Albrecht Goes, Bündnis des Lebens: „Weihnachten ist für alle, alle da, aber wer persönlich sprechen will, kann nicht mit allen zugleich sprechen, und persönlich sprechen will ich. So wende ich mich in dieser Stunde an die, die seit dem letzten Weihnachtsfest einen besonders nahe­stehenden Menschen verloren haben und denen nun in diesen Tagen der Verlust wieder ganz neu zum Bewußtsein kommt. Ich wünschte, ich könnte diese Leidtragenden mit diesem Wort erreichen, ich wollte, ich wüßte sie anzureden, ganz unmittel­bar.“

Bündnis des Lebens

Von Albrecht Goes

Weihnachten ist für alle, alle da, aber wer persönlich sprechen will, kann nicht mit allen zugleich sprechen, und persönlich sprechen will ich. So wende ich mich in dieser Stunde an die, die seit dem letzten Weihnachtsfest einen besonders nahe­stehenden Menschen verloren haben und denen nun in diesen Tagen der Verlust wieder ganz neu zum Bewußtsein kommt. Ich wünschte, ich könnte diese Leidtragenden mit diesem Wort erreichen, ich wollte, ich wüßte sie anzureden, ganz unmittel­bar. Nicht mit dem »Du«, das man zu Kindern sagt — der Schmerz streift Kinderschuhe von den Füßen —, auch nicht mit dem »Euch«, das einer Gemeinde ziemt, die sich kennt; wir kennen einander ja nicht. Aber auch so — über diese Unbe­kanntschaft hin — kann es dem Wort gegeben sein, Ferne zu überbrücken und Fremde anzurühren, wie der Atem einer flammenden Kerze das Eisblumenfenster berührt.

»Es ist diesmal alles ganz anders«, sagen Sie. Darf ich Ihnen zum Bewußtsein bringen, daß Sie mit diesem Wort nicht nur etwas Wehmütiges aussprechen, sondern zugleich etwas Gutes sagen, etwas Lebendiges, ja: etwas Lebenschaffendes? Unsre Feste haben, mehr noch fast als unsre Werktage, die Neigung, Gewohnheit anzuziehen wie ein altes Kleid, und kein Gang auf dem Christtagsweg ist hier vor der Gefahr behütet. Der Weg im frühen Nachmittag auf den Christbaummarkt, unsre abendlichen Gänge an den Schaufenstern hin, ja selbst der Christmettengang in der Heiligen Nacht, die Geschenke, die wir uns ausdenken, und die Lieder, die wieder an die Reihe kommen: es kann, es kann geschehen, daß wir auf die Frage der Rechenschaft »Nun, und wie war es?« antworten — ein wenig zögernd, unsicher, über uns selbst erschrocken: es war, es war — wie immer. Schön, aber doch nicht eigentlich ganz schön; nicht unverwechselbar, nicht unvergeßlich.

Sie aber werden nicht vergessen, gerade dieses Christfest nicht, und wenn Sie in diesen Tagen unablässig an der Lücke leiden, so erleiden Sie gerade da nicht den dumpfen Schmerz, der uns lähmt, sondern den anderen, der uns zum Bewußtsein bringt, wie sehr wir mitten im Leben sind, media in vita. Und wäh­rend Sie das tun, was immer getan wurde — und Sie tun dabei ja nun auch des anderen Teil —, geschieht nichts von ungefähr an diesem Fest. Er war’s, der den Baum schmückte und — an den weißen Kamin gelehnt — die Botschaft las, Lukas zwei; und sie war’s, die den Gang in der Dämmerung des Heiligen Abends tat, bedacht darauf, ein kleines Dutzend Unbekannter zu beschenken, von keinem Einwand erreicht: »Laß mir nur, Lieber, diese Narretei; Gott braucht ein paar Narren auf der Welt und ein paar Närrinnen, glaub, braucht er auch.« Es wird Ihnen diesmal nicht so ganz gelingen, es wird alles ein wenig mehr noch als sonst ein Bruchstück sein, aber Gott hat das Bruchstück lieb.

Doch der Mensch, den Sie vermissen, was ist es mit ihm? Ist er denn nahe bei Ihrem Fest und bei dem, was Sie tun, und — wie? — fast in seinem Namen tun? Damals, als er Ihnen starb, war er so nah. »Ich meine immer, ich müßte es ihm erzählen«, sagten Sie damals. Was denn erzählen? Den Abschied, seinen eigenen Tod, unsren Schmerz, unsren Dank auch, unsre Nähe zu seiner Nähe. Aber dann sind die Wochen und die Monate ins Land gegangen, Wochen, Monate, in denen Sie weiter­wuchsen, sich wandelten, alterten … Er altert nicht mehr. Und darum ist es jetzt nicht so, daß Sie sich so nahe sind, wie Sie wohl nahe zu sein wünschten. — Aber gewiß auch so ferne nicht, wie Sie in der bangen Stunde der Nacht sein mögen. Das aber steht nicht bei Ihnen und nicht bei Ihrem Toten. Sondern bei Christtag.

Christtag: was immer wir — in unsren Worten, unsren Taten, unsren Gebärden, Gedanken und Wünschen noch — davon ausdrücken, gläubig oder unsicher-verlegen, es ist Echowort auf das Wort vom Anfang, das lautet: »Das Leben ist er­schienen.« Man geht gewiß nicht in weißgleißendes Mittags­licht hinein von Bethlehem aus, die dunklen Gewalten haben Macht über uns, auch nach Christi Geburt, aber ganz lichtlose Nacht ist nicht mehr seit jener heiligen Nacht; man kann sich des anderen Nähe, seine Hand und sein Angesicht ertasten in jenem Dämmerschein, da Gottes Morgen naht, und es ist ein und dieselbe Wanderschar auf dem Weg —einige vorausgehend und folgend viele, und über allen die Stimme der Verheißung: »O Bündnis des Lebens mit unserem Tod.«

Mit dreifacher Kette schmiedet die Rache ihren Feind im Ver­ließe fest. Mit dreifachem Seil bindet die lebendige Liebe alle ihre Todtraurigen an sich auf diesen Tag.

Denn was hier begonnen hat, das ist nicht die Geschichte vom holdseligen Knaben, sondern die Geschichte des Mannes, die Geschichte vom Gottesmenschen in dieser Welt. Es ist die Ge­schichte von Armut und Flüchtlingsschaft, von Feindschaft und Verrat — Herodes und Judas, Drohen der Teufel und Zorn der sicheren Leute —, aber es ist auch die Geschichte vom Glück der Nachfolge, vom Frieden der Erschrockenen, von der Freude der Betrübten, vom Triumph zuletzt aller zum Tode Geforderten.

In diese Geschichte aber —dies ist das zweite Seil — (Geschichte, die aus heiliger Nacht aufwächst wie ein gewaltiger Baum aus dunkelverborgener Wurzel), in diese Geschichte sind wir hin­eingenommen, wir wissen es oder wir wissen es nicht. Weih­nachten: das ist nicht der Pinsel, mit dem wir Nüsse silbern bemalen, sondern der Stichel, der Meißel, durch den sich unser Antlitz verwandelt. Einander in der Weihnacht begegnen, heißt: einander von neuem begegnen.

Und noch ein drittes: Weihnachten ist etwas wie eine Bürg­schaft dafür, daß die Welt Gottes ein Ganzes ist, unversehrbar und reich. Wäre es uns vergönnt, aus der Sphäre der Engels­boten auf unsre Wege zu sehen, so wüßten wir wohl, was wir so nur ahnen: daß es in der Welt Gottes keine Verluste gibt, sondern nur Verwandlungen.

Aber wie? Soll nun Verwandlung heißen — so mögen Sie wohl fragen —, daß für jeden auch ein anderer stehen könnte, daß jeder jeden ersetzt? Nein. Es ist Weltweisheit und nicht einmal Weltweisheit, daß keiner unersetzlich sei. Vor Gott gilt das Wort unsrer Liebe, das »unersetzlich« heißt. Aber es gilt, um­klammert von dem Wort seiner Liebe, jener Liebe, die uns unversehens den Unbekannten vor die Türe schickt; nicht daß wir den Vertrauten vergessen, nur daß wir innewerden: die Ströme Gottes fahren talab, noch immer, und wir sind auf dem Fluß.

Ich kann Sie nicht trösten. Ich kann Sie — versteh ich’s recht — nicht einmal trösten wollen. Ich kann Ihnen in diese Stunde des ernsten Festes hinein nur sagen, daß ich glaube, bei Gott gelte unser Fern und unser Nah gleich viel — in seiner Gegen­wart ist alles Gegenwart. Sie haben so recht mit Ihrem Wort: »Es ist diesmal alles ganz anders.« Und Ihr Schmerz hat so viel Grund zu sich selbst. Aber der dunkelglühende Schmerz — er ist wie die Flamme der Kerze, spät abends entzündet, da alle im Haus schon schlafen. Voll Leben wie diese Flamme. Dürfen Sie die Flamme dieses Schmerzes schelten?

Quelle: Albrecht Goes, Die Weihnacht der Bedrängten, Hamburg: Furche Verlag 1962, S. 7-11.

Hier der Text als pdf.

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