Hymnus auf die verborgene Weisheit. Hiob 28 übersetzt von Fridolin Stier: „Der Finsternis er Grenze setzt / er forscht hinein ins Allerletzte: / des Dunkels und der Urnacht Steine.“

Im Bild des Bergbaus und damit im wahrsten Sinne tiefgründig wird die menschliche Suche nach Weisheit in Kapitel 28 des Buches Hiob beschrieben. Von Fridolin Stier stammt dazu folgende Übertragung:

Hymnus auf die verborgene Weisheit. Hiob 28 übersetzt von Fridolin Stier

Die Weisheit — von wo kommt sie her?
Wo ist der Ort des Verstehns?[1]

Ja, ein Ursprung ist dem Silber,
ein Ort dem Golde, das sie waschen.

Eisen wird aus dem Staube gewonnen,
Stein wird geschmolzen zu Erz.

Der Finsternis er Grenze setzt,
er forscht hinein ins Allerletzte:
des Dunkels und der Urnacht Steine.

Schächte brechen Felsensäger,
die Vergeßnen ohne Spur —
baumeln, Menschen fern.

Die Erde, draus das Brotkorn kommt,
umgewühlt wird durch Feuer ihr Untres,

der Ort des Saphir, ihr Gestein,
darinnen die Krumen des Golds.

Die Weisheit aber, wo kommt sie her,
wo ist der Ort des Verstehns?

Den Pfad, ihn kennt der Geier nicht,
ihn erspäht kein Falkenaug,

ihn betritt kein stolzes Wild,
nimmer schreitet drauf der Leu.

Ans Quarzgestein die Hand er legt,
wühlt wurzelher die Berge um,

Kanäle haut er ins Gefels,
all Juwel sein Auge da schaut.

Der Ströme Quellen spürt er auf,
Verborgenes ans Licht er führt —

Die Weisheit aber, wo kommt sie her,
wo ist der Ort des Verstehns?

Keiner ist kundig des Weges zu ihr,
sie findet sich nicht in der Lebenden Land.

Urflut spricht: In mir ist sie nicht,
Meer spricht: Nicht bei mir!

Feingold wird für sie nicht gegeben,
nicht Silber gewogen als Preis,

gezahlt sie nicht mit Ophirgold,
mit kostbarem Onyx, mit Saphir,

Gold und Glas steht ihr nicht gleich,
kein Tausch für sie ist Goldgerät.

An Perlen, Kristall wird nimmer gedacht,
über Korallen geht der Weisheit Besitz.

Topas aus Kusch steht ihr nicht gleich,
gezahlt wird sie nicht mit reinstem Gold.

Die Weisheit aber, wo kommt sie her,
wo ist der Ort des Verstehns?

Verhüllt vor aller Lebendigen Aug,
verborgen ist sie vor den Vögeln des Himmels,

Tod und Totengrund sprechen:
uns zu Gehör kam nur ihr Gerücht!

Gott ward ihres Wegs verständig,
er hat erkannt ihren Ort.

Denn: er blickt bis an die Enden der Erde,
sieht alles, was unter dem Himmel.

Als er dem Winde schuf das Gewicht,
mit dem Maße die Wasser bestimmte,

als er dem Regen schuf das Gesetz,
den Weg für das Donnergewölk –

damals hat er sie gesehn und gezählt,
verstanden sie und ausgeforscht.

Doch zum Menschen sprach er: Wohlan,
Weisheit ist: die Furcht Jahwes,
Verstand: das Meiden des Bösen.

Quelle: Das Buch Ijjob – Hebräisch und Deutsch, übertragen und ausgelegt von Fridolin Stier, München: Kösel, 1954, S. 131-137.

Hier der Text als pdf.


[1] Der Kehrspruch [v 12. 20] wurde in der Übersetzung auch vor v 1 und nach v 6 eingefügt.

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