Heinrich Vogel, Der priesterliche Dienst der Kirche an der Welt als Überwindung des kalten Kirchenkrieges (1962): „Das Mißtrauen, die Unterstellung falscher Motive, der Ruf-Mord, die Verketzerung und die Verteufelung des anderen erwachsen aus der mit der Selbstrechtfertigung gegebenen Wurzel des kalten Kirchenkrieges.“

Der priesterliche Dienst der Kirche an der Welt als Überwindung des kalten Kirchenkrieges

Von Heinrich Vogel

Liebe Brüder!

Einige unter Ihnen werden sich an jene Warschauer Tagung vor drei Jahren erinnern, auf der es um die Frage ging: „Wie gewinnen wir den Frieden?“. Damals bereits erschien es uns notwendig, den Phänomenen des kalten Kirchenkrieges unsere besondere Aufmerk­samkeit zu widmen, in der Erkenntnis, daß der kalte Kirchenkrieg in einer besonders gefährlichen, nämlich getarnten Weise der Dä­monie des Kalten Krieges verhaftet ist

So war eine ganze Gruppe jener, der Warschauer Konferenz von mir damals vorgelegten 42 Thesen der Frage nach dem kalten Kir­chenkrieg gewidmet, nach seinem Charakter und seinen Erschei­nungsformen. nach seiner Wurzel, seinem Wesen und seiner Über­windung. Ich darf Ihnen zunächst einige jener Sätze in die Erinne­rung rufen, um dann den Versuch zu machen, in der Frage der Über­windung des kalten Kirchenkrieges angesichts der gegenwärtigen Situation die Erkenntnis des Problems, wenn möglich, einen Schritt voranzutreiben.

Hören Sie die wichtigsten jener Thesen: Der kalte Kirchenkrieg ist der in christlicher Maskierung geführte Krieg zwischen Wahr­heitsbesitzern, die sich in ihrem Wahrheitsbesitz selbst rechtfertigen wollen. Kalte Kirchenkriege sind der Versuch, mit den Mitteln der Verketzerung und Verleumdung den Gegner als Wahrheitsfeind zu brandmarken und auszuschließen.

Im kalten Kirchenkrieg wird die Kirche als eine Partei der From­men unfähig, ihr Nein zur Gottlosigkeit aus der christlichen Soli­darität mit dem gottlosen Bruder zu sprechen, für den Christus auch gekreuzigt und auferstanden ist.

Das Mißtrauen, die Unterstellung falscher Motive, der Ruf-Mord, die Verketzerung und die Verteufelung des anderen erwachsen aus der mit der Selbstrechtfertigung gegebenen Wurzel des kalten Kirchenkrieges.

Der kalte Kirchenkrieg überantwortet die Kirche, die doch der Leib ihres Herrn sein dürfte, der inneren Sepsis und macht ihr Friedenszeugnis vor der Welt unglaubwürdig.

Die Überwindung des kalten Kirchenkrieges erfolgt allein da. wo wir uns von dem Frieden Gottes überwinden lassen, der, in Christus als einem von uns, auch den Fluch des kalten Kirchenkrieges am Kreuz auf sich genommen hat.

Es gibt keine Überwindung des kalten Kirchenkrieges ohne das Wagnis neuen Vertrauens und ohne die Bereitschaft, sich neben den verfemten Bruder auf eine Bank zu setzen.

Es gibt keine Überwindung des kalten Kirchenkrieges ohne die Bereitschaft, eigene Verschuldung zu bekennen und fremde zu ver­geben.

Die Liebe, durch die der kalte Kirchenkrieg überwunden wird, stößt durch alle Schemata und Zerrbilder zu der Wirklichkeit des Bruders vor. den sie in der Anonymität religiöser oder weltlicher Kollektive zu entdecken weiß.

In der Überwindung des kalten Kirchenkrieges wird die Kirche frei gemacht zu ihrem Friedensdienst an der Welt.

Wenn es denn nicht meine Aufgabe sein kann, die Erläuterung dieser Sätze in ihrem Zusammenhang zu wiederholen, so lassen Sie mich genau bei der letzten These einsetzen und fortfahren- Diese These zielt auf den Friedensdienst der Kirche an der Welt, und zwar eben durch ihre Befreiung von dem sie vergiftenden und lähmenden Unwesen des kalten Kirchenkrieges. Die These verträgt nun aber auch eine höchst sinnvolle Umkehrung! Dann lautet sie:

In dem priesterlichen Dienst der Kirche für die Welt und ihren Frieden widerfährt der Kirche Befreiung vom kalten Kirchenkrieg.

Gerade indem die Kirche nicht sich selbst und ihrer Selbsterhal­tung zugewandt ist, sondern als Kirche für die Welt sich an den Dienst für die Welt hingibt, wird sie mit der Überwindung des kal­ten Kirchenkrieges gesegnet.

Um das recht zu verstehen, werden wir uns auf das Zentrum. das heißt aber auf den einen Hohenpriester der Kirche und seinen Opfer­dienst für die Welt zu besinnen haben. Im Unterschied und im Ge­gensatz zu allem Priesterwesen und Opferkult, auch der Zeit des Alten Testamentes, verkündigt uns der Hebräerbrief Jesus Christus als den Einen, der in einer Person Priester und Opfer zugleich ist. Er selbst ist das Opfer, das er bringt.

Sein Opfer ist aber keineswegs zuerst und eigentlich Opfer für die Kirche, sondern in allumfassender Kraft für die Welt. Er ist ja, wie wir im 1. Johannesbrief hören, „die Versöhnung für unsere Sünden, nicht allein aber für die unseren, sondern auch für die der ganzen Welt“ (1.Joh. 2,2). Ja, er ist der, von dem der Kolosserbrief sagt: „Es war das Wohlgefallen der ganzen Fülle“ (der Gottheit), „in ihm zu wohnen und durch ihn alle Dinge zu ihm hin zu versöhnen, indem er Frieden machte durch das Blut seines Kreuzes, durch sich selbst, sei es die Dinge auf der Erde, sei es die im Himmel“ (Kol. 1,19-20).

Derselbe ist es, dem der lapidare, das ganze Evangelium in sich beschließende Satz gilt: „Er ist unser Friede“ (Eph. 2,14). Der Friede ist er als der, der „aus beiden eines gemacht hat und die Zwischen­wand der Umzäunung abgebrochen hat“ (ebendort) – nicht nur zwi­schen Israel und den Heidenvölkern, sondern in der Kraft der Ver­söhnung zwischen allem, was Mensch heißt.

Die Kirche, die sein Leib ist, hat ihren Ursprung und ihr Leben allein durch diese seine Selbsthingabe. Sie lebt von seinem hohen- priesterlichen Dienst, davon, daß er trotz allem und in allem für sie eintritt. Das für unsere Frage nach der Überwindung der schreck­lichen Sünde des kalten Kirchenkrieges Entscheidende ist nun aber die Erkenntnis. Haß die Kirche dieses Hohenpriesters nur als eine priesterliche Kirche Kirche sein kann.

Unter dem Priesterlichen denken wir hier nicht etwa an das prie­sterliche Amt innerhalb der Kirche, nicht einmal an das Priestertum aller Gläubigen im Gegensatz zu jeder hierarchischen Monopolstel­lung, sondern an die priesterliche Aufgabe und Lebensfunktion der ganzen Kirche und aller ihrer Glieder und Amtsträger im Dienst an der Welt.

Dieser Dienst ist bestimmt durch den Auftrag, einer Gott verfein­deten und verlorenen Welt den Frieden Gottes im Namen dessen zu verkündigen, der selbst, er, der Gekreuzigte und Auferstandene, der Friede Gottes für die Welt, für uns alle ist. Wenn diese Aufgabe die gesamte Kirche bis zum letzten Glied und bis zur letzten Faser des Leibes Jesu Christi in Anspruch nimmt, nicht nur im Wort und im Gebet, sondern in Opfern der Liebe und Taten des Friedens, so gilt es für unsere Frage nach der Überwindung des kalten Kirchen­krieges eines zu unterstreichen:

Eine introvertierte Kirche verfällt dem kalten Kirchenkrieg; eine der Welt dienend zugewandte Kirche überwindet den kalten Kir­chenkrieg, eben indem sie nicht sich selbst zugewandt ist. Alles, was in jenen früheren Thesen von dem Krieg zwischen kirchlichen Wahr­heitsbesitzern und ihrer Selbstrechtfertigung, von der Verfälschung der Kirche in eine fromme Partei, von ihrer Verhaftung an das Freund—Feind—Schema und die zugehörigen Methoden gesagt wurde, steht im Zeichen der Introvertierung! Die Sünde hat nicht nur die Gestalt des individuellen amor sui ipsius, jener Selbstliebe des auf sich verkrümmten Menschen, die Martin Luthers Predigt und Lehre in der Wurzel angriff.

Es gilt, auch die Kirchensünde eines amor sui ipsius ecclesiasticus. einer Selbst-Liebe der Kirche zu erkennen, die denn freilich eben damit das Wesen und den Auftrag der Kirche verleugnet. Als intro­vertierte Kirche verleugnet die Kirche die. wenn es so ausgedrückt werden darf, extravertierte Wahrheit Gottes, der in dem Christus für uns sich der Welt als der Gott für uns zugewandt hat und Schenkt.

Die sich selbst zugewandte, ihrem Selbst-Interesse, ihrer Selbst­erhaltung, Selbstverteidigung, Selbstbehauptung und Selbstrecht­fertigung verfallene Kirche muß den Dämonen des kalten Kirchen­krieges zum Opfer fallen. Wo nämlich jenes Lebenselement des „Für die Welt“ verleugnet wird, tritt das Todesgesetz des „Gegen“ in Kraft, und zwar nun so. daß es in der Kirche selbst zu wirken und zu wüten beginnt. Ich erinnere an Religionskriege und Konfessions­kämpfe. an den Streit zwischen kirchlichen und theologischen Ismen und an die Methodik, mit der der Kampf um die Wahrheit des Ge­kreuzigten immer von neuem geführt wurde.

Von diesen Erkenntnissen aus fallt ein verheißungsvolles Licht auf den Dienst der Kirche an dieser unserer Welt, insbesondere aber auch auf die Aufgabe, an die wir als Mitglieder einer christlichen Friedenskonferenz gerufen sind. Man wird leider nicht sagen kön­nen, daß der kalte Kirchenkrieg aufgehört hätte! Ich brauche nur daran zu erinnern, welche unheilvolle Bedeutung immer noch jene Identifikation zwischen christlichem Glauben und Antikommunis­mus weithin hat.

Ich darf freilich auch nicht verschweigen, daß umgekehrt im Zei­chen der Synthese von Christentum und Sozialismus oft genug eine Diffamierung derer erfolgt, die sich dem Glauben an eine sozialisti­sche Zukunft nicht verschreiben können und denen dann nur zu leicht materialistische und militaristische Motive unterstellt werden. Die Phänomene des kalten Kirchenkrieges finden sich ebenso wie die Phänomene des Kalten Krieges überhaupt nicht nur auf einer Seite unseres Globus.

Dabei müssen wir uns freilich darüber klar sein, daß die größere Versuchung gerade für die Christenheit heute da liegt, wo die Ab­lehnung der atheistischen Weltanschauung mit der Ablehnung des Sozialismus identifiziert wird- Gerade diese Identifizierung macht uns unfähig, auf den anderen zu hören und aus der Buße eine wirk­liche Antwort auf die notvollen Fragen der gegenwärtigen Mensch­heit zu finden.

Viel wichtiger als die Aufdeckung der Phänomene im einzelnen erscheint mir nun der Hinweis auf erste Anzeichen einer Überwin­dung des kalten Kirchenkrieges. Das kann freilich nur mit der sofort laut werdenden Warnung geschehen, es nicht so zu verstehen, als ob wir in der Lage wären, auf sichtbare Phänomene des Reiches Gottes und seines Friedens direkt hinweisen zu können. Unter diesem Vor­behalt wage ich zu sagen, daß die große ökumenische Kirchenkon­ferenz in Neu Delhi einen Schritt zur Überwindung des kalten Kir­chenkrieges in unserem von soviel Angst und Haß erfüllten Jahr­hundert bedeuten könnte.

Insbesondere denke ich dabei an die Aufnahme der Orthodoxen Kirche in die Gemeinschaft der Ökumene. Gewiß hat es gerade bei uns in Deutschland leider nicht ganz an Stimmen der Skepsis und des Mißtrauens gegen jenen kirchengeschichtlich bedeutungsvol­len Vorgang gefehlt; dominierend war und ist aber doch die große gemeinsame Freude über die brüderliche Gemeinschaft, die dort Ereignis wurde.

Wenn man an all die Mauern und Mißverständnisse, all die Mißdeutungen und Zerrbilder denkt, die etwa zwischen den Kirchen des Abendlandes und den Kirchen der Orthodoxie bis noch an die Schwelle unserer Zeit kräftig waren, so kann man sich nicht genug wundem und freuen, daß dem „kalten Kirchenkrieg” ein solch offen­siver Stoß der Liebe versetzt wurde, wie es die Teilnehmer an der Versammlung in Neu Delhi bezeugen.

Und nun möge es nicht im Sinne einer selbstgefälligen Interpre­tation unserer allchristlichen Friedensbewegung gehört werden, wenn ich zu sagen wage, daß unsere Aufgabe und unser Dienst ihrem Wesen nach der Überwindung des kalten Kirchenkrieges zu dienen hat und dienen durfte. Indem wir gemeinsam an eine Sache gerufen wurden, in der wir nicht mit uns selbst, auch nicht mit unse­rer Gemeinschaft, sondern mit der Sache und Not der nach Frieden hungernden Welt befaßt waren, wurde uns Gemeinschaft, erquickende Bruderschaft geschenkt nach der Weise: „Solches wird euch alles zufallen“.

Es ist ja seltsam damit bestellt: Wenn Menschen gemeinsam einen Brand zu löschen suchen, werden sie darüber zu Brüdern. Wenn sie aber das Problem der Bruderschaft bei sich und unter sich isoliert zu bewältigen suchen, enden sie womöglich als Feindet Wenn unser Herr Christus uns denn zu Brüdern gemacht hat, indem er als unser Bruder unser Retter wurde, so laßt uns unsere Bruderschaft be­währen im Dienst an den Mitmenschen, die er seine Brüder nennt, wenn anders er sie nicht weniger geliebt hat als uns. Der brüder­liche Dienst wird der priesterliche Dienst sein. Einer priesterlich der Welt dienenden Kirche aber wird die Überwindung des kalten Kirchenkrieges zufallen wie von selber.

Referat für die Tagung des Komitees der Christlichen Friedenskonferenz in Karlovy Vary im Mai 1962.

Quelle: Ruf und Antwort. Festgabe für Emil Fuchs zum 90. Geburtstag, Leipzig: Koehler & Amelang, S. 369-374.

Hier der Text als pdf.

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