Eduard Thurneysen, Predigt über Jesaja 7,1-9: „Es frage sich doch jetzt einen Augenblick jedes unter uns, wo es denn bei ihm ums Festbleiben geht. Festbleiben! — vielleicht ist es eine Versuchung, eine ganz bestimmte Sünde, die dich verlockt, und wo es also heißt: Widerstehe! Bleibe fest! Oder eine Schwermut, eine Lebensangst, eine Sorgenlast liegt auf dir. Du sitzest wie in einer dunklen Höhle.“

Glaubet ihr nicht, so bleibet ihr nicht. Predigt über Jesaja 7,1-9

Von Eduard Thurneysen

Es begab sich aber zur Zeit des Ahas, des Sohnes Jothams, des Sohnes Usias, des Königs von Juda, da zog herauf Rezin, der König von Syrien, und Pekah, der Sohn Remaljas, der König von Israel, gegen Jerusalem, es zu bestürmen. Aber sie konnten es nicht bezwingen. Als nun dem Hause Davids angesagt wurde: Die Syrer haben sich in Ephraim gelagert, da bebte sein Herz und das Herz seines Volkes, wie die Bäume im Walde beben vom Winde. Aber der Herr sprach zu Jesaja: Gehe hinaus Ahas entgegen, du und dein Sohn Schear-Jaschub, an das Ende der Wasser­leitung des obern Teichs auf die Walkerfeldstraße, und sprich zu ihm: Hüte dich und bleibe ruhig! Fürchte dich nicht, und dein Herz verzage nicht vor diesen zwei rauchenden Löschbränden, vor dem Zorn Rezins und der Syrer und des Sohnes Remaljas. Weil Syrien wider dich einen bösen Ratschlag gemacht hat samt Ephraim und dem Sohn Remaljas und sprechen: Hinauf gen Juda wollen wir ziehen und es bedrängen und für uns erobern und dort den Sohn Tabeels zum König machen! — so spricht Gott der Herr: Es soll nicht zustande kommen noch geschehen! Denn das Haupt Syriens ist Damaskus, und das Haupt von Damaskus ist Rezin. Und das Haupt Ephraims ist Samaria, und das Haupt Samarias ist der Sohn Re­maljas. Glaubet ihr nicht, so bleibet ihr nicht!

«Glaubet ihr nicht, so bleibet ihr nicht!» Das ist das Wort, das wir in dieser Stunde hören und mitnehmen dürfen. Es ist eigentlich ein rechtes Bettagswort. Aber wir gehen ja dem Bettag entgegen. Der Prophet hat dieses Wort hineingesagt in eine gefährliche Stunde in der Geschichte seines Volkes. Zwei mächtige Nachbarn haben sich erhoben und ziehen mit ihren Heeren gegen Jerusalem, die Syrer von Damaskus her und Israel von Samaria her. Sie wollen Jerusalem er­obern und Ahas, den König aus dem Hause Davids, der dort regiert, stürzen und einen andern, einen ihnen gefügigeren, auf den Thron setzen. Sie wollen einen Block bilden, und Juda mit Jerusalem soll nicht neutral bleiben, sondern es soll sich ihnen anschließen. Das kennen wir ja heute, dieses Stürzen von Dynastien und dieses Blockbildenwollen.

Aber nun steht der Prophet auf und sagt seinem König: Sei nur ruhig! Dein Herz bebt ja wie Espenlaub, aber fürchte dich doch nicht vor diesen beiden! Gib ihnen keinen Fuß breit nach. Sie drohen und toben. Aber laß sie machen. Sie sind, sagt der Prophet, nicht mehr als wie zwei rauchende Motthaufen im Herbst. Rauchen können sie, aber einen richtigen Brand gibt es nicht. Sie können nichts ausrich­ten. Der eine von ihnen soll zurück nach Damaskus und dort bleiben. Der andere zurück nach Samaria und dort bleiben. Aber Jerusalem soll nicht fallen. Der König aus dem Hause Davids soll nicht ge­stürzt werden. Aber — und hier fällt nun das entscheidende Wort — ihr müßt glauben! «Glaubet ihr nicht, so bleibet ihr nicht!» Das heißt: ihr müßt euch halten an die Zusage Gottes, daß ihr sein Volk seid, und daß er euch nicht fallen läßt.

Hier haben wir das große Beispiel dafür, daß Gott eingreift in die Welt- und Völkergeschich­te. Es gibt nicht nur die Weltpolitik der Mächte da unten, es gibt auch eine Weltpolitik Gottes. Es gibt nicht nur das Durcheinander der irdischen Gewalten, sondern da mitten drin gibt es ein Regiment Gottes. Gott hat etwas vor mit den Menschen. Er will und wird — darauf weist der Prophet mehr als einmal hin — seinen König einsetzen auf Erden. Und dieser König, Immanuel nennt ihn der Prophet ein wenig später, wird regieren zur Ehre Gottes. Denn diesem König, so sagt es der 2. Psalm, den wir eingangs des Gottesdienstes gehört haben, will Gott die Völker zum Erbe und der Welt Enden zum Eigentum geben.

Und jetzt denken wir an unser eigenes Volk. Wir sind zwar nicht das Volk Gottes, wie Israel es war. Wohl gab es in der Geschichte immer wieder Augenblicke, wo ein Volk sich einbil­dete, in beson­derer Weise Gottes Volk zu sein. Aber das hat nie gut geendet. Das endete immer in Fanatismus und Blutvergießen. Denkt an Cromwell, dessen 300. Todestag unsere Zeitungen kürzlich begingen. Wir sind ein Volk wie andere Völker. Aber um Glauben geht es auch bei uns. Denn auch bei uns geht es ums Bleiben. Und bleiben, festbleiben im Sturm der Weltgeschichte, können auch wir nur, wenn wir glauben. Nur ein Schweizervolk, in welchem Glaube lebt, wird bleiben.

Und deshalb geht es auch um uns selber, um ein jedes Einzelne von uns, um jeden Mann, um jede Frau, um jedes alte oder junge Menschenkind unter uns. Darum geht es, daß wir, jeder für sich und dann alle miteinander, feststehen, standhalten. Und eben das können wir nur, wenn wir glauben. Glauben wir nicht, so bleiben wir nicht.

Es frage sich doch jetzt einen Augenblick jedes unter uns, wo es denn bei ihm ums Festbleiben geht. Festbleiben! — vielleicht ist es eine Versuchung, eine ganz bestimmte Sünde, die dich verlockt, und wo es also heißt: Widerstehe! Bleibe fest! Oder eine Schwermut, eine Lebensangst, eine Sorgenlast liegt auf dir. Du sitzest wie in einer dunklen Höhle. Und jetzt heißt es für dich: Halte durch! wirf dein Vertrauen nicht weg! Oder du hast einen schwierigen Posten zu hal­ten im Leben, im Beruf, am Arbeitsplatz, in der Familie, vielleicht in deiner Ehe: Lauf nicht draus! Halte Stand! Oder ganz einfach, aber im Grunde gar nicht einfach, ein Leiden bedroht dich: Gib den Kampf nicht auf! Murre nicht, klage nicht! Ich denke jetzt an einen Mann in unserer Gemeinde, den ich besuchen darf, der unheilbar krank ist. Aber er klagt nicht. Nie habe ich ihn klagen gehört. Zu­sammen mit seiner treuen Frau geht er Tag um Tag, Nacht um Nacht seinen schweren Weg und bleibt fest. Wieso? Weil er im Glauben steht. Er bleibt fest — im Glauben!

Das ist es ja, was uns hier gesagt ist: Festbleiben, standhalten kann einer nur, wenn er glaubt. Es hat keinen Sinn, uns zuzurufen: Halte durch! Laß dich nicht fallen! Können muß man! Alle diese Zurufe gehen ins Leere, wenn kein Glaube da ist. Nur der Glaube gibt Halt. Denn was heißt Glauben? Das Wörtlein Glauben bedeutet in der Bibel etwas völlig anderes, als was wir im täglichen Leben «glauben» heißen. Sagen wir im täglichen Leben: «ich glaube …», so heißt das soviel wie «ich vermute», aber eine Vermutung ist immer etwas Un­gewisses. In der Bibel aber heißt: «Ich glaube» nicht: Ich vermute, sondern: Ich weiß. «Ich weiß, woran ich glaube!» Ich weiß, daß es etwas ganz Festes, ganz Klares gibt, das mich hält, auf das ich mich verlassen kann durch alles hindurch, wenn es sein muß bis hinein in meine Sterbensstunde. Was ist dieses Feste, Klare, dieser Standort, von dem man uns nicht wegbringt, wenn wir glauben? Es ist wie eine Hand. Diese unsichtbare Hand kommt und greift nach uns und will uns halten. Sie sucht nach unserer Hand, damit wir sie in diese große Hand legen und dann gehalten bleiben. Glauben heißt also nicht: Ich halte, sondern: «Ich bin gehalten!» Und daran halte ich mich, daß ich gehalten bin, gehalten — von der Hand meines Gottes! Wissen wir um diese Hand Gottes? Wissen wir, daß diese Hand sich nach uns ausstreckt? Daß sie nach uns gegriffen hat, längst schon? Daß wir in dieser Hand liegen ganz und bis ins letzte? Wer das weiß, der glaubt, und wer glaubt, der bleibt fest. Glaubet ihr, so bleibet ihr!

So ist es zu verstehen, wenn der Prophet hier sagt: «Glaubet ihr nicht, so bleibet ihr nicht!» Glauben und Bleiben gehören zusammen wie Blitz und Donner. Man kann sie nicht voneinander trennen, man kann eines nicht haben ohne das andere. Ich will das Wort des Pro­pheten jetzt auf eine besondere Weise erklären. Und zwar dadurch, daß ich es im hebräischen Wortlaut wiedergebe. Der Prophet braucht nämlich ein Wortspiel, das wir sofort hören, wenn wir die hebräischen Worte vernehmen. «Glaubet ihr nicht, so bleibet ihr nicht», lautet auf hebräisch:

im lo taaminu
ki lo teamenu.

Auch wer nicht Hebräisch kann, merkt, daß hier zweimal das Wort «Amen» vorkommt. Amen ist ein hebräisches Wort und heißt: Treue, Treue Gottes! Wenn wir am Schluß unserer Gebete «Amen» sagen, so sagen wir: Ja, Gott, du bist treu. Und der Prophet sagt uns hier mit seinem Wortspiel: Wenn ihr nicht in diesem Amen, in die­ser Treue Gottes drin bleibt, dann kann das Amen, die Treue Gottes, nicht bei euch bleiben. Wenn ihr euch nicht festhalten laßt von der Hand des treuen Gottes, dann bleibt ihr ungehalten, dann besteht ihr nicht. Glauben heißt also jetzt: Wissen, daß Gott treu ist, und davon leben, daß es durch unsere Tage und Nächte hindurchgeht: du, Gott, bist treu! Davon leben, wie ein Hungriger lebt vom Brot, nein, wie ein Reicher lebt aus seinem Reichtum. Wenn ich das weiß, wenn das wirklich mit mir geht, dann «bleibe» ich, dann kann mich gar nichts mehr umwerfen. «Glaubet ihr nicht, so bleibet ihr nicht!» Das Wort «glauben» steht hier zunächst ganz für sich. Aber in Wahrheit steht es nie für sich. Glauben heißt in der Bibel immer: glauben an …! «Ich glaube an Gott, Vater, den allmächtigen Schöpfer Himmels und der Erde!» Wo der Ruf zum Glauben ergeht, da heißt das: Halte dich an Ihn, deinen Gott! Glaube! — damit ist nie gemeint: du mußt dich zusammennehmen, du mußt deine Fäuste ballen, du mußt es schaf­fen! Nein, du schaffst es ganz sicher nicht. Aber Gott schafft es, Gott allein. Ich aber verlasse mich darauf und werde in der Kraft dieser seiner Zusage an mich — bleiben!

Aber gibt es das denn? Gibt es diese Treue Gottes, auf die man sich verlassen darf und kann bis ins Letzte? Gibt es das? Wir kennen diese Frage wohl. Wir selber fragen ja immer wieder so: Regiert Gott eigentlich? Oder hat er sich wie ein alter Bauer aufs «Stöckli» zurückgezogen und läßt den Hof allein? Schon an Jesaja ist diese Frage gerichtet worden. Der König Ahas selber hat sie gestellt. Er hat gezweifelt an Gottes Treue. Und jetzt sage ich es euch so: Auch der Glaube ist eine Art Zweifel. Aber freilich nicht ein Zweifel an Gott, sondern ein Zweifel an der Macht dieser Welt, ein Zweifel an allem, was hier auf Erden großtut und auf uns einstürmt, wie jene zwei bösen Nachbarn, die auf den König Ahas einstürmten. Da sind Sorgen und Sünden, da ist Schwermut und Lebensangst, da ist Leid und Tod — daran zweifeln, daß dies alles Macht hat, zweifeln, daß es über mich Gewalt gewinnen kann, daran zweifeln, das heißt, das ist Glaube. Aber eben, woher nehmen wir die Kraft dazu, die Kraft zum Zweifeln an allem Sichtbaren und zum Nichtzweifeln am Un­sichtbaren und Ewigen? Wie groß ist sie doch, die Treue Gottes, daß er, der ewige Herr Himmels und der Erde, unser Gott sein will, daß er, den niemand sehen kann, unsichtbar bei uns sein will mitten in allen unheimlichen Sichtbarkeiten dieser Welt! Woher weiß man das?

Jetzt kann ich nur noch eines sagen, den Namen Jesus Christus. Darum und daher weiß man es, weil dieser ewige, herrliche, dieser dreieinige Gott Mensch geworden ist an Weihnacht und als dieser gestorben ist und auferstanden am dritten Tage. Und weil er wieder­kommen wird und alles, alles neu macht. Das ist seine Treue, daß dies gilt. Jesus, unser Herr, ist dazu gekommen, daß wir zweifeln lernen, gründlich und radikal zweifeln an allem irdisch Sichtbaren und Mächtigen und nicht mehr zweifeln an dem, was man nur hof­fen kann, weil man es nicht sieht, und doch ist es das allein Mäch­tige. Also nicht zweifeln am Siege Gottes des Vaters in seinem Sohne heute schon über Sünde, Leid und Tod. Damit rechnen, ja, damit allein rechnen, daß das gültig ist. Das ist Glaube. Wer so glaubt, der bleibt.

Darum ging es schon damals in Israel, um dieses Festbleiben im Glauben. Darum geht es auch heute. So eng hängt dieses Festbleiben im Glauben mit Jesus Christus zusammen, daß es im Glaubensbe­kenntnis nicht nur heißt: Ich glaube an Gott Vater, sondern sofort und in einem — und das ist die Mitte und der Grund alles Glau­bens — ich glaube an Jesus Christus, Gottes eingebornen Sohn, un­sern Herrn, empfangen vom Heiligen Geist, geboren von Maria, der Jungfrau, gelitten, gestorben, begraben, abgestiegen zur Hölle, am dritten Tage auferstanden von den Toten, aufgefahren gen Himmel, sitzet zur Rechten Gottes des allmächtigen Vaters, von dannen er kommen wird, zu richten die Lebendigen und die Toten! Das muß ganz stark gesagt werden, heute schon und ganz gewiß am Bettag, sonst werden alle Bettagsmandate und Bettagsbetrachtungen zum lee­ren Gerede. Der ewige Gott, der Eigentümer aller Sterne, der Be­sitzer aller Kräfte und Schätze der Erde, der Herr aller Länder, er will bei uns sein auf Erden, will uns nahe sein, ganz, ganz nahe als unser Vater; er will uns seine Treue halten. Darum ist er in seinem Sohne heruntergestiegen. Wie tief ist er gestiegen! Ein Strohbündel im Futtertrog war sein erstes Lager, und zwei Balken, zusammen­genagelt, an die er gehängt wurde, waren sein Sterbebett. Aber so, gerade so, auf diesem Wege, ist er uns gegenwärtig geworden. Seine Kraft und Gegenwart umhüllt uns jetzt in Jesus Christus durch den Heiligen Geist. Wie ein weiter Mantel einen frierenden, armen Men­schen umhüllt, so bist du umhüllt von der Kraft Gottes. Wir denken an ein Wort aus dem 139. Psalm, das unsere Kinder schon im Unter­richt gerne hören und lernen: «Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir!» Das sich sagen lernen, das ins Herz fassen, das heißt glauben. Und wer so glaubt, der weicht nicht!

Ein Letztes noch! Der Herr hat uns das nicht nur ausgerichtet durch seine Propheten und Apostel. Er hat uns ein handgreifliches Pfand seiner Treue gegeben. Er läßt seinen Tisch decken in der Ge­meinde. Brot und Kelch warten auf uns. Und wir dürfen hinzutreten, jedes für sich und alle miteinander. Da kommt die Nähe des Herrn in einer besonderen Weise auf uns zu, umhüllt uns, bedeckt unsere Sünden und gibt uns Kraft zum Bleiben ins Herz. Wie groß ist es doch, daß es also auch da im Schweizerland, da in unserer Stadt, eine Schar von Menschen gibt, die zusammengerufen sind zur Gemeinde, gerufen schon durch die Taufe zum Volke Gottes, genährt durchs Abendmahl für die kommende Welt, zusammengehalten durch das Wort Gottes. Sie dürfen glauben und darum bleiben, nicht nur für sich, sondern für alle, auch für die da draußen, die noch ferne sind und doch auch zu uns gehören. Wie eine Fahne geht es da hoch, eine Flagge Gottes, die weithin wehen will. Stellen wir uns darunter und gehen wir dann hinein in alle Stürme und Dunkelheiten, die kommen mögen. Lassen wir es stürmen und wettern, wir wissen: Es ist ein Herr da, der alles in Händen hält, und von ihm gehen Gnade und Friede aus. Wir dürfen glauben und darum bleiben! Herr, wie sollen wir dir dafür danken? Amen.

Quelle: Walter Lüthi/Eduard Thurneysen, Der Erlöser. Predigten, Basel: Friedrich Reinhardt, o.J. [1961], S. 228-234.

Hier die Predigt als pdf.

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