Walther Zimmerlis Auslegung zum Predigttext Prediger 12,1-7 (ATD): „Der Schlusssatz aber läßt auch hier die Bildsprache dahinten und schildert die Auflösung dessen, was einst menschliches Leben war, in seine vorzeiten im göttlichen Schöpfungsvorgang vereinigten Teile (1.Mose 2,7). Von der kritischen Bezweiflung der Einzelheiten dieses Vorganges (3,21) ist hier, wo es schlicht um die Feststellung des Endes menschlichen Lebens geht, nichts mehr zu hören.“

In der neuen Perikopenordnung ist für den 20. Sonntag nach Trinitatis nunmehr in der dritten Predigtreihe Prediger (bzw. Kohelet) 12,1-7 vorgesehen. Dazu Walther Zimmerlis Auslegung von Prediger/Kohelet 11,9-12,7 aus seinem ATD-Kommentar:

Auslegung von Prediger 11,9-12,7: Die Jugend freue sich ihrer Jugend und gedenke, ihres Schöpfers, denn einst kommt das Alter

Von Walther Zimmerli

11,9 Freue dich, Jüngling, deiner Jugend, und dein Herz lasse es dir wohl sein in deinen Jugendtagen, und wandle nach dem, was dein Herz begehrt und wohin deine Augen schauen, [wisse aber, daß Gott dich um all dieser Dinge willen ins Gericht bringen wird,] 10 und tu weg (den) Unmut aus deinem Herzen und halte dir das Üble vom Leibe, – denn die Jugend und die Jugendblüte sind eitel (vergänglich).

12,1 Und denke an deinen Schöpfer in den Tagen deiner Jugend, bevor die Tage des Übels kommen und (die) Jahre sich einstellen, von denen du sagst: „Sie gefallen mir nicht“,
2 bevor sich die Sonne und das Licht und der Mond und die Sterne verfinstern und die Wolken nach dem Regen (immer) wiederkehren, 3 am Tage, da die Wächter des Hauses zittern und die starken Männer sich krümmen und die Mahlmägde (zu mahlen) aufhören, weil ihrer wenig geworden sind, und dunkel werden, die durch die Fenster schauen, 4 und die Türen zur Straße verschlossen werden, wenn das Geräusch der Mühle leise zu werden beginnt und man auf­steht beim Vogelgezwitscher (?) und alle Lieder nur mehr leise klingen. 5 Auch vor einer Anhöhe fürchtet man sich, und Schrecken ist auf der Straße, und es blüht die Mandel, und schleppt sich schwer die Heuschrecke, und die Kaper ‚versagt‘ – denn der Mensch geht in sein Ewigkeitshaus und auf der Straße gehen die Klagemänner umher,

6 bevor die silberne Schnur ‚zerreißt‘; und die goldene Schale ‚zerspringt‘und der Krug am Brunnen zerschellt und das Schöpfrad am Schachte zerbricht 7 und der Staub wieder zur Erde zurückkehrt, wie er gewesen, und der Hauch zurückkehrt zu Gott, der ihn gegeben.

Das große Wort von Jugend und Alter ist in seiner ersten Hälfte als Mahnwort ausgestaltet (11,9-12,1). Die in direkter Anrede formulierte Mahnung zur Freude (V. 9-10 a) erfährt ihre Begründung durch den Hinweis auf die Vergänglichkeit der Jugend (V. 10 b). Die dann neu ansetzende Mahnung, des Schöpfers zu gedenken, bleibt streng formal gesehen ohne Begründung. An die Stelle einer solchen ist die von 12,1b ab in breitester Ausführung erfolgende Beschreibung des Alters, das einst kommen wird, getreten. Diese verwendet in ihrer näheren Ausgestaltung u. a. auch das Kunstmittel der Allegorie und kehrt erst im Abschluß V. 7 wieder zur eigentlichen Aussage zurück. Über ihre Dreiteilung s.u.

9.10 Es ist in diesem gewichtigen Abschluß sehr deutlich zu erkennen, wie Kohelet sich in mehr als einer Hinsicht in einer alten Tradition der „Lehre“ bewegt. Diese ist von ihren Anfängen her in der Gestalt der Belehrung des jungen Menschen durch den alten gehalten gewesen. Die Anrede „mein Sohn“ ist im Sprüchebuch nicht nur in der Rahmennotiz von der Belehrung Lemuels durch seine Mutter (Spr.31,1f.), sondern auch in den Sprüchen selber mehrfach zu finden (1,8.10.15 u.ö. in Spr. 1-9, aber auch in 19,27; 23,15.19.26; 24,13.21; 27,11). Sie ist bisher in den Worten Kohelets nie zu finden gewesen, obwohl sie vom Bild des alten, auf seine Regierung zurückschauenden Salomo in 1,12 her nahe gelegen hätte. Es hängt dies wohl auch mit dem besonderen Charakter der „Lehre“ Kohelets zusammen, die den vertraulich-väterlichen Ausdruck „mein Sohn“ nicht erträgt. So ist denn auch hier am Schlusse diese vertrauliche Anrede an den jungen Menschen nicht zu finden (anders der Epilogist 12,12). Statt dessen findet sich nun in 11,9 die unpersönlichere Anrede bāḥūr „Jüngling“. Die einen Neuein­satz markierende Anrede an dieser Stelle widerrät die Verbindung von 11,9f. mit 11,7f. (gegen Galling2, Barucq).

Die Anrede an den jungen Menschen wächst dabei ganz heraus aus der inhalt­lichen Besonderheit der Lehre Kohelets und ist ihr dienstbar gemacht. Die Jugend eines Menschen ist ein ihm zu seiner Zeit zukommender „Teil“, den Gott verliehen hat und dessen mit wachen Augen sich zu freuen Kohelet hier mahnt.

Der Jugend des Angeredeten entspricht seit jeher das Alter des Anredenden. Nun ist es in der ältesten uns überlieferten Lehre des alten Ägypten zu sehen, daß das Thema „Alter“ seinerseits Gegenstand der kunstvollen Ausgestaltung der Rede wird. Es taucht diese Ausgestaltung dort sinngemäß in der einleitenden Rahmen­erzählung auf und motiviert die Bitte des alten Wesirs an seinen königlichen Ober­herrn, ihm einen „Stab des Alters“ zu geben. Denn, so schildert Ptahhotep ein­drücklich: „Das Greisenalter ist eingetreten und das Alter herabgestiegen. Die Glieder werden leidend und das Altsein tritt als Neues auf. Die Kraft ist dem Müden zugrunde gegangen. Der Mund schweigt und redet nicht. Die Augen sind kurz­sichtig und die Ohren taub … Das Herz ist vergeßlich und erinnert sich nicht mehr an gestern; der Knochen, der leidet am Alter und die Nase ist verstopft und atmet nicht. Mag inan stehen oder sitzen, man befindet sich übel. Das Gute ist zu Schlech­tem geworden. Jeder Geschmack ist zugrunde gegangen. Was das Alter dem Men­schen antut ist, daß es ihm schlecht in allem geht“[1]. Man wird, wenn auch die Zwischenglieder zwischen Ptahhotep und Kohelet weitgehend fehlen, kaum um die Annahme herumkommen, daß die Schilderung des Alters zum Stil der Lehren ge­hörte. Wieder aber ist zu sehen, daß Kohelet mit dieser ihm überkommenden Stil­sitte in großer Freiheit umzugehen und nun auch sie dem besonderen Inhalt seiner Lehre dienstbar zu machen weiß. Die Schilderung des Alters wird von ihm aus der Rahmenerzählung herausgelöst und der Lehre selber eingegliedert. Es ist nicht mehr der alte Lehrer, der sein eigenes Alter schildert. Vielmehr wird in einer ganz all­gemeingültigen Weise dem guten „Teil“ der Jugend, nach dem zu greifen der Junge aufgefordert wird, das böse Geschick des Alters, das zudem dann eines Tages in jenes abschließende böse „Widerfahrnis“ (2,14f.; 3,19; 9,2f.) des Todes ein­mündet, entgegengesetzt. So ist eine eindrückliche Veranschaulichung der Mahnung von 7,14 erreicht. Was in der üblichen Lehre als erzählerischer Rahmen über dem Eingang der Belehrung stand, ist hier zum groß angelegten inhaltlichen Aus­klang der Lehre selber geworden.

Die Mahnung zur Freude an den jungen Menschen ist voll ausgeführt: Was Herz und Augen begehren, soll er sich nicht versagen. Ärger solcher sich ferne halten (7,9 – neben 7,3) und seinem Leib nichts Böses widerfahren lassen. Wenn dann mitten unter diesen Aussagen, sie zerreißend, in 11,9b eine Erinnerung an die Ver­antwortlichkeit des ganzen Lebens angesichts, des göttlichen Gerichtes auftaucht, dann dürfte das als Abdämpfung der freien Zurede an den jungen Menschen von einem „orthodoxeren“ Standpunkt her zu verstehen sein. Die Identifizierung des Ergänzers ist hier leicht zu vollziehen. Da die prägnante Formulierung „ins Gericht bringen“ (hēbī’ bǎmmĭšpāṭ) die sich sonst bei Kohelet selber nie findet, in der Aussage des jüngeren Epilogisten, der in 12,13f. mit Nachdruck die rechtgläubige Summe des Buches zu ziehen versucht, in 12,14 wiederkehrt (sonst nur noch in Hi. 14,3; die verwandte Formulierung „ins Gericht kommen“ noch Jes. 3,14; Ps. 143,2; Hi. 9,32; 22,4), wird die Aussage V.9b aus der Hand dieses Mannes stammen. Formal verrät sich die fremde Hand auch in der Durchbrechung der Reihe parallel gestalteter Mahnungen, die in V. 9aα und 9aβ beginnt, in V. 10a weitergeführt wird und erst in der Begründungsaussage V. 10b eine Verschiebung erfährt. Für die Absicht, die ungeschützte Mahnung zum Genuß, die Kohelet an die Jugend richtet, abzudämpfen, ist auch die griechische Übersetzung des Codex Vaticanus ein deutlicher Zeu­ge, wenn sie V. 9aβ übersetzt: „Wandle auf den We­gen untadelig und nicht nach dem, wonach deine Augen schauen.“ – Kohelet selber weiß sehr wohl von „Zeit und Gericht“ als über dem Menschen stehenden Dro­hungen (8,5f., auch 3,17). Sie verdichten sich aber bei ihm nicht zur Gestalt des Gerichtes, das hier schon in der Weise eines Endgerichtes über dem Leben zu stehen scheint. Vielmehr ist „Zeit und Gericht“ für Kohelet gerade das ganz Undurchsichti­ge, das darum bei ihm auch nie zur Begründung einer Mahnung angeführt wird.

In Kohelets Mahnung zur Freude an den jungen Menschen fehlt diese sichernde Abschirmung. Die einzige Begründung seiner Aufforderung liegt im Hinweis auf die Vergänglichkeit der Jugend. Sie gibt dieser das Gewicht eines von Gott zugemesse­nen „Teils“, hinter dem, wer die Welt in ihrer Gottgesetztheit erkannt hat, den Ruf zur Freude über diesen „Teil“ hören muß.

12,1 Von da her ist dann auch die bei Kohelet ganz einmalige Mahnung an den jungen Menschen, seines Schöpfers zu gedenken, zu verstehen. Man möchte zunächst ver­sucht sein, diese überraschend neue Aussage durch leichte Textänderung etwa in bōre „Gedenke deiner Gru­be, d.h. deines Grabes“, Galling1) umzudeuten oder gar ganz als Zusatz eines Chasid (Frommen) auszuscheiden (Podechard, Galling3). Der Text ist aber gut bezeugt und der Satz formal an seiner Stelle nicht zu entbehren. Man wird ihn an seinem Ort und in seiner Formulierung belassen müssen. Er soll nun wohl auch in dieser Schlußmahnung der letzten Sentenz des Buches, die auch sonst in ihrer vollen Verwendung der Allegorie eine ganz einmalige Ausgestaltung zeigt, etwas Abschließendes in abschließender Formulierung aus­sagen. Daß der Schöpfungsgedanke in der Weisheit nicht nur in ihren Aussagen über Welt und Natur, sondern auch in denjenigen über das menschliche Leben eine Rolle spielt, können Aussagen wie Spr. 20,12; 22,2 deutlich machen. Die Erkennt­nis der (schöpfungsmäßigen) Bestimmtheit aller Dinge ist bei Kohelet da, wo vom „Werk“ (mǎʽaśěh) Gottes die Rede war (3,11; 7,13; 11,5), eine Grunder­kenntnis. Erst hier in dem volltönenden Schlußwort wird sie mit der spezifischen Vokabel des priesterlichen Schöpfungsberichtes (1.Mose 1,1.21.27; 2,3), der Kohe­let ja nicht unbekannt zu sein scheint (s.o. zu 3,11, auch 7,29), ausgesagt und dem jungen Menschen eingeschärft. Indem er sich seiner Jugend freut und sich dabei allezeit der Unausweichlichkeit seines Alterns bewußt bleibt, „gedenkt“ er seines Schöpfers, aus dessen Hand er sein „Teil“ in seinem Heute empfangen hat.

Hinter dem hellen „Teil“ der Jugend droht das dunkle „Teil“ des Alters. In dessen kunstvolle Beschreibung mündet das letzte Wort des Predigers aus. Durch ein dreimaliges „Bevor … kommen, bzw. sich verfinstern, zerreißt“ in V. 1b.2.6 ist der ungefüge Komplex formal leicht aufgegliedert. Die Schwierigkeit des in­haltlichen Verständnisses liegt einmal darin, zu erkennen, wo die einfache Bildrede in die gesteigerte Kunstform der Allegorie, welche in jedem einzelnen Zug gedeutet sein will, übergeht, und zum anderen in der Aufschlüsselung der einzelnen, bild­lichen, bzw. allegorischen Elemente,

In V. 1b wird das Alter zunächst in seiner unmittelbar faßlichen Bewertung durch den Menschen beschrieben. Alter heißt „böse Tage“ und „Jahre, von denen du sagst: Sie gefallen mir nicht“. Den besten Kommentar zu diesen Aussagen vermag jene alte Schilderung des Ptahhotep zu geben.

2 Der zweite Beschreibungsgang (V. 2-5) holt voller aus. Sein Eingang (V. 2) dürfte zunächst als allgemeines Bild, hinter dem die klimatischen Erfahrungen Palästinas stehen, zu verstehen sein. Die winterliche Jahreszeit läßt die regel­mäßige Helle des Sonnenlichtes bei Tage, und in der Nacht auch das Licht der Nachtgestirne vermissen, indem nach einem Regenguß anders als in den hellen Jahreszeiten der Himmel sich nicht wieder entwölkt, sondern gleich die Wolken für den nächsten Regenguß aufziehen. Ist darin in einem einfachen Bildvergleich die widrige Jahreszeit mit der widrigen Lebenszeit des Alters verglichen, so folgt in der Fortsetzurig nun unverkennbar die Redeweise der Allegorie, welche das Gemeinte tiefer ins Bildwort hüllt und es da und dort geradezu ganz unkenntlich macht. Erst V. 5b kehrt, nachdem schon V. 5aa einen Ansatz dazu gemacht hat, wieder zur bildfreien Rede zurück.
3 In V. 3f. scheinen die Körperteile des Menschen und die menschliche Äußerung im Bildganzen eines bewohnten Hauses beschrieben zu sein, das seine Hüter, starke Männer, dazu die Mühle mahlende, arbeitende Insassinnen, aber dann auch Fenster und durch das Fenster schauende, feiernde und singende Bewohnerinnen hat. Mit den Hütern des Hauses dürften die Arme des Menschen ge­meint sein. Sie beginnen im Alter zu zittern. Die starken Männer sind die Füße. Sie beginnen sich im Alter zu verkrümmen (danach möchte Galling schon das „Ver­krümmen“ von 1,15; 7,13 verstanden wissen). Die Mahlerinnen sind die Zähne. Sie beginnen im Alter spärlich zu werden. Und die durchs Fenster schauen, sind die Augen des Menschen. Sie werden im Alter trübe.
4 Da sind Türen nach draußen: die Ohren. Sie werden im Alter, wenn der Mensch taub zu werden beginnt, ge­schlossen. Es ist im bewohnten Haus das Geräusch der mahlenden Getreidemühle zu hören, die von den Sklavinnen (Jes. 47,2; Hi. 31,10) bedient wird. Man möchte darin das Reden des Menschen finden. Im Alter beginnt des Menschen Stimme leise zu werden. In der gleichen Richtung ist dann wohl auch das Gedämpft-(wörtlich: Niedrig-)Werden der Lieder zu verstehen. Danach verstehen denn auch manche den dazwischen liegenden Satz vom Hoch-, d.h. Dünn-Werden (oder gar Verstummen) der Stimme gleich einer Vogelstim­me. Doch kann auch an das Leichtwerden des Schlafes, der im Alter schon durch das Zwitschern eines Vogels verscheucht wird, gedacht sein.

5 V. 5 malt dann zunächst ohne jede Bildverhüllung den Schrecken, den für den alten Menschen jeder Weg, der nur ein wenig ansteigt, ja selbst die gewöhnliche belebte Straße bedeutet. Dazu tritt ein dreifaches Bild, das wieder die eigentlich gemeinten Züge des alten Menschen zu verhüllen scheint. Die weiß blühende Man­del dürfte an das weiße Haupt des Alten, die sich schwer dahinschleppende Heu­schrecke (Folge ihrer Gefräßigkeit?) an seinen mühsamen Gang erinnern, beim Versagen der Kaper hat man an das Unwirksamwerden der appetitanreizenden Kaperfrucht gedacht. Doch ist bei diesen drei Bildern auch die eigentliche Deutung versucht worden, nach welcher auf die Vorgänge in der blühenden und lebenden Natur verwiesen wäre, die es doch nicht ändern, daß der alle Mensch kein Auge mehr für die sich wieder belebende Natur hat. Ohne jedes Bild ist der letzte Satz dieser zweiten Durchführung gehalten, der auf das Nahekommen des Todes­tages deutet. Wenn das Grab hier als „Haus der Ewigkeit“ bezeichnet wird, so klingt darin eine Terminologie an, die sowohl in Ägypten als auch in palmyrenischen Inschriften nachzuweisen ist.

6 Ein drittes Mal setzt Kohelet in V. 6 an, nun nicht mehr zur Beschreibung des Alters, sondern, V. 5 weiterführend, um das Geschehen des Todes in Bildern anzu­deuten. In V. 6a möchte man bei dem silbernen Strick, der wohl mit der goldenen Schale zusammenzubringen ist, an das Bild einer köstlichen Lampe denken. Die mit der gleichen hebräischen Vokabel bezeichnete „Schale“ von Sach. 4,2f. ist allerdings nicht an einer Schnur aufgehängt, sondern als Aufsatz auf einen Lampenständer gestellt. Daneben steht, zweifelsfrei zu erkennen, das Bild der Wasserstelle. Neben dem Krug, mit dem man aus der Quelle schöpft (1.Mose 24,13ff.), ist das Schöpfrad erwähnt, über welches der Strick mit dem Eimer, der in die Tiefe der Zisterne hinuntergelassen wird, hängt. Leuchte und Wasserstelle sind zwei Be­reiche alltäglicher Lebensvorgänge und darum in der Bildsprache geläufige Sinn­bilder des Lebens. Das Zerreißen und Zerbrechen der hier gebrauchten Geräte schildert eindringlich die böse Verwüstung des Todes.

7 Der Schlußsatz aber läßt auch hier die Bildsprache dahinten und schildert die Auflösung dessen, was einst menschliches Leben war, in seine vorzeiten im göttlichen Schöpfungsvorgang vereinigten Teile (1.Mose 2,7). Von der kritischen Be­zweiflung der Einzelheiten dieses Vorganges (3,21) ist hier, wo es schlicht um die Feststellung des Endes menschlichen Lebens geht, nichts mehr zu hören. In der Feststellung aber, daß Gott den Lebenshauch „gegeben“ hat, klingt unüberhörbar nochmals „Geber“ und „Gabe“ an, worauf durch die Sentenzen hin immer wieder gewiesen worden war (Gottes nātǎn geben 1,13; 2,26; 3,10f.; 5,17f.; 6,2; 8,15; 9,9; mǎttǎt ’aelōhīm Gabe Gottes 3,13; 5,18).

Die Schlußsentenz 11,9-12,7 verbindet nochmals die drei hauptsächlichsten Aussagen der „Weisheit“ des Predigers und zeigt in der Größenordnung, in der sie zur Sprache kommen, nochmals sinnenfällig den Raum, den sie in der Aussage Kohelets einnehmen. Am vollsten redet Kohelet von der Angefochtenheit des Menschenlebens, die hier in Alter und Tod sichtbar wird (12,1b-7). Vor diesem Hintergrund erhebt sich seine schon knapper formulierte, aber doch noch voll ausgesprochene und mehrfach wiederholte Mahnung zum Greifen nach dem Le­bensanteil, der insbesondere dem jungen Menschen in seiner Jugend noch gegeben ist (11,9-10). Lind ganz knapp steht in der Mitte zwischen beidem die Erinnerung an den Schöpfer, an den sich auch der junge Mensch, da, wo er nach seinem „Teil“ greift, erinnern soll (12,1a). Darüber sind nicht viele Worte zu sagen. „Gott ist im Himmel, und du bist auf der Erde, darum seien deiner Worte wenige.“

Quelle: Sprüche / Prediger übersetzt und erklärt von Helmer Ringgren und Walther Zimmerli. ATD 16/1, 3., neubearbeitete Auflage, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1980, 238-243.


[1] Erman 87.

Hier der Text als pdf.

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