Heinrich Albertz, Predigt über Matthäus 6,25-34 (1989): „So schließt die Sorglosigkeit des Menschen, dem Jesus Christus begegnet ist, die Sorge nach dem schließlichen Sinn alles menschlichen Lebens nicht aus, sondern ein. So ist der gelassene, heitere, zuversichtliche, gewisse Glauben an den Gott des ersten Gebotes in Jesus Christus zugleich die tiefste Unruhe und Sorge um Gottes Gerechtigkeit.“

Predigt über Matthäus 6,25-34

Von Heinrich Albertz

Darum sage ich euch: sorgt nicht um euer Leben, was ihr essen und trinken werdet; auch nicht um euren Leib, was ihr anziehen werdet. Ist nicht das Leben mehr als die Nahrung und der Leib mehr als die Kleidung? Sehet die Vögel unter dem Himmel an: sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater ernährt sie doch. Seid ihr denn nicht viel mehr als sie? Wer ist unter euch, der seines Lebens Länge eine Spanne zusetzen könnte, wie sehr er sich auch darum sorgt? Und warum sorgt ihr euch um die Kleidung? Schaut die Lilien auf dem Feld an, wie sie wachsen: sie arbeiten nicht, auch spinnen sie nicht. Ich sage euch, daß auch Salomo in aller seiner Herrlichkeit nicht gekleidet gewesen ist wie eine von ihnen. Wenn nun Gott das Gras auf dem Feld so kleidet, das doch heute steht und morgen in den Ofen geworfen wird: sollte er das nicht viel mehr für euch tun, ihr Kleingläubigen? Darum sollt ihr nicht sorgen und sagen: Was werden wir essen? Was werden wir trinken? Womit werden wir uns kleiden? Nach dem allen trachten die Heiden. Denn euer himmlischer Vater weiß, daß ihr all dessen bedürft. Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen. Darum sorgt nicht für morgen, denn der morgige Tag wird für das Seine sorgen. Es ist genug, daß jeder Tag seine eigene Plage hat.

Ja, liebe Gemeinde, da sitze ich nun hier und habe euch und mir diesen herrlichen Text vorgelesen, und Ihr, vor allem die Gruppen, die hier heute versammelt sind und sich auf den Berliner Kirchentag vorbereiten, seid wahrscheinlich erstaunt -sorglos sollen wir sein? Wir haben in der Liturgie die vier Klagen gehört: über die Zerstörung der Schöpfung, über die Gefahren der Gentechnologie und ihre Auswirkung auf die menschenverachtende neue Rüstung, über das Gefühl der Ohnmacht gegenüber allen diesen Schrecken – und nun sorglos? Aber mein Freund, Pastor v. Zobeltitz, und ich haben uns auf die Texte geeinigt, die wir vorhin und jetzt von der Kanzel gehört haben. Denn was bringen wir, die versuchen, Christen zu sein, denn eigentlich besonderes ein im Kampf gegen die Zerstörung der Welt? Da kämpfen viele andere -Gott sei Dank – oft tapferer, konsequenter und sachkundiger als wir. Und nun kommen wir Christen, nun halten wir Fastentage, nun bilden wir Friedensgruppen – können wir es, wollen wir es mit diesem seltsamen Mann der Bergpredigt versuchen: »Darum sage ich euch: sorgt nicht um euer Leben«?

Ich habe mit unserem Predigttext meine besonderen Erfahrungen. Meine erste Predigt überhaupt habe ich über ihn gehalten: 1936, als einundzwanzigjähriger Student in eine kleine Gemeinde geschickt, deren Pastor verhaftet worden war – die weinende Pfarrfrau mit ihren vier Kindern, ein verschreckter Gemeindekirchenrat, Waldarbeiter in den riesigen Forsten des Kronprinzen von Preußen im Kreis Oels in Schlesien. »Sorgt nicht um euer Leben.« 1939, am ersten Sonntag nach Kriegsausbruch in einer Vorstadtgemeinde in Breslau: »Sorgt nicht, sorgt nicht um den morgenden Tag« -. Vor mir auch der Beamte der Geheimen Staatspolizei, der seine Notizen machte. Zwei Tage später wurde ich vorgeladen: Wie ich den Leichtsinn meiner Predigt angesichts der gewaltigen Kriegsanstrengung des deutschen Volkes verantworten kön­ne, ob ich mir bewußt sei, daß meine Predigt hart an die Grenze der Wehrkraftzersetzung ginge, ob ich dem Führer widersprechen wollte mit seiner im Reichstag ausgegebenen Parole – alle Kraft für den Sieg? Es war ein biederer junger Kriminalbeamter, der mich wieder laufen ließ. Aber ich erzähle die alte Geschichte, um heute, fünfzig Jahre danach, zu fragen: Hat er nicht eigentlich recht gehabt? Sollten wir nicht nachdenklich werden, wie ein solcher Text die Obrigkeit trifft? Kann, darf es in unserer auf Plan und Leistung und Gewalt eingestellten Gesellschaft eine Gemeinschaft von Menschen geben, die für sich selbst und für die anderen die Sorgen letzten Endes nicht ernst nimmt, die uns jeweils bedrücken? Wird uns hier nicht wirklich eine höchst leichtfertige Lebensregel präsentiert? Muß nicht jeder Staat, nicht nur der Verbrecherstaat Adolf Hitlers, nervös werden vor diesem Jesus Christus und seiner Gemeinde, die hier frank und frei der Sorglosigkeit das Wort redet? Wie stimmt dieses Evangelium überein mit unserer Verpflichtung zum Engagement in allen politischen und gesellschaftlichen Auseinandersetzungen dieser Tage? Wie können wir den beschwörenden Appell, die Dritte Welt nicht verhungern zu lassen, noch aufrechterhalten? Wie paßt unser Text gar in eine Zukunft, die nur programmiert, geplant, versorgt sein wird?

Die neue Gesellschaft Jesu, die Stadt auf dem Berge, Salz der Erde und Licht der Welt, das in unser Leben und in diese Welt hereinbrechende Reich Gottes, wie es in der Bergpredigt beschrieben wird, dieser Jesus Christus selbst, der hier zu uns redet, jedenfalls stülpt die Reihenfolge der Sorgen und Erwartungen radikal um. Das Schlüsselwort unseres Evangeliums »Trachtet am ersten nach dem Reich Gottes« kennt nur eine ernsthafte Sorge, sein Reich und seine Gerechtigkeit, Essen und Trinken, Wohnung und Kleidung, die ganze soziale Belastung menschlicher Existenz »fällt zu«, wird hinzugefügt – so selbstverständlich wie die Luft, in der die Vögel fliegen, die Sonne, die die Blumen blühen läßt.

Eine unerhörte Behauptung. Hält sie der christlichen Existenz in dieser Welt stand? Wer mag noch leben von jener Gemeinde im September 1939? Jedenfalls keiner mehr in Breslau. Die Kirche ist zerstört. Die Stadt polnisch. Wo sind sie geblieben, die damals die Gewalt hatten? Tot, aufgehängt, davongelaufen, untergetaucht. Wer hat sich damals vorstellen können, wie Deutschland heute aussehen würde? Die Russen und die Amerikaner in Berlin, das Land geteilt. Europa getrennt. Die Menschen in der Lage, die Erde in die Luft zu sprengen, unmittelbar vor einer biologischen Revolution, in der wir dem Geheimnis des Lebens auf der Spur sind und bald selbst bestimmen können, wie der Mensch der Zukunft aussieht. Das alles vor dem Hintergrund von weltweitem Hunger, bestialischer Gewalt und überdeckt von einem Netz von Ideologien.

»Sorgt nicht um euer Leben« – was heißt das also? Nun, es bedeutet wohl zuerst eine schier unglaubliche Freiheit von der Lebensangst. Der Mensch, der dem Jesus Christus begegnet ist, kann mit seiner Furcht fertig werden. Aber Furchtlosigkeit heißt nicht Lethargie, nicht Resignation, nicht Wurstigkeit. Freiheit von dieser Angst heißt durchaus, im Getümmel stehen, redend, handelnd. Partei ergreifend, aber zugleich wissend. Partei. Auseinandersetzung. Leistung. Karriere, der Ablauf der Jahre, das Altwerden, der Tod – das ist alles nicht das Letzte, nicht das Ziel, nicht die Mitte und der Sinn. Mitte und Sinn gibt der, der in unserem Evangelium redet, der selbst dieses Evangelium ist. Was wir tun oder nicht tun, ist Widerschein. Abglanz. Spiegel in einem dunklen Wort. Freiheit von Lebensangst, von kleiner, bedrückender, auf den lag schauender Sorge ist eben die königliche Freiheit der Kinder Gottes, von der das Neue Testament von der ersten bis zur letzten Zeile redet.

Diese hier gepredigte Sorglosigkeit bedeutet zweitens eine heitere, fröhliche Gelassenheit. Ich bin oft gefragt worden, woran man denn, zum Beispiel in einem Parlament, die Leute erkennen könne, die vielleicht Christen seien. Ich habe immer nur antworten können: die seien wohl nicht so völlig vollgestopft mit dem tierischen Ernst, der alle anderen zu erfüllen pflege. Nicht so abgrundtief humorlos. Nicht so fanatisch festgelegt auf Prinzipien und Grundsätze.

Nicht so berechenbar, daß jedermann schon vorher weiß, welches Argument nun in der nächsten Minute vorgebracht wird. Umgekehrt gesagt: Der Mangel an christlicher Substanz in unseren Gemeinden und in unserer Kirche zeigt sich in unserem finsteren Eiferertum, daß auch und gerade bei uns so selten gelacht wird – im Gottesdienst schon gar nicht –, daß uns so wenig anzumerken ist von dem Evangelium, das uns heute und jeden Tag geschenkt wurde: »Seid ihr nicht mehr wert als Vögel und Blumen? Darum sollt ihr nicht sorgen – ihr Klein­gläubigen«. Je schmaler, je engbrüstiger der Glaube, desto kleiner die Gelassenheit. Das Kleine klein und das Große groß bleiben zu lassen und sicher zu sein, daß da Einer ist, der weiß, was uns guttut.

Ich weiß, das wirkt provozierend, wenn wir das Elend dieser Welt sehen. Die Einsamkeit eines alten Menschen nebenan, die geprügelten Kinder in so vielen Familien, die Bomben und das Gift lösen sich nicht in Träume auf vor unserem Text. Der wirklich abgrundtiefe Ernst des Elends einer scheinbar von Gott verlassenen Welt entläßt uns nicht.

Aber das letzte wird wirksam, wovon ich heute reden muß. Ein Christ weiß sich in einem unerhörten und unvergleichlichen Sinn sicher und gewiß in den Händen des lebendigen Gottes. Du kannst nie tiefer fallen als in sein Herz. Du kannst allein, verachtet, gequält von anderen und dir selber sein. Du kannst in der tiefen Verzweiflung und Finsternis deiner eigenen Schuld und Fehler sitzen. Du kannst buchstäblich nicht wissen, ob und wie du morgen weiterleben sollst. Aber das »Sorgt nicht« gilt für dich gerade dann und dort, wo du dich am ohnmächtigsten fühlst.

Wer die eine, einzige Sorge um Gottes Reich und Gerechtigkeit ernst nimmt, dem werden die anderen Sorgen leichter. Sie sind nicht weggeblasen, aber die Maßstäbe sind versetzt. Wir geraten in eine andere Dimension, weil es einen neuen Mittelpunkt für uns gibt als unsere eigene Angst. Ja, wir wissen nun plötzlich auf eine ganz neue Weise, wo die wirklichen Sorgen sitzen. Über alle Psychologie und Soziologie hinaus, so wichtig ihre Erkenntnisse sind, wird das tiefste Elend des Menschen, der Gruppen und Massen, der Menschheit deutlich, ihre unsägliche Entfremdung vom wahrhaft Menschlichen, auf die auch Marx gestoßen ist, die wir im letzten als eine Entfremdung des Geschöpfes vom Schöpfer erkennen müssen, dem tiefsten und gefährlichsten Riß, den die Bibel die Sünde nennt, die Sonderung, die lebensfeindliche Trennung, die Tiere und Pflanzen nicht vollziehen konnten. Aber eben dieser Mensch hat sie vollzogen mit seinen Sorgen. Erwartungen. Sehnsüchten. Traurigkeiten, die ihn aus der Freiheit in die Knechtschaft in tausend Abhängigkeiten, in die Sklaverei des morgenden Tages, des Kalenders, der Uhr, gebracht haben.

So schließt die Sorglosigkeit des Menschen, dem Jesus Christus begegnet ist, die Sorge nach dem schließlichen Sinn alles menschlichen Lebens nicht aus, sondern ein. So ist der gelassene, heitere, zuversichtliche, gewisse Glauben an den Gott des ersten Gebotes in Jesus Christus zugleich die tiefste Unruhe und Sorge um Gottes Gerechtigkeit. So macht er die Kräfte und den Mut frei zum tätigen Handeln, zum unbequemen Reden, zum Engagement, das fester bindet als irgendeine selbstgezimmerte Religion oder Philosophie. Darum also, liebe Gemeinde, liebe Freunde aus Berlin und Frankfurt und Bad Wörishofen: Die Gelassenheit und Heiterkeit unseres Textes sollte Euch und mich begleiten, jeden Tag, wenn wir gegen den Hochmut und die Dummheit der Mächtigen kämpfen, jeden Tag, in vollem Ernst und gerade deswegen, weil wir diese königliche Freiheit spüren dürfen, wenn wir lesen:

»Darum sorget nicht um den morgenden Tag. Es ist genug, daß jeder Tag seine eigene Plage habe.« Amen.

Gehalten am 19. Februar 1989 in der St. -Stephani-Kirche, Bremen.

Hier die Predigt als pdf.

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