Elie Wiesel über einen Prozess gegen Gott in Auschwitz: „Was er dann tat, war, ein rabbinisches Tribunal einzuberufen und Gott anzuklagen. Er hatte zwei andere gelehrte Rabbiner hinzugezogen, und sie beschlossen, Gott anzuklagen, in angemessener, korrekter Form, wie es ein richtiges, rabbinisches Tribunal tun soll, mit Zeugen und Argumenten usw.“

Über einen Prozess gegen Gott in Auschwitz

Von Elie Wiesel

Lassen Sie mich ein Beispiel geben: Während des Krieges, im Lager, arbeitete ich einmal in einem Kommando zusammen mit einem Mann, der vor dem Krieg der Leiter einer jüdischen Schule, einer Jeschiwa, war. Eines Abends sagte er zu mir: „Komm‘ heut‘ Nacht zu meiner Pritsche.“ Ich ging hin. Heute weiß ich, warum er es tat: Weil ich der Jüngste war, muss er gedacht haben, daß ich, weil ich jünger war, eine größere Chance haben würde, zu überleben und die Geschichte zu erzählen.

Und was er dann tat, war, ein rabbinisches Tribunal einzuberufen und Gott anzuklagen. Er hatte zwei andere gelehrte Rabbiner hinzugezogen, und sie beschlossen, Gott anzuklagen, in angemessener, korrekter Form, wie es ein richtiges, rabbinisches Tribunal tun soll, mit Zeugen und Argumenten usw. Was sie taten, war vollständig in Übereinstimmung mit dem jüdischen Gesetz und mit der jüdischen Tradition. Ich weiß, daß es für Christen schwierig ist, das zu verstehen, und noch schwieriger, es zu akzeptieren, daß wir Menschen Gott anklagen können. Juden können es, Juden haben es stets getan: Abraham hat es getan, Moses und Hiob haben es getan, der Talmud ist voll von Rabbinen, die gegen Gott protestiert haben. Und in der chassidischen Literatur hat Rabbi Levi-Jischak von Beditschew ständig Gott angeklagt. Wir dürfen Nein sagen zu Gott. Vorausgesetzt, es geschieht für andere Menschen, um des Menschen willen. Wir dürfen Nein sagen zu Gott. Das ist für mich eine große Neuerung, kühn, revolutionär, in der jüdischen Tradition.

Und so beschlossen die drei Rabbiner in diesem Lager, einen Prozess zu veranstalten. Die Verhandlungen des Tribunals zogen sich lange hin. Und schließlich verkündete mein Lehrer, der Vorsitzender des Tribunals gewesen war, das Urteil: Schuldig.

Und dann herrschte Schweigen – ein Schweigen, das mich an das Schweigen am Sinai erinnerte, ein endloses, ewiges Schweigen.

Aber schließlich sagte mein Lehrer, der Rabbi: „Und nun, meine Freunde, lasst uns gehen und beten.“ Und wir beteten zu Gott, der gerade wenige Minuten vorher von seinen Kindern für schuldig erklärt worden war.

Quelle: Olaf Schwenke (Hrsg.), Erinnerung als Gegenwart. Elie Wiesel in Loccum, Evangelische Akademie Loccum, 1987, S. 117-119 (gekürzt).

Hier der Text als pdf.

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