Heinrich Vogel, Ich glaube an den heiligen Geist. 144 Thesen (1969): „53. Der heilige Geist beweist uns sich selbst, indem er an uns wirkt, uns als Gottes Eigentum versiegelt und uns auf den Kopf zusagt: „Menschen, ihr gehört Gott!“ / 54. Der heilige Geist ist das heiligende Feuer, verbrennendes und reinigendes, durchglühendes und belebendes, leuchtendes, ent­zündendes und erleuchtendes Feuer. / 55. Sein Gleichnis sind nicht Nebel und Wolke, sondern der Morgenstrahl der Sonne und der zündende Blitz.“

Als Heinrich Vogel für den November 1969 seine Vorlesungen zum Heiligen Geist am Gossner Theological College in Ranchi (Jharkand) plante, legte er seinem Brief an den damaligen Direktor Dr. Paul Singh vom 9. Juni 1969 folgende 144 Thesen zur Übersetzung in Hindi bei:

Ich glaube an den heiligen Geist. 144 Thesen

Von Heinrich Vogel

1. Wenn uns der Hauch des heiligen Geistes anweht, dann weht uns der Lebensatem Gottes selber an; denn der heilige Geist ist Gott selber, wie der Vater Gott selber ist, und wie der Sohn Gott selber ist.

2. Der heilige Geist heißt darum der heilige Geist, nicht weil wir ihn so nennen, sondern weil er vom Vater und vom Sohne ausgeht, und Gott in ihm selber lebt und webt.

3. Das Wesen des heiligen Geistes wird uns durch seinen Namen gewiesen: Er ist der Heiligmacher, der heiligt (sanctificator).

4. Der heilige Geist, durch den der Vater und der Sohn uns ein­wohnen, ist es, der uns die ewige Teilhabe an der Gemeinschaft des Vaters und des Sohnes und des Geistes in ihm selbst ver­heißt.

5. Der heilige Geist nimmt uns wohl hinein in die Einheit des Vaters und des Sohnes, aber er verwandelt das Geschöpf nicht in seinen Schöpfer, weder in der Zeit noch in der Ewigkeit.

6. In den Gott der Liebe ist ein ewiges Schenken; der heilige Geist ist es, durch den der Vater und der Sohn sich selber schenken und beschenken,

7. Der heilige Geist ist der Freudengeist, der uns an dem ewigen Jauchzen teilhaben läßt, das in Gott ist.

8. Der heilige Geist ist der Geist der Doxologie, d.h. der Ver­herrlichung Gottes, dessen göttliche Güte durch alle seine Werke verherrlicht sein will.

9. Das zwiefache Geheimnis des heiligen Geistes: daß er in Einem Geber und Gabe ist.

10. So wie der Sohn Gottes der Hohepriester und das Opfer in einem ist, so ist der heilige Geist der Geber, der sich selbst gibt.

11. Wenn der heilige Geist sich zur Gabe macht, hört er doch nicht auf, der Geber zu sein.

12. Derselbe heilige Geist, der den für uns Gekreuzigten und Gestor­benen vom Tode erweckte, ist der Schöpfer des neuen Menschen der Auferstehung zum ewigen Leben.

13. Der heilige Geist ist es, in dem der überreiche Gott, der aller Kreatur das Sein und Wesen schenkt, ja, in Christus sich selbst für uns dahin gab, sich uns schenkt.

14. Der Vater ist über uns, und der Sohn ist für uns, der Geist aber ist in uns, so aber, daß in allem ein und derselbe Gott mit uns ist als unser Herr und Gott.

15. Darum kann niemand Jesus Christus als Gottes Sohn, als seinen Heiland und Herrn erkennen, es sei denn, der heilige Geist macht das blinde Auge sehend und das taube Ohr hörend.

16. An Christus fällt die Entscheidung zwischen den Geist und den Geistern.

17. Der religiöse Mensch hält es auf seine leise mit dem Selbst. Auch der atheistische Mensch hält es auf seine Weise mit dem Selbst. Der heilige Geist aber hält es mit Jesus Christus.

18. Die Mystik des religiösen Menschen gründet die Hoffnung des Menschen zutiefst auf das menschliche Selbst, in dessen Urver­wandtschaft mit dem Göttlichen; der heilige Geist aber erschließt schenkt und verheißt uns die Gemeinschaft mit Gott allein durch Christus, in Christus und mit Christus.

19. An Jesus scheiden sich die Geister.

20. Der heilige Geist ist es, der Menschen Jesus suchen läßt, auch wenn sie noch nicht wissen, daß Jesus sie in Wahrheit sucht.

21. Die Ursünde wider den Geist ist die Verwechslung unseres eigenen Selbst mit dem heiligen Geist,

22. Der heilige Geist wirft uns in allem auf den Namen Jesu zurück.

23. Wer Jesus liebt, ist vom heiligen Geist getrieben, auch wenn er ihn noch nicht als den erkennt, der er ist.

24. Der heilige Geist schreibt den Namen Jesu als den Namen über alle Namen in das Herz.

25. Der heilige Geist Ist der Geist der Entscheidung, der uns unter das göttliche Entweder – Oder stellt: entweder Gott oder die Götter, entweder Gottes Wort oder die Mythen unserer Religio­sität, entweder der Glaube oder der Unglaube.

26. Über den heiligen Geist sollten wir nicht so viel reden, umso mehr aber um ihn beten.

27. Wer um den heiligen Geist betet, der betet darum, daß Gott sel­ber zu ihm komme, Gott selber zu ihm spreche, Gott selber an ihm wirke.

28. Der heilige Geist ist unverfügbar, unübertragbar, unvererbbar; er will erbeten sein.

29. Wir können den heiligen Geist nur haben, indem Er uns hat.

30. Derselbe heilige Geist, durch dessen Allmachtstat der Mensch in seine Existenz kam, indem Gott einer von uns wurde, ist der Schöpfer der neuen Kreatur,

31. Allein der heilige Geist ist Schöpfer, alle Geister sind Geschöpf.

32. Wo wir um den heiligen Geist beten, sollen wir gewiß sein, daß der heilige Geist es ist, der in uns und mit uns und für uns so betet,

33. Der heilige Geist legt uns den Vaternamen auf die Lippen und gibt uns den Mut, mit Gott zu reden, wie Kinder mit ihrem Vater reden.

34. Der heilige Geist ist es, der das Vaterunser mit uns betet wie eine Mutter mit ihrem Kind. Und derselbe Geist ist es, der auch das unaussprechliche Seufzen aus der Tiefe in Gottes gnädiges Gehör bringt.

35. Die Keuschheit des Geistes erfüllt jenes Kämmerlein, in den der Mensch nur von Gott gesehen wird, sich selbst und anderen aber verborgen bleibt.

36. Die Keuschheit im Geist geht immer in eins mit der Demut, nicht der selbstgemachten und selbsterquälten, sondern der durch den heiligen Geist gewirkten Demut.

37. Der heilige Geist ist es, der noch in unserem Verstummen vor Gott redet und noch in unserm Seufzen Gott lobt.

38. Der heilige Geist lehrt uns recht beten, Inden er uns zum Dan­ken und zur Fürbitte erweckt,

39. Er tritt vor Gott für uns ein, indem er unsere Sache zu seiner Suche macht; denn in Ihm wirkt derselbe in uns, der an unsere Stelle trat.

40. Daß Gott an unsere Stelle trat, das ist das Werk des Sohnes am Kreuz; daß Gott für uns eintritt, das ist das Werk des heiligen Geistes, der in uns einkehrt.

41. Der heilige Geist ist es, der den der Verwerfung Schuldigen er­wählt und den zum Tode Verurteilten freispricht, so wahr er uns das Werk dessen zuspricht, der von unserm Tode auferstand.

42. Der heilige Geist schenkt den Frieden, der höher ist als alle Vernunft, als aller Widerstreit und Widersinn unseres Denkens.

43. Der heilige Geist verteidigt uns gegen jeden äußeren und inneren Feind und auch noch gegen uns selbst.

44. So wahr der heilige Geist sich bis in die letzte Höllentiefe unserer Existenz hinabläßt, kommt er doch immer von oben und niemals von unten, nicht aus dem Abgrund der Welt oder den Tiefen unseres Selbst.

45. Der heilige Geist erwählt den Kerker unseres Selbst zum Thronsaal, in dem Gott einkehrt und regiert.

46. Der heilige Geist ist der Mut der von Gott Gedemütigten, der Trost der an sich selbst Verzweifelnden, der Anwalt der von Gott, von der Veit und von sich selbst Verklagten.

47. Der heilige Geist lehrt mich die Flucht von Gott zu Gott, von dem zürnenden zu dem erbarmenden Gott.

48. Der heilige Geist gibt sein Geheimnis nicht preis an die Ver­suche unseres Geistes, der ihn in der Höhe oder in der Tiefe zu erreichen sucht.

49. Gottes Geist existiert nur in der Einzahl; alles, was sich Geist nennt und in der Mehrzahl erscheint, ist nicht der heilige Geist.

50. Darum sollen wir ja nicht die Geister mit dem heiligen Geist verwechseln, aber euch nicht selber einen Geist in und über allen Geistern als göttlich dichten und denken.

51. Der Animismus wähnt über und in all den Geistern, die den Dschun­gel der menschlichen Existenz erfüllen, einen alles durchwalten­den Geist des Göttlichen; der heilige Geist aber befreit uns durch Christus, den Befreier, ebenso von dem Terror der Dämonen wie von der Ausflucht zu einem von uns ersehnten und erdichteten Geist.

52. Der heilige Geist, der durch das Wort die Welt Gottes aus dem nichts in ihr Sein und Leben rief und ruft, ist der Schöpfer aller Dinge, nicht aber ein allbeseelendes und alldurchwaltendes Prinzip.

53. Der heilige Geist beweist uns sich selbst, indem er an uns wirkt, uns als Gottes Eigentum versiegelt und uns auf den Kopf zusagt: „Menschen, ihr gehört Gott!“

54. Der heilige Geist ist das heiligende Feuer, verbrennendes und reinigendes, durchglühendes und belebendes, leuchtendes, ent­zündendes und erleuchtendes Feuer.

55. Sein Gleichnis sind nicht Nebel und Volke, sondern der Morgenstrahl der Sonne und der zündende Blitz.

56. Das Geheimnis des heiligen Geistes ist ein Zwiefaches: er schlägt ein wie der Blitz und kann doch wohl, tun wie sanftes Licht.

57. Der Sturm des heiligen Geistes ist viel tausendmal stärker als die Kraft, die Felsen sprengt und Sonnen explodieren läßt; und dennoch ist sein Wehen leiser als ein Grashalm wächst.

58. Das Feuer des heiligen Geistes fällt von oben herab und ist nicht zu verwechseln mit irgendeinem in uns brennendem Feuer unseres Enthusiasmus.

59. Dies sind Werke des heiligen Geistes: er erweckt zum Leben, und er tut das darin so göttlich, daß er den neuen Menschen erweckt, indem er den alten Menschen tötet.

60. Er tröstet, wie nur Gott trösten kann; denn indem er straft, wie nur Gott strafen kann, tröstet er, wie nur Gott trösten kann.

61. Der heilige Geist ist der Reichtum der im Geiste Armen.

62. Der heilige Geist sättigt den Hunger, den er hervorruft, und stillt den Durst, den er weckt.

63. Die Früchte des Geistes wachsen von selber durch Gottes Gnade, während die Machwerke unseres Geistes im Zeichen unserer Überan­strengungen stehen und unserer Selbstquälerei ebenso verfallen wie unserer Selbstüberhebung.

64. Der heilige Geist läßt den von ihm gepflanzten Baum die Früchte bringen, als da sind: Demut, Sanftmut und Freimut, Mitmenschlichkeit und Menschenfreundlichkeit, Heiterkeit des Geistes, Mit­leiden und Mitfreuen, Mitschweigen und Mitdenken, Mitbeten, Fürbitten, Mitlieben und Mitloben.

65. Zu den Früchten des Geistes gehört die Keuschheit, weil der heilige Geist der Geist der Liebe ist, die nicht das Ihre sucht.

66. Die Keuschheit im Geiste wirkt der heilige Geist, indem er uns nicht auf uns selbst, sondern auf Gott sehen läßt.

67. Die Wahrheit des heiligen Geistes deckt sich nicht mit unserer eigenen Erfahrung und will auch nicht durch sie gedeckt seins wohl aber will sie so erfahren werden, daß sie uns durch und durch erfaßt.

68. Der heilige Geist ist es, der uns der Selbstverurteilung und der Selbstrechtfertigung entreißt, indem er den von Gott Verurteilten in Jesus Christus freispricht.

69. Der heilige Geist ist der wahre Psychoanalytiker und Therapeut. er scheidet selbst zwischen Seele und Geist und macht den vor Gott sich versteckenden Menschen vor dem Angesicht des gnädigen Gottes offenbar.

70. Der heilige Geist ist nicht identisch mit dem Geist unseres Ge­wissens, und sein Urteil bringt auch unsere Selbstbeurteilung in das Licht des rettenden und begnadigenden Tortes Gottes.

71. Der heilige Geist ist das Leben unseres Lebens, und dennoch läßt er sich in kein Erlebnis einfangen und darin beschreiben.

72. Die Geistesgaben sind nicht der Geist, sondern Geschenke seiner Gnade.

73. Der heilige Geist ist nicht ein wortloser und stummer Geist, wie Gott selber in sich selber nicht ein wortloser und stum­mer Gott ist.

74. Der heilige Geist ist mit dem Wort Gottes verbündet, das will sagen, mit dem Port der Schrift, die Jesus als den Christus kundtut.

75. Derselbe heilige Geist, durch den Gott Mensch wurde, ist es, der das Wunder des Wortes Gottes im Menschenmund von Propheten und Aposteln wirkte.

76. Das Wort ist die Schwinge des Geistes, mit der er fliegt, ist das Schiff, dem er seine Pracht anvertraut, ist der Fuß, auf dem er geht, ist der Arm, mit dem er wirkt, ist der Mund, durch den er spricht.

77. Das Bündnis des heiligen Geistes mit der Schrift ist unlöslich bis auf den Tag, wo es keiner Schrift mehr bedarf, und wir die Sprache Gottes unvermittelt zu hören vermögen.

78. Kenn du die Stimme des Geistes hören willst, so darfst du ja nicht in dich selbst hinein lauschen, sondern mußt in die Schrift hinein horchen, am besten so, daß du ihre Worte laut vernimmst.

79. Der heilige Geist macht sich zum Zeugen Gottes in uns und so zum Geist der Gewißheit.

80. Der heilige Geist schafft immer durch das Wort aus dem Nichts, ohne irgendwelche Voraussetzungen und Vorbedingungen für sein göttliches Wirken.

81. Der heilige Geist ist es, der uns in Jesus, wie ihn das Heue Testament bezeugt, den Christus erkennen läßt, der im Alten Testament verheißet) und erwartet wird.

82. Der heilige Geist ist der wahre Ausleger der Schrift, indem er uns auf Christus als ihr Zentrum und ihr Licht weist.

83. Der heilige Geist kommt über die auf Gott Wartenden, deren Warten er selbst hervorruft, auch wenn sie es nicht wissen,

84. Es sind immer taubstumme Menschen, die der heilige Geist zu Hörern und Predigern von den großen Taten Gottes macht.

85. Der heilige Geist läßt uns nicht zuerst danach fragen, wie Gottes Wort uns verstehbar wird, sondern was es uns sagt.

86. Der heilige Geist sammelt die eine Herde um den einen Hirten, der im Wort und Sakrament mit den Seinen spricht, sich ihnen vergegenwärtigt und schenkt.

87. Der heilige Geist sammelt das erwählte, durch Christus zu eigen erworbene und gewonnene Gottesvolk aus allen Völkern bis auf den Tag der mit dem kommenden Herrn kommenden Gottesstadt.

88. Der heilige Geist heilt auch heute noch die große Sprachverwir­rung darin, daß er Menschen der verschiedensten Herkunft und Heimat in demselben einen Namen des für uns alle Gekreuzigten und Auferstandenen eint.

89. Der heilige Geist leidet es nicht, daß das Volk des neuen Bun­des sich von dem Volk des alten Bundes lossagt.

90. Der heilige Geist schafft und schenkt Einheit und läßt uns aller Selbstabsonderung, sei sie rassischer, nationaler, kultu­reller oder religiöser Art, widerstehen.

91. Der heilige Geist ist als der Schöpfer der Kirche auch das Leben und Wachstum des Leibes Christi bis zur Erreichung seines voll­kommenen Alters.

92. Der heilige Geist realisiert als 4er Schöpfer des neuen Menschen die Einleibung der Glieder in den Leib Jesu Christi, welcher ist die Kirche.

93. Der heilige Geist heiligt uns, indem er uns in der Gemeinschaft der Sünder leben läßt, die aus der Vergebung ihrer Sünden leben.

94. Wenn wir hören:“ Der Herr ist der Geist ”, so müssen wir das in eins hören mit dem Bekenntnis „Jesus Christus der Herr.“

95. Wenn wir hören, daß „der Herr der Geist“ ist, so ist uns darin beides gesagt, sowohl daß es der Herr ist, der uns durch den Geist von der Versklavung unter den tötenden Buchstaben des Ge­setzes befreit, wie daß es der Geist ist, der die befreiten Kin­der Gottes regiert.

96. Der heilige Geist macht mich im Glauben gewiß, daß Gott mit mir seinen neuen Anfang zum ewigen Leben macht, als ich auf Seinen Namen, den Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes getauft und dem Leibe Christi eingegliedert wurde.

97. Der heilige Geist macht mich im Glauben gewiß, daß ich in und mit der Gemeinde Jesu Christi Ihn, den für uns Gekreuzigten und leiblich Auferstandenen selber empfange, indem ich das von ihm gesegnete Brot und den von ihm gesegneten Wein empfange.

98. Der heilige Geist ist der wahre Prediger der Kirche, deren Hede ohne Ihn nur eitles Gerede über Gott und frommes Geschwätz ist.

99. Der heilige Geist macht uns zu Hörern des Wortes Gottes, nicht aber zu diskutierenden Schwätzern über Gott und göttliche Dinge.

100. Der heilige Geist macht uns Gott durch das Wort nicht zum Pro­blem, sondern zum Herrn.

101. Der heilige Geist ist der wahre Liturg und Prediger der hörenden und anbetenden Gemeinde.

102. Der heilige Geist verbindet den Gottesdienst unlöslich mit dem Nächstendienst.

103. Der heilige Geist bewahrt uns vor dem Kurzschluß, den Gottes­dienst durch den Nächstendienst ersetzen zu wollen und damit zu vergessen, aus welcher Wurzel der Baum, der Früchte bringen soll, erwächst.

104. Der heilige Geist läßt uns zu Gott sprechen: „Ich danke dir“ und „Ich liebe Dich“ und „Ich bete Dich an“, aber so, daß dieses Ich in eins geht mit dem: „Wir danken Dir“ und „Wir lieben Dich“ und „Wir beten Dich an.“

105. Der heilige Geist befreit uns aus dem Kerker, in dessen Spiegel­wänden wir dazu verdammt sind, ewig nur uns selbst zu sehen.

106. Der heilige Geist schließt das Ich ein in das Wir; aber er läßt den vor Gott Einzelnen sich nicht auflösen in ein Kollektiv.

107. So wahr Gottes Gnade im Gericht mir gilt, so wahr schließt sie mich mit dir zusammen und lehrt uns beten:
Vater-Unser.

108. Der heilige Geist lehrt uns, für Gottes Sache, Gottes Werk und Reich in dieser Veit zu hoffen und diese Hoffnung In der Liebe zu praktizieren.

109. Der heilige Geist läßt uns danken, indem wir lieben, und lieben, indem wir danken.

110. Der heilige Geist deckt zu, wo er aufdeckt.

111. Venn Gott selbst durch den heiligen Geist die Verteidigung seines Volkes übernommen hat, so darf und soll sein Volk es unterlassen, sich selbst zu verteidigen und zu rechtfertigen, als ob es auch nur ein Volk unter Völkern oder gar nur eine Partei unter Par­teien wäre.

112. Der heilige Geist hält es mit dem Kreuz und leidet es nicht, das Kreuz umzuschmieden in ein Schwert.

113. Als der Geist der getrösteten Verzweiflung ist der heilige Geist der Todfeind der Resignation, in der wir nicht mehr hoffen und nicht mehr lieben.

114. Der heilige Geist läßt uns den Mitmenschen immer mit Christus zusammen scheu und Christus mit den Mitmenschen,

115. Der heilige Geist ist weder der Geist der Restauration noch der Revolution, sondern der Reformation»

116. Der heilige Geist ist der Feind der Resignation, wie er der Feind der Selbstsucht ist»

117. Der heilige Geist läßt uns in jedem Menschen, auch in dem Athei­sten, einen Menschenbruder sehen, den Gott in Christus nicht weniger geliebt hat als mich selbst.

118. Von heiligen Geist sollen und dürfen wir erbitten, daß eine alle Christen umfassende Ökumene sein Instrument für die Einigung der zerstreuten und getrennten Glieder des Leibes Christi werde.

129. Der heilige Geist bewahrt uns davor, die Einigung der Christen auf Kosten der Wahrheit des Wortes Gottes betreiben zu wollen.

120. Der heilige Geist regiert und durchwaltet nicht nur die sichtbare sondern auch alle unsichtbare Kreatur und bringt uns in die Ge­meinschaft mit allen Engeln und allen Seligen.

121. Wo der heilige Geist weht, da weht uns der Atem des kommenden Herrn an.

122. Der heilige Geist ist der Brautgeist der auf ihren Herrn war­tenden Adventsgemeinde.

123. Der heilige Geist hält die Hoffnung auf das herrliche Kommen Jesu Christi durch alle Anfechtungen der Zwischenzeit hindurch wach.

124. Der heilige Geist ist der Geist der Zukunft Gottes, die nie vergeht und niemals zum Vergangenen wird.

125. Der heilige Geist ist der Geist der Hoffnung, und wer nicht mehr hofft, der lebt geistlos, der stirbt dahin.

126. Wo der heilige Geist mit einem Tröpflein unsere Zunge netzt, ist sein Meer zur Stelle.

127. Der heilige Geist lehrt uns, daß das, was Gott uns zugedacht hat und zusagt, größer ist auch als alles, was wir für gottesmöglich halten.

128. Der heilige Geist ist es, der die Vorfreude auf die ewige Seligkeit in uns schafft, nicht wie unsere religiöse Selbst­sucht sie erträumt, sondern weil Gott in Christus sie uns schenkt und verheißt.

129. Der heilige Geist läßt uns nach der ewigen Seligkeit trachten, nicht weil wir Menschen der Todesfurcht in einem unstillbaren Durst ein unendliches Leben für uns selbst fordern, sondern weil der selige Gott uns zu Teilhabern seines seligen, ewigen Lebens haben will.

130. Der zukünftige Mensch, den der heilige Geist in der zukünftigen Welt Gottes heraufführt, wenn der Christus in seiner Herrlich­keit körnt, ist in den gegenwärtigen Menschen nicht einmal ahnungsweise zu sehen.

131. Der heilige Geist läßt uns damit rechnen, daß die uns zugedachte Zukunft alle Möglichkeiten unseres Dankens und unserer Vorstellungskraft übersteigt.

132. Wir dürfen ja nicht zu gering von unserer Zukunft denken, sonst würden wir von Gott und seiner überschwenglichen Verhei­ßung zu gering denken.

133. Der heilige Geist holt uns von der Flucht in ein egoistisch erträumtes und erdichtetes Jenseits zurück in unsere Verant­wortung für die diesseitige Not unseres Mitmenschen.

134. Der heilige Geist sprengt das selbsterwählte Gefängnis unseres diesseitigen Denkens und eröffnet uns die ewige Weite des Reiches Gottes.

135. Der heilige Geist bewahrt uns vor dem trügerischen Wahn, die vollkommene Gemeinschaft aller Menschen mit menschlichen Mitteln im Zeichen menschlicher Ideologie und lischt heraufführen zu können.

136. Wiederum rückt uns der heilige Geist jede noch so fragwürdige mitmenschliche Gemeinschaft unter das Licht der verheißenen, wahren und vollkommenen Gemeinschaft im kommenden Reiche Gottes.

137. Der heilige Geist verwandelt alles in Danken, sei es noch so leise und verborgen, und werde es erst in der Auferstehung offenbar.

138. Alle Gesänge der Kirche in dieser Zeit sind nur ein lallendes Gleichnis der zukünftigen Doxologie in der neuen Welt Gottes.

139. Der heilige Geist befreit uns zu dem Lachen der Versöhnten und erlaubt uns dennoch das Weinen und Mitweinen derer, die ihr Herz vor Gott ausschütten dürfen.

140. Der heilige Geist läßt Gottes Kinder unter den Augen ihres Va­ters spielen, singen und tanzen.

141. Wenn die neue Kreatur in ihrem neuen Sein und Wesen offenbar wird, dann wird der heilige Geist die Sprache der Menschen Got­tes in Gesang und ihren Gang in Tanz verwandeln.

142. Der heilige Geist lehrt uns, das Jüngste Gericht so zu fürchten, daß wir auf die jüngste Gnade vertrauen.

143. Der heilige Geist läßt uns dem Richter des Jüngsten Tages als dem an unser aller Stelle gerichteten Richter entgegen gehen und darum auf Ihn hoffen, indem wir für einander hoffen.

144. Alles, was vom heiligen Geist zu sagen ist, ist von Christus zu sagen, ja, alles von Gott selbst.

Amen.

Maschinenschriftliches Typoskript von 1969

Quelle: Archiv der Gossner Mission im Evangelischen Landeskirchlichen Archiv in Berlin, Signatur Gossner_G1_0221, Aktenzeichen 1/26/2, Titel: Besuche von Kirche zu Kirche. Deutschland – Indien, Laufzeit 1966-1969.

Hier der Text als pdf.

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