Karl Barth über den kirchlichen Verlautbarungsaktionismus in seiner Kirchlichen Dogmatik: „Der vielberufene und viel betätigte «Öffentlichkeitsanspruch» der Kirche ist an sich auch eine gute Sache. Es will aber wieder wohl überlegt sein, mit was man eigentlich an die Öffentlichkeit will? Doch nicht mit ungeprüft übernommenen alten christlichen Schlagworten und doch auch nicht mit neuen Forderungen und Programmen, die man vielleicht gar nicht darauf angesehen hat, ob sie nicht möglicherweise mehr säkular als christlich, oder mehr katholisch als evangelisch sein möchten!“

Über den kirchlichen Verlautbarungs- und Tagungsaktionismus

Von Karl Barth

Es gibt nämlich wenig Dinge, die der heutige, von der modernen europäisch-amerikanischen Kultur und Zivilisation geprägte Mensch – dem übrigens der Sowjetmensch unter anderem Vorzeichen nur zu ähnlich zu werden droht – sich einzuprägen so nötig hätte wie dies: daß er es, um vor Gott und für sich selbst am Leben zu bleiben, koste es, was es wolle, mit der Ruhe halten sollte. Es ist ja merkwürdigerweise so, daß er sich durch all die erstaunlichen Intensivierungs-, Vervielfältigungs- und Beschleunigungsmöglichkeiten, die er sich in der immer aufsteigenden Entwicklung seiner Arbeitstechnik zu verschaffen gewußt hat, als arbeitender Mensch bis jetzt ganz und gar nicht hat entspannen, erleichtern und befreien, zur Entkrampfung, zur sinnvollen Zerstreuung und eben damit zu rechter Arbeit hat veranlassen und anleiten lassen. Im Gegenteil: alle diese neuen Möglichkeiten haben ihn bis jetzt nur dazu veranlaßt, sich von dem immer beschleunigten Tempo seiner Maschinen und Apparate seinerseits immer mehr Tempo diktieren, sich von ihnen gewissermaßen vor sich her treiben, jagen, hetzen zu lassen. Er hat sich von ihnen in ein zunehmendes Arbeitsfieber versetzen lassen, und wenn es noch nicht ausgemacht ist, ob dieses Fieber sich nicht später einmal als der Durchgang zu einer neuen, erhöhten Gesundheit erweisen könnte, so könnte es doch auch so sein und es ist eigentlich mehr, was eben darauf hinweist – daß der Patient eines Tages daran zugrundegehen wird, daß es das Symptom eines nahenden enormen Unterganges mindestens einer ganzen menschlichen Kulturstufe ist. Es könnte sein, daß es nicht mehr lange so weitergeht. Daß das, was der neuzeitliche Mensch in diesem zunehmenden Fieber bis jetzt geleistet hat, sehr erfreulich und hoffnungsvoll sei, wird man jedenfalls nicht behaupten können. Ich möchte dafür zwei Beispiele anführen. – Die Frage mag bei beiden offen bleiben, ob es sich dabei um Vorgänge am Rande und nicht vielmehr gerade in der Mitte des modernen Arbeitslebens handelt. […]

Das zweite Beispiel[1] sind die protestantischen Kirchen der Gegenwart. Sie haben die bewußte Entwicklung in ihrer Weise auch mitgemacht. Eine laudatio temporis acti hätte hier noch weniger Sinn als sonst. Es war schon am Platz, daß die protestantischen Kirchen sich aus dem Dornröschenschlaf der konservativen Fortsetzung einer jahrhundertealten Routine, in dem sie so lange dahingedämmert hatten, aufwecken ließen, um sowohl in der Gestaltung ihres Gemeindelebens wie in der ihres Verhältnisses zu ihrer Umgebung neue Wege und bessere Methoden zu suchen. Die technischen Möglichkeiten unserer Zeit haben auch ihnen dazu den Anreiz und die Mittel geboten und sie haben es – etwas spät aber eifrig – gelernt, von ihnen Gebrauch zu machen. Es wird heute sicher auch in ihrem Bereich unverhältnismäßig viel mehr, intensiv und extensiv mit einem ganz anderen Eifer und Tempo gearbeitet als vor 100 und 150 Jahren. Was sind sie für Ameisenhaufen geworden! Wie haben sie ihre soziale Hilfs- und Fürsorgetätigkeit ausgebaut! Wie ganz anders als einst beschäftigen sie sich heute mit der heranwachsenden Jugend und mit der Männerwelt! Wie hat es die Kirche verstehen gelernt, nicht nur sich selbst durch die Mittel der Presse bekannt zu machen, nicht nur auf ihrem Weg Einfluß zu gewinnen, sondern sie doch auch nach Vermögen in den Dienst der Verkündigung zu stellen! Was wird heute Alles getan zu neuer, direkter Fühlungnahme zwischen der Kirche und den ihr entfremdeten Gebildeten und Arbeitern! Wieviel Gelegenheiten zur Gemeinschaft, zur christlichen Ausbildung, aber auch zur biblischen und weltanschaulichen Unterrichtung, zu «Gesprächen» aller Art sind heute im «Raum der Kirche» schon geboten und offenbar immer noch in der Entfaltung begriffen! Wieviel freiwillig aktiv gewordene Kreise von Pfarrern, aber wirklich auch von anderen Gemeindegliedern sieht man heute, mit oder ohne den Ruhm, daß sie eine «Bewegung» seien, nach allen möglichen Richtungen ans Werk gehen und wieviel Aktivität sieht man heute wenigstens da und dort sogar die kirchlichen Leitungen und Behörden ernstlich an den Tag legen! Um nicht zu reden von den in so bemerkenswerter Weise in Erscheinung getretenen Zentren zwischenkirchlicher, ökumenischer Arbeit und von den Arbeitsanregungen, die von dort aus in die einzelnen Kirchen zurückströmen! Wer wollte an sich auch nur ein Wort gegen diesen ganzen Aufbruch sagen? Die protestantischen Kirchen hatten viel und haben noch viel Arbeit nachzuholen. Man wird aber doch ernstlich fragen müssen: ob nicht das Arbeitstempo auch hier nachgerade unheimlich geworden ist, statt von der Sache beherrscht zu sein, die christlichen Menschen zu beherrschen droht? Ob die Qualität der geleisteten Arbeit mit ihrer heutigen Quantität und Intensität wirklich Schritt zu halten vermag? Wo nun eigentlich die Ruhe geblieben ist, die gerade der kirchlichen Arbeit, soll sie recht getan werden – um den Dienst der christlichen Gemeinde handelt es sich ja bei dieser Arbeit – nach wie vor schlechterdings unentbehrlich sein dürfte? Man kann an sich gewiß gar nicht zuviel christliches Papier drucken und verbreiten. Aber die Frage, was nun eigentlich auf diesem Papier stehen soll? ob und inwiefern es nun wirklich christlich bedruckt ist? will sorgfältig erwogen sein und dazu wäre Ruhe nötig; sonst wäre es allerdings besser, wenn auch dieses Papiers weniger wäre. Man kann sich der Jugend und den Männern an sich gewiß nicht genug zuwenden. Aber mit was eigentlich? Von welcher Dogmatik und Ethik her und zu welcher Politik und Ästhetik hin? Zur Beantwortung dieser Frage braucht es Ruhe und würde weniger auch auf diesem Feld mehr sein. Wenn man sich mit ihrer Beantwortung nur obenhin oder im Grunde lieber gar nicht beschäftigen wollte, dann würde nämlich der eifrigste Betrieb zum Leerlauf, in welchem man die angestrebten Ziele bestimmt nicht erreichen wird. Der vielberufene und viel betätigte «Öffentlichkeitsanspruch» der Kirche ist an sich auch eine gute Sache. Es will aber wieder wohl überlegt sein, mit was man eigentlich an die Öffentlichkeit will? Doch nicht mit ungeprüft übernommenen alten christlichen Schlagworten und doch auch nicht mit neuen Forderungen und Programmen, die man vielleicht gar nicht darauf angesehen hat, ob sie nicht möglicherweise mehr säkular als christlich, oder mehr katholisch als evangelisch sein möchten! Zu solcher Überlegung braucht es aber Ruhe, sonst blamiert sich die Kirche, oder sonst erringt sie – was noch schlimmer ist – allerlei Pyrrhussiege, sonst würde sie besser schweigen, als in die Öffentlichkeit vorzuprellen. Konferenzen, Tagungen, Freizeiten, Arbeitswochen und so weiter sind an sich auch gut, ganze «Akademien» mögen es auch sein – aber doch nur dann, wenn die, die da zusammenlaufen, von etwas sehr Bestimmtem schon herkommen und zu etwas sehr Bestimmtem an solche Orte eilen. Zum Vorhandensein dieses bestimmten Etwas bedarf es aber der Ruhe, sonst wird es an den Tagungen nicht Tag, kommt es in den Freizeiten zu keiner Freiheit und in den Arbeitswochen zu keiner Arbeit, sonst ist der Zusammenlauf eine Flucht aus der Leere in die Leere, die besser unterbleiben würde. «Gespräche» sind auch gut, wenn sie aus der Ruhe kommen. Viele Gespräche – auch studentische Gespräche – brauchten und sollten aber darum lieber nicht geführt werden, weil sie eine Arbeit vortäuschen, die darum nur Vortäuschung sein kann, weil lauter Unruhe dahinter steht. Alles in Allem: gibt es nicht vielleicht auch in unseren Kirchen heute schon zu viel nur in sich selbst kreisender «Bewegung» aller Art, die wirklich ruhig – nämlich um der Ruhe willen, von der her es allein echte Bewegung geben kann – eine Weile auch unterlassen werden könnte, um dann vielleicht mit ganz neuem Sinn und Ernst wieder aufgenommen zu werden? Es könnte dann seriöser, produktiver, nach innen und außen eindrücklicher christlich gearbeitet werden. Es würde dann unter den eifrigen Christen und besonders auch unter den Theologen weniger Psychopathen und aufgeregte Nervenbündel geben. Es würden sich dann viele unnötige Mißverständnisse, Überkreuzungen, Zusammenstöße vermeiden lassen. Es könnte dann der ganze kirchliche Aufbruch unserer Tage eine gediegenere und verheißungsvollere Sache werden, als er es jetzt noch zu sein scheint. Daß uns doch nicht etwa eines Tages das schreckliche Wunder widerfahre, daß zum Beispiel die Diplomaten plötzlich doch noch vernünftig werden, die Christenheit aber vor lauter löblichem Arbeitsdrang und schönen Arbeitsmöglichkeiten in eine große betriebsame Unvernünftigkeit hineingerate!

Dies sollten eben nur zwei Beispiele dafür sein – ich habe mit Absicht ein profanes und ein christliches gewählt – wie sehr doch der Mensch von heute Anlaß hätte, sich das Gebot der Ruhe um Gottes und um seiner selbst willen gefallen zu lassen.

Kirchliche Dogmatik III/4, 1951, § 55, S. 638-640.


[1] Das erste Beispiel handelt von der internationalen Diplomatie.

Hier der Text als pdf.

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