Karl Barth, Die wirkliche Kirche (1948): „Seht und hört — ein wahrhaft erbauliches Schauspiel, das ich hier in Ungarn nicht genug bewundern kann — wie in der Zigeunerkapelle ein jeder Einzelne seine Augen und Ohren ganz und gar beim Prim-Geiger hat und mit seinem eigenen Spiel nur dessen Inventionen zu folgen bemüht ist und eben so notwendig selbstverständlich und glücklich mit allen Anderen zu­sammen spielt. Dies heißt einander helfen in reiner Sachlichkeit. So ist man in der wirklichen Kirche beieinander.“

Die wirkliche Kirche

Von Karl Barth

Das Wort „Kirche“ hat in unseren Lagen wieder einen bedeutsame­ren und kräftigeren Klang bekommen. Im Jahr 1926 veröffentlichte der damalige Generalsuperintendent und heutige Bischof von Berlin, Otto Dibelius, ein Buch unter dem Titel: „Das Jahrhundert der Kirche“. Ge­meint war dieses unser 20. Jahrhundert. Der Verfasser hat darin sicher recht behalten, daß in den drei Jahrzehnten seit dem Ende des ersten Weltkriegs, die wir nun hinter uns haben, zweifellos mehr von der Kirche geredet worden ist als im ganzen 18. und 19. Jahrhundert mit­einander. Wer hätte sich um 1910, als die Schriftstellerei etwa von Her­mann Kutter auf ihrem Höhepunkt war, träumen lassen, daß es so kom­men könnte? Vielleicht hängt das zusammen mit dem seit dem ersten Weltkrieg anhebenden Zusammenbruch des größten Teils der politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Gestalt des alten Europa, der die Frage wohl nahelegen konnte: ob es nicht eben der Kirche gegeben sein möchte, dieses alte Europa noch einmal zu retten, vielleicht in erneuerter Gestalt wieder aufzurichten, wie sie es seinerzeit mitbegründen half? Die römisch­katholische Kirche scheint in dieser Hinsicht besonders guten Mutes zu sein und auch viele offene und stille Erwartungen zu erwecken. Ihre wieder sehr viel ansehnlicher gewordene Existenz und ihr teilweise sehr rüstiges Vordringen ist sicher auch ein Grund dafür, daß das Wort „Kirche“ auch außerhalb ihrer besonderen Hürden wieder so viel mehr in den Vorder­grund des christlichen Bewußtseins und der theologischen „Gespräche“ gerückt ist. Denn das ist zweifellos etwas von ihrer Starke, daß sie es in hervorragender Weise versteht, den Eindruck zu erwecken, daß man es in ihr mit „wirklicher Kirche“ zu tun habe. Es war aber doch so, daß während der großen Krisis von 1933 bis 1945 auch in den evangeli­schen Kirchen, zuerst in Deutschland, dann besonders auch in Holland und Norwegen, aber auch anderwärts, gewisse nicht zu überschätzende aber auch nicht zu unterschätzende und eigentlich überall ziemlich uner­wartete „Beweise des Geistes und der Kraft“ geführt worden sind, aus denen mehr als einer innerhalb und außerhalb dieser Kirchen selbst sich wohl klar machen konnte, daß es gerade mit der inneren Auflösung auch der evangelischen Kirche so weit noch nicht sei, wie man es wohl vorher gelegentlich vermuten konnte. Von einer ganz anderen Seite ist uns der Begriff der Kirche dadurch neu eindrücklich gemacht worden, daß wir seit bald einem Vierteljahrhundert eine oekumenische Kirchenbewegung haben, in der es den schwächeren Kirchen durch die Berührung mit ande­ren wirklich oder doch vermeintlich stärkeren und jedenfalls selbstbewußteren zu Gemüte geführt wurde, daß sie zu ihrer eigenen Sache vielleicht doch auch wieder ein stärkeres Zutrauen fassen dürften. Und endlich dürfte wohl auch die wenigstens in gewissen Bereichen vollzogene Abkehr der evangelischen Theologie von dem überkommenen Liberalismus und Individualismus der Väter des 18. und 19. Jahrhunderts, ein neu ge­wonnenes Verständnis für das Bekenntnis zur communio sanctorum bei aller Vielfältigkeit in der Art, in der sie diese Wendung vollzogen hat, dazu beigetragen haben, die Gedanken Vieler in dieser Richtung in Be­wegung zu setzen.

Nun, je mehr und je eindringlicher heute wieder von „Kirche“ geredet wird, desto mehr besteht offenbar Anlaß, sich Rechenschaft darüber zu geben, was mit diesem Wort und Begriff nun eigentlich — wenn nicht leeres Stroh gedroschen wird gemeint und bezeichnet sein möchte, was ist die Kirche wirklich? was ist „wirkliche Kirche“? Das soll die Frage sein, auf die wir uns nun möglichst einfache, möglichst zentrale Antwort zu geben versuchen wollen.

I.

Die wirkliche Kirche wird sichtbar, indem sie in der Kraft des Heiligen Geistes aus ihrer Verborgenheit in der kirchlichen Einrichtung, Überlieferung und Gewohnheit heraustritt und herausleuchtet.

Wir beginnen mit der Frage: wo und wie die wirkliche Kirche zu sehen ist? Sie gehört nach dem dritten Artikel des alten Bekenntnisses zu den Wirklichkeiten, die wir Christen glauben dürfen. Damit ist nun aber schon darüber entschieden, daß auch wir Christen die wirkliche Kirche wohl sehen, aber eben nur, indem wir glauben, sehen können. Nicht so also, wie man einen Staat in seinen Bürgern und Behörden, in seinen Gesetzen und Institutionen ohne weiteres sehen kann, was man im Glau­ben sieht, das sieht man im Ereignis seiner Offenbarung, das sieht man in einem Heraustreten und Herausleuchten des Geglaubten, über das der Glaubende keine Macht hat, an welchem er nur als Beschenkter Anteil haben kann. Die wirkliche Kirche ist wahrlich nicht unsichtbar, sondern sichtbar. Sie ist aber da und nur da sichtbar, wo sie durch Gottes Tat, durch das Zeugnis des Heiligen Geistes sichtbar gemacht wird. In dieser Sichtbarkeit wird sie im Glauben gesehen, was an derselben Stelle ohne den Glauben und also ohne dieses Ereignis und Zeugnis zu sehen ist, das ist nicht die wirkliche Kirche. Es ist ja klar, daß man sie als eine Religionsgesellschaft im gleichen Sinn sehen kann, wie man einen Staat sehen kann. Man sieht dann — nun eben Kirchenmitglieder und Kirchen­behörden, Kirchenordnungen und Kirchenverfassungen, Kirchengebäude und auch Kirchengerichte, Bibel, Dogma und Kultus, Kirchgänger und Pfarrer in ihren mancherlei Aktivitäten und einiges Andere, was auf dieser Linie zu sehen ist. Man sieht dann ein Bild, einen Schein der Kirche. Man sieht dann, das Etwas, das überall und unter allerlei Titeln Kirche zu sein beansprucht. Es ist klar, daß man dieses Etwas auch ohne allen Glauben sehen kann. Die wirkliche Kirche aber sieht man, indem sie als das Urbild dieses Bildes, als die Wahrheit dieses Scheins auf den Plan tritt und für sich selber redet. Sie tut das dann unzweideutig. Man sieht sie dann. Eben dort, wo man vorher nur jenes Bild, jenen Schein gesehen hat, sieht man jetzt die wirkliche Kirche, wie die dunkeln Buchstaben einer Lichtreklame dadurch sichtbar, lesbar, sprechend werden, daß der elektrische Strom eingeschaltet wird! Man glaubt dann im Blick auf etwas, was man als Kirche vor Augen hat, die eine heilige allge­meine Kirche, wie man an den Heiligen Geist und also an Gott glaubt, wie es denn tatsächlich nicht etwa die Kirche selbst ist, die sich die Sicht­barkeit ihrer Wirklichkeit beigelegt hat, sondern der Heilige Geist und also Gott, dessen Wohlgefallen es gewesen ist, ihr diese Sichtbarkeit zu verleihen, wer denkt nicht zuerst und wohl auch immer wieder an jenes Bild, an jenen Schein, wenn man „Kirche“ sagt? Man glaubt ja so selten, was man sagt, gerade wenn man dieses Wort sagt. Es ist gut, sich sehr klar zu machen, daß man dann eben nicht an die wirkliche Kirche denkt. An die wirkliche Kirche zu denken haben wir dann und nur dann die Ge­legenheit, wenn Gott sich unserer erbarmt, wenn er selbst sich zu jenem Bild und Schein und eben damit dann auch zu uns selbst bekennt, uns eben dort, wo wir eben nur Bild und Schein sahen, im Glauben an ihn auch die wirkliche Kirche glauben und eben damit dann auch sehen läßt.

II.

Die wirkliche Kirche wird darum immer und überall nur sehr Wenigen, sehr Erschrockenen und sehr Fröhlichen unter den „Christen“ und diesen nur durch Gottes freie Gnade sichtbar sein.

Was bis jetzt gesagt wurde, sollte eine Warnung sein. Es ist heute so weit, daß man schon wieder zu leicht, zu schnell, zu sicher und zu direkt von „Kirche“ redet, als ob sie, weil wir vielleicht auf Grund von besserer Exegese und Dogmatik, wieder begriffen haben, daß es so etwas gibt, „da“ wäre und zu sehen wäre und uns Christen samt ihrer Autorität und allen ihren geistlichen Schätzen zur Verfügung stünde. Ich denke an Viele unter unseren jüngeren Theologen, die den Auszug aus Ägypten und den Übergang über den Jordan nicht mehr selber mitgemacht haben und denen es nun schwer fällt, zu bemerken, daß der weg vom Sehen zum Glauben, zum neuen Sehen, ein weg ist, den zu gehen oder vielmehr geführt zu werden keine Selbstverständlichkeit ist. Das Bild der Kirche ist doch nur ein Bild und ihr Schein ist doch nur ein Schein, wenn jenes Erbarmen Gottes nicht dazwischen tritt und uns die wirkliche Kirche sehen laßt. Man kann sehr wuchtig, sehr feierlich, sehr ekklesiastisch und dann gewiß auch sehr eindrücklich und ergreifend und doch ganz leer von der Kirche reden, wenn man dabei in Wahrheit doch nur jenes Bild und jenen Schein vor Augen hat, wenn der Glaube und sein Sehen nicht dazwischen getreten sind, wenn das Subjekt „Kirche“, das des höchsten Preises allerdings wert ist, noch gar nicht in Sicht gekommen ist, wenn aller Preis der Kirche sich in Wahrheit doch nur auf das Etwas bezieht, das vor aller Welt Augen ist, wenn der Preis der Kirche nicht aus dem Glauben kommt. Er kann dann auch nicht glaubwürdig sein und keinen Glauben erwecken. Hier ist vor Erfolgen zu warnen, die zu billig zu haben sind, als daß sie Bestand haben könnten.

Die Warnung muß unterstrichen werden: Der Glaube und also das Sehen der wirklichen Kirche ist nicht Jedermanns Ding, so gewiß sie an Gottes Offenbarung, so gewiß sie am Zeugnis des Heiligen Geistes hän­gen. Auch hier sind Viele berufen, wenige auserwählt. Man kann die Probe aufs Exempel machen: Die wirkliche Kirche ist das Niedrigste, das Ärmste, das Unansehnlichste, das Ohnmächtigste, was es unter Gottes Himmel nur geben mag, so gewiß sie um eine Krippe Und um ein Kreuz versammelt ist. wer ist nun eigentlich, wenn er „Kirche“ sagt, sehr er­schrocken über diese Tatsache? wer denkt nun eigentlich daran, welche tiefe Schande er aus sich nimmt, indem er sich zur Kirche bekennt? Sähe er die wirkliche Kirche, wie müßte er erschrocken sein! Und die wirkliche Kirche ist das Höchste, das Reichste, das Leuchtend­ste, das Gewaltigste, was unter Gottes Himmel ist, so gewiß eben der in der Krippe Geborene und auf Golgatha Gekreuzigte von den Toten auferstanden und Herrscher zur Rechten Gottes ist. wer freut sich nun eigentlich, wer freut sich wirk­lich über diese Tatsache, wenn er „Kirche“ sagt? wer denkt nun eigent­lich daran, welche unvergleichliche Ehre ihm damit angetan ist, daß er sich zur Kirche bekennen darf? Sähe er die wirkliche Kirche, mit welcher Freude müßte er sich freuen! Ängstliche Bekenner gibt es freilich genug und so auch genug nur allzu getroste. Aber wo sind die sehr Er­schrockenen und zugleich sehr Fröhlichen, die sich eben als solche als Kenner der wirklichen Kirche ausweisen würden? „wenn des Men­schen Sohn kommen wird, meinet ihr, daß er auch Glauben finden wird auf Erden?“ (Luk. 18,18). Ist es nicht wahr, daß auch die Kenner der wirklichen Kirche nie die Vielen, immer nur wenige sein werden. Ver­stehen wir uns recht: das Angebot und das Aufgebot ergeht an Alle, wer könnte, wer dürfte gerade die wirkliche Kirche nicht sehen? Aber das Geheimnis der freien Gnade und auch das Geheimnis des freien Glaubens steht richtend und sichtend in der Mitte: auch in der Mitte derer, die mit Ernst Christen sein wollen, wenn man das weiß, wird man alles forsche Zugreifen und alles allzu sichere Reden in dieser Sache Unterlasten, weil man gerade von der wirklichen Kirche nur unter Furcht und Zittern — nur in jenem sehr großen Erschrecken und in jener sehr großen Freude reden kann.

III.

Die wirkliche Kirche lebt als Gemeinde ihres Herrn, d. h. als durch ihn einberufene Versammlung verlorener Sünder aus dem Trost und aus der Mahnung des biblischen Zeugnisses von der Versöhnung der Welt mit Gott, die in ihm geschehen ist.

Wir versuchen nun eine erste Antwort auf die entscheidende Frage: wie und wovon und wozu lebt die wirkliche Kirche? wir blicken dabei schlicht auf ihre Begründung durch ihren Herrn Jesus Christus und ant­worten:

1. Sie lebt als seine Gemeinde, ihm verbunden und von ihm nicht zu trennen. Sie lebt in der Weise mit ihm und von ihm, daß er immer vorangebt, sie immer nachfolgt — er immer oben, sie immer unten steht —, er immer redet, sie immer nur antwortet. Sie gehört nicht sich selbst, sondern ihm. Sie lebt nicht aus und für sich selbst, sondern weil und indem er lebt, er, das Haupt, sie der Leib in seinen Gliedern. Sie sitzt ihm zu Füßen. Sie dient ihm. Sie kann es nur ihm recht machen wollen. Sie kennt keine Weisheit, keine Heiligkeit und kein Recht, das nicht das seinige wäre. Sie weiß von keiner Macht und Herrlichkeit außer von der, die in ihm ist. Sie will nicht existieren außer in ihm, und wenn sie es schon wollte, so könnte sie es nicht. So niedrig ist die wirk­liche Kirche, daß sie Alles nur in ihm hat, und so majestätisch steht sie da, indem sie in ihm Alles hat.

2. Die wirkliche Kirche lebt als die durch ihn einberufene Versammlung. Niemand gehört ihr durch Geburt und Herkunft an, nie­mand kraft seiner Zugehörigkeit zu einer christlichen Familie oder zu einem christlichen Volk, niemand kraft irgend einer Verfügung, die Andere über ihn getroffen haben, aber auch niemand kraft eigenen Entschlusses und Beitritts, niemand kraft seiner religiösen Erfahrung oder sonstigen innerlichen Umkehr. Die Kirche ist die durch das Wort ihres Herrn zu­sammengerufene, vereinigte, zusammengehaltene und regierte Versamm­lung oder sie ist nicht die wirkliche Kirche. Ein Kommandant ruft seine Offiziere und Unteroffiziere vor die Front, um ihnen bestimmte Mit­teilung zu machen und Befehle zu geben. So, in diesem Herausruf, in diesem Empfang von Mitteilung und Befehl, existiert die wirkliche Kirche. So und nicht anders!

3. Aber nun sind die Glieder der wirklichen Kirche gerade keine „Char­gen“: Die in ihr versammelt sind, sind verlorene Sünder und also weder religiöse Virtuosen noch moralische Elitemenschen, wo die Kirche die „gute Gesellschaft“ darstellt, da ist sie bestimmt nicht die wirkliche Kirche, was ihre Glieder vor Anderen auszeichnet, kann gerade nur das sein, daß es unter ihnen bekannt, zugestanden und anerkannt ist, daß wir Menschen insgesamt keine gute Gesellschaft sind, sondern „von Natur geneigt, Gott und unseren Nächsten zu hassen“. Gerechte? Ja, indem sie alle wissen, daß ihnen nichts übrig bleibt, als Gott gegen sich selbst recht zu geben. „Die Besseren“? Ja, sofern es ihnen besser als Anderen bewußt ist, wie sehr wir Menschen uns vor Gott und aneinander fort und fort schuldig machen — besser als alle anderen, in welch unlösbarer Solidari­tät wir alle haftbar sind.

4. Die wirkliche Kirche lebt also in der Weise, daß sie fort und fort wie über einem Abgrund gehalten und getragen ist. wo sie sich selbst zu trösten und zu ermuntern weiß, da ist sie bestimmt nicht die wirkliche Kirche. Die wirkliche Kirche lebt von dem Trost und von der Mahnung, die sie der menschlichen Torheit und Verkehrtheit, an der auch sie teil­nimmt, zum Trotz empfangen darf. Sie lebt nämlich in der Kraft des fremden, überlegenen Lebens ihres Herrn. Sie lebt, indem sie sich durch seine Güte beschämen läßt. Sie lebt, indem ihre eigene Religiosität und fromme Gewohnheit, ihre ganze ordentliche und außerordentliche Feierlichkeit immer wieder zu Staub und Asche werden müssen im Feuer seines Wortes und Geistes. Sie lebt, indem ihr Barmherzigkeit wider­fährt. Eben darum wird sie nicht müde, während die nicht wirkliche Kirche darum immer müde ist, weil sie sich nicht schämen, sich nicht ver­brennen, sich nicht Barmherzigkeit widerfahren lassen will. Sie könnte es als wirkliche Kirche von Stund an besser haben!

5. Der neue, der fremde Trost und die überlegene Mahnung, die die wirkliche Kirche empfangen und von denen sie dann auch leben darf, sind aber der Trost und die Mahnung des biblischen Zeugnisses ganz allein. Sie lebt nicht aus zwei oder drei oder vielen Quellen, sondern aus dieser und nur aus dieser, warum nur aus dieser? weil unter allen in Frage kommenden Orten nur an diesem einen auf die Frage Antwort zu finden ist, die die wirkliche Kirche allein bewegen kann. Die Frage lautet: was denn etwa aus solchen Übeltätern gegen Gott und den Nächsten, wie wir Menschen es alle sind, werden soll? Von der Antwort auf diese Frage kommen Mose und die Propheten, kommen Johannes der Täufer, die Evangelisten und die Apostel her. Es gibt viele Antworten auf andere Fragen. Die Frage der wirklichen Kirche ist aber diese Frage. Es ist nicht Eigensinn und Engherzigkeit, es ist schlichte Sachlichkeit, wenn sie sich an die Schrift hält, die darum heilig ist, weil sie für Unheilige ge­schrieben ist: das Zeugnis vom Leben, das erschienen und gerade allem Unheiligen verheißen ist.

6. Dies ist aber das Leben, von dem die wirkliche Kirche fort und fort leben darf: die in Jesus Christus geschehene Versöhnung der Welt mit Gott, der in ihm aufgerichtete Lund der Gnade zwischen ihm und den verlorenen Sündern. Das ist das Gesetz des Evangeliums, das Gesetz des Geistes des Lebens, dem die wirkliche Kirche unterworfen ist, dem sie sich nicht entziehen und das sie nicht genug preisen kann, sie darf glauben, sie steht unter dem Imperativ, daran zu glauben, daß Gott in großem Zorn gegen unsere ganze menschliche Untreue treu war, ist und bleibt, sich selbst in seinem Sohn dahingegeben und damit sein verletztes Recht und unser verlorenes menschliches Recht wieder aufgerichtet und also einen ewigen Frieden gestiftet hat. Es gibt keinen Menschen in keiner menschlichen Zeit und Lage, für den das nicht geschehen und gültig wäre, was ist die Solidarität der menschlichen Schuld neben der Solidarität, in die alle Menschen durch Gottes Gnade versetzt sind? Man muß diese zweite kennen, um auch die erste willig zuzugeben. Die wirkliche Kirche ist die Versammlung der Menschen, die durch Gottes Gnade um Gottes Gnade für alle wissen dürfen, die als Erstlinge der ganzen Kreatur den Herrn der Welt, der eben der Herr jenes Bundes ist, als ihren Herrn erkennen dürfen. Die wirkliche Kirche lebt in dieser Erkenntnis.

IV.

Die wirkliche Kirche lebt in der Zusammengehörigkeit der so Getrösteten und Ermahnten auf Grund ihrer gemeinsamen Zugehörigkeit zu dem für alle Menschen als Menschen geborenen, gekreuzigten und auferstandenen Sohn Gottes.

Wir blicken, indem wir eine zweite Antwort versuchen, gewissermaßen in die Horizontale und stellen fest: die wirkliche Kirche lebt in einer un­bedingten Zusammengehörigkeit ihrer Glieder unterein­ander.

Es gibt auch andere menschliche Zusammengehörigkeiten. Daß es Fa­milien, Völker und Klaffen, daß es Interessen-, Aktions- und Gesinnungsgemeinschaften aller Art gibt, ist wahr, recht und notwendig. Sie reichen aber an die Zusammengehörigkeit derer, die in der wirklichen Kirche sind, nicht heran. Sie sind allesamt bedingte Zusammengehörigkeiten, d. h. sie erfassen die Menschen alle nur teilweise, nur in bestimmten Komponenten ihrer Existenz, nicht in ihrer Existenz als solcher. Darum überschneiden sie sich denn auch gegenseitig. Darum kann Familie gegen Familie stehen, Volk gegen Volk, Klasse gegen Klaffe, die Gemeinschaft dieser Interessen, dieser Aktionen, dieser Gesinnung gegen die entsprechenden anderen, dar­um die Gemeinschaft der Klaffe gegen die des Volkes und umgekehrt, die Gemeinschaft der Gesinnung gegen die des Interesses und umgekehrt. In­dem die Menschen zur wirklichen Kirche versammelt werden, werden sie aus allen diesen bedingten Zusammengehörigkeiten — bekanntlich zuerst aus der der Familie! — herausgerufen, herausgeholt. Nicht als ob die wirkliche Kirche gegen diese anderen Gemeinschaften stünde. Sie fallt aber mit keiner von ihnen zusammen. Sie steht über ihnen allen. Sie nimmt auch an ihren Überschneidungen und Gegensätzen keinen Anteil. Sie bedeutet unbedingte menschliche Zusammengehörigkeit. Sie ist Zu­sammengehörigkeit in der menschlichen Existenz vor Gott und vor dem Nächsten. Daß ihre Glieder aus allen ihren anderen Zusammengehörigkeiten herausgerufen, herausgeholt werden, bedeutet eben dies, daß sie in die eigentliche und wirkliche menschliche Zusammengehörigkeit hinein­gerufen und hineingeholt werden.

In der wirklichen Kirche kennt man einander: ein Jeder den Anderen als das, was er wirklich ist: als verlorenen Sünder, der sich selbst nicht helfen kann, als von Jesus Christus Getrösteten und Gemahnten, dem als solchem geholfen ist. Eben dies ist laut des Evangeliums die Existenz der Menschen, in der sie bei aller sonstigen Verschiedenheit Verwandte, Brüder und Schwestern sind. In der wirklichen Kirche erkennt man ein­ander in seiner menschlichen Existenz, erkennt man sich also als Bruder und Schwester. In der wirklichen Kirche darf und muß man darum — man wäre sonst nicht in der wirklichen Kirche — ein letztes, ein natür­liches, ein radikales Vertrauen zueinander haben, warum? weil man da in der Art des Anderen seine eigene und in seiner eigenen Art die des Anderen sofort wiedererkennt, weil ein letztes Befremden, eine letzte Angst voreinander dadurch notwendig ausgeschlossen ist.

In der wirklichen Kirche liebt man einander. Lieben beißt in der wirklichen Kirche weder schätzen noch bewundern, noch verehren. Lieben heißt hier schlicht dies: daß man den Anderen an seinem Ort und in seiner Art genau so will und bejaht, wie er ist, und ohne dieses wollen und Be­jahen des Anderen und also ohne dessen Dasein an seinem Ort und in seiner Art selber gar nicht sein möchte. Es ist nicht abzusehen, wie es, wo man von Gottes Gericht und Gnade und also von jener Solidarität aller Menschen nichts weiß, dazu kommen könnte, daß man einander wirk­lich lieb haben darf. Es ist aber wieder nicht abzusehen, wie es da, wo man diese Begründung der menschlichen Existenz vor Augen hat, und also in der wirklichen Kirche, nicht notwendig eben dazu kommen müßte. Um die nötigen Vorbehalte, die man der Wahrheit, dem Anderen und auch sich selber schuldig ist, braucht man sich, da die christliche Liebe diese Wurzel hat, bestimmt keine Sorgen zu machen. Nur daß man sich, da die christliche Liebe diese Wurzel hat, mit allerletzten Vorbehalten in der wirklichen Kirche unmöglich gegenüberstehen kann.

In der wirklichen Kirche hilft man einander. Nicht so, wie Gott seiner Kreatur hilft, aber so, wie Menschen einander helfen können! Man hilft sich nicht in der Absicht, damit etwas Gutes zu tun, nicht um sich als selbstloser Mensch zu beweisen (was wir ja doch nicht sind!), nicht um durch dargebrachte Opfer dem lieben Gott eine Freude und dem Publikum Eindruck zu machen (ein überflüssiges Unternehmen, weil das eine Opfer, das zählt, langst für uns gebracht ist!) — wohl aber darum, weil man in der wirklichen Kirche eine gemeinsame, alle ihre Glieder gemeinsam in Anspruch nehmende Sache hat. Seht, wie die Arbeiter im Walde sich beim Fällen eines Baumes gegenseitig an die Hand gehen! Seht und hört — ein wahrhaft erbauliches Schauspiel, das ich hier in Ungarn nicht genug bewundern kann — wie in der Zigeunerkapelle ein jeder Einzelne seine Augen und Ohren ganz und gar beim Prim-Geiger hat und mit seinem eigenen Spiel nur dessen Inventionen zu folgen bemüht ist und eben so notwendig selbstverständlich und glücklich mit allen Anderen zu­sammen spielt. Dies heißt einander helfen in reiner Sachlichkeit. So ist man in der wirklichen Kirche beieinander, so vor einer gemeinsamen Auf­gabe und unter einen gemeinsamen Auftrag gestellt, so ohne alles Moralin dazu eingeladen, füreinander einzustehen, Einer des Anderen Last zu tragen.

Wir reden nicht von dem Streben nach einem Ideal, wir reden von der Erfüllung keines anderen Gesetzes als des Gesetzes Christi. Daß man einander in der wirklichen Kirche kennt, liebt und hilft, das ist Leben aus dem Evangelium, das Leben in der gemeinsamen und in der wirk­lichen Kirche allen gemeinsam bekannten Zugehörigkeit zu Gottes Wort, das für uns Fleisch geworden ist. Die Christen tun nichts Besonderes, sie unterstehen keiner Ordensregel, wenn sie ein bißchen anders mitein­ander umgehen, als es sonst unter Menschen üblich ist. Sie dürfen aber diese ihre „Lindigkeit“ kund werden lassen allen Menschen (Phil. 4,5). Sie sind auch darin nur die vorläufigen Stellvertreter und Ansager für alle Anderen, die es noch nicht wissen, noch nicht gehört haben, noch nicht fassen und verstehen können, daß die Versöhnung der Welt mit Gott auch für sie geschehen, die in diesem Geschehen wurzelnde Lebensordnung auch für sie in Kraft gesetzt ist. Sie können sie jetzt noch nicht leben. Ober können sie es, tun sie es vielleicht gelegentlich dennoch — und vielleicht gelegentlich zur Beschämung der Christen? Man kann gegen gewisse Kin­der dieser Welt viel Böses sagen, man kann aber unmöglich leugnen, daß sie jedenfalls unter sich manchmal die besseren Kameraden sind, als man das von den meisten Mitgliedern der meisten pfarrvereine in der ganzen Welt sagen kann. Vielleicht geschieht das zum Beweis dafür, daß jene Lebensordnung tatsächlich, indem die Versöhnung für Alle geschah, ob bekannt oder unbekannt, für Alle in Kraft steht. Vielleicht auch zur Aufdeckung der Tatsache, daß die wirkliche Kirche den Christen oft genug wieder abhanden zu kommen pflegt.

V.

Die wirkliche Kirche lebt in der Gemeinschaft des Heiligen Geistes, d. h. von der Erkenntnis, daß Gottes Reich gekommen ist, im Gebet am die Offenbarung seiner Herrlichkeit und darum für den Auftrag, allen Menschen zu sagen, daß Gott für sie war, ist und sein wird.

Wir versuchen eine dritte Antwort auf die Frage nach dem Leben der wirklichen Kirche, indem wir auf das Ereignis, die Aktion, die Geschichte blicken, die sich in dem vollzieht, was das Neue Testament die „Gemeinschaft des Heiligen Geistes“ nennt. Sie verhält sich zur Gemein­schaft der Christen untereinander wie die Vertikale zur Horizontale.

Die wirkliche Kirche lebt, indem Gott, der in Christus war, indem Christus zur Rechten Gottes nicht aufhört, für uns zu leben. Sie lebt, indem es dabei nicht sein Bewenden hat, daß Gott im Himmel, der Mensch auf Erden ist und auch damit nicht, daß er auf Erden ein für allemal getan hat, was zum Besten des Menschen geschehen mußte. Die Kirche lebt, indem von Gottes ewigem Thron her Tag für Tag Neues geschieht. Sie lebt, indem sie dieses Neue Tag für Tag sehen, hören und in Emp­fang nehmen darf.

Sie lebt in immer neuer Erkenntnis dessen, was Gott uns Menschen in Jesus Christus zuliebe getan hat. wie könnte sie mit der Anschauung und mit dem Verständnis der Tiefe, Höhe und Breite dieses von Gott vollbrachten Werkes je fertig werden? welche Generation könnte hier mehr tun, als in ihrer Weise wieder einmal mit dem Anfang anfangen? Immanuel, „Gott für uns“: das kleine Kind kann es begreifen und der alte Mann darf sich ruhig gestehen, daß er es noch lange nicht begriffen hat, weil immer neue Dimensionen und Aspekte sich von da aus auftun nach allen Seiten, immer neues Licht da leuchtet, immer neues Wachstum in der Erkenntnis da möglich und geboten ist. Die wirkliche Kirche lebt in dieser wachsenden Erkenntnis.

Und sie lebt in immer neuem Gebet um das alles, auch alles christ­liche Erkennen übertreffende Offenbarwerden Jesu Christi als des Herrn, um das abschließende Schauen seiner Herrlichkeit. Noch steht ja mit der ganzen Welt auch die wirkliche Kirche mitten in so viel Anfechtung und Schwachheit, so viel Mühsal und Trübsal, so viel Beschränktheit und Irrtum. Noch ist ja auch das Volk, das das große Licht sieht, ein Volk, das im Finstern wandert. Noch kann ja darum, daß das von Gott Voll­brachte im Menschen und in der ganzen Kreatur und wahrlich auch in der wirklichen Kirche selbst Gestalt gewinne, nur gebetet werden. Die wirk­liche Kirche unterscheidet sich aber dadurch vom bloßen Kirchenbild und Kirchenschein, daß sie eben zu diesem Gebet immer wieder durchbricht, daß sie alle Selbstgenügsamkeit und Selbstzufriedenheit, aber auch alle Grü­belei und Verzweiflung über die besonderen Rätsel der jeweiligen Gegen­wart immer wieder hinter sich lassen und seufzen darf: „Dein Name werde geheiligt, Dein Reich komme, Dein Wille geschehe!“ oder Alles zusammengefaßt: „Amen, ja, komm, Herr Jesu!“ und daß dieses Seufzen, wie Luther es einmal beschrieben hat, weil es das Seufzen des Heiligen Geistes selber ist, zu einem Schrei wird, der durch den ganzen Himmel geht: so laut, daß alle Engel aufhorchen, weil sie einen lauteren Ton als diesen noch nie gehört zu haben meinen.

Und eben in solchem immer neuen Erkennen und Beten lebt nun die wirkliche Kirche in immer neuer Bewegung. Gerade die wirk­liche Kirche ist nicht Selbstzweck, sondern sie dient: nämlich Gott an allen Menschen. Auch wenn sie auf ihre innere Linie zurückgeht, kann und wird das nur die Vorbereitung sein, um sich alsbald um so mächtiger wieder nach außen zu wenden, wenn jene Offiziere und Unteroffiziere ihre Wei­sungen empfangen haben, dann gehen sie — nur dazu sind sie ja heraus­gerufen worden — zurück zur Truppe, dann wollen die Befehle weiter­gegeben sein. „Also hat Gott“ — nicht die Christen, sondern „die Welt“ geliebt. „Ich bin das Licht der Welt!“ sagt der Herr und gibt das, indem er sich selbst dahingibt, weiter an seine Jünger: „Ihr seid das Licht der Welt!“ was sie noch nicht weiß, das soll ihr ja eben durch die wirkliche Kirche gesagt und gezeigt werden. Das heißt nun nicht, daß sie den Auf­trag habe, der ganzen oder doch der halben Welt den Kopf zu waschen, würde sie sich als Ankläger ihrer Brüder gebärden, so würde sie doch wohl im Dienst eines ganz anderen Herrn stehen. Ihr Auftrag lautet nicht dahin, Nein! sondern Ja! zu sagen: das kräftige Ja zu dem Gott, der deshalb, weil es „gottlose“ Menschen gibt, nicht daran gedacht hat und nicht daran denkt, seinerseits ein „menschenloser“ Gott zu werden — und das kräftige Ja zu dem Menschen, für den, er gebärde sich wie er wolle, Jesus Christus gestorben und auferstanden ist. was wäre die pre­digt der Kirche, ihr Unterricht, ihre Diakonie, ihre Theologie, ihr poli­tisches Wächteramt, ihre Mission — wie würde sie sich selbst des Un­glaubens an das, was sie sagt, überführen, wenn sie in dem Allen nicht rücksichtslos dies allem Volk ausrichtete: daß Gott nicht gegen, sondern für den Menschen ist? Sie wird sich keine Sorge darüber zu machen brauchen, als ob das nötige Nein zum menschlichen Übermut und zur menschlichen Faulheit dabei nicht zu seinem Rechte komme. Es wird dieses nötige Nein gerade dann hörbar genug werden, wenn sie als wirkliche Kirche mit — Fußwaschung und sonst mit nichts beschäftigt ist. Dies ist der Gehorsam, den sie ihrem Herrn in der Welt schuldig ist. Dies ist die Sache, die ihres brennenden Eifers wert ist, dies die Bewegung, die sie immer wieder vollziehen wird. Indem diese Bewegung, zusammen mit der der Erkenntnis und des Gebets immer neu im Vollzug ist, lebt die wirkliche Kirche: wirklich von oben nach unten, wirklich im Zuge der Ge­meinschaft des Heiligen Geistes. Lebte sie nicht in dieser Erneuerung, wie sollte sie dann mehr als Kirchenbild und Kirchenschein, wie sollte sie dann wirkliche Kirche sein?

VI.

Die wirkliche Kirche lebt unter der Ordnung und Regierung, die ihr Herr selbst damit ausübt, daß er der in seinem Namen versammelten Gemeinde die Gaben verleiht, die sie zur Ausübung ihres Dienstes nötig hat.

Wir versuchen jetzt noch eine vierte und letzte Antwort auf unsere Frage und sagen: die wirkliche Kirche lebt in der Weise, daß sie von ihrem Herrn selbst und von ihm allein regiert wird.

Sie lebt also nicht nach eigener Willkür; sie lebt aber auch nicht auf eigene Verantwortung und Gefahr. Hat sie jeweils im Gehorsam zu denken, zu reden, zu handeln versucht, dann wird sie sich durch keine ihrer Maßnahmen und Entscheidungen, durch keine ihrer eigenen Überlieferun­gen und Gebrauche, aber auch durch keinen ihrer neu gefaßten Entschlüsse als ewig, unfehlbar und unerschütterlich gebunden ansehen, sie wird sich dann vielmehr sofort für neue Weisung bereithalten. Das gilt für ihre Predigt und für ihren Gottesdienst, das gilt für ihre Theologie und für ihr theoretisches und praktisches Kirchenrecht, was wir Menschen im Leben der Kirche als wahr und recht einsehen, begreifen und uns aus­denken, worüber wir uns nach bestem Wissen und Gewissen verständigt, vielleicht schon seit Jahrhunderten verständigt haben, das mag als Er­gebnis unserer Bemühung und der unserer Väter seine ernste vorläufige und richtungweisende Bedeutung haben, das kann und darf aber nicht zu der die Kirche regierenden Macht werden. Das hieße ja, daß wir uns selbst oder unsere Väter zu Herren der Kirche gemacht hätten und zu­gleich, daß wir zu Hörigen einer kirchlichen Dämonie geworden wären, die darum, weil sie kirchlich ist, um kein Haar mehr Anspruch auf unsere Seelen hat als jede andere Dämonie, wir befinden uns hier an einer Stelle, wo das Kirchenbild und der Kirchenschein auf der einen, die wirk­liche Kirche auf der anderen Seite in besonders deutlicher weise aus­einandergehen.

Man gestatte es dem Herrn der Kirche, sie selber und allein zu regieren. Indem er sich den Propheten und Aposteln bezeugt hat, indem die wirk­liche Kirche ihr Zeugnis, ihre heilige Schrift hört, ist gesorgt dafür, daß er immer wieder zu ihr redet und daß sie seine Stimme von der Stimme anderer Herren immer wieder unterscheiden kann. Es braucht dazu, daß er sein Regiment wirklich ausübe, nichts Anderes als dies, daß seine Gemeinde wirklich die in predigt, Laufe und Abendmahl ihn verkündigende und hörende Gemeinde sei und bleibe. Er ist dann mitten unter ihr, er ist dann „bei uns wohl auf dem Plan mit Seinen Geist und Gaben“.

Und eben durch seines Geistes Gaben regiert er die wirkliche Kirche, macht er sie fähig, willig und bereit zur ordentlichen Leistung ihres Dien­stes, der vielerlei Dienste, die in Anbetracht der verschiedenen Menschen, Umstande und Zeiten zu ihrem einen Dienste nötig sind, wir lesen Rom. 12 und 1. Kor. 12 von der Vielfältigkeit dieser Gaben und ahnen, daß diese Vielfältigkeit wohl unendlich sein könnte. Die wirkliche Kirche fürchtet sich nicht vor diesem Reichtum. Man darf wohl fragen, ob der Gaben des Geistes unter uns darum so wenige und ob unter Trägern der Gaben, die wir vielleicht haben — etwa zwischen den Lehrern und den Seel­sorgern, zwischen den Propheten und den zur Diakonie Begabten und den zur Leitung Berufenen darum so viel gegenseitiges Mißtrauen besteht, weil wir alle miteinander die Kirche zu sehr nach unserer eigenen Weis­heit bauen wollen, den Geist immer wieder dämpfen und insofern noch gar nicht wirkliche Kirche sind. Was aus uns selbst stammt, das wird auch in der Kirche immer das Unvollständige, das Dürftige und darum auch das Ausschließliche, d. h. das die Kirche Trennende und Sprengende sein. Die Gaben des Geistes werden die Kirche, so gewiß sie von dem einen Herrn kommen, nicht sprengen, sondern regieren und ordnen. Man darf sie aber nicht fürchten, man darf sich nicht mit Menschenwerk gegen sie verbarrikadieren wollen. Man darf nicht Gabe sagen und eigenes Können meinen, Dienst sagen und Amt meinen, Bekenntnis sagen und Konfession meinen, Gebet sagen und Ritus meinen, Ordnung sagen und Reglement meinen, Christus sagen und die Väter oder noch einfacher: sich selbst mei­nen und wie diese quidproquo alle lauten mögen. Die Türen müssen dem Herrn alle Zeit und überall offen bleiben. Die wirkliche Kirche ist darin frei, daß sie auf den Geist — nämlich auf den Geist des Wortes ihres Herrn vertraut, daß er sie bestimmt in alle Wahrheit leiten werde. Und eben darin ist sie dann auch gebunden, daß sie sich auf eine andere Leitung als diese nicht verlassen kann, auf ihre Tradition nicht und so auch nicht auf allerlei Inspiration, auf eine Hierarchie nicht und so auch nicht auf die mehr oder weniger gewaltigen Erfahrungen, deren man sich in ihrer Mitte rühmen mag. Aber das Beste, was in dieser Hinsicht zu sagen ist, wird wohl dies sein, daß es dem Herrn immer wieder gefallen hat und möglich war, auch durch verschlossene Türen zu den Seinigen zu kommen und aus lauter Kirchenbild und Kirchenschein wirkliche Kirche, d. h. von ihm und durch die Gaben seines Geistes regierte Kirche zu schaffen.

VII.

Diese wirkliche Kirche ist die eine, die heilige, die allgemeine, die apostolische Kirche, zu der uns zu bekennen und deren lebendige Glieder zu sein wir eingeladen sind, indem uns Jesus Christus in seine Nachfolge ruft.

Wir schließen mit der Frage: wie kommt man zur wirklichen Kirche, zur Teilnahme an ihrem Leben? Und antworten: dazu kommt man, in­dem man, wenn man sie nun wirklich doch einmal unter diesem oder jenem Aspekt zu sehen oder von ihr zu hören bekommt, seine Augen und Ohren nicht verschliesst, keine Umstände macht, kein Ja—Aber: sagt, Wenige sehen sie. Viele kannten und durften sie sehen. warum sehen sie nur so wenige? weil zwischen ihr und uns eine ganze Mauer von frommem und unfrommem menschlichem Eigensinn steht, von alter und neuer menschlicher Klugheit und Schwerfälligkeit, warum brechen wir nicht hindurch durch diese Mauer? warum springen wir nicht mit Gott hin­über? Und warum fragen wir: wie denn wirkliche Kirche für uns wirk­lich werden könne? da wir uns in irgend einer Tiefe unseres Seins dar­über einig sind, dass wir uns eben diesen Durchbruch oder Sprung — und wenn ein Engel vom Himmel uns dazu einlüde — verweigern wollen?

Aber unser letztes Wort soll nicht eine Anklage sein. Zur wirklichen Kirche sind zweifellos Alle gerufen, von Jesus Christus her lebt sie ja und von ihm her ergeht auch immer wieder der Ruf hinein in die Bild­kirche und Scheinkirche, der Ruf, der eben die wirkliche Kirche zu schaffen mächtig genug ist. Er ruft sehr freundlich und sehr streng. Er ruft den Schläfern und den Vielgeschäftigen, den Müden und den Traurigen, er ruft auch den heimlichen und offenkundigen Komödianten in der Kirche. Er ruft zur Buße, zur Bekehrung, zum Bekenntnis. Er ruft nach demüti­gen und nach mutigen Leuten. Es wird sich zeigen müssen, ob man mit der großen nun bevorstehenden Unternehmung von Amsterdam zu viel oder zu wenig gewagt hat. Sie wird damit stehen und fallen, daß er auch da rufen und ob es ihm dann gefallen wird, sich auch da Gehör zu ver­schaffen. Aber die kleinste Dorfgemeinde kann wichtiger sein als das ganze Amsterdam, wenn es in ihr geschehen sollte, daß man sich mit Herz, Kopf und Lippen zur wirklichen Kirche bekehrt und bekennt — im Sinn von Frage 54 des Heidelberger Katechismus, wo auf die Frage nach dem, was wir von der Kirche glauben, so Antwort gegeben wird, daß die wirk­liche Kirche mit Händen zu greifen ist:

„Daß der Sohn Gottes aus dem ganzen menschlichen Geschlecht ihm eine auserwählte Gemeinde zum ewigen Leben durch seinen Geist und Wort in Einigkeit des wahren Glaubens von Anbeginn der Welt bis ans Ende versammle, schütze und erhalte, und daß ich derselben ein leben­diges Glied bin und ewig bleiben werde.“

Vortrag gehalten in Miskolc, Debrecen, Budapest, Papa und Sopron im März und April 1948.

Quelle: Evangelische Theologie 8 (1948), S. 129-141.

Hier der Text als pdf.

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