Julius Schniewind, Der Hauptmann von Kapernaum (Matthäus 8,5-13): „Aber in unserer Geschichte ist der Glaube die Voraussetzung, nicht die Folge der Heilung. Der Gott, um den man weiß, den man kennt, der uns in Jesus begegnet, wird auch im Wunder wiedererkannt und erweist in Wunder und Gebetserhörung seine Macht und Gegenwart.“

Der Hauptmann von Kapernaum Mt. 8,5-13; vgl. Lk.7,1-9; 13,28.29; 7,10

Von Julius Schniewind

5 Als er aber nach Kapernaum hineinkam, trat ein Hauptmann zu ihm heran, bat ihn 6 und sprach: Herr, mein Knecht liegt zu Hause, gelahmt, und leidet große Dual. 7 Er spricht zu ihm: Ich will kommen und ihn heilen. 8 Der Hauptmann aber antwortete und sprach: Herr, ich bin nicht wert, daß du unter mein Dach gehst- sondern sprich nur ein Wort, und mein Knecht wird gesund werden. 9 Denn ich bin ein Mensch unter befehlender Gewalt- doch habe ich unter mir Soldaten und sage zu diesem: Geh! und er geht, und zu einem andern: Komm! und er kommt, und zu meinem Sklaven: Tu dies! und er tut es. 10 Als Jesus das hörte, verwunderte er sich und sprach zu denen, die ihm folgten: Amen, ich sage euch, bei niemand habe ich so großen Glauben in Israel gefunden. – 11 Ich sage euch aber: viele werden kommen „von Osten und Westen“ und zu Tisch liegen mit Abraham, Isaak und Jakob in der Himmelsherrschaft. 12 Aber die Söhne des Königtums werden ausgestoßen werden in die Finsternis draußen; da wird das Wehklagen sein und Zähneknirschen. – 13 Und Jesus sprach zum Hauptmann: Geh hin! wie du geglaubt hast, geschehe dir. Und der Knecht ward geheilt zur selben Stunde.
V. 11: Jes. 49,12; 59,19; Mal. 1,11; Ps. 107,3

5 Die Geschichte ist uns bekannt als die des Hauptmanns von Kapernaum. Es ist ein römischer Centurio, der Jesus begegnet; das waren Männer, die aus der Mannschaft hervorgingen, aber ein selbständiges Kommando über etwa 100 Mann führten. Es ist ein Heide; er kommt wohl aus einer der benachbarten griechisch-römischen Städte, etwa Tiberias, herüber, Jesus um Hilfe zu bitten. Er bittet ihn für seinen „Jungen“. Das Wort hat ganz den Doppelklang wie das unsere. Es kann Sohn wie Diener bedeuten. Weil in V.9 im Griechischen eine andere Vokabel für Diener steht als hier in V.6, nimmt man wohl an, es handle sich um den Sohn des Centurio; das wäre eine Verwandtschaft unserer Geschichte mit der von Joh. 4,46ff.; Lukas erzählt eindeutig von der Heilung des Sklaven. Die Lukaserzählung geht in manchem eigene Wege; sie stimmt mit Matthäus überein in den entscheidenden Worten des Hauptmanns wie Jesu, und zwar wörtlich; dies entspricht schon der Art mündlicher Überlieferung; ähnlich Mk. 2,10. – Die Antwort Jesu kann verschieden gefaßt werden. Meist nimmt man den Satz als Frage: „Soll ich kommen und ihn heilen?“ Soll ich ins Haus des Heiden gehen? Dann würde Jesus zögern, ganz wie in der Erzählung von der Syrophönizierin (Mk. 7,24ff.); denn sein Weg, den das Alte Testament ihn wies (Jes. 42,5f.), führt ihn zunächst ausschließlich zu den Juden. Zuerst soll Gottes Volk gerufen werden; wird es dem Ruf folgen oder ihn ablehnen? Aber dahinter steht, ebenfalls seit Deuterojesaia, die Erwartung, daß alle Völker der Herrschaft Gottes untertan werden, und diese Hoffnung war in der Zeit Jesu nirgends vergessen (s.z. Mk. 7,27). Von da aus ist es aber möglich, das Wort Jesu als feste Zusage zu verstehen (ähnlich Lk. 7,6): Jesus sieht, daß die Verheißung für die Heiden sich zu erfüllen beginnt (Lk. 4,25ff.; Joh. 12,20ff.). – Ist der Satz eine Frage, so ist die Antwort des Hauptmanns ein Bekenntnis: Ja, du hast recht; ich mute dir Unerhörtes zu; wie solltest du, der Jude, das Haus eines unreinen Heiden betreten? Wird aber V.7 als Zusage Jesu gefaßt, so überwältigt Jesu Demut den Mann (Schlatter). Und dessen Gegenwart ist dann keine eigentliche Antwort, sondern eine abwehrende Erwiderung; und sie geht dann auf das Letzte. Es spricht hier ein Wissen um die eigene Unwürdigkeit, wie es an der Begegnung mit Gott (Jes. 6,5) entsteht, hier aber an der Semut Jesu erwächst, und Lk. 5,3 (Petri Fischzug) an seiner Güte. Der Hauptmann erwartet von Jesus, daß er in der bloßen Kraft seines Wortes helfen kann, auch aus der Ferne, ohne daß er den Kranken sieht oder anrührt oder behandelt. So hilft in den Psalmen Gott selbst durch sein Wort (Ps. 107,20; 33,9!). Für diese Macht des Wortes aber beruft sich der Hauptmann auf seine eigene Macht! Er ist nur ein Mensch, der selbst gehorchen muß. Sein Rang ist nicht hoch, er steht unter der Befehlsgewalt anderer; das Wort für Befehlsgewalt, Macht, ist dasselbe wie „Vollmacht“ 7,29. Dennoch hat schon der römische Centurio die Macht des befehlenden Wortes. Seine Soldaten gehorchen ihm aufs Wort und ebenso sein Sklave. Hier bricht der Hauptmann ab. Aus Ehrfurcht wird die Folgerung verschwiegen, mit der er sich unmittelbar bittend an Jesus wenden würde: Habe ich schon solche Macht des Gebietens, wieviel mehr du! Mein bloßes Wort genügt, wieviel mehr das deine! Jesus braucht der Krankheit nur zu befehlen, den widerstrebenden Mächten nur zu gebieten (vgl. Mk. 1,40; 4,39); es steht nur in seinem Willen, ob er helfen oder heilen soll (8,2). – Jesus weist dies kühne Vertrauen nicht zurück. Er lehnt weder das Vertrauen auf die Vollmacht seines Wortes noch das Bekenntnis der Unwürdigkeit ab. Dies steht im deutlichen Gegensatz zum Verhalten der Propheten (Jes. 6,5) wie der Apostel (Apg. 3,12; 14,15). Jesus aber sagt ausdrücklich, daß er solchen Glauben, der seiner Vollmacht (Mk. 1,22.27; 2,10; Mt. 7,29; 28,18) traut, erwartet und sucht. Glaube bedeutet (s.z. 6,30) das Vertrauen aus Gottes Helfermacht und Nähe. Eben diese helfende Gegenwart Gottes begegnet den Menschen, wenn ihnen Jesus begegnet. So ist vom Glauben in vielen Wundergeschichten die Rede, seit Mk. 2,5; das Vertrauen, das Jesus erwartet, ist nichts anderes als das Vertrauen auf Gott, von dem er Mk. 4,40; 11,22f. u. ö. spricht. Man kann die Worte vom Glauben, der dem Wundertäter Jesus gilt, niemals aus der Reihe sämtlicher Jesusworte loslösen, als ginge es hier um eine bloße „Suggestion“ (s.z. Mk. 6,5f.). Das zeigt sich auch in unserer Geschichte. Denn der Glaube des Mannes besteht hier darin, daß er (V.8) jeden Anspruch, jedes Rechthabenwollen, aufgibt. Dies ist ein Grundzug des auf Gott gewandten Glaubens (vgl. Mk. 9,24; Röm. 4,5; 11,20f.). So stellt denn Jesu Schlußwort diesen Glauben in den Zusammenhang der gesamten Geschichte Gottes mit den Menschen. Israel sollte Gott Glauben halten (Jes. 7,9; 30,15), es sollte dem Knechte Gottes trauen (Jes. 50,10; vgl. 2.Mose 14,31); aber dies vertrauen, das Gott vergeblich bei seinem Volke suchte (Jes. 53,1; Jer. 5,3), sucht auch Jesus vergebens. Hier bezeichnet „Glaube“ die gesamte Haltung gegenüber Gott selbst. Die Heiden aber kommen Israel vorauf. Dieser Gedanke, der Röm.11,11 ff. entfaltet wird, liegt auch in Jesusworten wie Lk.4,25ff.; 14,21ff.; Mt. 21,43. Und doch „verwundert“ sich Jesus, daß es so, wie in unserer Geschichte, geschieht, anscheinend Jes. 42,5f. entgegen.

Ein verwandter Spruch wird angeschlossen (V.11f.). Daß dies ein ursprünglich selbständiger Spruch ist, lehrt die Lukasparallele. Unser Wort steht bei Lukas in der zu 7,13f.21ff. parallel laufenden Spruchreihe, Lk. 13,28-30; es ist von Matthäus sinngemäß in unsere Geschichte eingefügt. Jesus redet hier noch schroffer als in V.16 und den dort angeführten Worten. Hier wird Israel ganz von Gottes Herrschaft ausgeschlossen, und jede Hoffnung scheint vernichtet. Ähnlich das Tempelwort (Mk.13,2 Par.), ähnlich manche Worte der Propheten (wie Mi. 3,12; Amos 3,2). Die Himmelsherrschaft wird unter dem Bilde eines Mahles vorgestellt (wie 22,1ff.; Lk. 14,16ff.; s.z. 6,11). Die Herrschaft Gottes fand auf Erden eine Stätte (ähnlich Ps. 114,2; 2.Mose 19,6), seit Gott sich ein besonderes Volk erwählte, durch das er gepriesen sein (Jes.49,3), an dem er verherrlicht werden sollte (s.z. 6,9). Dies Volk hat seinen Stammvater in Abraham; er ist für das Neue Testament der erste in einer Reihe, die in Christus vollendet wird (Röm. 4; Gal. 3,6f.); der erste, der den Weg des „Glaubens“ geht. Er ist der Anfänger des Gottesvolkes; mit ihm werden Isaak und Jakob genannt, denn Abraham ist kein losgelöster einzelner, sondern der Vater einer Stammreihe. Nun aber sollen Menschen aus allen Weltgegenden am Vorrecht Israels teilnehmen (Jes. 49,12; 59,19; Mal.1,11; Ps.107,3 und s.z. Mk. 7,27); vielmehr, sie sollen an Israels Stelle treten. Gottes Herrschaft wird denen genommen, denen sie anvertraut war. Die Juden werden hier „Söhne der (Gottes-)Herrschaft“ genannt. Das bedeutet: solche, die die Art der Gottesherrschaft tragen, ihr angehören. Ähnlich ist der Sprachgebrauch in Wendungen wie „Sohn des Todes“ u.ä. (s.z. 11,19). Gott sucht sich ein neues Volk, das ihm, dem Herrscher gehorcht (vgl. 21,43). So hatte schon der Täufer gesprochen (3,9-11), ähnlich schon die alten Propheten (Am. 3,9; 9,7; Ier.2,10f.; Ez. 3,6f.; 5,6-8 u. a.). And die neutestamentliche Gemeinde weiß, daß sie das neue Königtum Gottes ist (1.Petr. 2,9; Offb.1,6). – Ein schreckliches Bild beschreibt den Ausschluß Israels vom Heil. Wahrscheinlich (Zahn) wird V.11 weitergeführt: drinnen ist der festlich erleuchtete Saal, draußen die Nacht. Aber „Finsternis“ ist ebenso wie „Festmahl“ ein stehendes Bild. Finsternis ist Gottesferne (s.z. 6,23), wie Mahl und Hochzeit stehende Bildworte für die messianische Zeit sind. And das Bild wechselt abermals. „Wehklagen und Zähneknirschen“ deutet auf eine Qual, die mit dem Vorigen noch nicht beschrieben wäre; es wird ein äußerstes Entsetzen ausgemalt; vielleicht ist auch an furchtbare Kälte gedacht (s.z. 5,22; vgl. 13,42.50; 22,13; 24,51; 25,50). In den angeführten Stellen aber hat die erste Christenheit diese Drohung auf sich selbst bezogen: auch ihr gilt die Besorgnis, das anvertraute Heil möchte ewig verlorengehen.

Unsere Geschichte schließt mit der ausdrücklichen Zusage, daß der Glaube Erfüllung findet. Es wird an sich nicht schwerfallen, solche Fernheilungen, wie die hier erzählte, für wahrscheinlich zu halten. Ähnliches geschieht bis auf den heutigen Tag; manche Lebensbeschreibung erzählt glaubhaft davon, daß genau in der Stunde, in der für einen Kranken vollmächtig gebetet wurde (Jak. 5,14f.), diesem geholfen wurde, vgl. Joh. 4,55. Man darf nur nicht denken, daß solche Erfahrungen den Glauben an Gott und an Jesu Helfermacht erzwingen; Erklärungen wie „Suggestion“ sind schnell bei der Hand. Aber in unserer Geschichte ist der Glaube die Voraussetzung, nicht die Folge der Heilung. Der Gott, um den man weiß, den man kennt, der uns in Jesus begegnet (V.8), wird auch im Wunder wiedererkannt und erweist in Wunder und Gebetserhörung seine Macht und Gegenwart. – Die Frage nach der Glaubwürdigkeit kann noch weiter gesponnen werden. Ist unsere Erzählung vielleicht nur eine Doppelung zur Geschichte von der Syrophönizierin (Mk. 7,24ff.)? In beiden Fällen die Bitte für einen Kranken (ein krankes Kind?), in beiden Fällen Fernheilung; vor allem: beidemal ein Heide, dessen Glaube Jesus überrascht und ihn jenseits seiner gewöhnlichen Bahn dem Ziel, das ihm im Alten Testament gezeigt ist, näher bringt, als er selbst es erwartet. Aber man darf aus der Wiederholung ähnlicher Ereignisse nicht folgern, daß die eine Geschichte aus der anderen herausgesponnen sei. Beide Geschichten haben ihre bezeichnenden einmaligen Worte. Beidemal sind es die originellen Worte der Heiden, die Jesus überraschen. Diese Worte sind aber untereinander ganz verschieden, das Wort von den Hunden Mk. 7,28 und das eigentümlich abgebrochene Wort von der Kommandogewalt des Soldaten (V.9). Das Wort ist in seiner Rätselhaftigkeit einprägsam und sieht nach einer treuen Überlieferung aus. – Die Haltung Jesu den Heiden gegenüber ist auch jenseits der beiden Geschichten Mt. 8 und Mk. 7 einheitlich. Jesus geht auch sonst gegebenenfalls Zu den Heiden (Mk. 5,1-21 Par.); er macht den halbheidnischen Samariter zum Vorbild der Nächstenliebe (Lk. 10,50ff.); er erwartet, daß Israel das letzte entscheidende Angebot Gottes, Gottes eigenen Sohn, zurückweist (Mk. 12,6-8 Par.; Lk. 14,16-24 Par.). Unsere Geschichte steht also in einer ganzen Kette und hat doch wie jede dieser Erzählungen ihre besonderen einmaligen Züge. – Die Form unserer Überlieferung ist insofern auffällig, als hier wie in Mt. 4,1ff. = Lk. 4,1ff. ein Erzählungsstück in der Sonderüberlieferung erscheint, die sonst nur Sprüche und Reden enthält. Man wird sagen dürfen, daß in beiden Fällen der ganze Nachdruck auf den Worten liegt; auch scheinen beidemal die Geschichten in einer besonderen Ordnung der Redenquelle überliefert zu sein. Die Versuchungsgeschichte gehört an den Anfang jeglicher Christenunterweisung; unsere Geschichte steht bei Matthäus wie Lukas in unmittelbarer Nähe der Bergrede: der in der Bergpredigt sein neues Gesetz an Israel erläßt, er ruft auch die Heiden. Aber diese Versuche, die Eigenart unserer Überlieferung zu erklären, haben naturgemäß etwas Tastendes.

Quelle: Julius Schniewind, Das Evangelium nach Matthäus übersetzt und erklärt (1936), NTD 2, Göttingen 111964, S. 108-112.

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