Albert Schweitzers Predigt über Markus 12,28-34 – Das große Gebot vom Februar 1919: „Alles Wissen ist zuletzt Wissen vom Leben und alles Erkennen Staunen über das Rätsel des Lebens… Ehrfurcht vor dem Leben in seinen unendlichen, immer neuen Gestaltungen.“

Morgenpredigt Sonntag, 16. Februar 1919, St. Nicolai
1. Predigt über ethische Probleme
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Mk. 12,28-34: Das große Gebot

Von Albert Schweitzer

Der Schriftgelehrte, der die Frage nach dem großen Gebot an Jesus stellt, ist lernbegierig. Er möchte Bescheid haben über etwas, das ihn wie andere Volksgenossen beschäftigt hat. Im Evangelium Matthäus, dem Berichte des 22. Kapitels zufolge, stellen Schriftgelehrten diese Frage an Jesus, um ihn zu versuchen. Aber der Evangelist Markus hat sicher die bessere Erinnerung, wenn er den sympathischen Auftritt schildert, in dem Jesus und ein Schriftgelehrter sich für einen Augenblick verstehen und sich ins Herz schauen, um dann wieder auseinander zu gehen.

Damals wurde unter den denkenden Israeliten die Frage erwogen, wie alle Gesetze und Gesetzlein auf ein Grundgesetzt zurückzuführen seien. Auch wir haben ein ähnliches Bedürfnis. Was ist das Gute an sich? Ich las euch die ewigen Worte unseres Herrn vom Verzeihen, von der Barmherzigkeit, von der Liebe und von allen anderen Eigenschaften vor, die wir als seine Jünger in der Welt bewähren sollen. Aber wir haben alle das Empfinden, dass dies nur die Farben sind, in denen sich das weiße Licht einer sittlichen Grundgesinnung, wie er sie von uns verlangt, bricht.

Über diese Frage, was denn das Grundgebot aller Sittlichkeit sei und was die sittliche Grundgesinnung, möchte ich in dieser Stunde mit euch nachdenken, um dann mehrere Andachten den Fragen der christlichen Sittlichkeit zu widmen, die ich in der Ferne, in der Einsamkeit des Urwaldes überdacht habe, in dem Gedenken an diese Gottesdienste zu St. Nicolai und in der Hoffnung, euch einmal davon reden zu dürfen.

Die Frage nach dem Grundwesen des Sittlichen drängt sich uns in dieser Zeit auf. Wir werden zu einer Erkenntnis gedrängt, vor der sich die Generationen vor uns und wir selber bisher immer gesträubt haben, der wir aber doch nicht entgehen können, wenn wir wahrhaft sein wollen: Die christliche Sittlichkeit ist zu keiner Macht in der Welt geworden. Sie ist nicht tief in die Menschengemüter eingedrungen, sondern nur mehr äußerlich angenommen worden, mehr in Worten anerkannt als in der Tat geübt. Die Menschheit steht so vor uns da, als ob die Worte Jesu für sie nicht existierten, als ob es für sie überhaupt keine Sittlichkeit gäbe.

Darum nützt es gar nichts, die sittlichen Gebote Jesu einfach immer wieder zu wiederholen und auszulegen, als müßten sie sich zuletzt so dennoch allgemeine Anerkennung verschaffen. Dies wäre, als wenn man mit schönen Farben auf eine nasse Mauer malen wollte. Wir müssen erst die Voraussetzungen für das Verständnis derselben schaffen und unsere Welt zur Gesinnung führen, in der sie etwas für sie bedeuten, und es ist gar nicht so einfach, die Worte Jesu so auszulegen, daß sie praktisch im Leben verwendbar sind …

Das ist’s also, warum wir miteinander über das Gute an sich nachdenken müssen: Wir wollen verstehen, wie die hochgespannten Forderungen Jesu im täglichen Leben als erfüllbar sich ausnehmen, und wir wollen sie, obwohl so hochgespannt, als selbstverständliche Pflicht der Menschen als solche begreifen können. Wir wollen das Grundwesen des Sittlichen begreifen und aus diesem wie aus einem obersten Gesetz alles sittliche Handeln ableiten. Ja, aber ist an der Sittlichkeit überhaupt etwas zu begreifen? … die im gewöhnlichen Begriffe nicht mehr vernünftig sind, sondern Forderungen entsprechen, die man gemeinhin als überspannt ansehen würde. In diesem Zwiespalt, in dieser merkwürdigen Spannung hängt das Wesen des Sittlichen.

Die Angst, daß eine auf der Vernunft begründete Sittlichkeit etwas zu niedrig Eingestelltes, Kaltes, Herzloses sei, ist unbegründet, denn sowie die Vernunft wahrhaft in die Tiefe der Fragen geht, hört sie auf, kühle Vernunft zu sein, und fängt an, ob sie will oder nicht, mit in den Tönen des Herzens zu reden. Und das Herz selbst, sowie es sich zu ergründen sucht, entdeckt, daß sein Gebiet in das der Vernunft hineinragt, daß es durch das Land der Vernunft ziehen muß, um an die letzten Grenzen seines Bezirks zu kommen. Wie geht das zu?

Nun wollen wir den Weg zum Urbegriff des Guten zuerst vom Herzen und dann von der Vernunft aus gehen und sehen, ob beide sich begegnen.

Das Herz sagt: Das Sittliche beruht in der Liebe. Ergründen wir dieses Wort! Liebe bedeutet Wesensharmonie, Wesensgemeinschaft und gilt ursprünglich in dem Bereich von Personen, die sich in irgendeiner Weise natürlich angehören, daß ihre Existenzen in einem inneren Zusammenhang miteinander stehen, so Kinder und Eltern, Gatten und Menschen, die sich in enger Freundschaft nahegekommen. Und nun sollen wir, so verlangt die Sittlichkeit, auch den Menschen, die wir nicht kennen, gegenüber nicht das Gefühl der Fremdheit haben dürfen, auch denen gegenüber, die uns mehr sind als fremd, weil wir Abneigung gegen sie haben oder sie uns Feindschaft beweisen, sondern uns zu ihnen verhalten müssen, als stünden sie uns nahe.

Das Gebot der Liebe heißt also im letzten Grunde: Es gibt für dich keine Fremden, sondern nur Menschen, deren Wohl und Wehe dir angelegen sein muß. Es ist uns etwas so Natürliches, daß uns die einen nahe angehen und die andern indifferent sind; und dieses Natürliche will die Sittlichkeit nicht gelten lassen? Und Jesus hebt dieses Fremdsein so weit auf, daß er sagt: Der andere Mensch muß dir so nahe stehen wie du dir selber; du mußt, was ihn angeht, so unmittelbar erleben wie das, was dich betrifft.

Weiter soll das Herz auslegcn, was das heißt: «Du sollst Gott lieben von ganzem Herzen, von ganzem Gemüte und von allen deinen Kräften!» Gott, dieses ferne, unergründliche Wesen, lieben! Hier wird noch deutlicher, daß das Wort, wo es sittlich gemeint ist, in übertragener Bedeutung gebraucht wird. Gott, der unser nie bedarf, sollen wir lieben, als wäre er ein Wesen, dem wir im Leben begegnen! Ist den Menschen gegenüber Liebe etwas wie Miterfahren, Mitleiden und Helfen, so bedeutet es Gott gegenüber etwas im Sinne von ehrfürchtiger Liebe. Gott ist das unendliche Leben. Also bedeutet das elementarste Sittengesetz mit dem Herzen begriffen: Aus Ehrfurcht zu dem unbegreiflich Unendlichen und Lebendigen, das wir Gott nennen, sollen wir uns niemals einem Menschenwesen gegenüber als fremd fühlen dürfen, sondern uns zu helfendem Miterleben zwingen.

Soweit das Herz, wenn es das Gebot der Liebe zu Gott und dem Nächsten auf seinen allgemeinsten Ausdruck zu bringen sucht.

Nun rede die Vernunft. Sic suche, als wäre uns nichts über Sittlichkeit überliefert, wie weit sic im Nachdenken über die Dinge zu etwas gelangt, das unser Handeln bestimmt. Wird auch sie uns nötigen, aus uns selbst herauszutreten?

In der Vernunft, hört man gewöhnlich sagen, ist nur der Egoismus begründet: Wie mache ich es, daß ich es gut habe? Das ist ihre Weisheit, weiter nichts. Bestenfalls kann sie uns eine gewisse Ehrbarkeit und Gerechtigkeit lehren, weil diese mehr oder weniger zum Gefühl des Glückes gehören: Vernunft ist Bedürfnis nach Erkennen und Bedürfnis nach Glück, beide innerlich geheimnisvoll zusammenhängend.

Bedürfnis nach Erkennen! Suche zu ergründen alles, was um dich herum ist, gehe bis an die äußersten Grenzen des menschlichen Wissens, und immer stößt du zuletzt auf etwas Unergründliches – und dies Unergründliche heißt: Leben! Und dies Unergründliche ist so unergründlich, daß der Unterschied zwischen wissend und unwissend ein ganz relativer ist.

Welches ist der Unterschied zwischen einem Gelehrten, der die kleinsten und ungeahntesten Lebenserscheinungen im Mikroskop beobachtet, und dem alten Landmann (der kaum zu Lesen und Schreiben kommt), wenn er im Frühling sinnend in seinem Garten steht und die Blüte betrachtet, die am Zweige des Baumes aufbricht? Beide stehn sie vor dem Rätsel des Lebens, und einer kann es weitgehender beschreiben als der andere, aber für beide ist es gleich unergründlich. Alles Wissen ist zuletzt Wissen vom Leben und alles Erkennen Staunen über das Rätsel des Lebens… Ehrfurcht vor dem Leben in seinen unendlichen, immer neuen Gestaltungen. Was ist denn das, daß etwas entsteht, ist, vergeht, in anderen Existenzen sich erneut, wieder vergeht, wieder entsteht und so fort und fort, von Unendlichkeit zu Unendlichkeit? Wir können alles und können nichts, denn wir vermögen in aller unserer Weisheit nichts zu schaffen, das lebt, sondern was wir hervorbringen, ist tot!

Leben heißt Kraft, Wille, aus dem Urgrund des Willens kommend, in ihm wiederaufgehend, heißt Fühlen, Empfinden, Leiden … . Und vertiefst du dich ins Leben, schaust du mit sehenden Augen in das ge waltige belebte Chaos des Seins, dann ergreift dich plötzlich wie ein Schwindel. In allem findest du dich wieder. Der Käfer, der tot am Wege liegt… er war etwas, das lebte, um sein Dasein rang wie du, an der Sonne sich erfreute wie du, Angst und Schmerz kannte wie du, und nun nichts mehr ist als verwesende Materie… wie du über kurz oder lang sein wirst.

Du gehst draußen, und es schneit. Achtlos schüttelst du den Schnee von den Ärmeln. Da mußt du schauen … Eine Flocke glänzt auf deiner Hand. Du mußt sie schauen, ob du willst oder nicht, sie glänzt in wundervoller Zeichnung; dann kommt ein Zucken in sie: Die feinen Nadeln, aus denen sie besteht, ziehen sich zusammen, sie ist nicht mehr… geschmolzen, gestorben auf deiner Hand. Die Flocke, die aus dem unendlichen Raum auf deine Hand fiel, dort glänzte, zuckte und starb… das bist du. Überall wo du Leben siehst… das bist du!

Was ist also das Erkennen, das gelehrteste wie das kindlichste: Ehrfurcht vor dem Leben, vor dem Unbegreiflichen, das uns im All entgegentritt, und das ist wie wir selbst, verschieden in der äußeren Erscheinung und doch innerlich gleichen Wesens mit uns, uns furchtbar ähnlich, furchtbar verwandt. Aufhebung des Fremdseins zwischen uns und den andern Wesen.

Ehrfurcht vor der Unendlichkeit des Lebens… Aufhebung des Fremdseins… Miterleben, Mitleiden: Das letzte Ergebnis des Erkennens ist also dasselbe im Grunde, was das Gebot der Liebe uns gebeut. Herz und Vernunft stimmen zusammen, wenn wir wollen und wagen, Menschen zu sein, die die Tiefe der Dinge zu erfassen suchen!

Und die Vernunft entdeckt das Mittelstück zwischen der Liebe zu Gott und der Liebe zu den Menschen… die Liebe zur Kreatur, die Ehrfurcht vor allem Sein, das Miterleben allen Lebens, mag es dem unseren äußerlich noch so unähnlich sein.

Ich kann nicht anders, als Ehrfurcht haben vor allem, was Leben heißt, ich kann nicht anders, als mitempfinden mit allem, was Leben heißt: Das ist der Anfang und das Fundament aller Sittlichkeit.

Wer dieses einmal erlebt hat und weiter erlebt – und wer es einmal erlebt hat, erlebt es immer weiter — der ist sittlich. Er trägt seine Sittlichkeit in sich unverlierbar, und sie entwickelt sich in ihm. Wer es nicht erlebt hat, der hat nur eine angelernte Sittlichkeit, die nicht in sich gegründet ist, ihm nicht gehört, sondern von ihm abfallen kann. Und das Furchtbare ist, daß unser Geschlecht nur die angelernte Sittlichkeit hatte, die in der Zeit, wo es Sittlichkeit bewähren sollte, von ihm abgefallen ist. Seit Jahrhunderten wurde es nur mit der angelernten Sittlichkeit erzogen. Es war roh, unwissend, herzlos, ohne es zu ahnen, weil es den Maßstab für das Sittliche noch nicht besaß, da es keine allgemeine Ehrfurcht vor dem Leben besaß.

Du sollst Leben miterleben und Leben erhalten… das ist das größte Gebot in seiner elementarsten Form. Anders, negativ ausgedrückt: Du sollst nicht töten … das Verbot, mit dem wir es so leicht nehmen, indem wir geistlos die Blume brechen, geistlos das arme Insekt zertreten und dann geistlos, in furchtbarer Verblendung, weil alles sich rächt, das Leiden und das Leben der Menschen mißachten und es kleinen, irdischen Zielen opfern.

Man redet viel in unserer Zeit vom Aufbau einer neuen Menschheit. Was ist der Aufbau der neuen Menschheit? Nichts anderes, als die Menschen zur wahren, eigenen, unverlierbaren, entwickelbaren Sittlichkeit fuhren. Aber sie kommt nicht dazu, wenn die vielen einzelnen nicht in sich gehen, aus Blinden Sehende werden, und anfangen, das große Gebot zu buchstabieren, das große, einfache Gebot: Ehrfurcht vor dem Leben, in dem mehr hängt als das Gesetz und die Propheten, in dem hängt die ganze Sittlichkeit der Liebe, in ihrem tiefsten und höchsten Sinn, und aus dem sie sich für den einzelnen und die Menschheit immer wieder erneuert.

Quelle: Albert Schweitzer, Predigten 1898-1948, hrsg. v. von Richard Brüllmann und Erich Gräßer, Werke aus dem Nachlaß, München: C.H. Beck, 2001, S. 1233-1239.


[1] Mit dieser Predigt hat Schweitzer eine Reihe von fünfzehn Predigten über ethische Probleme eröffnet, die alle in der St.-Nicolai-Kirche zu Straßburg gehalten wurden.

Hier die Predigt als pdf.

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