Martin Luther über die Priesterweihe in De captivitate Babylonica ecclesiae praeludium (1520): „Das Sakrament der Priester­weihe war und ist das prächtigste Instrumentarium, um all die Ungeheuerlichkeiten zu stützen, die in der Kirche bisher geschehen sind und noch geschehen. Hier ist die christliche Bruderschaft zugrunde gegangen, hier sind aus Hirten Wöl­fe, aus Dienern Tyrannen und aus Geistlichen mehr als Weltliche geworden.“

Peter Flötner, Prozession der Pfaffen (Holzschnitt, 1535)

Von der Priesterweihe (De captivitate Babylonica ecclesiae praeludium)

Von Martin Luther

Die Kirche Christi kennt dieses Sakrament nicht, es ist von der Papstkirche erfunden. Denn es hat nicht nur nirgendwo in der Schrift eine Verheißung der Gnade, sondern das gan­ze Neue Testament erwähnt es auch nicht mit einem Wort. Es ist aber lächerlich, etwas zum Sakrament Gottes zu erklä­ren, dessen Einsetzung durch Gott nirgends gezeigt werden kann. Nicht daß ich es für verwerflich hielte, daß dieser Ritus durch so viele Jahrhunderte geübt worden ist, aber ich will nicht, daß in heiligen Dingen menschliche Gedanken ersonnen werden. Auch ist nicht erlaubt, etwas zu den gött­lichen Stiftungen zu zählen, was nicht von Gott gestiftet ist, damit wir uns nicht in den Augen der Gegner lächerlich machen. Vielmehr ist darauf zu achten, daß alles, was wir als Glaubensartikel lehren, zuverlässig und rein und mit ein­deutigen Schriftstellen belegt ist; das aber können wir bei dem vorliegenden Sakrament nicht im geringsten zeigen.

Auch ist die Kirche nicht ermächtigt, neue göttliche Gna­denverheißungen aufzurichten – wie einige schwätzen, was immer von der Kirche beschlossen werde, sei von nicht geringerer Autorität als das, was von Gott beschlossen wird, da sie ja vom Heiligen Geist geleitet werde. Die Kir­che entsteht ja aus dem Wort der Verheißung durch den Glauben, durch ebendieses Wort wird sie auch ernährt und erhalten. Das heißt, sie selbst wird durch die Verheißungen Gottes konstituiert – und nicht die Verheißungen Gottes durch sie. Denn das Wort Gottes steht unvergleichlich hoch über der Kirche. Daran hat sie nichts zu beschließen, zu ordnen und zu tun, sondern sie hat als Kreatur lediglich beschlossen, geordnet und vollzogen zu werden. Wer zeugt denn seinen Erzeuger? Wer hat seinen Stifter vorher einge­setzt?

Dies freilich hat die Kirche, daß sie Gottes Wort von Menschenwort unterscheiden kann – wie Augustinus be­kennt, er habe dem Evangelium geglaubt, veranlaßt durch die Autorität der Kirche, die predigte, dies sei das Evangelium. Nicht daß sie deswegen über dem Evangelium steht, denn sonst stünde sie auch über Gott, an den geglaubt wird, weil die Kirche predigt, daß er Gott ist. Sondern wie Augustinus an anderer Stelle sagt: Durch die Wahrheit selbst wird die Seele so ergriffen, daß sie durch sie über alle Dinge ganz sicher urteilen kann. Aber über die Wahrheit selbst kann sie nicht urteilen, doch wird sie mit unfehlbarer Gewißheit zu sagen gezwungen: Dies ist die Wahrheit. Um ein Beispiel zu geben: Unser Verstand sagt uns mit unfehl­barer Gewißheit »drei und sieben ist zehn« und kann doch nicht Rechenschaft darüber geben, warum das wahr ist, ob­wohl er nicht leugnen kann, daß es wahr ist, ist er doch gefangengenommen und wird mehr vom Gericht der Wahrheit gerichtet, als daß er selbst Richter sein könnte. Ein solches Verstehen gibt es auch in der Kirche, wenn sie, vom Geist erleuchtet, Lehren beurteilt und bestätigt: sie kann es nicht vorzeigen und hat es doch ganz gewiß. Wie nämlich bei den Philosophen niemand über die Allgemeinbegriffe urteilt, sondern alle ihrem Urteil unterliegen, so verhält es sich auch bei uns mit dem Verstehen im Geist, der »alle beurteilt und von niemandem beurteilt wird«, wie der Apo­stel 1 Kor 2,15 sagt. Doch dies ein andermal.

Es ist also gewiß, daß die Kirche keine Gnade verheißen kann, was nämlich Gott allein zukommt, und darum kann sie auch kein Sakrament einsetzen. Und selbst wenn sie das in höch­stem Grade könnte, folgte dennoch nicht sogleich daraus, daß die Priesterweihe ein Sakrament ist. Wer weiß denn, wo und wer die Kirche ist, die den Geist hat, da bei solchen Beschlüssen nur wenige und nur Bischöfe und Ge­lehrte anwesend zu sein pflegen? Es könnte sein, daß diese nicht der Kirche angehören und sämtlich irren, wie ja des öfteren Konzilien geirrt haben, besonders das von Kon­stanz, das am gottlosesten von allen geirrt hat. Denn das allein ist glaubwürdig bewiesen, was von der Gesamtkirche, nicht nur von der römischen, anerkannt wird. Darum lasse ich zu, daß die Priesterweihe eine Art kirchlicher Ritus ist, wie auch viele andere von den kirchlichen Vätern eingeführt worden sind – z. B. die Weihe von Gefäßen, Häusern, Ge­wändern, Wasser, Salz, Kerzen, Kräutern, Wein und der­gleichen. All diesen Dingen wird niemand die Bezeichnung Sakrament beilegen, auch ist in ihnen keinerlei Verheißung. Ebenso wenn die Hand eines Mannes gesalbt und der Scheitel geschoren wird und was dergleichen mehr geschieht: das bedeutet nicht, daß ein Sakrament gegeben wird, da hierbei nichts verheißen ist, sondern man wird nur wie ein Gefäß oder Werkzeug für bestimmte Aufgaben vor­bereitet.

Aber du wirst sagen: Was meinst du zu Dionysius, der in seinem Buch ›Die kirchliche Hierarchie‹ sechs Sakramen­te aufzählt, darunter auch die Priesterweihe? Ich antworte: Ich weiß, daß es unter den Alten nur diesen einen Autor gibt, der die Siebenzahl der Sakramente vertritt, d. h., weil er die Ehe wegläßt, bietet er nur eine Sechszahl. Denn rein gar nichts lesen wir bei den übrigen Vätern von diesen Sa­kramenten. Sie haben sie auch nicht als Sakramente einge­stuft, sooft sie über diese Dinge gesprochen haben. Die (sie­ben) Sakramente sind eine neuere Erfindung. Und um noch verwegener zu reden, mir mißfällt überhaupt, daß man jenem Dionysius, wer er auch immer gewesen sein mag, so viel Ehre erweist, da doch solide Gelehrsamkeit bei ihm so gut wie gar nicht anzutreffen ist. Mit welcher Auto­rität oder Begründung – so frage ich – will er das beweisen, was er sich in der ›Himmlischen Hierarchie‹, einem Buch, an das neugierige und abergläubische Genies so viel Schweiß gewendet haben, über die Engel ausdenkt? Ist das nicht alles von ihm selbst erdacht und Träumen sehr ähn­lich, wenn du unvoreingenommen liest und urteilst? In der ›Mystischen Theologie‹ aber, dem Buche, das gewisse, völ­lig ahnungslose Pseudo-Theologen so hochspielen, ist er sogar äußerst schädlich, mehr platonisierend als christ­lich, so daß ich wünschte, daß die Seelen der Gläubigen auch nicht die geringste Mühe auf dieses Buch verwenden. Christus lernst du dort so wenig, daß du ihn sogar verlierst, wenn du ihn schon kennst. Ich rede aus Erfahrung. Laßt uns lieber Paulus hören, damit wir »Jesus Christus« lernen, »und zwar als den Gekreuzigten« (1 Kor 2,2). Das ist näm­lich »der Weg, das Leben und die Wahrheit«, das ist die Leiter, durch die wir zum Vater kommen, wie er spricht: »Niemand kommt zum Vater außer durch mich« (Joh 14,6).

So auch in dem Buch ›Die kirchliche Hierarchie‹ – was tut Dionysius da anderes, als daß er gewisse kirchliche Riten beschreibt und mit seinen Allegorien spielt, ohne sie zu beweisen. Ähnliches hat bei uns der Herausgeber des Bu­ches getan, das den Titel ›Verzeichnis der gottesdienstlichen Handlungen‹ (›rationale divinorum‹) führt. Solche allegori­schen Studien sind etwas für Müßiggänger. Oder glaubst du, es fiele mir schwer, über jedes beliebige geschaffene Ding mit Allegorien zu spielen? Hat nicht Bonaventuradie »freien Künste« allegorisch auf die Theologie bezogen? Und schließlich hat Gerson den »kleineren Donatus« zum mystischen Theologen gemacht. Mir würde es keine Mühe machen, eine bessere ›Hierarchie‹ zu schreiben als die des Dionysius, da dieser den Papst, die Kardinäle und die Erz­bischöfe noch nicht kannte und deshalb den Bischof zum Ersten gemacht hat. Und wer ist so schwach begabt, daß er sich nicht in Allegorien versuchen könnte? Ich wünsch­te, daß ein Theologe auf Allegorien keine Mühe verwende­te, bis er vollkommen vertraut ist mit dem rechtmäßigen und einfachen Sinn der Schrift, sonst würde er, wie es bei Origenes der Fall war, nicht ohne Gefahr Theologie treiben.

Also muß etwas nicht ohne weiteres ein Sakrament sein, weil Dionysius es beschreibt. Warum macht man sonst nicht auch die Prozession zum Sakrament, die er an glei­cher Stelle beschreibt, da sie doch bis heute fortbesteht? Gewiß würde dann die Zahl der Sakramente in der Kirche genauso wachsen wie die der Riten und Zeremonien. Auf dieses schwache Fundament gestützt, haben sie dennoch ei­ne Prägung erfunden, die sie diesem ihrem Sakrament bei­legten, welche den Geweihten unauslöschlich als »character indelebilis« eingeprägt werde. Woher, so frage ich, solche Gedanken? Mit welcher Autorität, mit welcher Begründung werden sie ge­stützt? Nicht daß wir ihnen die Freiheit nehmen wollen, zu erfinden, zu sagen, zu behaupten, was immer ihnen beliebt! Aber auch wir verlangen unsere Frei­heit, damit sie sich nicht selbst das Recht anmaßen, aus ihren Gedanken Glaubensartikel zu machen, wie sie es sich bis jetzt herausgenommen haben. Es ist genug, daß wir uns um der Eintracht willen ihren Bräuchen und Handlungen anpassen. Aber wir wollen uns nicht zwingen lassen, als wären diese Dinge heilsnotwendig – was sie nicht sind! Sol­len sie ihren tyrannischen Zwang aufgeben, so werden wir ihren Ansichten freiwilligen Gehorsam leisten, damit wir gegenseitig in Frieden miteinander leben. Denn es ist eine schändliche und ungerechte Versklavung, daß ein Christen­mensch, der doch frei ist, anderen als himmlischen und göttlichen Traditionen unterworfen wird.

Nach diesem greifen sie zu ihrer letzten Stütze, und zwar, daß Christus beim Abendmahl gesagt hat: »Das tut zu mei­nem Gedächtnis« (Lk 22,19; 1 Kor 11,24). »Seht«, sagen sie, »hier hat Christus sie zu Priestern geweiht.« Davon haben sie u. a. auch dies abgeleitet, daß nur den Priestern das Altar­sakrament in »beiderlei Gestalt« zu geben sei. Schließlich haben sie alles Mögliche hier herausgesogen, indem sie sich die willkürliche Freiheit anmaßten, aus Christi Worten, die er irgendwo gesagt hat, jede beliebige Behauptung zu ent­nehmen. Aber heißt das Gottes Wort auslegen? Antworte bitte! Christus gibt hier keine Verheißung, sondern ordnet lediglich an, daß dies zu seinem Gedächtnis geschehen soll. Warum folgern sie nicht, daß auch dort Priester geweiht worden seien, wo er ihnen den Dienst des Wortes und der Taufe übertrug und sagte: »Geht in die ganze Welt und predigt das Evangelium aller Kreatur und tauft sie im Na­men« usw. (Mk 16,15; Mt 28,19), da es doch wesentlich Aufgabe der Priester ist, zu predigen und zu taufen. Ferner, da es heute wohl die erste Arbeit eines Priesters ist und die unerläßlichste – wie sie sagen –, die kanonischen Stundenge­bete zu lesen, warum haben sie nicht da an das Sakrament der Priesterweihe gedacht, wo Christus lehrt zu beten, wie an vielen anderen Stellen, so besonders (Mt 26,41) im Gar­ten, daß sie »nicht in Anfechtung fallen«? Es sei denn, sie entschlüpfen hier damit, das Beten sei nicht geboten, es genüge nämlich, die kanonischen Stundengebete zu lesen, so daß dieses priesterliche Werk nirgends aus der Schrift bewiesen werden kann und folglich dieses Betpriestertum nicht von Gott stammt, was es ja tatsächlich nicht tut.

Wer aber von den alten Vätern hat je behauptet, mit die­sen Worten seien Priester geweiht worden? Woher kommt also diese neue Einsicht? Es ist klar, was mit diesem Kunstgriff bezweckt wurde: eine Pflanzstätte unversöhnli­cher Zwietracht zu haben, daß dadurch Kleriker und Laien mehr unterschieden wären als Himmel und Erde, zur unglaublichen Verhöhnung der Taufgnade und zur Verwir­rung der evangelischen Gemeinschaft. Von hier hat offen­sichtlich jene abscheuliche Tyrannei der Kleriker gegenüber den Laien ihren Anfang genommen. Im Vertrauen auf die leibliche Salbung, mit der ihre Hände geweiht werden, und außerdem auf die Tonsur und die Kleidung dünken sie sich nicht nur besser als die übrigen christlichen Laien, die doch mit dem Heiligen Geiste gesalbt sind, sondern halten sie geradezu wie Hunde für unwürdig, mit ihnen zusammen zur Kirche zu gehören. Und so wagen sie auch, alles Erdenkliche zu gebieten, zu verlangen, zu drohen, zu drängen und zu drücken. Die Summe: Das Sakrament der Priester­weihe war und ist das prächtigste Instrumentarium, um all die Ungeheuerlichkeiten zu stützen, die in der Kirche bisher geschehen sind und noch geschehen. Hier ist die christliche Bruderschaft zugrunde gegangen, hier sind aus Hirten Wöl­fe, aus Dienern Tyrannen und aus Geistlichen mehr als Weltliche geworden.

Wenn sie gezwungen würden zuzugeben, daß wir alle, alle Getauften, in gleicher Weise Priester sind, wie wir es ja wahrhaftig sind, und ihnen lediglich der Dienst anvertraut ist, jedoch mit unserer Zustimmung, dann würden sie zu­gleich wissen, daß sie kein Recht haben, über uns zu herr­schen, außer soweit wir es freiwillig zulassen. So nämlich heißt es 1 Petr 2,9: »Ihr seid das auserwählte Geschlecht, das königliche Priestertum und priesterliche Königtum.« Dar­um sind wir alle Priester – wir Christen alle! Die aber, die wir »Priester« nennen, sind aus unserer Mitte ausgewählte Diener, die alles in unserem Namen tun sollen und das Prie­stertum ist nichts anderes als ein Dienst. So sagt 1 Kor 4,1: »Dafür halte uns jedermann: für Christi Diener und Haus­halter über Gottes Geheimnisse.«

Daraus folgt, daß der, der das Wort nicht predigt, obwohl er doch genau hierzu von der Kirche berufen ist, keinesfalls ein Priester ist. Und das Sakrament der Priesterweihe kann nichts anderes sein als eine bestimmte Form, einen Prediger in der Gemeinde zu erwählen. Denn so wird Mal 2,7 der Priester definiert: »Die Lippen des Priesters bewahren die Lehre, und Weisung wird man aus seinem Munde suchen, denn er ist ein Bote (angelus) des Herrn Zebaoth«. Du kannst also gewiß sein: wer kein Bote des Herrn Zebaoth ist oder zu etwas anderem berufen wird als zu diesem Engels­dienst – um es einmal so zu sagen der ist überhaupt kein Priester. Wie Hos 4,6 sagt: »Weil du die Erkenntnis ver­worfen hast, werde ich dich auch verwerfen, daß du nicht mehr mein Priester bist.« Darum nämlich heißen sie auch Hirten, weil sie weiden, d. h. lehren sollen. Darum sind die, die nur zum Lesen der kanonischen Stundengebete und zum Darbringen des Meßopfers geweiht werden, wohl päpstli­che, aber nicht christliche Priester, weil sie nicht nur nicht predigen, sondern noch nicht einmal zum Predigen berufen werden. Ja, es läuft darauf hinaus, daß das Priestertum die­ser Art jedenfalls ein anderer Stand ist als das Predigtamt. Darum sind sie Brevierpriester und Meßpfaffen, d. h. eine Art lebende Götzenbilder, die bloß den Namen von Prie­stern haben, obwohl sie nichts weniger sind als solche »Prie­ster«, wie sie Jerobeam in Bethaven weihte, von der unter­sten Hefe des Volkes, nicht aus levitischem Geschlecht (vgl. 1 Kön 12,31; Hos 4,15; 10,5).

Sieh also, wohin es gekommen ist mit der Herrlichkeit der Kirche: Die ganze Welt ist voll von Priestern, Bischö­fen, Kardinälen und Klerikern, von denen doch – sofern man auf das Amt blickt – keiner predigt, wenn er nicht durch eine besondere Berufung über die sakramentale Wei­he hinaus eigens dazu berufen wird. Aber er meint, dem Sakrament seiner Weihe voll gerecht zu werden, wenn er das Geplapper der Gebetslesungen murmelt und Messen ze­lebriert. Ferner, wenn er die Stundengebete niemals wirk­lich betet oder, wenn er sic betet, sie für sich selbst betet und seine Messen – das ist die größte Verkehrtheit – als Opfer darbringt, obwohl doch die Messe im Empfangen des Sa­kraments besteht! So wird deutlich, daß die Priesterweihe, die als ein Sakrament diese Art Menschen zu Klerikern weiht, echt und rein gar nichts als eine Erfindung ist, her­vorgebracht von Menschen, die nichts von der Sache der Kirche, vom Priestertum, vom Dienst am Worte Gottes und von den Sakramenten verstehen. So kann man sagen: Wie das »Sakrament« ist, solche Priester hat es auch. Zu diesen Irrtümern und Blindheiten ist zur Vergrößerung der Gefangenschaft noch etwas hinzugekommen. Um sich von der Profanität der übrigen Christen besser zu unterscheiden, haben sie sich wie die »Galli«, die Priester der Kybele,selbst entmannt, indem sie sich mit dem höchst unaufrichti­gen Zölibat beluden.

Und die heuchlerische Wirkung dieses Irrtums bestand nicht nur darin, die Doppelehe zu verbieten – d.h., daß jemand nicht zwei Frauen zugleich habe, wie es unter dem mosaischen Gesetz geschah, denn das bedeutet, wie wir wissen, Bigamie. Vielmehr haben sie es als Bigamie inter­pretiert, wenn einer nacheinander zwei Jungfrauen oder ein­mal eine Witwe heiratet. Ja, jene heiligste »Heiligkeit« die­ses allerheiligsten Sakraments ist so groß, daß auch der nicht Priester werden kann, der eine Jungfrau geheiratet hat, so­lange denn diese seine Frau lebt. Und damit es den höchsten Gipfel der Heiligkeit erreiche, ist sogar der vom Priestertum ausgeschlossen, der ohne sein Wissen und durch einen un­glücklichen Zufall eine geheiratet hat, die nicht mehr Jung­frau war. Aber wenn einer mit 600 Dirnen gehurt oder Ehefrauen und Jungfrauen geschändet hätte, soviel er will, oder auch sich eine Menge Lustknaben gehalten hätte, das würde ihn nicht hindern, Bischof oder Kardinal oder Papst zu werden. Da muß denn des Apostels Wort (1 Tim 3,2) »eines Weibes Mann« so ausgelegt werden, daß es »Vorste­her einer Kirche« heiße. Daraus entspringe die »Unverein­barkeit der Stellen«, es sei denn, der Papst als großmäch­tiger Dispensator will einen mit drei oder mit zwanzig oder hundert »Frauen«, d.h. Kirchen, »vermählen«, durch Geld bestochen oder durch Beziehungen, d.h. natürlich von frommer Liebe bewegt und durch Sorge um die Kirchen genötigt.

O ihr Päpste! Wie würdig seid ihr dieses ehrwürdigen Sakraments der Priesterweihe! O ihr Oberhäupter – nicht der katholischen Kirchen, sondern der satanischen Synago­gen (Off 2,9), ja der Finsternis! Mit Jesaja möchte man hier rufen: »O ihr Spötter, die ihr herrscht über mein Volk, das in Jerusalem ist!« (Jes 28,24). Und das Wort aus Amos 6,1: »Weh euch Reichen in Zion und weh euch, die ihr euch auf den Berg Samarias verlaßt, ihr Adligen und Häupter der Völker, die mit Pracht einziehen ins Haus Israel«. O Schmach der Kirche Gottes, die ihr von diesen priesterli­chen Ungeheuern zugefügt wird! Wo sind Bischöfe oder Priester, die das Evangelium kennen, geschweige denn predigen! Was rühmen sie sich dann, Priester zu sein? Warum wollen sie als heiliger, besser und mächtiger gelten als die anderen Christen, die Laien? Die Stundengebete lesen, wel­cher Stümper könnte das nicht? Oder welcher Zungenred­ner, wie der Apostel ihn beschreibt (1 Kor 14,2-5)? Die Stundengebete aber zu beten, ist Sache von Mönchen, Ein­siedlern und Privatpersonen, auch wenn sie Laien sind. Auf­gabe des Priesters ist es zu predigen. Wenn er das nicht tut, ist er genausogut ein Priester, wie ein gemalter Mensch ein Mensch ist. Oder macht es den Bischof aus, solche Plapper­priester zu weihen? Oder Kirchen und Glocken zu weihen? Oder Kinder zu firmen? Nein! Das könnte jeder beliebige Diakon oder Laie tun. Der Dienst am Wort Gottes macht den Priester oder Bischof.

Also flieht, rate ich euch, alle, die ihr sicher leben wollt. Flieht, ihr jungen Männer, und laßt diese Weihe nicht an euch vollziehen, wenn ihr, das Evangelium zu predigen, nicht gewillt seid oder nicht glauben könnt, daß ihr durch das Sakrament der Priesterweihe um nichts besser gewor­den seid als die Laien! Denn Stundengebete lesen, das ist gar nichts. Und weiter: das Meßopfer darbringen heißt das Sa­krament empfangen. Was bleibt euch also noch, das sich nicht bei jedem Laien fände? Die Tonsur und die Kleidung? Ein elender Priester, der aus Tonsur und Kleidung besteht! Oder ist es das Öl, das auf eure Finger gegossen wurde? Aber ein jeder Christ ist mit dem Öl des Heiligen Geistes gesalbt und geheiligt an Leib und Seele und faßte einst das Sakrament mit seinen Händen nicht weniger an, als es heute die Priester tun, obwohl es jetzt unser Aberglaube den Laien als schwere Schuld anrechnet, auch den Kelch oder das Corporale nur zu berühren. Und nicht einmal eine heilige Klosterjungfrau darf die Altartücher und heiligen Leinenge­wänder waschen. Sieh um Gottes willen, was für Fortschrit­te die hochheilige Heiligkeit dieser Weihe gemacht hat? Ich hoffe, es kommt noch so weit, daß Laien auch den Altar nicht anrühren dürfen, es sei denn, sie legen Geld darauf. Mich zerreißt es fast, wenn ich an diese äußerst gottlosen Tyranneien höchst schändlicher Menschen denke, die mit so lächerlichen und kindischen Possen die Freiheit und Herr­lichkeit des christlichen Glaubens verspotten und zugrunde richten.

Darum sei ein jeder, der sich als Christ erkannt hat, gewiß und erkenne sich selbst: wir sind nämlich alle in gleicher Weise Priester, d.h., wir haben dasselbe Recht am Wort Gottes und an jedem der Sakramente. Jedoch ist es nicht jedem erlaubt, davon Gebrauch zu machen, es sei denn, die Gemeinschaft stimmt zu oder ein Höhergestellter beruft ihn. Denn was allen gemeinsam gehört, darf kein einzelner sich anmaßen, bevor er nicht berufen wird. Und dadurch ist das Sakrament der Priesterweihe, wenn es überhaupt etwas ist, nichts anderes als ein bestimmter Ritus, um einen zum kirchlichen Dienst zu berufen. Ferner, das Priestertum ist eigentlich nichts anderes als Dienst am Wort, am Worte nicht des Gesetzes, sage ich, sondern des Evangeliums. Der Dienst des Diakons aber besteht nicht darin, das Evange­lium und die Epistel zu lesen, wie es heute Brauch ist, son­dern darin, das Kirchengut an die Armen auszuteilen, damit die Priester der Belastung mit zeitlichen Dingen enthoben sind und mehr Freiheit haben, sich dem Gebet und dem Worte Gottes zu widmen. Denn daß in dieser Absicht die Diakone eingesetzt sind, lesen wir Apg 6,4. Und so ist der, der das Evangelium nicht kennt oder nicht predigt, nicht nur kein Priester oder Bischof, sondern gleichsam eine Pest der Kirche, der fälschlich unter dem Namen eines Priesters und Bischofs wie im Schafsfell das Evangelium unterdrückt und so in der Kirche den Wolf spielt (vgl. Mt 7,15).

Darum sind die Priester und Bischöfe, deren heute die Kirche übervoll ist, wenn sie nicht auf andere Weise ihr Heil schaffen, d. h., wenn sie nicht erkennen, daß sie weder Prie­ster noch Bischöfe sind, und es als schmerzlich empfinden, einen Namen zu tragen, dessen Werk sie nicht kennen oder nicht erfüllen können, und so mit Gebet und Tränen das elende Los ihrer Heuchelei beweinen – wahrhaftig ein Volk des ewigen Verderbens. Und an ihnen wird sich jenes Wort aus Jes 5,13 bewahrheiten: »Mein Volk ist gefangengeführt, weil es keine Erkenntnis hatte, und sein Adel ist vor Hunger umgekommen, und seine Masse ist verdurstet. Darum hat die Hölle ihren Schlund weit aufgesperrt und ihren Rachen maßlos aufgerissen. Und es fahren hinein die Helden wie das Volk mitsamt seinen Hohen und Herrlichen.« O ein schreckliches Wort für unsere Zeit, in der die Christen von solch einem Abgrunde verschlungen werden!

Soweit wir also aus der Schrift lernen, da das doch ein Dienst ist, was wir als Priestertum bezeichnen, so sehe ich ferner nicht ein, wieso der nicht wieder zum Laien werden kann, der einmal zum Priester geworden ist, da er sich von einem Laien durch nichts unterscheidet als durch seinen Dienst. Vom Dienst entbunden zu werden ist aber so wenig unmöglich, daß dies auch heute laufend als Strafe für schul­dig gewordene Priester angewendet wird, wobei sie entwe­der vorübergehend suspendiert oder für immer ihres Amtes enthoben werden. Denn jene Erfindung von der »unaus­löschlichen Prägung« ist schon längst lächerlich geworden. Ich gestehe zu, daß der Papst diese Prägung verleiht, aber Christus weiß nichts davon. Und so ist ein Priester eben dadurch zum ewigen Sklaven und Gefangenen geweiht, nicht so sehr Christi als vielmehr des Papstes, wie es heutigentages ist. Übrigens – sofern ich mich nicht irre: wenn einmal dieses erfundene Sakrament hinfällt, wird das Papst­tum selbst mit seinen »Prägungen« kaum bestehenbleiben. Und zu uns wird zurückkehren die fröhliche Freiheit, in der wir erkennen werden, daß wir hinsichtlich eines jeden Rechtes alle gleich sind und, wenn das Joch der Tyrannei abgeworfen ist, wissen werden: Wer ein Christ ist, hat Christus, wer Christus hat, hat alles, was Christus gehört, er »vermag alles« (Phil 4,13). Davon mehr und Kräftigeres, sobald ich merke, daß dies meinen papistischen Freunden mißfällt.

Quelle: Martin Luther, Die reformatorischen Grundschriften, Bd. 3: Die Gefangenschaft der Kirche, hrsg. und übersetzt von Horst Beintker, München: dtv, 1983, S. 111-121.

Hier der Text als pdf.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s