Jürgen Moltmanns Rede ‚Theologie der Hoffnung im 21. Jahrhundert‘ aus Anlass des 100. Todestages von Christoph Blumhardt (2019): „Die Kirche Christi ist auf die Menschheit ausgerichtet, darum steht sie auf für Versöhnung zwischen Nationen für das Überleben der Menschheit. Christen fragen bei einzelnen Menschen in Not oder auf der Flucht nicht nach der Religion oder Nationalität, Rasse oder Geschlecht, sondern sehen den Menschen: »Ecce Homo!«. »Sehet den Menschen!«“

Als von 2. bis 4. August 2019 in Bad Boll die Gedenkveranstaltungen zum 100. Todestag von Christoph Blumhardt stattfanden, hielt der 93jährige Jürgen Moltmann eine Rede ‚Theologie der Hoffnung im 21. Jahrhundert‘, in der er Rechenschaft von seinem theologischen Werdegang in Verbindung mit Christoph Blumhardt gab und noch einmal seine politsch-theologischen Anliegen zur Sprache brachte:

Theologie der Hoffnung im 21. Jahrhundert

Von Prof. Dr. mult. em. Jürgen Moltmann, emeritierter Professor für Systematische Theologie an der Eberhard-Karls-Universität Tübingen

Theologie der Hoffnung 1964

Der »Gott der Hoffnung« (Röm 15,13): Das ist einzigartig in der Welt der Religionen. Das ist der Gott, der nicht nur ewig »ist«, sondern der auch »kommt« (Offb 1,4). Gott ist der »Kommende«, der Himmel und Erde seiner Heimat macht und mit seinem Licht erfüllt. Nirgendwo sonst wird Gott mit der Zukunft der Welt verbunden.

Das ist der Gott des Exodus, der sein Volk Israel aus der Gefangenschaft in das gelobte Land der Freiheit führt.

Das ist der Gott Jesu Christi, der im Feuer und Sturmwind des Heiligen Geistes die Seinen in das Reich Gottes führt.

Als ich diesen Gott der Propheten und Apostel in der kleinen Gefangenenbibel, die mir ein unbekannter Chaplain gab, entdeckte, wurde ich unruhig: ich wollte Theologie »anfangen« und wusste doch nicht, was ich in der Theologie anfangen sollte.

Doch erst 1960 hat mich das »Prinzip Hoffnung« von Ernst Bloch auf die Spur gebracht. Das ganze marxistisch-messianische Buch ist durchzogen von dem »eschatologischen Gewissen, das durch die Bibel in die Welt kam«, schrieb der Verfasser. Juden und Christen kennen diese vorwärtsdrängende Hoffnung der Propheten, aber sie folgten ihr nicht immer.

Von ihm angeregt, machte ich mich auf die Suche nach einer entsprechenden »Theologie der Hoffnung« – und fand nichts! Warum hat sich die christliche Theologie das Thema »Hoffnung« ihrer alttestamentlichen Propheten entgehen lassen? War die Hoffnung aus den Kirchen ausgewandert in den Fortschrittsglauben der »Neuzeit«? In den Humanitätstraum »Alle Menschen werden Brüder?« oder in den kommunistischen Traum von der Gleichheit aller Menschen? Ich fand nur Gerhard von Rad, Die Theologie der prophetischen Überlieferung Israels, München 1960, und folgte ihr biblisch. Verglichen mit dem Propheten Jesaja war Bloch nicht zu utopisch, sondern zu wenig, weil er Atheist ist war, wenngleich ein »Atheist um Gottes willen«, wie er mir sagte.

Hoffnung öffnet einen weiten Raum für Imagination und Kreativität. Sie macht unser Leben lebendig und wir fühlen Kräfte, die wir uns nicht zugetraut hatten. Hoffnung macht einen Anfang und ist die Vorfreude auf die Vollendung. Wer in Hoffnung lebt, sieht die Welt nicht nur nach ihrer Wirklichkeit an, sondern auch nach Ihren Möglichkeiten. Höher als die Wirklichkeit steht die Möglichkeit! Alle Wirklichkeit ist umgeben von einem Meer der Möglichkeiten, von denen immer nur ein kleiner Teil verwirklicht wird. Höher als die Vergangenheit steht die Zukunft. Was vergangen ist, war einmal Zukunft. Insofern ist Vergangenheit »vergangene Zukunft«.

Karl Marx hatte den religionskritischen Atheismus zur Voraussetzung für den humanen kategorischen Imperativ gemacht:

»Alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist.« (Frühschriften 218)

Ich war überzeugt, dass der Gott des Exodus und des Reiches die bessere Voraussetzung für diese humanen Imperative ist, weil dieser Gott der Hoffnung nicht nur die inhumanen »Verhältnissen« umstürzt, sondern auch die Herzen des Menschen von Erniedrigung und Verachtung befreit. Und so »propagierte« ich für die Öffentlichkeit ein »gesellschaftsveränderndes Christentum« der Hoffnung.

Darin sind mir in den folgenden Jahren gefolgt:

Johann Baptist Metz mit seiner »politischen Theologie« 1967. »Die Hoffnung, die die Kirche verkündet, ist nicht die Hoffnung auf die christliche Religion, sondern auf das Reich Gottes als Zukunft der Welt«.

James Cone mit seiner schwarzen Theologie 1969, der die weiße Theologie der Versklavung der Afroamerikaner und der weißen Vorherrschaft (white supremacy) anklagte.

Letty Russell und Rosemary Ruether mit ihrer feministischen Theologie, die die patriarchalischen Strukturen umwerfen, um die Frauen zu ihrer humanen Würde zu befreien. Elisabeth (Moltmann-Wendel) wurde eine führende Stimme in Deutschland.

Da war in der Hauptsache Gustavo Gutierrez mit der lateinamerikanischen Theologie der Befreiung 1971, der die Masse der Armen aus Hunger und an Erniedrigung führen wollte und weite Verbreitung fand.

Christoph Blumhardt – ein »Theologe der Hoffnung«

Ich komme nicht aus Schwaben und kannte Bad Boll nicht, aber ich war bei Christoph Blumhardt, bevor ich Ernst Bloch traf. Das geschah 1958 an der Kirchlichen Hochschule in Wuppertal. Johannes Hader kam von den Mennoniten an der Wolga und gab 1978 aus dem chaotischen Nachlass die »neuen Texte« von Blumhardt heraus: »Ansprachen, Predigten, Reden und Briefe (1865-1917)«. Das sind wahre Andachtsbücher für die Seele und Fundgrube für neue theologische Gedanken:

Nachdem ich die »Theologie der Hoffnung« geschrieben hatte, fand ich in Karl Barths Blumhardt-Kapitel in seiner »Geschichte der protestantischen Theologie im 19. Jahrhundert« 1947, 591: »So biegt Blumhardt an einer zweiten Stelle um und entscheidend vom Weg des Pietismus ab. Er wird der Theologe der Hoffnung.« Der zweite Satz ist richtig, der erste nicht richtig: Württemberger Pietismus ist immer ein Reich-Gottes-Pietismus gewesen (Bengel, Oettinger, Michael Hahn).

»Siehe da, die »Hütte Gottes« in Bad Boll. Die ganze Atmosphäre in Blumhardts Bad Boll war ein Reich-Gottes-Atmosphäre. Man lebte das neue Leben, das Jesus mit dem Reich Gottes gebracht hat. »Ein Herd der Hoffnungen des Reiches Gottes zu sein, das war in seinen Augen nicht die mindeste Bestimmung des Bades Boll«. Zukunftsgewissheit machte aus dem Bad ein heilendes Haus. Weil Hoffnungslosigkeit aus Verzweiflung oder Traurigkeit die Wurzel vieler Krankheiten des Leibes und der Seele ist, heilt die Hoffnung Jesu. Blumhardt hat täglich wiederholt gebetet: »Maranatha, komm Herr Jesus, komm bald.« Der Heiland ist im Kommen, er sitzt nicht ruhig an einem Ort in der Ewigkeit und wartet auf einen bestimmten Zeitpunkt, da er dann wie plötzlich hereinfällt, sondern er ist im Kommen. »So ist die Zukunft Jesu etwas, was wir immerfort vor Augen haben und alle Tage erwarten dürfen.

Johann Amos Comenius – ein »Theologe der Hoffnung«

Ich fand diese Aussage in einem Artikel über Comenius (1592-1670) und forschte weiter und entdeckte die Geburt der Reich-Gottes-Theologie im protestantischen Europa in den Schrecken des 30-jährigen Krieges (1618-1648). Noch lange danach war diese erste europäische Ur-Katastrophe lebendig, im 18. Jahrhundert schrieb Johann Albrecht Bengel: »Je gefährliche eine Zeit ist, desto größer ist die Hilfe, die dagegen in der Weissagung gereicht wird«.

Die Reformatoren hatten in ihren Bekenntnisschriften diese Reich-Gottes-Hoffnung in die Hoffnung auf ein »Goldenes Zeitalter«, das die gegenwärtige »eiserne Zeit« ablösen werde, als »jüdische Träume« verdammt (CA 17, Conf. Helv. Posterior 11).

Der neue »Chiliasmus« – diese Hoffnung auf das Reich Christi auf Erden – wurde von der reformierten Hochschule in Herborn verbreitet. Johann Heinrich Alsted, der Lehrer von Amos Comenius, schrieb 1627 in den Schrecken des 30jährigen Kriegs »Einen christlichen und wohl begründeten Bericht von der künftigen tausendjährigen Glückseligkeit der Kirche Gottes auf Erden«; Comenius trug diese Hoffnung durch Europa und erwartete nach der Reformation der Kirche Christi im 16. Jahrhundert die »Reformation der Welt« im Reich Christi im 17. Jahrhundert.

Dazu kam der Oberrabbiner von Amsterdam Manasseh ben Israel mit seinem einflussreichen Buch 1650 »Spes Israelis«, der das messianische Reich »nahe« verkündete. Die Juden wurden in England wieder zugelassen und wurden theologisch aus »Agenten des Antichristen« in der Reformationszeit zu »Protagonisten des messianischen Reiches Christi« im 17. Jahrhundert.

Philipp Jakob Spener (1635-1705) gilt als Vater des lutherischen Pietismus. Seine späte Schrift (1693) heißt »Behauptung der Hoffnung künftiger besserer Zeiten«. Diese »künftige bessere Zeiten« bestehen 1. im Fall des antichristlichen Papsttums, 2. in der Bekehrung ganz Israels, 3. in der Umwandlung der partikularen Kirche in das universale Reich Jesu Christi.

Die Geburt der »Neuzeit« – auch ein messianisches Wort – aus der Umwandlung des »christlichen Chiliasmus« in den humanistischen Chiliasmus beweisen Lessing und Kant. Die »christliche Brüderlichkeit« wurde durch allgemein menschliche Brüderlichkeit erweitert: Philadelphia 1685. »Alle Menschen werden Brüder…« Und die »Emanzipation« der Juden aus dem Ghetto in die humane, bürgerliche Gesellschaft folgte. Kant konstatierte in seiner Religionsschrift 1793:

»Man kann mit Gründen sagen: ›Das Reich Gottes ist zu uns gekommen‹, wenn auch nur das Prinzip des allmählichen Übergangs des Kirchenglaubens zur allgemeinen Vernunftreligion und so zu einem (göttlichen) ethischen Staat auf Erden allgemein und auch öffentlich Wurzeln gefasst hat.«

Vom »Menschheitsstaat« oder von der »politisch verfassten Weltgesellschaft« (J. Habermas) versprach sich Kant »ewigen Frieden«. Das gilt heute erst recht: Am Nationalismus geht die Menschheit zugrunde. Jede Menschenrechtsdemokratie ist eine Antizipation des zukünftigen Menschheitsstaats. Damit sind wir im 21. Jahrhundert angekommen.

Die Hoffnung der Erde

Die verschiedenen kontextuellen politischen Theologien im 20. Jahrhundert sind in das allgemeine Bewusstsein eingegangen. Zur Politischen Theologie ist in die »öffentliche Theologie« der Kirche getreten. Die Schwarze Theologie ist in dem Ruf »Black lives matter« heute in der amerikanischen Öffentlichkeit zu hören. Die Feministische Theologie ist lebendig im Protest der Schweizer Frauen 2019 gegen Minderbezahlung und sexuelle Gewalt. Die Befreiungstheologie ist in Lateinamerika von den Pfingstkirchen und ihrer Theologie des Wohlstands überrollt worden. Nur zwei Probleme sind geblieben und haben weltweit an Gefährlichkeit zugenommen. An ihnen entscheidet sich das Überleben der Menschheit:

  1. Der Klimawandel und das Artensterben.
  2. Das »Atomare Selbstmordprogramm« der Menschheit. Gestern ist der INF-Vertrag ausgelaufen; das atomare Programm ist wieder angelaufen.

Daran muss auch theologisch gearbeitet werden, weil die Theologie an diesen Weltgefahren mitschuldig ist. Ich werde das beweisen und zu einer theologischen Reformation anregen.

Es gibt einen alten ökologischen Witz: Zwei Planeten treffen sich im Weltall. Fragt der eine: »Wie geht es dir?« Antwortet der andere: »Es geht mir schlecht. Ich bin krank. Ich habe homo sapiens«. Sagt der erste: »Das tut mir leid. Das ist schlimm. Das habe ich auch gehabt. Aber tröste dich: Das geht vorüber«.

Das ist nicht nur ein Witz. Das ist die neue planetarische Perspektive auf die Menschheit. Von der Erde auf den Menschen. Geht diese menschliche Planetenkrankheit vorüber, weil das Menschengeschlecht sich selbst abschafft, oder geht sie vorüber, weil die Menschen weise werden und die Wunden heilen, die sie dem Planeten »Erde« bis heute zufügen?

Von der Weltherrschaft zur Erdgemeinschaft

Das Menschenbild der modernen Welt wurde von der Bibel geprägt: Die »Sonderstellung« des Menschen im Kosmos (Max Scheler) wurde durch das Konzept »imago Deidominum terrae«, geprägt, die Weltherrschaft wurde durch den Schöpfungsauftrag: »Macht euch die Erde untertan« gerechtfertigt. In der Zeit der Renaissance wurde diese Sonderstellung noch gesteigert: Der Mensch steht in der Mitte der Welt. Den klassischen Text liefert der Pico della Mirandola 1488: De dignitate hominis.

»Ich habe dich in die Mitte der Welt gesetzt, … damit du als dein eigener, vollkommen frei und ehrenhalber schaltender Bildhauer und Dichter dir selbst die Form bestimmst, in der du zu leben wünschst.« (Über die Würde des Menschen, 10)

Der Mensch »schreitet aus der Reihe des Universums hervor, beneidenswert nicht nur für die Tiere, sondern auch für die Sterne und die Engel«. Als Ebenbild seines Schöpfers ist der Mensch Schöpfer seiner selbst, seine »eigene Erfindung«, wie man heute sagt. Er macht sich selbst und seine Interessen zum Maß aller Dinge, zum Erfinder seiner Welt.

In Wahrheit ist der Mensch das abhängigste Geschöpf von allen. Menschen sind für ihr Leben auf Pflanzen und Tiere, auf Luft und Wasser, auf Tag und Nacht und auf das Licht angewiesen. Es gibt Menschen nur, weil es diese anderen Geschöpfe gibt. Sie alle können ohne die Menschen leben, aber Menschen können nicht ohne sie existieren. Darum kann man sich den Menschen nicht als einsamen Herrscher in der Mitte der Welt vorstellen. Der Mensch ist zuerst ein Geschöpf in der großen Schöpfungsgemeinschaft und dann ein Leben in der Lebensgemeinschaft der Erde. Jeder Grashalm kann etwas, was Menschen von Natur aus nicht können: Photosynthese. Jeder Grashalm produziert Sauerstoff, den Menschen brauchen für ihr Leben.

Moderne Menschen, die die Natur zu beherrschen und sich selbst neu zu »erfinden« vorgeben, wird psychologisch ein »Gotteskomplex« bescheinigt (Horst Eberhard Richter). »Homo Deus«. Es wird Zeit, dass diese stolzen und unglücklichen Götter der Schöpfung in die Schöpfungsgemeinschaft zurückkehren und »Menschen« werden. Wir brauchen eine neue »planetarische Solidarität«, damit uns das Artensterben etwas angeht. Schließlich sind die Bienen »Mitgeschöpfe«, wie das deutsche Tierschutzgesetz von 1986 sagt. Die Earth Charta, in der Version von 2000, fasst das, was ich an dieser Stelle sagen will, gut zusammen:

»Die Menschheit ist Teil eines sich ständig fortentwickelnden Universums. Unsere Heimat Erde bietet Lebensraum für eine einzigartige vielfältige Gemeinschaft von Lebewesen … Die Lebensfähigkeit, Vielfalt und Schönheit der Erde zu schützen, ist eine heilige Pflicht«. (Präambel)

Dann sagt die Earth Charta noch etwas:

»Erkenne, dass alles, was lebt, einen Wert an sich hat, unabhängig von seinem Nutzwert für den Menschen«.

Was ist dann mit der Gottebenbildlichkeit der Menschen?

Ein Bild soll dem Original entsprechen. Der gottebenbildliche Mensch ist der Gott entsprechende Mensch. Gottes Wesen ist Güte und sein Wille ist universale Liebe: »Du schonst aber alle, Herr, du Liebhaber des Lebens und dein unvergänglicher Geist ist in allen« (Weisheit 11,26). Der Gott entsprechende Mensch liebt alle seine Mitgeschöpfe um Gottes und ihrer selbst willen.

Gottes Liebe ist auch lebensschaffende Liebe. Die Gott entsprechenden Menschen sind schöpferisch tätig für die ganze Erdgemeinschaft, Gerechtigkeit schaffend und den Frieden fördernd. Gottes Herrschaft ist nicht ein willkürliches Verfügen von oben, sondern ein Tragen von unten. Der Gott entsprechende Mensch übt sich in der Geduld der Liebe und lässt »es wachsen«.

Eine Theologie der Erde

Hat die Erde eine Hoffnung? Macht die blühende Landschaft im Frühling Menschen nicht Hoffnungen? Hat die Erde eine göttliche Verheißung? Wie sieht die mögliche Zukunft der Erde aus?

Dafür müssen wir erst wissen, was die Erde theologisch ist.

Nach der ersten Schöpfungsgeschichte ist die Erde kein Untertan der Menschen, sondern ein einzigartiges schöpferisches Geschöpf. Sie »bringt hervor lebendiges Getier, jedes nach seiner Art, Vieh, Gewürm und Tiere des Feldes« (Gen 1,24). Lebendige Wesen reproduzieren sich selbst, die Erde aber bringt anderes Leben hervor. Die Erde bietet nicht nur Lebensraum für eine Vielfalt von Lebewesen, sondern ist auch ihr hervorbringender Lebensschoß. Von keinem anderen Geschöpf wird das gesagt, weder vom Himmel noch vom Menschen.

Die Erde steht im Gottesbund. Hinter dem Noahbund »mit euch, mit euren Nachkommen und allen Tieren der Erde bei euch« (Gen 9,9-11), steht der Gottesbund mit der Erde: »Meinen Bo­gen setze ich in die Wolken und er wird mir ein Zeichen sein des Bundes zwischen mir und der Erde« (Gen 9,13). Dieser Bund bringt die Erde in eine direkte, nicht durch Menschen ver­mittelte Verbindung zu Gott. Dieser Bund ist die göttliche Verheißung der Erde.

Die blutgetränkte Erde wird ein Zeuge des Brudermordes der Menschen. In der Kain-und-Abel-Geschichte heißt es: »Die Stimme des Blutes deines Bruders schreit zu mir von der Erde« und »Verflucht seist du auf der Erde« (Gen 4,10.11).

Wir sprechen von der Erde in verschiedenen Beziehungen: Himmel und Erde, die Elemente Erde – Wasser – Luft, der Boden, auf dem wir stehen und den wir beackern und bebauen, und der blaue Planet Erde.

Die Rechte der Erde – der Erdboden – kommen in der Sabbatgesetzgebung Israels zum Ausdruck: »Im siebten Jahr soll das Land ihren großen Sabbat dem Herrn feiern« (3. Mos. 25,2). Das ist die »Religion der Erde«, des Landes, des Bodens. Wer sie missachtet und das Land zu Dauerfruchtbarkeit zwingt, macht das Land zur Wüste und muss das Land verlassen. Heute kommt zur Missachtung des Sabbat des Landes die Missachtung des Sabbat der Meere und der Luft hinzu.

Für die großen Propheten Israels birgt die Erde auch das Heilsgeheimnis: »Die Erde tue sich auf und bringe Heil, Gerechtigkeit wachse mir zu« (Jes 45,8). Der Messias wird eine »Frucht des Landes« genannt (Jes 4,2).

Die neuen Erd- und Astrowissenschaften haben die Wechselwirkungen zwischen den unbelebten und belebten Bereichen unseres Planeten nachgewiesen. Das legt das Bild von einem »Erdorganismus« nahe (Lovelock). Die Erde ist keine Ansammlung von Materialien und Energien, die wir »Bodenschätze« nennen, sie ist weder blind noch stumm. Sie ist auch nicht nur die natürliche »Umwelt« für menschliche Kulturen, sondern sie ist wie ein einzigartiges Subjekt anzusehen, das Leben hervorbringt, das verborgene »Natursubjekt«, wie Ernst Bloch dachte. Die biblischen Bilder von der Erde sind für eine mitfühlende Ökologie ganz modern. Wir sind Erdgeschöpfe. Um unser Menschsein zu verstehen, müssen wir nicht von uns selbst, sondern von der Erde ausgehen.

Welche Zukunft hat die Erde? Zunächst hat die Erdgemeinschaft das gleiche Schicksal wie die Menschen.

»Die Schöpfung ist unterworfen der Vergänglichkeit … doch auf Hoffnung hin. Denn auch die Schöpfung wird frei werden von der Knechtschaft der Vergänglichkeit zu der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes« (Röm 8,20.21).

Paulus hörte die ganze Schöpfung »seufzen und sich ängstigen«. Die Erdgemeinschaft ist so erlösungsbedürftig und so erlösungswürdig wie wir Menschen. Die Erde wartet auf Gott. Im Kommen Gottes wird sie zur »neuen Erde werden, auf der Gerechtigkeit wohnt« (2 Petr 3,13) Wie geschieht das? In Psalm 96,10-13 haben wir ein schönes Bild:

»Der Himmel freue sich und die Erde sei fröhlich, das Meer brause und was darinnen ist, das Feld sei fröhlich und alles, was darauf ist, es sollen jauchzen alle Bäume im Walde vor dem Herrn, denn er kommt zu richten das Erdreich. Er wird den Erdkreis richten mit Gerechtigkeit und die Völker mit seiner Wahrheit.«

Für den christlichen Glauben hat Gott durch die Lebenshingabe Christi den »Kosmos versöhnt« (2 Kor 5,17; Kol 1,20) und durch seine Auferstehung und Erhöhung »alles zusammengefasst in Christus, was im Himmel und auf Erden ist« (Eph 1,10). Der kommende Christus ist der kosmische Christus. Darum singen wir im Advent zu Recht:

»Oh Heiland, reiß die Himmel auf …«

und:

»Oh Heiland aus der Erde spring’ …« (EG 7,2.3)

Die Zukunft Christi wird nicht nur vom Himmel her erwartet, wie es im Apostolicum steht, sondern auch aus der Erde. Der kosmische Christus ist das Geheimnis der Erde, er lebt in der Erdgemeinschaft, er ist in allen Dingen gegenwärtig. Darum erweitere ich das christliche Liebesgebot: »Du sollst Deinen Nächsten lieben wie Dich selbst« zu »Du sollst diese Erde lieben wie Dich selbst.«

In den orthodoxen Bildern wird Christus nicht in dem menschlichen Stall von Bethlehem geboren, sondern in einer Erdhöhle.

Blumhardt und das Reich Gottes auf Erden

Blumhardt suchte Christus in der Welt, nicht in einem abgegrenzten Bereich von Religion oder Kirche. Wir sollen »Weltherzen« bekommen und ein »erdengroßes Denken« lernen, denn wir sind »ein Weltvolk«. Dieses »Allerweltschristentum«, ganz dem Diesseits und der Erde zugewandt, ist keine Säkularisierung des Christentums, sondern irdische Reich-Gottes-Erwartung. »Denn das Reich Gottes steht in direkter Beziehung zur Erde, das lebt mit der Erde« (Ragaz, 55). Daraus folgt: »Trachtet allein nach dem Reich Gottes auf Erden«. Es geht darum, den Himmel auf Erden zu suchen, »dass wir die himmlischen Dinge auf die Erde bekommen. dass zuletzt Gott werde ein Gott, den wir schauen dürfen auf Erden« (ebd). Blumhardt hat das Vater-unser-Gebet gelegentlich geschlossen mit »wie im Himmel so auf Erden«. Seine Christushoffnung war nicht nur eine Hoffnung für die Erde, sondern eine Hoffnung dieser Erde selbst. »Die Natur ist der Schoß Gottes. Aus der Erde wird uns Gott entgegenkommen«. (Harder II, 295)

»Wenn aber mit der Erde das lebendig machende Leben geschaffen wurde, dann wird auch die ewige Wiedergeburt des Lebens von der Erde zu erwarten sein. In das Irdische legt Gott seine Kraft, wie er ja die ganze Erde durchzieht mit seiner Lebenskraft. In der Erde ist etwas Lebendiges von Gott, im Wasser, in der Luft ist etwas, und ganz in diesem Lebendigen der Erde, ganz tief unten fängt das Reich Gottes an«, so beschreibt Robert Lejeune Blumhardts Vertrauen zur Erde (I, 257).

Blumhardt hat die Notwendigkeit einer »Theologie der Erde« klar gesehen: »Wir haben gar keine Gemeinschaft mit der Natur… So steht uns die Natur noch eiskalt gegenüber, fühlt sich uns fremd. Da muss noch etwas kommen.« Was muss da noch kommen? »Die Harmonie zwischen Menschen und Natur muss kommen. Dann findet jeder seine Befriedigung. Und das wird die Lösung der sozialen Frage sein« (Harder II, 295 f).

Dietrich Bonhoeffer war von Blumhardt angeregt, wie ich vermute, als er 1932 schrieb: »Wer Gott liebt, liebt ihn als Herrn der Erde, wie sie ist; wer die Erde liebt, liebt sie als Gottes Erde. Wer das Reich Gottes liebt, liebt es als Gottes Reich auf Erden«. 1944 schrieb er aus der Gefängniszelle im zerstörten Berlin seiner Braut: »Unsere Ehe soll ein Ja zu Gottes Erde sein.«

Hoffnung der Menschheit Versöhnung der Nationen für das Überleben der Menschen

Wegen der nationalistischen Machtpolitik von Präsident Putin in Russland, Präsident Trump in den USA und Generalsekretär Xi Liping in China ist eine Versöhnung der Nationen schwierig, wenn nicht unmöglich geworden, weil diese Nationen sich im Krieg mitten im Frieden befinden, in einem hybriden Krieg. Sie führen einen ökonomischen Krieg mit Sanktionen und cyber-wars mit fake news. Sie glauben an das »survival of the fittest«, weil sie ihre eigene Nation für die stärkste halten. Sie bevorzugen bilaterale Verträge, weil sie die schwächeren Nationen beherrschen wollen und lehnen multilaterale Verträge ab oder kündigen sie.

Aber die Nationen müssen sich versöhnen und im Frieden zusammenarbeiten, wenn die Menschheit überleben soll. Die politisch verfasste Weltgesellschaft, nach Kant der »Menschheitsstaat«, ist unsere Zukunft und die Verwirklichung der Menschenrechte ist der Weg der »Vereinten Nationen«. Menschlich zu sein oder nicht zu sein, das ist die Existenzfrage der Menschheit im 21. Jahrhundert.

Der neue Nationalismus ist keine Zukunft der Menschheit, sondern führt die Menschen ins Verderben, und nicht nur die Menschen, sondern auch die Erdgemeinschaft alles Lebendigen.

Er begann mit dem Ende des Ost-West-Konflikts 1990. Bis dahin war die Welt in zwei Blöcke aufgeteilt, die sozialistische Welt im Osten, die »freie Welt« im Westen. Dann löste sich die Sowjetunion auf. Der Generalsekretär der kommunistischen Partei, Michael Gorbatschow, wollte den internationalen Sozialismus am Leben erhalten, doch der russische Nationalist Boris Jelzin gewann 1993 den Machtkampf. Die Sowjetunion zerfiel in drei große Nationen Russland, Weißrussland und die Ukraine und kleine unabhängige Nationen. Russland fühlte sich als »Schutzmacht des Sozialismus« überfordert. Der kommunistische Traum von der Gleichheit aller Menschen starb.

Die »freie Welt« im Westen löste sich langsamer auf. Die Allianz der demokratischen Staaten wich erst im neuen Nationalismus der USA »America first« unter Präsident Trump. Die USA fühlten sich überfordert als »Schutzmacht der freien Welt«, darum lässt sich der Präsident für amerikanischen Militärschutz von Deutschland, Japan, Taiwan und Korea bezahlen. Darum verlassen die USA unter Präsident Trump die multilateralen Verträge der UNO, das Klimaschutzübereinkommen der UNO von Paris 2015, den INF-Contract von 1987 über die atomaren Kurzstreckenraketen in Europa, den Menschenrechtstaat der UNO und das Iranabkommen. Da ist ein neuer Nationalismus in den osteuropäischen Staaten, am schlimmsten in Deutschland wegen der deutschen Nazivergangenheit: »Deutschland den Deutschen« und »Emigranten raus«.

In den sogenannten ethnisch »sauberen reinen« Nationen sind nur die Mitglieder des eigenen Clans »Menschen«, andere sind »Ausländer« oder »Untermenschen«. Da wird eine Grenze gezogen zwischen »wir« und »den Anderen«. Die »Freund-Feind-Kategorie« wird zur existenziellen politischen Kategorie, wie Carl Schmitt, der Staatsrechtler Hitlers, lehrte. Der neue Nationalismus ist eine Gefahr für die Menschlichkeit und damit für die Menschheit.

Das »Meine Nation zuerst« widerspricht der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung: »Alle Menschen sind frei und gleich geschaffen.« und dem Menschenrechtskanon: »Die Würde des Menschen ist unantastbar.«

Ist damit der demokratische Menschheitstraum gestorben? Ich denke: Nein! Weil die gegenwärtigen Probleme der Menschheit nicht von einzelnen Nationen gelöst werden können:

  1. Die Gefahr eines »atomaren Selbstmordes« (Sacharov) ruft nach einer Weltfriedensordnung und nach atomarer Abrüstung.
  2. Die fortschreitende Naturzerstörung und das Artensterben ruft nach einem ökologischen Umbau der Industriegesellschaft in allen Nationen.
  3. Überbevölkerung und Migration rufen nach einer solidarischen Sozialordnung der Menschheit.

Bis zu den beiden Weltkriegen im 20. Jahrhundert war die Menschheit in Nationen und Imperien organisiert. Die Wirtschaft war »Volkswirtschaft«.

1945 wurden die Vereinten Nationen (UNO) und der Sicherheitsrat gegründet. Das sind transnationale Institutionen. Die Wirtschaft wurde globalisiert.

Als nächsten Schritt brauchen wir die Umwandlung der nationalen Außenpolitik in »Weltinnenpolitik«, wie Carl-Friedrich von Weizsäcker vor 50 Jahren zur Zeit der Atomkriegsdrohung forderte.

Der letzte Schritt ist sicher eine gemeinsame »Erdpolitik« (Ernst Ulrich von Weizsäcker). Der Beginn war die UNO-Konferenz von Paris 2015.

Der Kampf der Nationen um die Vorherrschaft findet ein definitives Ende am »atomaren Selbstmord« der Menschheit und der Zerstörung des Lebensraums der Erde. Sie zwingen zu Frieden und Kooperation, wenn das Menschengeschlecht überleben will.

Menschenrechte und Demokratie

Demokratien gründen in der Volkssouveränität und den Menschenrechten:

  1. »Alle Gewalt geht vom Volke aus«, d.h. vom Staatsvolk, nicht vom Rassevolk, und
  2. »Die Menschenwürde ist unantastbar«. »Volksdemokratien« sind keine Menschenrechtsdemokratien. Menschenrechtsdemokratien sind Antizipationen in der »politisch organisierten Weltgesellschaft«. Kant sah in dem »ethnischen Menschheitsstaat«, der »ewigen Frieden« bringt, das Reich Gottes, das »zu uns kommen ist«. Ich würde nicht so weit gehen, aber der demokratische Menschheitsstaat ist gewiss eine Annäherung des Reiches Gottes. Heute sind die Menschenrechte ein unverzichtbarer Bestand der internationalen Politik der Demokratien. »to make the world safe for democracy«, hatte der amerikanische Präsident Wilson 1917 verkündet. Heute sind die Demokratien missionarisch auf die universale Friedensordnung ausgerichtet. Innenpolitisch geht es den Demokratien um Menschenrechte, nicht um Volksrechte. Humanität geht vor Nationalität. Insofern sind Menschenrechtsdemokratien eine Realisierung der universalen Reich-Gottes-Hoffnung.

Die eine Kirche und die verschiedenen Nationalitäten

Die Kirche Christi ist das »Volk Gottes«, gerufen und erwählt aus allen Völkern. Die ökumenische Bewegung, die nach dem ersten Weltkrieg begann, diente nicht nur der Vereinigung der verschiedenen Konfessionen, sondern auch der Befreiung der Kirche von den Nationalitäten. Die Kirche Christi ist »eine Kirche«, wenn wir den christlichen Glaubensbekenntnissen glauben. Sie ist in allen Völkern präsent und kann darum nicht zur nationalen Religion werden, auch wenn es immer wieder zu christlichen Nationalreligionen gekommen ist.

In der Nazizeit haben wir in Deutschland einen Kirchenkampf erlebt zwischen der Christus-«Bekennenden Kirche« und den »Deutschen Christen«. Das war ein christlicher Kampf gegen die Umwandlung der Kirche in eine deutsche, »arische« Nationalreligion.

Nach dem Krieg 1945 veränderte darum die evangelische Kirche ihren Namen von »Deutsche Evangelische Kirche« (DEK) in »Evangelische Kirche in Deutschland« (EKD). Deutschland ist der Ort, wo die evangelische Kirche lebt und wirkt, nicht das bestimmende Vorzeichen. Ich bin ein Christ in Deutschland, nicht ein deutscher Christ.

Die Kirche Christi ist ökumenisch, d.h. den ganzen bewohnten Erdkreis umarmend. Sie ist katholisch auf das Ganze ausgerichtet. Sie ist in ihrem Wesen keine partikulare Nationalreligion noch eine westliche Religion, sondern die Kirche Christi für alle Menschen: »Denn wie in Adam alle sterben, so werden sie in Christus alle lebendig gemacht«, sagt Paulus (1. Kor 15,32). Die Kirche Christi ist auf die Menschheit ausgerichtet, darum steht sie auf für Versöhnung zwischen Nationen für das Überleben der Menschheit. Christen fragen bei einzelnen Menschen in Not oder auf der Flucht nicht nach der Religion oder Nationalität, Rasse oder Geschlecht, sondern sehen den Menschen: »Ecce Homo!«. »Sehet den Menschen!«

Vortrag auf der Gedenktagung zum 100. Todestag Christoph Blumhardts am 3. August 2019 in Bad Boll.

Literatur:

Johannes Harder (Hg.), Christoph Blumhardt, Ansprachen, Predigten, Reden, Briefe 1865-1917, 3 Bände, Neukirchen-Vluyn 1978

Robert Lejeune (Hg.). Christoph Blumhardt. Eine Auswahl aus seinen Predigten, Andachten und Schriften, 4 Bände, Erlenbach-Zürich/Leipzig 1925-1937

Jürgen Moltmann, Hoffen und Denken. Beiträge zur Zukunft der Theologie, Neukirchen-Vluyn 2016

Ders., Theologie der Hoffnung, München 1964

Leonhard Ragaz, Der Kamp um das Reich Gottes in Blumhardt, Vater und Sohn – und weiter, Erlenbach-Zürich/München/Leipzig 1925

Quelle: epd-Dokumentation Blumhardt-Gedenken: Damit die Schöpfung vollendet werde …, Nr. 46, 12. November 2019, S. 21-28.

Hier der Text als pdf.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s