Günther Dehns prophetische Worte Ende 1931 nach den gewalttätigen Störungen seiner Vorlesungen in Halle: „Verzerrter Idealismus ist Dämonie. Es ist ja einfach nicht wahr, dass diese fanatische, meinetwegen religiös gefärbte, tatsächlich aber von Gott gelöste Vaterlandsliebe dem Vaterland wirklich hilft. Im Gegenteil, sie wird das Vaterland ins Verderben führen.“

Ich habe die Sache der Kirche zu vertreten

Von Günther Dehn

Am 6. November 1928 hielt der Berliner Pfarrer Günther Dehn einen Vortrag im Gemeindehaus der Ulrichsgemeinde in Magdeburg zum Thema „Kirche und Völkerverständigung“. Darin führte er mit Bezug auf Johannes 15,13 aus:

„Es ist allgemein üblich, dass von der Kirche der Tod fürs Vaterland unter das Bibelwort gestellt wird: ‚Niemand hat größere Liebe denn die, daß er sein Leben läßt für seine Freunde‘. Wir wollen ganz gewiss diesem Tod seine Würde und auch seine Größe lassen; aber ebenso gewiss wollen wir auch die Wahrheit sagen. Es wird bei dieser Darstellung eben außer acht gelassen, daß der, der getötet wurde, eben auch selbst hat töten wollen. Damit wird die Parallelisierung mit dem christlichen Opfertod zu einer Unmöglichkeit.
Im Anschluss daran sollte man auch die Frage erwägen, ob es richtig sei, den Gefallenen Denkmäler in den Kirchen zu errichten. Sollte man das nicht vielleicht der bürgerlichen Gemeinde überlassen?“

Flugblatt vom Februar 1931

Fortan war Dehn in der Öffentlichkeit einer nationalistischen Hetzkampagne ausgesetzt. Nachdem eine Berufung auf den Lehrstuhl für praktische Theologie in Heidelberg durch Gottfried Traub (Vater des Barth-Schülers Hellmut Traub) hintertrieben worden war, bot ihm der preußische Kulturminister Adolf Grimme – wie Dehn Mitglied im Bund der Religiösen Sozialisten – einen Lehrstuhl in Halle an. Nach seiner Berufung im Februar 1931 kam es zu massiven Protesten unter der Studentenschaft und später zu gewalttätigen Störungen seiner Vorlesungen, so dass er beurlaubt wurde. So schrieb Dehn schon Ende 1931 die prophetischen Worte:

Ich habe die Sache der Kirche zu vertreten. Vielleicht ist das, was sich in Heidelberg und Halle ereignet hat, nur ein Vorspiel kommender Ereignisse, wo ein rein machtpolitisch orientierter Staat, der von seiner Verantwortung Gott gegenüber nichts mehr weiß, von der Kirche entweder völligen Gehorsam verlangt oder sie für staatsgefährlich erklären wird. Es kann sein, daß die Kirche der Gegenwart an der Schwelle schwerster Kämpfe mit dem modernen Nationalismus steht, in denen sie in ihrer Existenz gefordert sein wird. Sollte ich diesen kommenden Auseinandersetzungen dadurch ein trübes Vorzeichen geben, daß ich feige nachgebe und im Interesse meiner persönlichen Ruhe dem Angriff ausweiche? Hier muß Widerstand geleistet werden. Man pflegt der Jugend in ihren gegenwärtigen Kämpfen ja meist einen, wenn auch irregeführten Idealismus lobend zuzugestehen. Ich möchte dagegen doch ernste Bedenken äußern. Verzerrter Idealismus ist Dämonie. Es ist ja einfach nicht wahr, daß diese fanatische, meinetwegen religiös gefärbte, tatsächlich aber von Gott gelöste Vaterlandsliebe dem Vaterland wirklich hilft. Im Gegenteil, sie wird das Vaterland ins Verderben führen. Weil hier Maß und Ziel für sachliches, wirklich verantwortungsvolles Handeln, wie es nur der an Gott gebundene Mensch haben kann, fehlen. Wir haben keinen Anlaß, die Jugend in ihrem vielfach bedenkenlosen Handeln womöglich noch zu feiern, sondern wir sind verpflichtet, ihr auf das Ernsteste entgegenzutreten, sie zu warnen und zum Gehorsam gegen Gott zurückzuführen. Es besteht sonst die Gefahr, daß ihr Tun ganz und gar in undeutschen Zynismus ausartet, der nur noch zerstörend wirken kann. Nur wer Gott wirklich über alle Dinge setzt, kann auch seinem Vaterlande wirklich dienen.

Halle a. S., 1. Dezember 1931

D. Günther Dehn

Hier der Text als pdf.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s