Friedrich Mildenberger, Was das Menschenherz ist (aus: Das Menschherz und sein Gott. Eine Auslegung der zehn Gebote): „Das Herz läßt seine Träume und Pläne nicht so leicht fahren. Aber vielleicht nehmen wir dann im Nachhinein doch wahr: Es ist gut so gegangen. Gott hat gelenkt. Wenn es nach dem Träumen meines Herzens gegangen wäre: Wer weiß, wo es dann hinausgelaufen wäre.“

Was das Menschenherz ist

Von Friedrich Mildenberger

Wenn die Bibel vom Menschen redet, dann redet sie oft ge­rade von seinem Herzen. Der ganze Mensch ist da gemeint, wie er seiner selbst gewahr werden kann. Sicher kann jeder von uns sein Herz auch fühlen. Und wir haben es alle schon erlebt, wie der Arzt mit seinem Stethoskop den Herzschlag überprüft. Aber wenn die Bibel vom Menschenherzen redet, dann ist mehr gemeint als diese Pumpe in unserer Brust, die unermüdlich das Blut durch die Adern treibt. Die läßt sich heutzutage ja sogar herausnehmen und auswechseln, und einige Menschen haben mit einem fremden Herzen in der Brust eine ganze Zeit gelebt.

Der ganze Mensch, wie er seiner selbst gewahr werden kann, der ist gemeint, wenn die Bibel vom Herzen redet. Gemeint sind dabei nicht bloß die Gedanken, die niemand kennt außer mir selbst. Gemeint ist auch, wie ich mich selbst fühle, wie mir ums Herz ist. Jeder weiß, wie das ist, wenn wir in uns hineinhören, wenn wir wahrnehmen, wie uns ums Herz ist. Manchmal hat einer dann auch den Drang, sein Herz jeman­dem auszuschütten, es einem anderen Menschen offen zu legen. Hoffentlich ist das dann auch jemand, der das nicht ausnützt und womöglich herumerzählt, was er da gehört hat, um sich wichtig zu machen. Sondern der bei sich behalten kann, was er vom Schmerz und von der Freude des anderen Menschen erfahren hat. Und der solchen Schmerz oder sol­cher Freude dann mit dem teilt, der ihm sein Herz geöffnet hat.

Doch wenn wir so nach unserem Herzen suchen, in uns hin­einhören und fragen, wie es mit uns steht und weiter gehen soll, ist es gut, wenn wir dabei nicht allein bleiben. Es ist gut, wenn wir da Gottes Wort mitreden lassen. Denn wir meinen zwar mit einigem Recht, niemand kenne uns so gut, wie jeder von uns sich selber kennt. Aber solches Kennen hat auch seine Grenzen, und manches mal machen wir uns auch ganz schön etwas vor über uns selber. Das ist nicht gut. Wenn ich darum wissen will wie ich mit mir dran bin, dann ist es gut, wenn dabei die Bibel mitreden darf.

Ich fange darum bei unserer Frage nach dem menschlichen Herzen mit einem Wort aus den Sprüchen Salomos an:

Des Menschen Herz erdenkt sich seinen Weg; aber der Herr allein lenkt seinen Schritt. (Spr 16,9)

Rastlos ist unser Herz in Bewegung. Nicht nur der Muskel bewegt sich, der nicht aufhört, zu schlagen, solange wir leben. Auch die Gedanken, auch die Gefühle hören nicht auf. Rastlos geht das fort in unserem Inneren. Manchmal bemerken wir das gar nicht so genau, weil wir auf anderes achten müssen. Aber unser Herz hört nicht auf, sich seinen Weg zu erdenken. Nicht einmal [6] im Schlaf gibt es Ruhe. Vielleicht schrecken wir dann plötzlich hoch, weil uns ein böser Traum geängstigt hat. Oder wir wachen froh und guten Mutes auf, weil gute und helle Träume unseren Schlaf begleitet haben. Auch wenn da im Schlaf der Kopf ausgeruht hat: Das Herz hat sich weiter bewegt.

So erfahren wir uns selbst, in unserem Inneren, in unseren Herzen. »Das Menschenherz erdenkt sich seinen Weg«. Plä­ne können das sein, die wir machen. Aber zu allererst sind es doch Träume. Träume, die wir nicht nur im Schlaf träu­men. Sondern erst recht Träume, die wir im Wachen träumen.

Solange wir leben, hört unser Herz nicht auf mit solchem Träumen. Und je weniger wir träumen, desto weniger leben wir noch!

Da denkt sich einer dann aus, wie er selbst sein sollte. Und er denkt sich aus, wie die Leute sein sollten, und wie die Welt sein sollte: Das wäre das Richtige, wenn es nach meinem Traum ginge! Wenn ich Tennis spielen könnte und auch das große Geld machen. Wenn mir die Arbeit leichter fiele, und ich weiterkommen könnte und hätte Erfolg. Wenn die Leute merkten, was ich für ein guter Mensch bin, und kämen mir freundlich entgegen, und ließen mich gelten: Gut wäre das und schön.

Ich habe da ein altes schwäbisches Volksliedlein im Kopf. Auf schwäbisch muß ich das sagen, so, wie ich es gelernt habe:

I, wenn I Geld gnuag hett
Na wißt I, was I däht,
na wißt I was I däht,
O, dees wär schee!

Sein Häuslein träumt er sich, der dieses Liedlein singt. Und in dieses Häuslein hinein gehört dann natürlich sein Mäd­chen:

Grad so wie’s Schulze Gret,
die, wenn mi nemme däht –
Die, wenn mi nemme däht,
O, dees wär schee!

So träumt unser Herz seine Träume, erdenkt sich seinen Weg. Aber jeder weiß auch: So ist das nicht, wie wir es uns erträu­men.

Vielmehr: Das Herz, unser Innen, das begegnet einem Außen, das sich scheinbar überhaupt nicht nach dem richtet, was sich das Herz ausgedacht hat. Ganz anders sieht es da aus, als wir das gerne hätten. Und das Herz muß sich schicken in das, was ihm da begegnet. Durch die Träume dieses Herzens läßt sich die Welt ja nicht ändern. Wir brauchten viel, viel Macht, wenn wir die Welt samt den Menschen, die uns in dieser Welt begegnen, auch nur ein bißchen nach unseren Träumen ändern wollten. Vielleicht ließe sich da etwas machen, wenn einer viel, viel Geld hätte. Darum singt das Liedlein, das ich eben angeführt habe: »I, wenn I Geld gnuag hett!« Aber wann wäre das genug, um unsere Träume wahr werden zu lassen!

Wir können nicht anders, wir müssen uns in diese Welt schi­cken, so, wie sie nun einmal ist. Jeder muß das lernen, und mancher muß es mühsam lernen. Wund kann da ein Herz werden, und hart und stumpf und fast schon leblos: Je we­niger es träumt, desto weniger kann es sich stoßen an einer Welt, die sich seinen Träumen nun einmal nicht fügt.

Es erdenkt sich seinen Weg, unser Menschenherz. Die Träu­me sind das, die wir träumen. Und es sind die Pläne, die wir machen, und die sich einpassen sollen – die das Herz einpas­sen sollen in die Welt, die nun einmal so ist, wie sie ist. Und ich bin es ja nicht allein, der für sich Pläne macht. Andere planen mit, und oft genug über meinen Kopf und erst recht über mein Herz hinweg. Die Eltern wollen über die Schule, sie wollen über den Beruf bestimmen. Am Arbeitsplatz wird mir vorgesetzt, was ich zu tun habe. Und auch in der Frei­zeit muß ich mich nach den Anderen richten und nach ihren Moden und Wünschen, wenn ich nicht ein Einzelgänger und Sonderling werden will. Und mancher hat sich schon so daran gewöhnt, daß Andere für ihn planen, daß er gar nicht mehr allein sein kann. Und wenn niemand da ist, der ihm sagt, was er tun soll, ist er unglücklich und fragt sich: Was mache ich jetzt bloß?

»Das Menschenherz erdenkt sich seinen Weg«: Gewiß, seine Träume träumt einer allein. Aber Viele planen und bestimmen dann mit, wie dieser Weg wirklich aussehen soll. Oft paßt uns das nicht, und dann ziehen wir uns in unsere Träume zurück oder denken’s uns aus: Vielleicht wird so ein Traum doch noch wahr. Da gibt einer seinen Lottoschein ab und setzt seine zwei oder fünf oder zehn Mark ein. Warum tut er das? Seine Träume nötigen ihn dazu. Vielleicht, so denkt er sich, vielleicht gewinne ich doch einmal. Und dann können meine Träume wahr werden, wenigstens die, die sich mit Geld verwirklichen lassen.

So ist das mit unserem Herzen. Das denkt und hört nicht auf zu denken. Das fühlt und hört nicht auf zu fühlen. Rastlos ist das und lebendig in seinem Verlangen nach Glück. Das will doch jeder: Glücklich sein. Der Weg, den sich unser Men­schenherz erdenkt, ist der Weg zum Glück.

Was das ist, Glück, und wie das ist, wenn wir glücklich sind, das wissen wir alle, auch wenn es einer vielleicht nicht so genau sagen kann. Glück, das ist, wenn mir gelingt, was ich vorhatte. Glück ist, wenn dem Herzen und den Wegen, die sich dieses Herz erdacht hat, eine Welt entgegenkommt, die ihm zu Willen ist. Da wird es dann wahr, was ich mir geplant und erträumt habe. Die Welt draußen ist so, wie sich das Herz das erdacht hat. Die Welt – das Stücklein Welt, das mir gerade so ganz besonders wichtig ist: Daß mein Leib gesund ist, daß der Mensch, den ich liebe, mit mir zusammen ist, daß der Beruf Freude macht, daß die Arbeit sich auszahlt, oder daß der Urlaub herausführt aus der alltäglichen Mühe, und ich da wenigstens einmal ganz anders sein kann. Das alles ist Glück.

»Das Menschenherz erdenkt sich seinen Weg«. Er soll immer zum Glück führen, dieser Weg. Es läßt sich erträumen, solches Glück.

Aber läßt es sich auch planen, so planen, daß es dann auch wirklich kommt, dieses Glück? Unser Spruch sagt es: Das Herz drinnen in uns, das ist unermüdlich und rastlos und hört nicht auf, sich solches Glück zu ersinnen. Es will dieses Glück gewinnen. »Aber der Herr allein lenkt seinen Schritt.«

Gott kommt ihm dazwischen, diesem Menschenherzen. So sagt das dieser Spruch. Und wir fragen nun danach, wie das denn aussieht, wenn Gott diesem Herzen und seinen Wegen zum Glück dazwischen kommt. Sicher können wir das leicht sagen: »Der Mensch denkt, Gott lenkt.« Und sicher ist das ein wahres und wichtiges Sprichwort. Aber wie merken wir das, daß Gott lenkt? Daß er es ist, der unseren Träumen und Plänen dazwischen kommt? Daß er uns das Glück zuschickt, vielleicht auf ganz anderen, verschlungenen und seltsamen Wegen, die sich unser Herz nie erträumt und die es gewiß nicht geplant hätte?

Oft geht das ganz unbemerkt. Das Glück ist uns nahe, ohne daß wir das so richtig merken, weil die Träume und Pläne un­seres Herzens es uns verstellt haben. Es ist eine gute Gewohn­heit, zu beten, morgens und abends und zum Essen, damit wir nicht vergessen, was wir Gott verdanken: Das Glück, satt zu werden; das Glück, einen ruhigen Schlaf zu finden. Ein Glück ist das! Vielleicht erinnert sich mancher noch wie ich an die böse Zeit im Krieg, wo das gar nicht selbstverständlich war. Wo man nie so richtig satt werden konnte, sondern es war immer zu wenig auf dem Teller. Wo man nie richtig schlafen konnte: Kaum lag man [12] im Bett und war ein bißchen warm geworden, dann heulten die Sirenen los, und es ging ab in den Luftschutzkeller, oft zweidreimal in einer Nacht. Gut ist es darum, wenn wir im Gebet Gott verdanken können, daß wir satt sind und ruhig schlafen können, und das nicht einfach selbstverständlich nehmen.

Aber daß der Mensch denkt und Gott lenkt, das sieht dann noch einmal anders aus als solche Erfahrung dieses einfachen Glücks, das wir Gott in unseren Gebeten verdanken. Oft ge­nug will sich die Welt dem, was wir geplant haben, nicht fügen. Da habe ich mir eine Menge vorgenommen für den nächsten Tag. Und dann wache ich auf und habe Fieber. Was gemacht werden sollte, das geht einfach nicht. Oder ich habe mich auf irgendjemand verlassen in meinem Planen, und der enttäuscht mich.

Da kommt mir etwas dazwischen. Die Welt ist nicht so, wie ich das geplant habe. Mein Leib macht nicht mit, oder die Leute, mit denen ich zu tun habe, das Wetter oder das Auto oder sonst etwas, das ich brauche. Aber ist das dann schon Gott? Können wir sagen: Da siehst du’s, daß der Mensch zwar denkt, aber Gott lenkt? Ich weiß nicht. So schnell geht das nicht, daß wir gleich »Gott« sagen können, wenn irgendetwas dazwischen kommt.

An eine biblische Geschichte denke ich da. Sie ist wohlbe­kannt, so daß ich sie gar nicht ganz zu erzählen brauche. Es ist die Geschichte von Josef, seinem Vater Jakob und seinen Brüdern. Wie oft kommt da etwas dazwischen! Da ist der junge Josef mit seinen Träumen: Sie haben Garben ge­bunden und aufgestellt und die Garben der Brüder verneigten sich vor seiner Garbe. Und dann sind es gar Sonne, Mond und elf Sterne, die sich vor ihm verneigen, vor diesem vom Vater verzogenen Buben da. Kein Wunder, daß die Brüder auf ihn böse werden. Nach Ägypten verkaufen sie ihn. Und da ist dann die Frau des Potiphar, die ihn verführen will, und ihn ins Gefängnis bringt, als er ihr nicht zu Willen ist. Da geht es dann freilich aufwärts mit ihm: Er deutet seinen Mitgefan­genen ihre Träume. Und dann läßt ihn gar der Pharao holen, weil ihm niemand sagen kann, was es mit den sieben fetten und mageren Ähren und den sieben fetten und mageren Kü­hen auf sich hat, von denen er träumte. Dann kommt die große Hungersnot, die seine Brüder nach Ägypten treibt. Immer wieder kommt da etwas dazwischen, kommen Menschen dazwischen. Ein langer Weg ist das, den diese Geschichte er­zählt, bis dann am Ende Josef zu seinen Brüdern sagen kann: »Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen, um zu tun, was jetzt am Tage ist, nämlich am Leben zu erhalten ein großes Volk« (1.Mose 50,20).

»Was jetzt am Tage ist« – so heißt es am Schluß dieser Ge­schichte. Da konnten sie es schließlich sehen, daß Gott lenkt. Aber das hat lange Zeit gedauert, und sie mußten alle durch

Schmerz und Dunkel, die Menschen in dieser Geschichte: Jo­sef selbst, und Jakob, dem sein Liebling genommen wurde, und dann die Brüder. Lange Zeit hat das gedauert. Und ist es bei uns ein Haar anders? Wenn mir etwas dazwischen kommt, werde ich unwillig, begehre auf: Warum? Warum muß mich gerade jetzt diese dumme Krankheit erwischen, wo ich so dringliche Arbeiten vor mir habe? Warum muß mir dieser Unfall passieren? Warum kommt dieser Kerl nicht, auf den ich mich in meiner Gutgläubigkeit verlassen habe? Warum? Warum? Das Herz läßt seine Träume und Pläne nicht so leicht fahren. Aber vielleicht nehmen wir dann im Nachhinein doch wahr: Es ist gut so gegangen. Gott hat gelenkt. Wenn es nach dem Träumen meines Herzens gegangen wäre: Wer weiß, wo es dann hinausgelaufen wäre. Gott sei’s gedankt, daß er dazwischen gekommen ist und hat es gut gemacht: »Des Men­schen Herz erdenkt sich seinen Weg; aber allein der Herr lenkt seinen Schritt«.

Vortrag im Rahmen der Bibelwoche vom 6. bis 11. Februar 1990 in Baudenbach.

Quelle: Friedrich Mildenberger, Das Menschherz und sein Gott. Eine Auslegung der zehn Gebote, Mühlhausen 1990, S. 5-14.

Hier der Text als pdf.

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