Elie Wiesel, Habe ich mich geändert?: „Das Äußere der Dinge und mehr noch der menschlichen Wesen war mir zuwider. – Wäre es mir möglich gewesen, dann hätte ich mich irgendwo in Indien in einen Ashram zu­rückgezogen. Aber ich konnte es nicht. Ich hatte unter dem glühenden Himmel Indiens so unermeßliches und schreckli­ches Elend gesehen, das ich einfach nicht tolerieren konnte. Angesichts dieses Elends bedrängte mich das Problem des Bösen mit zerstörerischer Kraft. Ich hatte die Wahl, mich da­vor zu verschließen oder die Flucht zu ergreifen.“

In dem 1982 in der Herderbücherei erschienenen Band Was meinem Leben Richtung gab. Bekannte Persönlichkeiten berichten über entscheidende Erfahrungen findet sich von Elie Wiesel folgendes Lebenszeugnis:

Habe ich mich geändert?

Von Elie Wiesel

Habe ich mich geändert? Bestimmt habe ich das. Alle Welt än­dert sich. Leben heißt, eine bestimmte Zeit, einen bestimmten Raum durchmessen; und mit etwas Glück hinterläßt man da­bei einige Spuren. Die Spuren zu Beginn sind nicht die glei­chen wie die am Ende. Sicher treffen Auftakt und Abgesang häufig wieder zusammen, aber sie sind nicht identisch. Wenn sie es wären, würde der zurückgelegte Weg traurig und öde sein. Meine Tradition lehrt mich nun, daß der Weg irgendwo­hin führt, und wiewohl der Zielpunkt nicht wechselt, ändern sich die Etappen und erneuern sich. Der alte Mensch wird seine Kindheit, die ihm verlockend erscheint, auf tausendfa­che Weise suchen.

So suche auch ich meine Kindheit und werde sie immer su­chen. Ich spüre ein Bedürfnis danach. Sie ist mir eine Not­wendigkeit als Anhaltspunkt wie als Zufluchtsort. Sie verkör­pert für mich eine Welt, die nicht mehr besteht, ein sonnen­durchflutetes und geheimnisvolles Königreich, wo die Bettler verkleidete Prinzen und die Narren die von allen Zwängen befreiten Weisen waren.

In jener Zeit, in jener Welt erschien alles einfach. Die Men­schen wurden geboren und starben, hofften oder verzweifel­ten, schützten die Liebe oder die Angst als Berufung oder als Schranke vor: Ich begriff manches, aber nicht alles, ich fand mich mit der Idee ab, daß für die wesentlichen Erfahrungen das Suchen bereits ein Sieg ist. Sogar wenn es keineswegs zum Ziele führt, bedeutet es einen Triumph. Es genügte mir zu wissen, daß irgendjemand die Antwort wußte; was ich da­gegen suchte, war die Frage.

Unter diesem Aspekt sah ich den Menschen und seinen Platz in der Schöpfung. Es gehörte zu ihm, seine Umgebung zu befragen und so über sich hinauszuwachsen. Kein Zufall war es, sagte ich mir, daß die erste Frage in der Bibel die Frage Gottes an Adam war: „Wo bist du?“ – Was? rief einmal ein großer chassidischer Meister, der Rabbi Schnëur Salman aus Ljady aus, Gott wußte nicht, wo sich Adam befand? Nein, so darf man diese Frage nicht stellen. Gott wußte es, Adam aber nicht. Deshalb muß der Mensch immer danach trachten, dachte ich, seine Rolle in der Gesellschaft zu kennen, seinen Platz in der Geschichte. Seine Aufgabe ist es, sich jeden Tag die Frage zu stellen: wo stehe ich im Hinblick auf Gott und auf den Nächsten.

Und merkwürdigerweise wußte das Kind, was der Erwach­sene nicht mehr wissen sollte. Ja, es stimmt, in meiner klei­nen Stadt irgendwo in den Karpaten wußte ich, wo ich mei­nen Platz hatte. Ich wußte, warum ich existierte. Ich existierte, um Gott zu verherrlichen und sein Wort zu heiligen. Ich exi­stierte, um mein Schicksal mit dem meines Volkes zu ver­binden und das meines Volkes mit dem der Menschheit. Ich existiere, um das Gute zu tun und gegen das Böse zu kämpfen, um den Willen des Himmels zu erfüllen, mit einem Wort, um jede meiner Handlungen, jeden meiner Träume, jedes meiner Gebete in den Plan Gottes ein­zufügen.

Ich wußte, daß Gott zugleich nahe und fern war, großmütig und streng und unerbittlich und milde zugleich. Ich wußte, daß ich zu seinem auserwählten Volke gehörte – auserwählt, um ihm durch das Leiden und gleichzeitig durch die Hoff­nung zu dienen. Ich wußte, daß ich mich im Exil befand, und daß das Exil total, universal, ja sogar kosmisch war. Ich wußte ebenso, daß das Exil nicht von Dauer sein, daß es sich in der Erlösung vollenden würde. Ich wußte soviel von sovielen Dingen. Ich wußte vor allem, wann ich mich freuen, wann ich wehklagen mußte: ich zog nur den Kalender zu Rate, darin stand alles.

Jetzt jedoch weiß ich nichts mehr. Wie in einem blinden, verstaubten Spiegel betrachte ich meine Kindheit und frage mich, ob es wirklich meine Kindheit ist. Ich erkenne mich nicht wieder in dem Kind, das dort mit brennendem Eifer stu­diert, das dort seine Gebete spricht. Das kommt daher, weil es von anderen Kindern umgeben ist. Es geht wie sie und geht mit ihnen, die Stirne gesenkt, die Lippen zusammengepreßt und dringt tief in die Nacht ein, als würde es von ihren Dun­kelheiten magisch angezogen. Ich betrachte sie, während sie in einen flammenden Abgrund stürzen, ich sehe sie zu Asche verwandelt, ich höre ihre stumm gewordenen Schreie und weiß nichts mehr, begreife nichts mehr, sie haben meine Si­cherheiten mit sich fortgetragen, und niemand wird sie mir zurückgeben.

Es handelt sich nicht allein um Fragen, die aus dem religiö­sen Glauben kommen. Um sie handelt es sich auch und um alle anderen. Es geht darum, meine Beziehungen zum Näch­sten und zu mir selber von neuem zu definieren oder wenig­stens von neuem zu bedenken. Haben sie sich geändert? Ich glaube, ohne das geringste Zögern darauf mit Ja antworten zu können. Rückblickend ist mir klar, daß sie nicht mehr diesel­ben sind. Ich will versuchen, etwas genauer zu sein. So ist z. B. meine Haltung den Christen gegenüber, die vor dem Kriege mißtrauisch, ja geradezu feindlich war, nachher offen und freundlich geworden.

Vor dem Kriege machte ich einen Bogen um alles, was von der anderen Seite, d.h. vom Christentum kam. Die Pfarrer flößten mir Angst ein, ich mied sie und, um ihren Weg nicht zu kreuzen, wechselte ich die Straßenseite. Ich fürchtete mich vor jedem Kontakt mit ihnen. Ich hatte Angst, von ihnen ent­führt und zur Taufe gezwungen zu werden. Ich hatte soviele Gerüchte, soviele Geschichten dieser Art gehört, daß ich das Gefühl hatte, ich befände mich ständig in Gefahr.

In der Schule saß ich neben den Christenjungen meines Al­ters, aber wir sprachen nicht miteinander. Wenn wir in der Pause spielten, waren wir wie durch eine unsichtbare Mauer getrennt. Ich habe nie einen christlichen Kameraden bei ihm zuhause besucht. Wir hatten nichts miteinander gemein. Spä­ter, als ich das Jünglingsalter erreicht hatte, floh ich vor ihnen, ich hielt sie zu allem fähig, daß sie mich schlugen, mich da­durch demütigten, daß sie mir die Löckchen abrissen oder mir meine Kopfbedeckung Wegnahmen, ohne die ich mich nackt fühlte. Was mein Traum damals war? In einer jüdi­schen, ganz und gar jüdischen Welt zu leben, in einer Welt, zu der Christen keinen Zutritt hatten, eine abgeschirmte Welt, die nach den Gesetzen des Sinai geordnet war. Es ist merkwürdig, aber als ich eines Tages im Getto aufwachte, ent­deckte ich in mir ein überschwängliches Gefühl, daß wir jetzt endlich unter uns leben würden. Ich wußte noch nicht, daß das nur eine Etappe war, die erste Etappe zu einem kleinen Bahnhof irgendwo in Polen. Und der Bahnhof hieß Ausch­witz.

Im Gegensatz zu dem, was ich denken konnte, fand meine wirkliche Veränderung nicht in den Lagern statt, sondern erst nachdem sie sich geöffnet hatten. Während der Prüfung lebte ich in ständiger Erwartung, entweder eines Wunders oder des Todes. Bei meiner körperlichen Schwäche wurde ich immer mehr passiv, nahm die Ereignisse an, ohne sie in Frage zu stellen. Natürlich geschah es, daß mich Auflehnung und Wut gegen die Mörder und ihre Helfershelfer packten und auch gegen den Schöpfer, der sie gewähren ließ. Ich war so weit, daß ich dachte, die Menschheit sei auf immer verloren und sogar Gott nicht imstande, ihr Rettung zu gewähren. Es kam soweit, daß ich mir Fragen stellte, die mir früher einen Schau­der über den Rücken gejagt hätten: über das Böse im Men­schen, über das Schweigen Gottes. Aber ich tat weiter so, als glaubte ich noch daran. Die Kameradschaft im Lager war mir wichtig. Ich erstrebte sie trotz aller Anstrengungen, die die Mörder machten, um sie abzuwerten und zu negieren. Ich klammerte mich an die Familien, den Mördern zum Trotz, die diese Bande zu gefährlichen und tödlichen Fallstricken mach­ten. Was Gott betraf, so sprach ich weiterhin meine Gebete. Am Morgen stand ich vor den anderen auf, um mich in der Schlange anzustellen und die Gebetsriemen anzulegen.

Erst später, als ich aus dem Alptraum erwachte, machte ich eine Krise durch, die schmerzlich und beängstigend war und meine früheren Sicherheiten in Frage stellte.

Ich begann am Menschen und an Gott zu verzweifeln, be­trachtete sie als einander feindlich gesonnen und beide zu­sammen als Feind des jüdischen Volkes. Ich sprach nicht laut darüber und tat es sogar in meinen Notizen nicht. Ich stu­dierte Geschichte, Philosophie, Psychologie, ich wollte be­greifen, aber je mehr ich mir aneignete, um so weniger begriff ich. Ich zürnte den Deutschen: Wie konnten sie Goethe und Bach für sich beanspruchen und gleichzeitig unzählige jüdi­sche Kinder umbringen. Ich zürnte ihren ungarischen, polni­schen, ukrainischen, französischen, holländischen Kompli­zen: Wie konnten sie im Namen einer perversen Ideologie sich gegen ihre jüdischen Nachbarn wenden und sogar so weit gehen, daß sie ihre Wohnungen plünderten und sie ver­rieten. Ich zürnte Papst Pius XII.: Wie konnte er sich in Schweigen hüllen? Ich zürnte den Regierungschefs der Al­liierten: Wie konnten sie bei Hitler den Eindruck entstehen lassen, er könne mit den Juden ganz nach Willkür verfahren? Warum hatten sie keine Maßnahmen zu ihrer Rettung getrof­fen? Warum hatte man ihnen alle Türen verschlossen? Warum hatte man nicht ein Paar Bomben auf die Eisenbahnli­nien geworfen, die nach Birkenau führten? Und wäre es nur gewesen, um Himmler zu zeigen, daß die Alliierten nicht gleichgültig zuschauten. Und warum soll ich nicht zugeben, daß ich auch Gott zürnte, dem Gott Abrahams, Isaaks und Ja­kobs. Wie konnte er sein Volk in dem Augenblick im Stich lassen, als es ihn brauchte? Wie konnte er es den Mördern überlassen? Welche Erklärung gab es für den Tod von einer Million jüdischer Kinder, wie war dieser Tod zu rechtferti­gen? Während langer Monate, ja jahrelang lebte ich allein. Ich mißtraute meinem Nächsten, verdächtigte meinen Mitmen­schen. Ich glaubte nicht mehr an das Wort als das Transport­mittel der Gedanken und des Lebens. Ich floh vor der Liebe, denn ich sehnte mich nur nach dem Schweigen und nach der Sinnlosigkeit. Da ich vom Westen angewidert war, wandte ich mich dem Osten zu. Ich erlebte die Anziehungskraft der indischen Mystik. Ich interessierte mich für den Sufismus, ja ich ging sogar daran, das okkulte Gebiet von Randsekten hie und da in Europa zu erforschen. Ich suchte ganz einfach das andere. Es ging mir darum, die andere Seite der Realität, die die Grundlage der Zivilisation darstellte, zu erkunden. Die Meditation zählte mehr für mich als die Aktion. Ich versenkte mich in die Kontemplation.

Das Äußere der Dinge und mehr noch der menschlichen Wesen war mir zuwider. – Wäre es mir möglich gewesen, dann hätte ich mich irgendwo in Indien in einen Ashram zu­rückgezogen. Aber ich konnte es nicht. Ich hatte unter dem glühenden Himmel Indiens so unermeßliches und schreckli­ches Elend gesehen, das ich einfach nicht tolerieren konnte. Angesichts dieses Elends bedrängte mich das Problem des Bösen mit zerstörerischer Kraft. Ich hatte die Wahl, mich da­vor zu verschließen oder die Flucht zu ergreifen. Doch ich wollte kein Komplize sein. Indische Freunde überquerten die Straße und stiegen über die Massen von Krüppeln und Kran­ken hinweg, ohne sie überhaupt zu beachten. Nein, das konnte ich nicht. Ich sah sie und fühlte mich schuldig. Schließlich begriff ich: ich habe die Freiheit mein eigenes Leid zu wählen, aber nicht das meines Mitmenschen. Wenn ich also die Hungernden vor mir nicht beachtete, so bedeutete das, ihr Schicksal – an ihrer Statt – zu akzeptieren, in ihrem Namen, für sie oder gar gegen sie oder wenigstens wie sie. Ihre Not nicht zu bemerken, hieß sie als logisch, ja als gerecht zu bejahen. Nicht gegen ihr Schicksal anzuschreien, bedeu­tete, es noch schwerer zu machen. Da ich mich zu schwach fühlte, um zu schreien, um den zahllosen ausgemergelten Kindern die Hand entgegenzustrecken, da ich es ablehnte, einzusehen, daß bestimmte Verhältnisse nicht geändert wer­den konnten, ging ich lieber fort und kehrte in den Westen zurück zu seiner notwendigen Vieldeutigkeit, die seinem Denken Glanz, ja Stärke verleiht.

Das heißt, daß ich die Aszese auf meine Weise praktizierte, bei mir daheim in meiner kleinen Welt, in Paris, wo es mir ge­schehen konnte, daß ich mich wochenlang von der Stadt, vom Leben zurückzog. Ich lebte in einem Zimmer, das eng wie eine Gefängniszelle war; unmöglich, sich dort zu zweit aufzu­halten. Der Lärm der Straße gelangte nur undeutlich und ge­dämpft zu mir. Mein Gesichtskreis verengte sich mehr und mehr. Ich betrachtete nicht die schäumenden Wellen der Seine, bemerkte nicht den Himmel, der sich in ihnen spie­gelte. Von den Leuten hielt ich mich fern. Keine Bande und keine Verbindungen, die meine Einsamkeit unterbrachen. Ich lebte nur in meinen Büchern, in denen mein Gedächtnis da­nach trachtete, an eine Erinnerung anzuknüpfen, die umfas­sender und auch geordneter war. Und je mehr ich mich erin­nerte, um so stärker fühlte ich mich ausgeschlossen und al­lein.

Ich fühlte mich vor allem als Fremder. Ich hatte meinen Glauben und damit mein Zugehörigkeitsgefühl und meinen Orientierungssinn verloren. Mein Glaube an das Leben war mit Asche bedeckt. Mein Glaube an den Menschen war voller Hohn, war kindisch und steril. Mein Glaube an Gott erschüt­tert. Dinge und Wörter hatten ihre Bedeutung, hatten ihre Achse verloren. Ein Bild aus der Kabbala beschrieb mir mei­nen damaligen Seelenzustand: die ganze Schöpfung hatte sich von ihrem Mittelpunkt verrückt, um in die Verbannung zu gehen. Auf wen sollte ich mich stützen, woran mich klam­mern?

Ich suchte mich, ich floh vor mir, und immer spürte ich die­sen Geschmack des Scheiterns, dieses Gefühl der Niederlage in mir.

Ein Mitglied des Sonderkommandos von Treblinka mochte sich fragen, ob es ihm eines Tages gelingen werde, wieder zu lachen, ein anderer, einer von Birkenau, stellte sich die Frage, ob er eines Tages wohl wieder weinen könne.

Ich lachte nicht, ich weinte nicht. Ich schwieg und wußte, daß ich es niemals vermochte, das Schweigen, das ich in mir trug, Wort werden zu lassen: Ich befand mich immer noch im Getto.

In gewissem Sinne befinde ich mich auch heute noch darin, und das ist ganz natürlich. Ich kann nichts dafür: das Getto ist in mir, ist in uns. Es wird uns nie verlassen. Wir sind seine Gefangenen. Die Welt nehmen wir nur durch den schmalen Spalt in seinen Mauern wahr.

Und dennoch hat eine Veränderung in unserem Verhal­ten stattgefunden. Zuerst sprachen wir uns aus. Ich zwang mich, das Geheimnis, das mich verzehrt, mit jemandem zu teilen. Ich versuchte die Gespenster, die in mir hausten, zum Sprechen zu bringen. Soll das heißen, daß die Wunde langsam vernarbt? Nein, sie brennt weiter. Ich bin immer noch nicht im Stande, darüber zu sprechen, aber ich fühle mich im Stande zu sprechen; darin liegt die Veränderung.

Handelt es sich dabei um ein Bedürfnis nach Kommuni­kation oder vielleicht nach Gemeinschaft? Ich beschwöre die Erinnerungen, die vor meinen eigenen liegen, ich singe den Gesang von den alten Königreichen, beschreibe ver­schwundene Welten. Ich existiere ebenso sehr durch das, was ich sage, als durch das, was ich verschweige. Um mein eigenes schweigendes Universum zu schützen, erzähle ich von dem der anderen. Um nicht über das zu sprechen, was mich schmerzt, vertiefe ich mich in andere Themen, bibli­sche, talmudische, chassidische oder zeitgenössische. Ich beschwöre Abraham und Isaak, um nicht das Geheimnis meiner Beziehung zu meinem Vater zu verraten. Ich erzähle die abenteuerliche Geschichte des Beseht (Baalschem), da­mit ich nicht vom Ende seiner Nachkommen berichten muß. Anders ausgedrückt, die Literatur ist für mich eine Art Ablenkungsmanöver, um den Blick des Lesers anders­wohin zu lenken. Die Geschichten, von denen ich berichte, sind niemals die, die ich erzählen möchte, erzählen müßte.

Das Wesentliche wird weder jemals gesagt noch begrif­fen werden. Vielleicht müßte ich meinen Gedankengang präzisieren. Nicht weil ich nicht spreche, werdet ihr mich nicht verstehen, weil man mich nicht verstehen wird, spre­che ich nicht.

So ist es nun einmal und wir können nichts dafür. Was manche Menschen erlebt haben, werdet ihr nie erleben – zum Glück für euch. Ihre Erfahrung hat aus ihnen beson­dere Wesen gemacht, die weder besser noch schlechter, aber anders sind, verwundbarer und zugleich härter als ihr. Die kleinste Spitze tut ihnen weh, aber der Tod flößt ihnen keine Furcht ein. Wenn ihr sie schief anseht, leiden sie dar­unter und trotzdem können sie die härtesten Schläge, die bittersten Enttäuschungen einstecken.

Das gilt zugleich für ihre Beziehungen zu den Mitmen­schen und für ihr Verhältnis zu Gott. Von Gott erwarten sie alles und sind sich doch bewußt, daß das alles längst nicht genügt: Gott selbst ist nicht fähig, das Vergangene zu än­dern, sogar er kann nicht ungeschehen machen, daß der Mörder sechsmillionenmal getötet hat. Wie könnte er denn wiedergutmachen? Ich weiß es nicht. Ich nehme an, er wird es nicht können. Diejenigen, die behaupten, daß dieses oder jenes eine Antwort auf den Holocaust bildet, geben sich mit bitter wenig zufrieden.

Ich habe das nach dem Kriege gedacht und denke es im­mer noch. Und dennoch überrasche ich mich dabei, wie ich ein vergessenes Bedürfnis verspüre, bestimmte Gebete zu sprechen, bestimmte Lieder zu singen, mich in eine ganz bestimmte Stimmung zu versetzen, die meine Jugend durchdrungen hatte. Wie jedermann würde ich alles, was ich besitze, dafür hingeben, wenn ich eines Morgens erwa­chen und erleben könnte, daß wir im Jahre 1938/39 sind, als ich nur von der Zukunft träumte.

Ich gäbe viel darum, noch einmal einen Sabbat in meiner kleinen Stadt zu erleben, irgendwo in den Karpaten. Die blütenweißen Tischtücher, die flackernden Flammen der Kerzen, die leuchtenden Gesichter rings um mich, die kraft­voll schöne Stimme meines Großvaters, des Chassid von Wischnitz, der die Engel des Sabbats einlud, ihn bis in un­ser Haus zu begleiten: Schon der Gedanke daran schmerzt mich.

Das also ist es, was mir am meisten fehlt, ein bestimmter Friede, eine gewisse Schwermut, die den Sabbat in Sighet seinen Kindern schenkte, den Großen und Kleinen, den Jungen und Alten, den Armen und Reichen. Der Sabbat ist es, der mir mangelt. Sein Fehlen erinnert mich an alles an­dere, was verschwunden ist; erinnert mich daran, daß die Dinge sich geändert haben in der Welt, daß die Welt selbst sich geändert hat.

Und ich mich auch.

Übersetzt von Hanns Bücker.

Quelle: Was meinem Leben Richtung gab. Bekannte Persönlichkeiten berichten über entscheidende Erfahrungen, Herderbücherei, Bd. 940, Freiburg i.Br.: Herder, 1982, S. 173-182.

Hier der Text als pdf.

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