Hans-Joachim Iwand, Predigt über Lukas 2,10-12 (Weihnachten 1944): „Die Gestalt der Mutter faltet sich förmlich um das Kind herum, das Kind aber bildet die Mitte, es trägt seine Mutter. An den Rand der Zeichnung schrieb der Maler die drei Worte: Licht, Leben, Liebe. Es sind die drei großen Worte, in denen uns der Eingang des Johannes-Evangeliums die Fleischwerdung des Wortes Gottes erzählt.“

Kurt Reuber – Stalingradmadonna (Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, Berlin)

Predigt über Lukas 2,10-12 zu Weihnachten

Von Hans-Joachim Iwand

Die Weihnachtsgeschichte beginnt von oben her, denn sie ist Ge­schichte von der Erlösung der Welt, und diese Geschichte beginnt von oben her. Alles, was wir denken, was wir wünschen, hoffen und fürchten, das ist alles immer noch von unten her. Mit all dem ver­suchen wir das Dunkel, das uns umgibt, zu durchstoßen, so, wie wenn etwa ein Scheinwerfer die Nacht zerreißt und sein Licht sich an den Wolken des Himmels widerspiegelt. Es mag auch sein, daß manches, was wir Glauben nennen, und manches, was wir Gottvertrauen nennen, solch ein Versuch ist, von uns durchzudringen nach oben, von uns aus den Sinn des Lebens zu verstehen und den Gang der Weltgeschichte zu klären. Und so lange wir leben und so lange die Welt besteht, wird das nie anders sein. Wir können ja nicht anders, wir müssen immer von unten anfangen, von da, wo wir stehen und wo wir leiden, wo wir fehlen und wo wir verzweifeln. Aber die Geschichte, die uns hier widerfährt, die Geschichte unseres Heils und unserer Rettung, fängt nicht bei Menschen an. Wir können diese Geschichte ein weites Stück zurückgehen, aber wenn wir da sind, wo wir meinen, wir seien an ihrem Anfang angelangt, da geht der Weg plötzlich ganz steil nach oben bis in den Himmel hinein. Da bleiben wir unten auf der Erde und sind lediglich Zeugen dessen, was da geschieht, da merken wir, daß diese Geschichte, die Geschichte von der Erlösung der Welt, bei Gott anfängt, daß sie damit anfängt, daß an einer Stelle der Himmel offen ist und hier nun von oben nach unten ein helles, großes Licht herunterfällt und eine klare Stimme zu uns redet. Und Weihnachten steht die Welt immer wieder an diesem Punkt, Weihnachten ist die Erinnerung daran, daß einmal der Himmel offen war, einmal Gott den Menschen ganz nahe war, so nahe wie im Paradies, daß einmal eine Bewegung anfing, eine Bewegung von Gott, die nicht mehr aufgehört hat und nie mehr aufhören wird, die Welt, in der wir leben, zu bestim­men und zu erschüttern. Von dieser großen Bewegung Gottes auf uns hin erzählt die Weihnachtsgeschichte.

Vielleicht kennen auch wir, gerade wir, so etwas wie eine Bewe­gung Gottes auf uns hin, aber das ist eigentlich nie etwas Schönes, wenn wir auch selber oft über die Gottesferne klagen, in der wir leben. Denn die Gottesnähe, die wir da verspüren, ist vielleicht noch viel schrecklicher als die Gottesferne. Oder ist es nicht Gottesnähe, wenn seine Gerichte über die Welt gehen, wenn die Stunde da ist, da die Menschheit büßen muß für das, was sie verschuldet hat, wenn ein Mensch in seinem eigenen Leben eingeholt wird von seinen bösen Taten? Und darum ist es auch nicht verwunderlich, daß das Aller­erste, was diese Gottesstimme hier sagt, dies Eine ist: Fürchtet euch nicht. Denn damit soll gesagt sein, daß die Bewegung Gottes, die hier stattfindet, etwas ganz anderes ist. Gewiß, Gott kommt euch hier ganz nahe, alle Wände und Mauern, die zwischen Gott und Mensch aufge­richtet worden sind, werden fallen. Es leuchtet ein Licht von der an­deren Seite in das Dunkel dieser Welt. Aber das wird nicht schreck­lich sein. Das wird darum gar nicht schrecklich sein, weil Gott nicht schrecklich ist. Es wird ganz anders sein, als wie es da ist, wo die Menschen erschrecken, weil ihr Gewissen sich regt und sie auf einmal erkennen müssen, daß sie Gott nicht weglaufen können. Es wird ganz anders sein als da, wo die Menschen meinen, das Ende der Welt sei herbeigekommen. Fürchtet euch nicht, der Tag, an dem Gott, der wirkliche, lebendige, gnädige Gott, die Schranken durch­bricht, die ihr zwischen ihm und euch aufgerichtet habt, dieser Tag ist der Tag der großen Freude. Die Freude Gottes will auch eure Freude werden. Große Freude, sagt die Stimme vom Himmel her – was sagt ihr dazu?

Wir möchten vielleicht den Engel einmal an der Hand nehmen und mit ihm über die Welt wandern, wie sie sich heute darstellt, wir möchten ihn fragen, ob er wohl weiß, wie es auf Erden zugeht, ob er das wohl so weiß wie wir, die wir hier unten nichts davon merken, daß die Freude groß ist, sondern die wir nur merken, daß das Leid wächst und daß der Jammer wächst und der Tod und der Schrecken, wie dunkle, mächtige Schatten, die groß und größer werden, so groß, daß sie in den Himmel wachsen, so groß, daß die Freude dagegen ganz klein wird. Es geht uns vielleicht so, wenn wir diese Stimme aus dem Himmel hören, wie es armen Leuten geht, die an einem reichen Haus vorübergehen und hören, daß da drinnen viel Jubel ist und viel Licht und viel Glanz und Herrlichkeit. Und auf einmal wird eine Tür aufgemacht, sie schauen hinein in das Bild der vielen Lichter und des Glückes, aber sie bleiben draußen. Wenn die Tür sich schließt, wissen sie nur umso deutlicher, daß sie die Ausgestoßenen des Glückes sind, die Verfehmten und die Elenden. Ist es vielleicht so mit uns? Einmal im Jahr öffnet sich die Himmelstür, einmal schauen wir in jenes Glück und in die große Freude der Engel, aber dann wird die Tür wieder zugeschlagen und dann ist wieder Nacht da und Finsternis und Men­schenleid und Menschenlos. Heißt das große Freude?

Wir möchten den Engel bitten, doch einmal mit uns zu kommen durch die ganze Welt, wie wir sie kennen, die Welt von heute. Wir gehen mit ihm in eine zerstörte Stadt, in ein halb verfallenes Haus, da wohnen zwei ältere Leute, ein Mann und eine Frau, sie sind voller Traurigkeit. Da ist kein Lichterglanz und kein Christbaum, da sind keine Gabentische, da ist kein Kinderlachen. Das war einmal, aber das ist nicht mehr, der Krieg hat ihre Kinder geraubt, es ist ganz leer, ganz einsam geworden in ihrem Leben. Und wir sagen zu dem Engel: Siehe, das ist unser Heute, kannst du denen die große Freude bringen, glaubst du, daß das irgend jemand kann?

Und wir wandern weiter auf der Straße unseres Lebens, mit dem Engel Gottes, wir müssen ihm doch zeigen, wie es heute bei uns zugeht. Wir gehen mit ihm weit, weit hinaus, dahin, wo der Krieg zuhause ist, wo auch heute, in der Weihnacht, ein Mensch vor dem anderen auf der Lauer liegt, ein Mensch gegen den anderen die tod­bringende Waffe richtet. Da sind ein paar Soldaten, vorn in ihren Löchern. Über ihnen der sternenbesäte Himmel. Aber heute öffnet sich der Himmel nicht, heute heißt es nicht Friede auf Erden. Das war einmal, als sie noch daheim waren, vor Jahren, als sie mit ihren Kindern im Lichterglanz des Baumes standen und mit ihren Eltern zur Christnacht gingen, als die Glocken läuteten und die Chöre in den Kirchen sangen. Als es über die Welt hin klang: Ehre sei Gott in der Höhe. Aber dies ist längst verklungen. Heute herrschen andere Götter und fordern blutigen Lohn. Und wir fragen den Engel Gottes: Ver­stehst du nun, was für eine Stunde in der Welt geschlagen hat?

Und wir gehen weiter, wir gehen zu den Gefangenen, zu denen, die ganz einsam sind, dahin, wohin gar keine Stimme der Liebe mehr dringt, wo kein Zeichen mehr ist der Verbundenheit mit denen, nach denen unser Herz in solcher Stunde besonders verlangt. Und wir fragen den Engel, was er wohl dazu sagt, zu all dem Unrecht und all dem Leid, was da über einen Menschen gekommen ist. Und so wird jeder von uns heute seine besonderen Wege haben, die er mit dem Enge] Gottes geht, seine besondere Tiefe und seine besondere Straße. Und vielleicht schließen wir zuletzt noch eine heimliche Tür auf, die Tür unseres eigenen Herzens, um dem Engel Gottes zu zeigen, wie es da drinnen aussieht, da, wo die Sorge wohnt, die Sorge um das Mor­gen, um die dunkle, dunkle Zukunft, und da, wo die Schuld wohnt, das Wissen um so viel Versäumnisse, und wo die Klage wohnt, die Klage darum, daß wir so vieles selbst zerbrochen haben, was uns lieb war, und verspielt, was uns so kostbar war. Und wieder fragen wir den Engel Gottes: Was willst du noch in dieser Welt von Not und Leid und tiefer Finsternis mit der Botschaft der großen Freude?

Aber der Engel Gottes verstummt nicht, eben weil er Gottes Engel ist. Und der Engel Gottes wandelt auch seine Botschaft nicht, eben weil er der Engel des Gottes ist, der sich nicht wandelt in alle Ewig­keit. Er sagt nur ganz wenig, aber dies ganz Wenige ist mehr als alles, was uns Menschen sagen können. Euch, sagt der Engel Gottes, euch ist heute ein Heiland geboren. Und damit nimmt er alle unsere Not und allen Jammer und bindet ihn an das eine Wort: Heiland. Christ, der Retter, ist da, sagt der Engel. Der Engel sagt uns, ihr täuscht euch, wenn ihr glaubt, ich machte heute nur die Himmelstür auf, um sie wieder zuzuschlagen. Nein, ich mache sie auf, weil einer heraustritt, der zu euch kommt, der Christus Gottes, der Herr. Und wir fragen den Engel wieder, wer ist denn dieser Christus Gottes und was bedeutet es denn, daß er zu uns kommt? Da wendet er unser aller Blick auf ein Kind, das in der Krippe liegt, ein Kind, wie alle Kinder, und ein Mensch, wie alle Menschen, und sagt uns, dieses eine Kind, das ist ein Wunderkind, wenn ihr das bei euch habt, dann werdet ihr erleben, daß wahr ist, was ich euch gesagt habe, dann wird die große Freude da sein, es wird sehr unbegreiflich sein, daß sie da ist, aber sie wird da sein. Denn wo dieses Kind ist, da müssen alle die Dinge weichen, die euch solche Not, solche Mühe machen. Dies Kind ist viel stärker als ihr. Was euch zerbrechen will, das müßt ihr auf das Kind legen, und ihr werdet sehen, es wird alles leicht; wo dieses Kind ist, da kann auf einmal der Tod nicht mehr sein; da kann auch die Einsamkeit nicht mehr sein, da kann auch die Ungerechtigkeit der Menschen und der Haß und der Brudermord nicht mehr sein, wo dieses Kind in einem Herzen ist, da kann auch die Sorge nicht mehr sein und die Schuld. Und wir fragen weiter, warum denn dieses alles nicht mehr sein kann? Wie denn ein Kind mehr vermag als die Großen der Welt und die verständigen und weisen Menschen, die doch alle an die Grenze ihrer Macht und an die Grenze ihrer Klugheit gelangt sind. Da soll ein Kind uns helfen, ein Kind soll unser Retter sein?

Aber der Engel bleibt bei dem, was er sagt: Das habt zum Zeichen! Dies Kind ist das Zeichen, daß Gott bei euch ist. Da ist das Zeichen, daß die Herrschaft des Todes zu Ende ist und das Leben den Sieg gewonnen hat. Es ist das Zeichen, daß wir alle einen Vater haben, vor dem wir Geschwister sind, und daß darum die Welt des Hasses zu Ende geht und das Reich der Liebe anhebt. Es ist das Zeichen, daß vor Gott andere Maßstäbe gelten als die, nach denen wir die Welt bemessen. Dies Königskind trägt schon bei seiner Geburt das Zeichen des Kreuzes an sich, es geht ein in den Kerker der Welt, es läßt sich binden von Not und Gewalt, aber es bleibt der König, und den Adel seiner Geburt zerbricht keine Schmach, es heiligt mit seiner Geburt alle, die Unrecht leiden, es befreit mit seiner Gefangenschaft alle, die gebunden sind. Dies Kind wartet darauf, daß es einen Platz linde, denn es hat keinen Raum in der Welt. Wollt ihr nicht noch einmal die Tür aufschließen, die Tür eures Herzens? Da will dies Kind bleiben, es wird euch herrlich lohnen.

Und nun verstehen wir, was der Engel Gottes von uns wollte. Es ist nicht genug, daß wir ihn an der Hand nehmen und mit ihm durch die dunklen Straßen unseres Lebens wandern. Er nimmt auch uns jetzt an der Hand, und nun müssen wir mit ihm gehen, und alle Wege, die er uns führt, laufen auf eine Mitte, wie die Radien eines Kreises, dahin müssen wir gehen, heraus, heraus aus dem, was uns bindet. Wir müssen aus uns selbst heraus, wir müssen uns dahin stellen, wo dies Kind steht, wir müssen uns aufmachen nach Bethlehem, denn allein wo dies Kind ist, da ist der Himmel offen, da ist die Freude groß und alles andere klein. Da tun sich die Gefängnisse auf, da leben die Toten, da bekommen die Müden neue Kraft, da werden die Aussätzi­gen rein, da vernehmen wir frohe Kunde.

Vor zwei Jahren feierten unsere Soldaten in Stalingrad in Eis und Schnee und sicherer Todgeweihtheit das Weihnachtsfest. Ein Doku­ment dieser Weihnachtsfeier ist uns erhalten geblieben. Ein Oberleut­nant zeichnete auf der Rückseite einer russischen Landkarte das Bild der Gottesmutter, die das Kind in ihren Armen trägt. Die Gestalt der Mutter faltet sich förmlich um das Kind herum, das Kind aber bildet die Mitte, es trägt seine Mutter. An den Rand der Zeichnung schrieb der Maler die drei Worte: Licht, Leben, Liebe. Es sind die drei großen Worte, in denen uns der Eingang des Johannes-Evangeliums die Fleischwerdung des Wortes Gottes erzählt. Vor diesem Bild, so wird uns berichtet, haben die Männer von Stalingrad gesessen und Weih­nachten gefeiert. Sie haben den Weg zu dem Kind gefunden. Das Kind ist längst bei uns, es kommt nur darauf an, daß wir noch recht­zeitig zu ihm kommen können. Amen.

Gehalten an Weihnachten 1944 in Dortmund.

Quelle: Rudolf Landau (Hrsg.), Gottes Sohn ist kommen. Predigten und Bilder zur Weihnacht, Stuttgart: Calwer Verlag, 1994, S. 93-98.

Hier die Predigt als pdf.

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