Gustav W. Heinemann über die Pflege der deutschen Sprache (1973): „Berühmt und berüchtigt wegen ihrer Unverständlichkeit ist die Sprache der Soziologen. Den Theologen sollte ins Stammbuch geschrie­ben werden, dass Nächstenliebe auch darin besteht, sich einfach und verständlich auszudrücken. Sich in solche Sprachzucht zu nehmen, ist sicher nicht immer leicht, aber ein Beitrag sowohl zur Demokratie wie auch zur Bewahrung der Schönheit unserer Sprache. Deshalb sollte ein wesentlicher Gesichtspunkt für den Gebrauch jedes Fremdwortes sein, ob es unersetzbar ist, weil es eine wirkliche Lücke ausfüllt. Es wird sich dann herausstellen, dass die Verteidigung von Fremdwörtern oft nur die Verteidigung einer Bequemlichkeit ist, die wir uns nicht erlauben sollten. Verantwortung für die Sprache zu empfinden, ist ein Teil der Verantwortung aller Bürger für unsere Gesellschaft und für unseren Staat.“

Über die Pflege der deutschen Sprache

Von Gustav W. Heinemann

In seiner Ansprache bei der Einweihung des Deutschen Literatur-Archivs Marbach am 16. Mai 1973 kamm Heinemann als Bundespräsident auf die Pflege der deutschen Sprache zu sprechen:

An diesem Tage soll der deutschen Literatur mit dem Archiv in Marbach eine Heimstätte geschaffen werden.

Das stellt uns zunächst vor die Frage: Wieso braucht Literatur eine solche Stätte des Sammelns und Bewahrens? Ist Literatur nicht ein ständiger lebendiger Fluß des Denkens und Dichtens von Menschen, die andere Menschen — die Leser — ansprechen und sich ihnen mitteilen, die auf Zeitgenossen und Nachwelt einwirken wollen? Ihre Werke sind Botschaften, die ihre eigenen Wege einschlagen, Beifall oder Ablehnung finden, zudem so oder so im Wechsel der Zeiten auch sich wandelnden Deutungen unterworfen sind.

Von daher scheint es der Literatur zu widersprechen, in einem Archiv wie in einem Mausoleum gehortet zu werden. Aber ihre zuverlässige Aufbewahrung soll gerade dazu dienen, daß ihre Bewegung nicht aufhört, vielmehr auch über die Gegenwart hinaus in späteren Zeiten noch Menschen erreichen und bewe­gen kann. Darüber hinaus will dieses Archiv mit den Werken zugleich alle biographischen Unterlagen sowie als sogenannte Sekundärliteratur auch die wesentlichen Stellungnahmen zu den literarischen Werken sammeln. Erst mit Hilfe eines solchen Ar­chivs ist wissenschaftliche Erforschung und Auswertung der Literatur möglich.

Nicht von ungefähr hat das Archiv für deutsche Literatur seinen Platz in Marbach gefunden, wo unten im Ort das Geburtshaus Friedrich von Schillers steht und wo sich nahebei das Schiller- Nationalmuseum befindet.

Schillers Werk selbst ist ein Beispiel für die Wandelbarkeit der Urteile. Mehr als andere hat man es gerühmt und fast ins Mythische erhoben. Zu anderen Zeiten aber hat man ebendieses selbe Werk als übertrieben oder wirklichkeitsfremd getadelt oder es gar — wie Friedrich Nietzsche – eine Sammlung »glän­zender, knochenloser Allgemeinheiten« genannt und seinen Verfasser mit der spöttischen Bemerkung eines »Moraltrompe­ters von Säckingen« abgewertet.

Ein Höhepunkt der Schillerverehrung war der 100. Geburtstag des Dichters, der 10. November 1859. Wilhelm Raabe bemerkt dazu: An diesem Tage sei die deutsche Nation mit dem festen Entschluß in die Kleider gefahren, »ihren so wunderlich unter­drückten politischen Gefühlen nun ganz bestimmt nach der ästhe­tisch-literarhistorischen Seite hin Luft zu machen«. Bei so viel Überschwang wird die Äußerung Franz Grillparzers verständ­lich: »Meine Herren, lassen Sie uns Schiller feiern als das, was er war, als großen Dichter, als ausgezeichneten Schriftsteller, und ihn nicht bloß zum Vorwand nehmen für weiß Gott was für politische und staatliche Ideen.«

Zu uns Heutigen könnte Schiller am ehesten als Dichter spre­chen, der den Tyrannen den Kampf angesagt hat, und als der Philosoph, der zu Beginn des technischen Zeitalters auf eine freie Gesellschaft hin dachte, in der Arbeit und Spiel miteinan­der versöhnt sind.

In der von vielen Kennern als ein Glanzstück deutscher Sprache gefeierten »öffentlichen Ankündigung der Horen« schreibt der Dichter: »Wohlanständigkeit und Ordnung, Gerechtigkeit und Frieden werden also der Geist und die Regel dieser Zeitschrift sein.« Kann ein kritischer Zeitgenosse solche Programmbeschrei­bung lesen, ohne an die Rufe nach Ruhe und Ordnung zu den­ken, die von den Reaktionären von Metternich bis heute immer wieder zur Abwehr freiheitlicher und sozialer Reformen zu hören sind?

Wir stoßen damit auf eine Aufgabe, die uns die Geschichte unse­rer Sprache stellt. Schiller, die Reaktionäre um Metternich und auch Goebbels sprachen die gleiche Sprache. Sie alle sprachen zum Beispiel von der Ordnung, die Schiller die »segensreiche Himmelstochter« nennt. Für Metternich aber oder für Goebbels hatte »Ordnung« andere Betonungen. Den Sprachmißbrauch der Hitlerzeit haben wir mittlerweile hinter uns. Es klingen aber Ausdrücke aus dem »Wörterbuch des Unmenschen« nach, die so belastet sind, daß wir sie in unserer Zeit nicht mehr unbefangen benutzen können. Ich denke an »artgemäß« oder »ausmerzen« in bezug auf Menschen. Wieder andere Wörter müssen von der Erinnerung an ihren Mißbrauch befreit und zurückgewonnen werden.

Übrigens gilt das nicht nur für Wörter, die durch die politische Vergangenheit in Verruf geraten sind, sondern auch für Aus­drücke, die abgenutzt und entleert sind. Es gibt Pfarrer, die selbst das Wort »Gott« nach Möglichkeit aussparen wollen, weil wir Zeugen von so viel Mißbrauch und falscher Berufung auf Gott geworden sind, daß viele Hörer jeder Aussage mißtrauen, die diesen Namen im Munde führt. Auch Schriftsteller unserer Zeit empfinden die Aushöhlung ehemals bedeutungsvoller Wörter und Begriffe. Sie versuchen neue Sprachmöglichkeiten. Dabei müssen sie freilich in Kauf nehmen, daß sie sich damit den Zugang zum Leser erschweren.

Sprache ist etwas Lebendiges. Von daher hat sie ihre eigenen Gefahren, die wir nicht auf die leichte Schulter nehmen sollten. Manchmal scheint es so, als wolle die List einer seltsamen Unver­nunft uns auf dem Umweg über die Sprache wieder in eine mittelalterliche Zunftgesellschaft zurückverwandeln. Es gibt un­ter uns viele Zünfte, die ihre Sondersprache entwickeln und mit einem selbstherrlichen Eifer pflegen, der einer besseren Sache angemessen wäre.

So gibt es eine Sprache der Verwaltung, die in Stil- und Wort­wahl unverkennbar ist. Es gibt das blutleere Juristendeutsch, das in Gerichtssälen seinen Platz verteidigt und in die Urteile und Urteilsbegründungen einfließt. Es gibt eine Sondersprache der Wissenschaft, genau gesehen sogar von jedem ihrer Teil­bereiche. Daß die Naturwissenschaften ihre eigene Sprache sprechen, erfährt jeder, der sich über den Stand naturwissen­schaftlicher Forschungen zu unterrichten versucht. Berühmt und berüchtigt wegen ihrer Unverständlichkeit ist die Sprache der Soziologen. Den Theologen sollte ins Stammbuch geschrie­ben werden, daß Nächstenliebe auch darin besteht, sich einfach und verständlich auszudrücken.

Die Vorliebe der Deutschen für Fremdwörter ist seit langem bekannt. Schon Schiller hat geklagt: »Unsere Sprache könnte reiner sein; sollten wir wirklich für die Worte soupieren, genie­ren, Doktrin und apathisch keine gleichbedeutenden deutschen haben?«

Frühere Generationen waren, weil es als ein Ausdruck von Bil­dung galt, für französische Wendungen anfällig. Heute sind es vor allem die Amerikanismen, die sich breitmachen.

In einer Welt, die sich immer mehr zur Einheit entwickelt, wäre es freilich weder aussichtsreich noch sinnvoll, sich grundsätzlich gegen Spracheinflüsse von außen zu wehren. Goethe, der als erster das Wort Weltliteratur gebraucht hat und sich als Welt­bürger verstand, hat die Auffassung vertreten, das Fremde sei für die Sprache nicht dazu da, daß sie es abstoße, sondern daß sie es verschlinge. Aber Goethes Sprache selbst ist ein Beispiel dafür, wie sparsam diese Aufnahme des Fremden geschehen kann und geschehen sollte, damit keine Überfremdung der Sprache daraus erwächst.

Unser Nachbarland Frankreich hat seine Sprache als Ausdruck nationaler Eigenart seit eh und je besonders geliebt und gepflegt. Es betätigt diese Pflege auch heute. So hat die französische Regierung unlängst in Zusammenarbeit mit der Académie Française zwei Listen von französischen Wörtern herausgege­ben. Die Wörter der ersten Liste müssen künftig an Stelle von gewissen amerikanischen Wörtern von allen staatlichen Behörden und Schulen gebraucht werden; die Wörter der zweiten Liste werden den staatlichen Stellen nur zur Wahl empfohlen.

Ich glaube nicht, daß es möglich ist, dieses Beispiel einfach nach­zuahmen, zumal da wir keine der Académie Française im allgemeinen Ansehen vergleichbare Anstalt besitzen. Nachdrück­lich aber möchte ich diese Gelegenheit nutzen, auf mehr Sorgfalt im Umgang mit unserer Sprache zu drängen. Auch ohne obrig­keitliche Regelung sollte das gelingen können.

Die seit Kriegsende bei uns in alle Bereiche des Lebens einge­drungene Flut von Amerikanismen muß endlich wieder zurück­gedrängt werden. Das zu sagen hat nicht das geringste mit Antiamerikanismus zu tun. Es geht allein um die Verpflichtung gegenüber unserer eigenen Sprache. Diese Verpflichtung verlangt von uns ganz allgemein, den gedankenlosen Gebrauch von Fremdwörtern zu überwinden.

Seit Jahren geht es mir in meinen mündlichen und schriftlichen Äußerungen darum, anstelle von Fremdwörtern nach bester Möglichkeit deutsche Wörter zu benutzen. Ich tue das nicht, um damit besonderes Nationalgefühl zu beweisen, es geht mir viel­mehr um das Ziel der Verständlichkeit für jedermann. Dabei handelt es sich um nichts Geringeres, als um den mir wichtig erscheinenden Auftrag, die Sprachkluft zwischen den sogenann­ten gebildeten Schichten und den breiten Massen unserer Be­völkerung zu überwinden, die für eine Demokratie so gefährlich ist. Welche Kluft eine durch Fremdwörterei überladene Sprache verursacht, erfahre ich oft in meinen Gesprächen mit Angehöri­gen der verschiedensten Bevölkerungsgruppen, besonders auch mit Schülern. Beklagenswert ist in diesem Zusammenhang vor allem, daß sich Rundfunk und Fernsehen bis in die Nachrich­tensendungen an dem Gebrauch unnötiger Fremdwörter beteili­gen.

Sich in solche Sprachzucht zu nehmen, ist sicher nicht immer leicht, aber ein Beitrag sowohl zur Demokratie wie auch zur Bewahrung der Schönheit unserer Sprache. Deshalb sollte ein wesentlicher Gesichtspunkt für den Gebrauch jedes Fremdwortes sein, ob es unersetzbar ist, weil es eine wirkliche Lücke ausfüllt. Es wird sich dann herausstellen, daß die Verteidigung von Fremdwörtern oft nur die Verteidigung einer Bequemlichkeit ist, die wir uns nicht erlauben sollten.

Verantwortung für die Sprache zu empfinden, ist ein Teil der Verantwortung aller Bürger für unsere Gesellschaft und für unseren Staat. Deshalb möchte ich hier in Marbach noch einmal Friedrich Schiller als Zeugen bemühen. Die Sprache, so mahnte er seine Zeitgenossen, »ist ein Spiegel der Nation; wenn wir in diesen Spiegel schauen, so kommt uns ein großes treffliches Bild von uns selbst daraus entgegen«.

Freilich: Eine Nation spiegelt sich nicht nur in ihrer Sprache. Sie hinterläßt ihre Handschrift in der Geschichte. Was sie dort be­wirkt oder verfehlt, prägt vor allem anderen das Bild, das andere sich von ihr machen.

Es scheint das Schicksal unseres Volkes zu sein, daß in seiner Geschichte und in seiner Sprache sich Großartiges und Schreck­liches enthüllt.

Um so mehr wollen wir in der Pflege unserer Sprache deutlich machen, was unser Wille für die Zukunft unserer Geschichte ist: eine demokratischere und eine menschlichere Zukunft.

Ansprache bei der Einweihung des Deutschen Literatur-Archivs Marbach, 16. Mai 1973.

Quelle: Gustav W. Heinemann, Allen Bürgern verpflichtet. Reden des Bundespräsidenten 1969-1974, Frankfurt a.M.: Suhrkamp, 1975, S. 175-180.

Hier die Rede als pdf.

1 Kommentar

  1. Sprache ist also am Hörer zu orientieren, nicht an der ideologischen Einstellung des Sprechers.
    Fremdwörter wie Sünde und Vergebung, Bekehrung und Buße können aber nicht vermieden werden…

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