Nomos“ nennt, vor dessen Dienst, vor dessen Werken, vor dessen Gerechtigkeit und vor des­sen Knechtschaft und Fluch er seine Gemeinden nur aufs eindring­lichste warnen kann. Dies ist das Gesetz, dessen „Amt“ er 2. Kor. 3, 2 f. ein Amt genannt hat, „das die Verdammnis predigt“, ja das „durch die Buchstaben tötet“. Dies ist das Gesetz, das später so wuchtig mit der Hure Vernunft, mit Sünde und Tod, ja mit dem Teufel in einem Atem genannt, als der Feind des Glaubens, der Liebe und der Hoffnung, als der große Gegenspieler des Evan­geliums so eindringlich geschildert worden ist. Dies ist das Gesetz, von dem gesagt worden ist und gesagt werden muß: Entweder ganz das Gesetz und dann den Tod oder ganz das Evangelium und dann das Leben, ein Drittes gibt es nicht. Es ist das durch den Betrug der Sünde entehrte und entleerte Gesetz, das mit der Kraft des Zornes Gottes dennoch sein Gesetz ist und bleibt. Dienen wir diesem Gesetz, dann gibt es vor Gottes Gericht kein Entlaufen und in der Anfechtung, in der uns dieses Gericht offenbar wird, keinen Rat, keinen Trost, keine Hilfe.

Dies ist das Negative, was sich daraus ergibt, daß Gott seine Gabe trotzdem — trotzdem wir Sünder sind — in unsere Hände legt, die eine Seite der Wirklichkeit des Evangeliums und des Gesetzes in ihrem gegenseitigen Verhältnis. Von diesem Negativen — wahrlich nicht nur von ihm, aber mit großem Nachdruck auch von ihm redet der Galaterbrief.

IV.

Wir zeigen das Positive, das nun hinsichtlich dieses „trotzdem“ und nun erst recht zu sagen ist, an mit den Worten des-[26]selben Paulus: „Das Gesetz ist zwischenhineingekommen, so daß die Übertretung mächtiger wurde. Wo aber die Sünde mächtig wurde, da gerade überströmte die Gnade, so daß, wie die Sünde im Tode herrschte, nun die Gnade herrscht durch die Rechtfertigung zum ewigen Leben durch Jesus Christus unseren Herrn“ (Röm. 5, 20). Denn: „Gott hat alle verschlossen unter den Unglauben, auf daß er sich aller erbarme. O welch eine Tiefe des Reichtums, beide der Weisheit und Erkenntnis Gottes! Wie gar unbegreiflich sind seine Gerichte und unerforschlich seine Wege! Denn wer hat des Herrn Sinn erkannt oder wer ist sein Ratgeber gewesen? Oder wer hat ihm etwas zuvor gegeben, daß ihm werde wieder vergolten? Denn von ihm und durch ihn und zu ihm sind alle Dinge, ihm sei Ehre in Ewigkeit. Amen“ (Röm. 11, 32 f.). Ja, das ist unbegreiflich und unerforschlich, das beruht auf einer anderen Ordnung als auf der von Aktion und Reaktion, Verdienst und Würdigkeit, das hat nur in Ihm seinen Anfang und sein Ende: daß Gott seine Gabe, sein Wort, das Evangelium und das Gesetz wohl in unsere sün­digen unreinen Hände legt und nun geschieht, was geschehen muß — nun gerade und nun erst rebellieren wir; gerade sein Wort verkehren und schänden wir, nun gerade und nun erst recht, mit Hilfe und zur Ehre Gottes wird Jesus Christus nun ans Kreuz geschlagen — aber: wie das Gesetz auch als durch unser Begehren entehrtes und entleertes das Gesetz Gottes ist und bleibt in jedem seiner Buchstaben, so — nein nicht so, sondern noch viel mehr ist und bleibt Gottes Evangelium, was es ist. Noch mehr: gerade in unsere sündigen, unreinen Hände gelegt und nachdem sich alles ausgewirkt hat, was das bedeutet, gerade jetzt wirkt auch das Evangelium sich erst recht aus, zeigt auch es sich erst völlig als das, was es ist, die wirklich frohe Botschaft für wirkliche Sünder.

Aber ist denn nicht gerade das unsere wirkliche Sünde, daß wir „jagend nach der Rechtfertigung durch das Gesetz“ (Röm. 9, 31) das Evangelium im Gesetz nicht hören, Christus als das Ziel des Gesetzes nicht gelten lassen wollen? Welche Kraft soll denn die von uns verschmähte und verachtete, ja gehaßte Gnade haben? Darauf ist zu antworten: Gott ist Gott. Kraft, die Kraft der Auf­erstehung (Phil. 3, 10), hat auf alle Fälle gerade und erst die von uns verschmähte und verachtete, ja gehaßte Gnade, der [27] bis auf diesen Tag in die Hände der Sünder gegebene, der gekreuzigte, gestorbene und begrabene Christus. „Siehe, ich mache alles neu!“ Vor diesem „Ich“ soll sich kein, wirklich kein Fleisch rühmen kön­nen, nicht einmal seines Nicht-Widerstandes! Sein Neumachen setzt genau an dem Punkt ein, wo von uns aus nichts, gar nichts Anderes wirklich ist als dies, daß wir uns selbst vor ihm und für ihn unmöglich machen, wo das Wort: „Ich werfe die Gnade Gottes nicht weg“ (Gal. 2, 21) nur als die Anerkennung eines uns wider­fahrenen Wunders und Geschenkes und gleichzeitig mit der Aner­kennung, daß ich der Sünder Vornehmster bin (1. Tim. 1, 15), über unsere Lippen gehen kann. Gerade und nur für diese vornehmste Sünde in uns allen, für die als Sünde gegen ihn selbst „überaus sündig“ gewordene Sünde ist Jesus Christus ein Mensch geworden, gestorben und auferstanden. Und so ist der Sieg des Evangeliums, der Sieg der Gnade gerade Gottes Sieg über diese wirkliche Sünde, über die Sünde unseres Mißbrauchs des Gesetzes, die Sünde unseres Unglaubens. — Unter drei Gesichtspunkten werden wir diesen unbegreiflichen, diesen unerforschlichen Sieg, diesen Sieg, dessen Ehre ganz die Ehre Gottes ist, betrachten müssen:

Zum Ersten. Die Gnade Gottes, Jesus Christus selbst, macht gerade das Gericht, in das uns das mißbrauchte und doch gültige Gottesgesetz stellt, zu unserer Rechtfertigung. Er offenbart sich als Heiland durch das Gesetz auch in dieser Gestalt. Er macht lebendig durch das Evangelium, in dem er durch das Gesetz tötet. Jetzt wird diese Reihenfolge: „Gesetz und Evangelium“ legitim und sinnvoll! Er erweckt nämlich unsere durch die Form des Evan­geliums, also durch das Gesetz um unseres Unglaubens willen ver­urteilte und in die Hölle verstoßene Existenz, wie sie ist, in ihrer ganzen Nacktheit und Häßlichkeit, also mit Inbegriff unseres Un­glaubens durch den Inhalt des Evangeliums, also durch sich selbst zum Leben des Glaubens an ihn als an den, der uns rechtfertigt. Trotz dessen, daß wir vom Scheitel bis zur Sohle, in unserem Herzen und in unseren Taten Sünder sind, nein, gerade weil wir so und nur so vor ihm dastehen! Wir müssen betonen: die freie Gnade, Jesus Christus selbst tut das. Wir können es nicht selbst tun, so gewiß wir das, was es dazu braucht, nicht in uns haben und so gewiß wir es noch viel weniger von außen an uns heranbringen können. Unsere Rechtferti-[28]gung im Gericht geschieht aber auch nicht kraft einer immanenten Gesetzlichkeit, etwa wie Nacht und Tag, Winter und Frühling, Schmerz und Freude, Angst und Ruhe aufeinander zu folgen pflegen, oder in der Einsichtigkeit der Funk­tion eines einmal in bestimmter Weise eingerichteten Mechanis­mus, oder nach der Regel jenes absoluten Geistes, der durch Thesis und Antithesis schließlich zu sich selbst zurückkehrt. Die Reihenfolge: Gesetz—Evangelium, Sünde—Gerechtigkeit, um die es hier geht, ist dadurch charakterisiert, daß sie identisch ist mit der Reihenfolge: Tod—Leben. Das heißt aber: Sie ist uns als Reihenfolge ganz uneinsichtig. Sie kann nur Ereignis und Tat­sache sein und sie kann von uns aus nur als Verheißung dessen, was Jesus Christus an uns tut, geglaubt werden und in diesem Glauben werden wir uns selbst ein Wunder sein. Wir werden nur tatsächlich glauben können, ohne ein Wissen um die Möglichkeit dessen, was wir damit tun. Und wenn das geschieht, daß uns Jesus Christus offenbar wird durch das uns richtende Gesetz, wenn das Gesetz uns also zum Zuchtmeister wird auf ihn (Gal. 3, 24), wenn wir, uns selbst ein Wunder, an ihn glauben in unserem Unglauben und trotz unseres Unglaubens, dann enthält dieser unser Glaube wohl in sich die entscheidende Erkenntnis unserer Sünde und die Gewißheit ihrer Vergebung, aber wie unser Glaube jetzt nur noch als Glaube an ihn Glaube sein wollen kann, wie er ganz und gar lebt und west in ihm als in seinem Gegenstände und ganz und gar nicht in sich selber — so wird auch unsere Sündenerkenntnis und Vergebungsgewißheit und also Heilsgewißheit ganz und gar nur Erkenntnis und Gewißheit von ihm her und ganz und gar nicht eine in sich selbst ruhende und also uns zu irgend einem Ruhm gereichende Erkenntnis und Gewißheit sein. Gotteskraft zur Er­rettung jedem Glaubenden ist das siegreiche Evangelium (Röm. 1, 16). So und nur so ist es das nun wirklich trotz unserer sündigen, unreinen Hände siegreiche Evangelium.

Zum Andern. Die Gnade Gottes, Jesus Christus selbst macht uns frei von jenem „Gesetz der Sünde und des Todes“ (Röm. 8,2). Sind wir, wie das siegreiche Evangelium uns sagt, in ihm gerecht­fertigt, ohne uns und gegen uns, gegen unseren Ungehorsam und Unglauben, dann heißt das doch, daß dieses Gesetz uns unseres Ungehorsams und Unglaubens wegen nicht ver-[29]dammen kann. Recht und Kraft, uns zu verdammen, hat es doch auch als „Gesetz der Sünde und des Todes“ nur darum, weil es Gottes Gesetz ist. Ist aber Gott für uns, hat er uns „verschlossen“ unter den Un­glauben, um sich unserer gerade so, gerade in Form einer Toten­erweckung zu erbarmen, wer mag dann wider uns sein? Das Recht und die Kraft seines eigenen Gesetzes sicher nicht! In jenen Verschluß unseres Unglaubens geworfen ist jetzt also auch unsere doppelte Angst vor dem Gesetz: die Angst vor seinen Buchstaben, ob wir sie auch alle kennen und ob wir ihnen auch gerecht werden möchten, und die Angst vor den Folgen der Tatsache, daß wir ihm im Ganzen, weil wir nicht glauben, sicher ungehorsam sind — zusammen: unsere Lebensangst. Sie wird nicht mehr sein! Über jenen Verschluß, in den sie geworfen ist, neigt sich das göttliche Erbarmen und das bedeutet: daß sie jetzt nur noch eine überwun­dene, eine getröstete, eine befriedete, eine von einem festen Ufer von Hoffnung und Freude umgebene Angst sein kann. Aber diese Befreiung greift tiefer: Verdammt uns Gottes Gesetz wirklich nicht, dann ist es doch gar nicht mehr das „Gesetz der Sünde und des Todes“! Siegt das Evangelium, dann stellt es nicht nur sich selbst wieder her als die überströmende Gnade, überströmend ge­rade auf ihre Feinde — nein, dann wird auch das Gesetz, die Form des Evangeliums, wiederhergestellt aus den Buchstaben zur Ganz­heit seiner Worte, seines einen einzigen Wortes, aus der Forde­rung: Du sollst! zu der Verheißung: Du wirst sein!, aus dem An­spruch auf unser Vollbringen zum Anspruch auf unser Vertrauen. Dann redet das Gesetz nicht mehr als Instrument des Betrugs der Sünde und als Organ des Zornes Gottes, son­dern in seinem eigentlichen ursprünglichen Sinn als Zeugnis, als Offenbarung dessen, der alles wohlgemacht und der gar nichts von uns haben will, als dies, daß wir glauben: er wird Alles wohl machen. Darum, weil der Sieg des Evangeliums auch das bedeutet, heißt es an jener Stelle ausdrücklich, daß wir in Christo Jesu „durch das Gesetz des Geistes des Lebens“ frei gemacht sind. Wir merken wohl: in Christo Jesu das alles! Wir ehren in unserer Befreiung die Herr­lichkeit seines Werkes. Wir können nur auf ihn schauen, um unsere Befreiung zu sehen. Wir können nur ihn preisen wollen, um dafür dankbar zu sein. Wir können nur [30] an ihm hangen, um sie zu ge­nießen. Außer ihm und ohne ihn, abgesehen von dem sich über uns neigenden Erbarmen Gottes, das er selber ist, bleiben wir verschlossen unter den Ungehorsam, betrogene Betrüger, in Ver­dammnis und Todesschatten nach wie vor. Er ist unsere Freiheit. Er ist das siegreiche Evangelium auch in dieser Hinsicht. Aber er ist es.

Zum Dritten. Die Gnade Gottes, Jesus Christus selbst gibt uns, was wir brauchen, damit unsere in ihm vollbrachte Rechtfertigung und Befreiung auch in uns selbst Wirklichkeit sei: den Heiligen Geist der Kraft, der Liebe und der Zucht (2. Tim. 1, 7). Den Geist der Kraft, in einer letzten unerschütterlichen Klarheit und Wahr­heit an ihm zu hangen, an ihm und in ihm zu bleiben, obwohl, nein gerade weil wir uns selbst dazu ganz untauglich erkennen müssen. Den Geist der Liebe zu ihm, die des Gesetzes Erfüllung ist (Röm. 13, 10), weil sie uns mit allen Seinigen zusammen, einer des andern Last tragend (Gal. 6, 2) und also auch mit ihnen ver­bunden, auf seinen offenbarten Willen schauen läßt, wie die Braut auf den Bräutigam, obwohl, nein gerade weil wir in uns selbst weder die Liebe zu ihm noch die zu unserem Nächsten finden. Den Geist der Zucht endlich, die uns immer wieder gerade davor be­wahren wird, dieses „Obwohl“ und „Weil“ zu vergessen — zu vergessen, daß wir aus uns selbst zu unserem Verderben nach wie vor sein möchten wie Gott, wissend, was gut und böse ist, die uns also immer wieder zum Sehen und Hören auf ihn als unseren Erretter treiben wird. Diese Gabe des Heiligen Geistes ist keine Magie, keine Verzauberung. Wer sie so deuten kann, kennt sie nicht. Sie ist, ganz wunderbar aber auch ganz nüchtern, unsere Versetzung an den Ort und in den Stand von solchen, in deren Niederlage der Sieg des Evangeliums und damit ihre Rechtferti­gung und damit die Offenbarung des Gesetzes als „Gesetz des Geistes des Lebens“ wirklich geworden ist. Man wird die, die den Heiligen Geist haben, immer daran erkennen, daß sie sich selber als die Armen vor Gott erkennen. Diese Armen von Geistes wegen (Matth. 5, 3) sind es, denen das Evangelium und das Gesetz nicht umsonst, sondern zu ihrem Heil in ihre sündigen unreinen Hände gelegt ist, weil sie durch Christi für uns gekreuzigten Leib und sein für uns vergossenes Blut gespeist und getränkt und erhalten werden zum ewigen Leben.

Quelle: Karl Barth, Evangelium und Gesetz, Theologische Existenz heute, Heft 32, München: Christian Kaiser Verlag 1935.

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