Walter J. Hollenweger über Emil Brunner 1967: „Die Kirche bildet nach Brunner ihre Pfarrer einseitig, ja falsch aus. Sie macht ihre Botschaft durch fortwährende Entmündigung der Laien unglaubwürdig. Sie treibt mit den kritischen Ergebnissen ihrer Theologie Geheimniskrämerei und hat sich mitschuldig gemacht an den unnötigen Konflikten zwischen Glaube und Vernunft im Leben vieler evangelischer Akademiker.“

Emil Brunner

Von Walter J. Hollenweger

Emil Brunner, geboren am 23. Dezember 1889 in Winterthur. Zeitweilig Gym­nasiallehrer in England, lehrte seit 1924 als o. Professor für Systematische und Praktische Theologie in Zürich. Mitbegründer der Dialektischen Theologie, Mit­arbeiter an der Zeitschrift „Zwischen den Zeiten“. Nach der Emeritierung 1953 drei Jahre Vorlesungen an der internationalen christlichen Universität Tokio, Gestorben am 6. April 1966 in Zürich.

Hauptschriften: Erlebnis, Erkenntnis und Glaube (1921); Die Mystik und das Wort (1924); Der Mittler (1927); Religionsphilosophie protestantischer Theologie (1931); Das Gebot und die Ordnungen (1932); Natur und Gnade (1934); Der Mensch im Widerspruch (1937); Wahrheit als Begegnung (1938); Offenbarung und Vernunft (1941); Gerechtigkeit (1943); Die christliche Lehre von Gott. Dogmatik I (1946); Die christliche Lehre von Schöpfung und Erlösung. Dogma­tik II (1950); Das Mißverständnis der Kirche (1951); Das Ewige in Zukunft und Gegenwart (1953); Das Ärgernis des Christentums (1957); Die Lehre von der Kirche, vom Glauben und von der Vollendung. Dogmatik III (1960).

„Ich war und bin in erster Linie Prediger des Evangeliums“, schreibt Brun­ner am Ende seines Lebens. Aus leidenschaftlicher Bemühung um das kon­krete, hilfreiche Wort beschäftigte er sich während seines Theologiestu­diums intensiv mit juristischen und wirtschaftlichen Fragen. Weil er das Christentum als „eine Lebensmacht“ und nicht als „eine Weltanschauung“ verstand, zog ihn der religiös-soziale Bündner Theologe, Leonhard Ragaz, an. Darum las er Kutters „Sie müssen“ (1903) immer wieder. Mit diesem weitverbreiteten Buch schreckte der Zürcher Pfarrer Kutter die Kirche auf, indem er die Sozialdemokraten, trotz ihrer Hinneigung zum Atheismus, als die wahren Träger der Botschaft vom Reiche Gottes in unserer Zeit darstellte. „Das war eine große Zeit, als Ragaz nach Zürich kam. Da wurde die Theologie interessant, nicht als Wissenschaft, wohl aber als Ver­kündigung in unsere Zeit, als Auseinandersetzung mit der geschichtlichen Wirklichkeit, mit der Arbeiterfrage, mit dem Krieg.“ Darum sprach er auch in seiner ersten Predigt am 13. Oktober 1912 in der Kirche Leutwil über „Dein Reich komme!“. Er hielt nicht zurück mit seinem Spott über die christliche Meinung, das Reich habe mit „unserem Leben nichts zu tun“, es gehöre ins letzte Kapitel der christlichen Lehren, in dem davon die Rede ist, was nach dem Leben geschieht und von dem man also im Leben nichts zu wissen brauche. „O nein, meine Freunde: ‚zu uns komme dein Reich‘, betet Jesus. Wenn er vom Gottesreich spricht, dann will er in allererster Linie vom Diesseits reden; er will nicht eine tröstliche Hoffnung bringen für die Sterbenden, sondern spricht von einer großen Zukunft der Lebenden; um es kurz zu sagen, das Gottesreich soll kommen auf diese Erde; nicht eine Entrückung in eine bessere Welt durch das Eingangstor des Todes, son­dern eine völlige Umgestaltung unseres irdischen Lebens. Das war die große Hoffnung Jesu, in dieser Hoffnung haben die ersten Christen alle blutigen Verfolgungen freudig ertragen …“ Bei unserer Innerlichkeits- und Jenseitsreligion lassen wir Wüste Wüste sein. „So ist es möglich, daß des Kriegens und Mordens in unserer christlichen Welt kein Ende wird, daß unter Christen der eine Geld auswerfen kann mit beiden Händen und der andere, sein ,Bruder in Christo‘, wie der Fromme so schön sagt, nicht weiß, wovon leben …, daß für den Reichen erlaubt ist, wofür der Arme ins Zuchthaus kommt, daß arme, schlecht genährte, minderjährige Kinder dem ieichen Mann mit ihren schwachen Händen Schätze aufhäufen müssen.“ Aber zum Glück gibt es Leute, denen „der Riß zwischen Frömmigkeit und Leben unerträglich geworden“ ist. „Und mutig fangen sie an, zu kämpfen gegen die bösen Gewalten auf dieser Welt. Sie sagen nicht angesichts der Schlechtigkeit und Ungerechtigkeit: ‚Es wird wohl so sein müssen‘, son­dern: ‚Es ist schlecht, es ist ungerecht, darum wollen wir (es) aus der Welt schaffen.‘ Wenn ein armes Fabrikmädchen wegen zu geringer Ernährung und ungesunder Arbeit an Lungenschwindsucht stirbt, jammern sie nicht: ‚unverständlicher Ratschluß Gottes‘, sondern gehen hin und ruhen nicht, Ins die Arbeiter so viel Lohn bekommen, daß sie nicht hungern müssen… Und die Christen, die Frommen, sie stehen daneben, und helfen nicht mit oder sind gar feind, weil jene ja nicht an ihren Gott glauben — was sollten auch ihre Kämpfe gegen Mammon, Alkohol, gegen Ungerechtigkeit im äußeren Leben zu tun haben mit ihrem Glauben, mit ihrem inneren Leben?“ Jesus lehrt uns also nicht beten: „Laß mich in den Himmel kommen“, sondern: „Laß kommen dein Friedensreich, wo alle Brüder sind, wo alle Tränen abgewischt werden … Damals, als diese weite umfassende Hoff­nung in den Christenherzen lebendig war, damals geschahen Wunder der Weltüberwindung …“

Nicht nur auf der Kanzel, auch in den Zeitungen nahm Brunner den Kampf gegen das „wirtschaftliche Faustrecht“ auf, wie er die wirtschaftliche Ordnung in der Schweiz im Jahre 1918 nannte. „Sie (nämlich die Pfarrer) sind an dem ‚Verwundeten‘ (Gleichnis vom Samariter) vorübergegangen und haben ihn, als er schrie, aufs Maul geschlagen.“ Aber „weil wir zu Christus halten, wollen wir es nicht länger dulden, daß die unheimliche Macht des Großkapitals weiterhin unsere Geschicke bestimme …, daß die ‚Herren‘ allein über die Arbeits- und Lohnverhältnisse zu bestim­men haben …, daß Arbeitswillige verdienstlos sind …, daß Mütter … in die Fabrik gehen müssen … Diese … Ungeheuerlichkeiten müssen durch gesetzgeberische Maßnahmen ausgetilgt werden … Wir meinen nicht, daß dadurch das Paradies auf Erden komme. Das alles ist ja erst Samariterhilfe, Notverband, um den ärgsten Schmerzen … zu wehren. Aber wenn Christus es nicht unter seiner Würde hielt, Kranke zu heilen, so sollen auch seine Jünger nicht zu ‚geistlich‘ sein, diese simple Bruderpflicht zu erfül­len.“ Man komme nicht mit dem Einwand, das verstehen wir nicht. Natürlich verstehen wir zu wenig davon. „Wohl aber versteht jeder, der ein Gewissen hat, die oben genannten Forderungen.“ „Es ist nicht in erster Linie das materielle Elend …, sondern die Geringschätzung der Menschen­würde und die Hochschätzung der Geldmacht, die im kapitalistischen Sy­stem zum Ausdruck kommt.“ Wie diesem Mißstand Abhilfe geschaffen wird, „ob auf dem Weg der Verstaatlichung oder des Gemeindesozialismus oder der Genossenschaft oder Marx oder Morris usw., ist verhältnismäßig Nebensache und wird von Fall zu Fall verschieden sein … Echter Sozialis­mus und Evangelium sind untrennbar.“

Brunners Anliegen, seine Verkündigung auf die Fragen der Zeit und nicht auf Fragen der Vergangenheit, die höchstens den Historiker interessieren, zu richten, ist hier mit Händen zu greifen. Wir dürfen nicht vergessen, das war die Zeit, als die Schweizer Soldaten von der Grenze heimkehrten und ihre Familien in bitterer Not, ihre Arbeitsstellen von Ausländern besetzt fanden. An einem denkwürdigen 17. November 1917 rotteten sie sich auf dem Helvetiaplatz in Zürich zusammen und protestierten. Es gab Zusammenstöße mit der Polizei, Tote und Verletzte, besonders, als Oberst Reiser von der St.-Jakobs-Kirche her mit einem Maschinengewehr knapp über die Köpfe der Menge wegschießen ließ. Im Gegensatz zu den bürger­lichen Zeitungen jener Zeit, die den Kommunisten die Schuld in die Schuhe schoben, ließ sich die Synode der Zürcher Kirche wie folgt verneh­men: Die Kirchensynode erkennt eine Hauptursache der Vorgänge vom 17. November „in der unchristlichen, undemokratischen und aufreizenden politischen Ordnung unserer Gesellschaft, insbesondere in der Anhäufung von Gewinn und Vorräten auf der einen und in dem steigenden Mangel auf der andern Seite. Sie fordert die Behörden auf, mit aller Energie … der staatsgefährlichen Profitmacherei und den übrigen Mißständen zu steuern.“

In diesem Erdreich ist die Theologie Emil Brunners gewachsen. Von daher bezieht er sein Pathos, wenn er eine Theologie fordert, die nicht in bloßer Rhetorik steckenbleibt. Es kann nicht Zufall sein, daß die Examinatoren des praktischen Examens dem ungestümen Vikar von Leut­wil als Text der Examenspredigt Römer 8,28 vorschrieben: „Wir wissen aber, daß denen, di« Gott lieben, alle Dinge zum Besten mitwirken.“ Man merkt es den korrigierten Blättern an: Der Text macht ihm Mühe, denn er widerspricht dem Schwung seiner Reich-Gottes-Predigten. So bleibt als Hauptgedanke der Predigt nur: Dieser Text wird mehr mißbraucht als recht verstanden. Man führe ihn darum nicht zu oft im Munde.

Dafür predigt Brunner am 8. Dezember 1912 in Leutwil weiter über „Er­löse uns von dem Bösen“: „Wenn ein Engel vom Himmel her uns zuriefe: ‚Höret, ihr Menschen, glückliche und unglückliche, mächtige und geringe, — nennet mir den Wunsch, die Sehnsucht, die euch die größte scheint, das, was euch am innigsten beglücken kann — es soll euch geschenkt werden.‘ — Was würden wohl die Menschen antworten, wenn sie Zeit hätten zum Überlegen?“ In der Antike hätten sie Erlösung von den Todesschrecken, in der Reformationszeit von der Schuld gewünscht — „Und wir heutigen? Was ist’s das uns am meisten quält, was soll in unserem Leben anders -.rin, wo brennt’s uns am meisten auf dem Herzen? Erlöse uns von dem Bösen! … Noch mehr als die vergangenen Verfehlungen drückt uns unsere gegenwärtige Unvollkommenheit. Das dünkt mich das Allernieder­drückendste, was uns oft allen Lebensmut und alle Lebensfreude rauben will: daß wir immer und immer wieder das tun, was wir nicht sollten, ob­schon wir wissen, daß es nicht recht ist, die traurige Zuversicht, daß wir mor­gen und übermorgen noch immer dieselben unedlen und unrechten Menschen se in werden, die wir heute sind.“ Dann wird die Unerlöstheit breit ausgemalt, die Selbsterlösung abgewiesen, die Kraft des guten Beispiels dargestellt (Franz von Assisi). Neben der plastischen Beschreibung der Unerlöstheit des Menschen wirkt der etwas phrasenhafte Schluß wie die mei­den Predigten: Das Schwarze im Leben wird plastisch dargestellt; die Erlösung, die Gebetserhörung wird in rhetorischen oder liturgischen Formeln erwähnt. „Je mehr Gott zur Macht unseres Lebens wird, je geringer wird die Macht des Bösen.“

Brunner hat genügend Wirklichkeitssinn, um zu merken, daß sich das Reich Gottes nicht mit dem guten Willen und der Begeisterung der Christen aufbauen läßt. Er ist selber enttäuscht von seiner Predigt und schreibt mit Recht darunter: „Diese Predigt taugt nicht viel, eine mühselige Gedankenstoppelei.“ Aber diese Ernüchterung veranlaßt ihn nicht, in die un­angreifbaren Höhen reiner Abstraktion oder korrekter Lehre zu entfliehen. Er fragt weiter: Wie kann ich glaubwürdig Evangelium verkündigen, wenn ich das Evangelium nicht als „Lebensmacht“, nicht als die Ver­hältnisse umstürzende Kraft darstellen kann? Er nahm den Autoritätsschwund von Pfarrer und Kirche ernst und machte aus der Not keine Tugend, indem er das Unvermögen der Kirchen als „Ärgernis des Kreuzes“ tarnte. Er hatte sich entschlossen, entweder das Evangelium im Kontext, im Fragenkreis seiner Zuhörer zu erzählen oder zu schweigen. Darum mußte er sich ihren Fragen stellen: Lebt Gott? Ist dieser Gott der Vater Jesu Christi? Hat es einen Sinn zu beten und diesem Gott zu vertrauen! Oder ist der kirchliche Betrieb mit Predigt und Sakrament ein Leerlauf auf Staatskosten, höchstenfalls eine „lebensnotwendige Illusion“? Frucht dieser Gespräche war sein in viele Sprachen übersetztes Büchlein „Unser Glaube“.

1917 versandte er an seine Kirchgenossen in Obstalden und Filzbach ein Pamphlet, in dem er sie zu einem Gespräch einlud: „Gibt’s einen Gott oder gibt’s keinen Gott? Wenn’s keinen Gott gibt, wenn ihr ehrlich dieser Überzeugung seid, dann bitte ich euch in allem Ernst: Veranstaltet eine letzte Kirchgemeinde, liquidiert das Kirchengut …, entlaßt mich, euren Pfarrer, und braucht das Geld für etwas Nützlicheres. Wenn’s eure ehrliche Überzeugung ist, daß im Grunde alles nur dummes Zeug sei oder im besten Falle die private, unmaßgebliche Meinung irgendeines Stubengelehrten, dann müßt ihr jenen Schritt unternehmen …, und ich werde an jener Kirchgemeinde selber mit euch dafür stimmen, daß es so gemacht werde.“ Für Brunner war es keine Frage, daß Gott lebt. Aber die Mitteilung, daß Gott lebe, wäre für seine Glarner Bergbauern und Fabrik­arbeiter eine objektive Wahrheit gewesen, die nichts verändert hätte. Nach Brunner „weiß die Bibel nichts von einem Gott-an-sich und nichts von einem Menschen-an-sich“. „Merkt man denn noch immer nicht, daß ‚Gottes Wort noch deutlicher sagen‘ mit einer noch eingehenderen theologischen Belehrung sehr wenig zu tun hat?“ Die Autoritätsfrage wird nicht durch Berufung auf das „Wort Gottes“ oder auf „das Amt“ gelöst. Autorität hat nach Brunner, wer etwas Hilfreiches zu sagen hat, wer ein verfahrend Gespräch weiterführen kann und nicht, wer — buchstäblich oder mit Berufung auf die Theologie — mit der Faust auf den Tisch schlägt. Eine „Wahrheit an sich“ ist für Brunner nicht nur unmenschlich, sondern auch untheologisch und unbiblisch. Wahrheitssuche hat nur Berechtigung, insofern „sie uns hilft, uns in unserer Zeit zurechtzufinden … Wir müssen ‚la Science pour la Science‘ solchen überlassen, die sich durch den Sturm des Gegenwartslebens, der sie umbraust, nicht in ihrer akademischen Ruhe stören lassen.“

Damit klingt ein Thema an, mit dem sich Brunner seit seinen frühesten an Studententagen auseinandersetzen mußte: die Überwindung der Alter native zwischen Objektivismus und Subjektivismus. Beide sind nach Brun­ner mitverantwortlich für schwerwiegende Mißdeutungen des Glaubens. Den Objektivismus sieht er in der Theologie der protestantischen Orthodoxie älteren und neueren Datums. Sie „hat noch nie missionarische Kraft besessen“. Den Subjektivismus sieht er bei Schleiermacher, im Pietismus und in gewissen Tendenzen der Existentialtheologie. Die Wahrheit zwischen Objektivismus und Subjektivismus liegt nach Brunner nicht in der Mitte „als dem arithmetischen Mittel zwischen zwei Grenzwerten“. Das wäre ein „schwächlicher Kompromiß“. Sie liegt in der Erkenntnis, daß das Denkschema „objektiv-subjektiv“ unbrauchbar ist zur Darstellung des Glaubens. Echter Glaube muß immer in der Begegnung mit dem Rätsel des Gegenüber, in Frage und Antwort zum Ausdruck kommen.

Daß von dieser Sicht des Glaubens nicht nur die Wirtschaft, sondern auch die Kirche unter schwere Kritik kommt, ist klar. Die Kirche bildet nach Brunner ihre Pfarrer einseitig, ja falsch aus. Sie macht ihre Botschaft durch fortwährende Entmündigung der Laien unglaubwürdig. Sie treibt mit den kritischen Ergebnissen ihrer Theologie Geheimniskrämerei und hat sich mitschuldig gemacht an den unnötigen Konflikten zwischen Glaube und Vernunft im Leben vieler evangelischer Akademiker. Sie hat „sich einfach darüber hinweggesetzt, daß die Heilige Schrift in einer Mannigfaltigkeit teilweise sehr verschiedener und sogar widerspruchsvoller Lehren uns Got­tes Wort sagt“. „Es wäre höchste Zeit, daß die Kirche ihre Predigt- und Unterrichtspraxis ganz neu durchdächte im Lichte der Erkenntnis, daß die traditionelle Gleichsetzung von Lehre und Verkündigung ein unheilvoller Irrtum ist. Die Fehler, die sich aus diesem orthodoxen Grundirrtum er­geben, werden dadurch nicht besser, daß man sich immerfort darauf beruft: Das Wort allein tut’s. Gewiß, das Wort Gottes allein tut’s, aber nicht die Lehre, auch nicht die biblische Lehre …“ Was wir als Predigt und Unter­richt verstehen, ist der Bibel fremd. „Die heutige Praxis der Säuglingstaufe kann nicht wohl anders als skandalös genannt werden.“ Die evangelische Kirche hat sich mehr vom Klerikalismus der katholischen Kirche (der im übrigen in der katholischen Kirche immer mehr in den Hintergrund tritt) als vom biblischen Bild der Laiengemeinde inspirieren lassen. „Der Pfarrer legitimiert seine Alleinverantwortlichkeit für die Lehre durch das Monopol der theologischen Bildung …“ Aber „die Zeit, wo nur der ‚Herr Pfarrer‘ die Bibel auszulegen vermochte, ist vorüber“. Andererseits müssen wir ernst machen damit, daß die in der Kirche mitarbeitenden Laien in die grundsätzlichen exegetischen Forschungsresultate eingeführt werden. Daß die Menschheit nicht von Adam abstammt und daß die Adamsgeschichte eine Erzählung ist, die das Schicksal des Menschen »ihlechthin erzählt, gehört zum ABC nicht nur des Theologen, sondern des gebildeten Christen überhaupt. Zum Bibelglauben gehört die „Bibelkritik als Selbstverständlichkeit“, „da eine irrtumsfreie Heilige Schrift keine menschliche mehr wäre.“ Eingehend befaßt er sich mit den Mißverständ­nissen der Trinitäts- und Prädestinationslehre und steht nicht an, lang­gehegte Denkvorstellungen der Vergangenheit als schädliche, nur mißzuverstehende Verkündigungsformen zu bezeichnen. Obschon Brunner jahre­lang in ökumenischen Kommissionen mitge­arbeitet hatte, erhebt er einer ökumenischen Bürokratie gegenüber ebenfalls seine warnende Stimme. Man wird sich bei dieser scharfsinnigen Kritik nur darüber wundern, wie erfolgreich die Kirchen sie überstanden haben. Allerdings, eine Haupt­schwäche der Kritik Emil Brunners an der Struktur der Kirche war, daß er — außer auf die erste schweizerische evangelische Akademie (Boldern), an deren Gründung er maßgeblich beteiligt war — auf keine neuen Strukturen der Kirche hinweisen konnte, (es sei denn, man betrachte seine anfängliche Mitarbeit bei der Oxfordbewegung und seine positiven Kommentare über die japanische Nicht-Kirche-Bewegung als Hinweis auf eine neue Struktur der Kirche).

Soll ich versuchen, den Dissensus zwischen Barth und Brunner zu deuten? Brunner hatte seinerzeit Barths „Römerbrief“ freudig begrüßt. Barth ver­zichtet hier nach Brunner gänzlich auf die Auseinandersetzung mit den Zeitstimmen. „Es fehlt ihm gänzlich der griechische ‚Chor‘, der das, was auf der Bühne geschieht, glossiert.“ Darum ist es im Schillerschen Sinne ein naives Buch, „ein Eidgenosse mit Hellebarde und Brustpanzer in einer Mitrailleurkompagnie“. Und so, wie sich Barths Römerbrief aus aller Dis­kussion heraushält, so steht auch der Glaube „‚Jenseits‘ der Erfahrung, jenseits von allen psychologischen Erlebnissen“. „Ich rechne es zu den höchsten Verdiensten Barths, daß er es gewagt — und gekonnt! — hat, dieses zeitlose, über-psychologische ‚schlechthinnige‘ Wesen des Glaubens wieder ans Licht zu rücken. Barth und Brunner traten später in Gegen­satz zueinander. Aus der Sicht Brunners lag die Schuld darin, daß Barth nicht an dessen ursprünglichem Konzept festhielt, von der Theologie als dem „bißchen Zimmet“ zu sprechen, sondern ein System der Theologie aufbaute. Die Verschiebung zum objektiven System, zur Orthodoxie begann nach Brunner „1924 mit der Übernahme des altkirchlichen natus ex Maria virgine. Im neutestamentlichen Christuszeugnis spielt dieses Mythologoumenon keine Rolle.“ Der Hauptgrund für den Dissensus liegt m. E. aber in der verschiedenen Frontstellung. Barth sah die Kirche in der Gefahr, Hitlertum und Christentum, teutonische und biblische Reli­gion in eins setzen zu wollen. Mit diesen irregeleiteten Christen sah er keine Gesprächsmöglichkeit. Ihre Fragen waren für ihn die Fragen des Verführers. Ihm hört man nicht zu. Ihn weist man resolut ab. Brunner aber war zuerst und vor allem andern Missionar, sowohl in der Schweiz wie auch in Amerika und in Japan. Er vertraute darauf, daß die Kraft des Evange­liums jede menschliche Fragestellung vertiefen, korrigieren oder überwin­den könne, wenn sich der, der der Kraft des Evangeliums vertraut, auf die jeweils anhängigen Fragen einläßt und nicht auf seinen eigenen theologischen oder historischen Fragen beharrt. Darum nahmen die erkenntnistheoreti­schen und sozialethischen Werke im Schrifttum Brunners einen enormen Platz ein. Das „Elend der Theologie“ sei gerade, daß die Theologie zu den brennenden Fragen schweige. Von jener hilfreichen, heutige Fragen ernst­haft erwägenden Theologie sei nur noch ein dürftiger Rest, ein Ohrläpp­dien, übrig. Wo blieb die Theologie im Freiheitskampf des Proletariats? Was tat sie gegen die Flut des Nationalismus und Imperialismus? Das sind Fragen, die damals (1920!) sowohl in Deutschland wie in der Schweiz empfindliche Stellen in den Kirchen trafen. Aber Brunner fuhr fort: So etwas wird von der Theologie gar nicht erwartet. Genug, daß Wellhausen seine Prolegomena und Harnack seine Dogmengeschichte schrieb.

Nicht nur in seinen Jugendschriften, auch in seinem ersten ethischen Hauptwerk mühte er sich darum, „das Wort Gottes noch deutlicher“, nämlich konkret zu sagen. Dabei ist für ihn klar, „wie variabel — auch unter ernsten Christen — die Anschauungen von dem sind, was sich … ziemt“. „Die Sittlichkeit bricht nicht immer dort zusammen, wo die ‚Kapuziner‘ es verkünden, und die Kirche hat oft genug den Fehler ge­macht, sich einfach mit den Hütern der alten Ordnung dem Werden neuer und vielleicht besserer Sitten entgegenzustellen.“ Ja, „es kann der Fall ein­treten, daß einer ‚gegen das Gesetz‘ handeln muß, um Gottes Gebot zu gehorchen“. Das bedeutet, daß zu verschiedenen Zeiten, unter verschiedenen Umständen für den Christen nicht immer das gleiche geboten ist.

Hingegen war sein kritisches Urteil über das kapitalistische System von kaum überbietbarer Schärfe: „Dieses System ist dienstwidrig, würdelos, verantwortungslos; mehr noch: es ist die System gewordene Verantwor­tungslosigkeit.“ „Der Kapitalismus ist eine solche Verkehrung der Schöp­fungsordnung, daß wir seinen auch ökonomisch ruinösen Charakter sogar dann behaupten müssen, wenn uns … alle Fachleute widersprechen wür­den.“ Der Zins ist ihm „eine ethisch verdächtige Größe“. Auch in diesem Bereich ist Brunners Kritik stärker als seine positiven Vorschläge, woraus sich doch wohl der Schluß aufdrängt, daß auch die Wahrheit im wirtschaftlichen und politischen Sektor nur in der Begegnung, im Teamwork zwischen Vertretern verschiedener Disziplinen zu finden ist, eine Erkennt­nis, der Emil Brunner zustimmen würde, die aber noch radikalere Struk­turveränderungen in Kirche und Universität mit sich bringen würde, als aus der Kritik Brunners an der Kirche zu vermuten wäre.

Quelle: Hans Jürgen Schultz (Hrsg.), Tendenzen der Theologie im 20. Jahrhundert. Eine Geschichte in Porträts, Stuttgart: Kreuz-Verlag 21967, S. 360-367.

Hier der Text als pdf.

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