Elie Wiesel, Der Sabbat ist es, der mir fehlt. Was mein Leben verändert hat: „Ich fühlte mich vor allem als Fremder. Ich hatte meinen Glauben und damit mein Zugehörigkeitsgefühl und meinen Orientierungssinn verloren. Mein Glaube an das Leben war mit Asche bedeckt. Mein Glaube an den Menschen war voller Hohn, war kindisch und steril. Mein Glau­be an Gott erschüt­tert. Dinge und Wörter hatten ihre Bedeutung, hatten ihre Achse verloren.“

Der Sabbat ist es, der mir fehlt. Was mein Leben verändert hat

Von Elie Wiesel

Alle Welt ändert sich. Leben heißt, eine bestimmte Zeit, einen bestimmten Raum durchmessen; und mit etwas Glück hinter­lässt man dabei einige Spuren. Meine Tradition lehrt mich nun, dass der Weg irgendwohin führt, und wiewohl der Zeit­punkt nicht wechselt, ändern sich die Etappen und erneuern sich. Der alte Mensch wird seine Kindheit, die ihm verlockend erscheint, auf tausendfache Weise suchen.

So suche auch ich meine Kindheit und werde sie immer suchen. Ich spüre ein Bedürfnis danach. Sie ist mir Anhalts­punkt wie Zufluchtsort. Sie verkörpert für mich eine Welt, die nicht mehr besteht, ein sonnendurchflutetes und geheimnis­volles Königreich, wo die Bettler verkleidete Prinzen und die Narren die von allen Zwängen befreiten Weisen waren.

In jener Zeit, in jener Welt erschien alles einfach. Die Men­schen wurden geboren und starben, hofften oder verzweifel­ten, schützten die Liebe oder die Angst als Berufung oder als Schranke vor: Ich begriff manches, aber nicht alles, ich fand mich mit der Idee ab, dass für die wesentlichen Erfahrungen das Suchen bereits ein Sieg ist. Sogar wenn es keineswegs zum Ziele führt, bedeutet es einen Triumph. Es genügte mir zu wis­sen, dass irgend jemand die Antwort wusste; was ich dagegen suchte, war die Frage.

Unter diesem Aspekt sah ich den Menschen und seinen Platz in der Schöpfung. Es gehörte zu ihm, seine Umgebung zu befragen und so über sich hinauszuwachsen. Kein Zufall war es, sagte ich mir, dass die erste Frage in der Bibel die Fra­ge Gottes an Adam war: „Wo bist du?“ – Was? rief einmal ein großer chassidischer Meister, der Rabbi Schnëur Salman aus Ljady, aus. Gott wusste nicht, wo sich Adam befand? Nein, so darf man diese Frage nicht stellen. Gott wusste es, Adam aber nicht. Deshalb muss der Mensch immer danach trachten, dach­te ich, seine Rolle in der Gesellschaft zu kennen, seinen Platz in der Geschichte. Seine Aufgabe ist es, sich jeden Tag die Frage zu stellen: wo stehe ich im Hinblick auf Gott und den Nächsten?

Und merkwürdigerweise wusste das Kind, was der Er­wachsene nicht mehr wissen sollte. Ich wusste, warum ich existierte. Ich existierte, um Gott zu verherrlichen und sein Wort zu heiligen. Ich existierte, um mein Schicksal mit dem meines Volkes zu verbinden und das meines Volkes mit dem der Menschheit. Ich existiere, um das Gute zu tun und gegen das Böse zu kämpfen, um den Willen des Himmels zu erfül­len, mit einem Wort, um jede meiner Handlungen, jeden mei­ner Träume, jedes meiner Gebete in den Plan Gottes einzufü­gen.

Ich wusste, dass Gott nahe und fern war, großmütig und streng und unerbittlich und milde zugleich. Ich wusste, dass ich zu seinem auserwählten Volke gehörte – auserwählt, um ihm durch das Leiden und gleichzeitig durch die Hoffnung zu dienen. Ich wusste ebenso, dass das Exil nicht von Dauer sein, dass es sich in der Erlösung vollenden würde. Ich wusste soviel von so vielen Dingen. Ich wusste vor allem, wann ich mich freuen, wann ich wehklagen musste: Ich zog nur den Kalender zu Rate, darin stand alles.

Jetzt jedoch weiß ich nichts mehr. Wie in einem blinden Spiegel betrachte ich meine Kindheit und frage mich, ob es wirklich meine Kindheit ist. Ich erkenne mich nicht wieder in dem Kind, das dort mit brennendem Eifer studiert, das dort seine Gebete spricht. Das kommt daher, weil es von anderen Kindern umgeben ist. Es geht wie sie und geht mit ihnen, die Stirne gesenkt, die Lippen zusammengepresst und dringt tief in die Nacht ein, als würde es von ihren Dunkelheiten magisch angezogen. Ich betrachte sie, während sie in einen flammenden Abgrund stürzen, ich sehe sie zu Asche verwandelt, ich höre ihre stumm gewordenen Schreie und weiß nichts mehr, begreife nichts mehr, sie haben meine Sicherheiten mit sich fortgetragen, und niemand wird sie mir zurückgeben.

Es handelt sich nicht allein um Fragen, die aus dem reli­giösen Glauben kommen. Um sie handelt es sich auch und um alle anderen. Es geht darum, meine Beziehungen zum Nächsten und zu mir selber von neuem zu definieren oder wenigstens von neuem zu bedenken. Haben sie sich geändert? Ich glaube, ohne das geringste Zögern darauf mit Ja antwor­ten zu können. Rückblickend ist mir klar, dass sie nicht mehr dieselben sind. Ich will versuchen, etwas genauer zu sein. So ist z. B. meine Haltung den Christen gegenüber, die vor dem Krieg misstrauisch, ja geradezu feindlich war, nachher offen und freundlich geworden.

Vor dem Kriege machte ich einen Bogen um alles, was von der anderen Seite, d. h. vom Christentum kam. Die Pfarrer flößten mir Angst ein, ich mied sie und, um ihren Weg nicht zu kreuzen, wechselte ich die Straßenseite. Ich fürchtete mich vor jedem Kontakt mit ihnen. Ich hatte Angst, von ihnen ent­führt und zur Taufe gezwungen zu werden. Ich hatte so viele Gerüchte, so viele Geschichten dieser Art gehört, dass ich das Gefühl hatte, ich befände mich ständig in Gefahr.

In der Schule saß ich neben den Christenjungen meines Alters, aber wir sprachen nicht miteinander. Wenn wir in der Pause spielten, waren wir durch eine unsichtbare Mauer ge­trennt. Ich habe nie einen christlichen Kameraden bei ihm zu Hause besucht. Wir hatten nichts miteinander gemein. Später, als ich das Jünglingsalter erreicht hatte, floh ich vor ihnen, ich hielt sie zu allem fähig, dass sie mich schlugen, mich dadurch demütigten, dass sie mir die Löckchen abrissen oder mir mei­ne Kopfbedeckung wegnahmen, ohne die ich mich nackt fühl­te. Was mein Traum damals war? In einer jüdischen, ganz und gar jüdischen Welt zu leben, in einer Welt, zu der Christen kei­nen Zutritt hatten, eine abgeschirmte Welt, die nach den Ge­setzen des Sinai geordnet war. Es ist merkwürdig, aber als ich eines Tages im Ghetto aufwachte, entdeckte ich in mir ein überschwängliches Gefühl, dass wir jetzt endlich unter uns leben würden. Ich wuss­te nicht, dass das nur eine Etappe war, die erste Etappe zu einem kleinen Bahnhof irgendwo in Polen. Und der Bahnhof hieß Auschwitz.

Im Gegensatz zu dem, was ich denken konnte, fand meine wirkliche Veränderung nicht in den Lagern statt, sondern erst nachdem sie sich geöffnet hatten. Während der Prüfung lebte ich in ständiger Erwartung, entweder eines Wunders oder des Todes. Bei meiner körperlichen Schwäche wurde ich immer mehr passiv, nahm die Ereignisse an, ohne sie in Frage zu stellen. Natürlich geschah es, dass mich Auflehnung und Wut gegen die Mörder und ihre Helfershelfer packten und auch gegen den Schöpfer, der sie gewähren ließ. Ich war so weit, dass ich dachte, die Menschheit sei auf immer verloren und sogar Gott nicht imstande, ihr Rettung zu gewähren. Es kam so weit, dass ich mir Fragen stellte, die mir früher einen Schau­der über den Rücken gejagt hätten: über das Böse im Men­schen, über das Schweigen Gottes. Aber ich tat weiter so, als glaubte ich noch daran. Die Kameradschaft im Lager war mir wichtig. Ich erstrebte sie trotz aller Anstrengungen, die die Mörder machten, um sie abzuwerten und zu negieren. Ich klammerte mich an die Familien, den Mördern zum Trotz, die diese Bande zu gefährlichen und tödlichen Fallstricken mach­ten. Was Gott betraf, so sprach ich weiterhin meine Gebete. Am Morgen stand ich vor den anderen auf, um mich in der Schlange anzustellen und die Gebetsriemen anzulegen.

Erst später, als ich aus dem Albtraum erwachte, machte ich eine Krise durch, die schmerzlich und beängstigend war und meine früheren Sicherheiten in Fragen stellte.

Ich begann am Menschen und an Gott zu verzweifeln, betrachtete sie als einander feindlich gesonnen und beide zu­sammen als Feind des jüdischen Volkes. Ich sprach nicht laut darüber und tat es sogar in meinen Notizen nicht. Ich studier­te Geschichte, Philosophie, Psychologie, ich wollte begreifen, aber je mehr ich mir aneignete, umso weniger begriff ich. Ich zürnte den Deutschen: Wie konnten sie Goethe und Bach für sich beanspruchen und gleichzeitig unzählige jüdische Kinder umbringen. Ich zürnte ihren ungarischen, polnischen, ukraini­schen, französischen, holländischen Komplizen: Wie konnten sie im Namen einer perversen Ideologie sich gegen ihre jüdi­schen Nachbarn wenden und sogar so weit gehen, dass sie ihre Wohnungen plünderten und sie verrieten. Ich zürnte Papst Pius XII.: Wie konnte er sich in Schweigen hüllen? Ich zürnte den Regierungschefs der Alliierten: Wie konnten sie bei Hitler den Eindruck entstehen lassen, er könne mit den Juden ganz nach Willkür verfahren? Warum hatten sie keine Maßnahmen zu ihrer Rettung getroffen? Warum hatte man ihnen alle Türen verschlossen? Warum hatte man nicht ein paar Bomben auf die Eisenbahnlinien geworfen, die nach Birkenau führten? Und wäre es nur gewesen, um Himmler zu zeigen, dass die Alliier­ten nicht gleichgültig zuschauten. Und warum soll ich nicht zugeben, dass ich auch Gott zürnte, dem Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs? Wie konnte er sein Volk in dem Augen­blick im Stich lassen, als es ihn brauchte? Wie konnte er es den Mördern überlassen? Welche Erklärung gab es für den Tod von einer Million jüdischer Kinder, wie war dieser Tod zu rechtfertigen? Während langer Monate, ja jahrelang lebte ich allein. Ich misstraute meinem Nächsten, verdächtigte meinen Mitmenschen. Ich glaubte nicht mehr an das Wort als das Transportmittel der Gedanken und des Lebens. Ich floh vor der Liebe, denn ich sehnte mich nur nach dem Schweigen und nach der Sinnlosigkeit. Da ich vom Westen angewidert war, wandte ich mich dem Osten zu. Ich erlebte die Anziehungs­kraft der indischen Mystik. Ich interessierte mich für den Su­fismus. Es ging mir darum, die andere Seite der Realität, die die Grundlage der Zivilisation darstellte, zu erkunden. Die Meditation zählte mehr für mich als die Aktion. Ich versenkte mich in die Kontemplation.

Das Äußere der Dinge und mehr noch der menschlichen Wesen waren mir zuwider. – Wäre es mir möglich gewesen, dann hätte ich mich irgendwo in Indien in einen Ashram zu­rückge­zo­gen. Aber ich konnte es nicht. Ich hatte unter dem glühenden Himmel Indiens so unermessliches und schreckli­ches Elend gesehen, das ich einfach nicht tolerieren konnte Angesichts dieses Elends bedrängte mich das Problem des Bö­sen mit zerstörerischer Kraft. Ich hatte die Wahl, mich davor zu verschließen oder die Flucht zu ergreifen. Doch ich wollte kein Komplize sein. Indische Freunde überquerten die Straße und stiegen über die Massen von Krüppeln und Kranken hin­weg, ohne sie überhaupt zu beachten. Ich sah sie und fühlte mich schuldig. Schließlich begriff ich: Ich habe die Freiheit, mein eigenes Leid zu wählen, aber nicht das meines Mitmen­schen. Wenn ich also die Hungernden vor mir nicht beachtete, so bedeutete das, ihr Schicksal – an ihrer Statt – zu akzeptie­ren, in ihrem Namen für sie oder gar gegen sie oder wenigs­tens wie sie. Ihre Not nicht zu bemerken hieß: sie als logisch, ja als gerecht zu bejahen. Nicht gegen ihr Schicksal anzu­schreien bedeutete, es noch schwerer zu machen. Da ich mich zu schwach fühlte, um zu schreien, um den zahllosen ausge­mergelten Kindern die Hand entgegenzustrecken, da ich es ablehnte, einzusehen, dass bestimmte Verhältnisse nicht ge­ändert werden konnten, ging ich lieber fort und kehrte in den Westen zurück zu seiner notwendigen Vieldeutigkeit, die sei­nem Denken Glanz, ja Stärke verleiht …

Ich fühlte mich vor allem als Fremder. Ich hatte meinen Glauben und damit mein Zugehörigkeitsgefühl und meinen Orientierungssinn verloren. Mein Glaube an das Leben war mit Asche bedeckt. Mein Glaube an den Menschen war voller Hohn, war kindisch und steril. Mein Glau­be an Gott erschüt­tert. Dinge und Wörter hatten ihre Bedeutung, hatten ihre Achse verloren. Ein Bild aus der Kabbala beschrieb mir mei­nen damaligen Seelenzustand: Die ganze Schöpfung hatte sich von ihrem Mittelpunkt verrückt, um in die Verbannung zu gehen. Auf wen sollte ich mich stützen, woran mich klam­mern? …

Das Wesentliche wird weder jemals gesagt noch begriffen werden. Vielleicht müsste ich meinen Gedankengang präzisie­ren. Nicht weil ich nicht spreche, werdet ihr mich nicht verste­hen, weil man mich nicht verstehen wird, spreche ich nicht. So ist es nun einmal, und wir können nichts dafür. Was manche Menschen erlebt haben, werdet ihr nie erleben – zum Glück für euch. Ihre Erfahrung hat aus ihnen besondere Wesen ge­macht, die weder besser noch schlechter, aber anders sind, ver­wundbarer und zugleich härter als ihr. Die kleinste Spitze tut ihnen weh, aber der Tod flößt ihnen keine Furcht ein. Wenn ihr sie schief anseht, leiden sie darunter, und trotzdem können sie die härtesten Schläge, die bittersten Enttäuschungen einstecken.

Das gilt zugleich für ihre Beziehungen zu den Mitmenschen und für ihr Verhältnis zu Gott. Von Gott erwarten sie alles und sind sich doch bewusst, dass das längst nicht genügt: Gott selbst ist nicht fähig, das Vergangene zu ändern, sogar er kann nicht ungeschehen machen, dass der Mörder sechsmillionenmal getötet hat. Wie könnte er wiedergutmachen? Ich weiß es nicht. Ich nehme an, er wird es nicht können. Diejenigen, die behaupten, dass dieses oder jenes eine Antwort auf den Holo­caust bildet, geben sich mit bitter wenig zufrieden.

Ich habe das nach dem Kriege gedacht und denke es immer noch. Und dennoch überrasche ich mich dabei, wie ich ein vergessenes Bedürfnis verspüre, bestimmte Gebete zu sprechen, bestimmte Lieder zu singen, mich in eine ganz be­stimmte Stimmung zu versetzen, die meine Jugend durch­drungen hatte. Wie jedermann würde ich alles, was ich besit­ze, dafür hingeben, wenn ich eines Morgens erwachen und erleben könnte, dass wir im Jahre 1938/39 sind, als ich nur von der Zukunft träumte.

Ich gäbe viel darum, noch einmal einen Sabbat in meiner kleinen Stadt zu erleben, irgendwo in den Karpaten. Die blü­tenweißen Tischtücher, die flackernden Flammen der Kerzen, die leuchtenden Gesichter rings um mich, die kraftvoll schöne Stimme meines Großvaters, des Chassid von Wischnitz, der die Engel des Sabbats einlud, ihn bis in unser Haus zu be­gleiten: Schon der Gedanke daran schmerzt mich.

Das also ist es, was mir am meisten fehlt, ein bestimmter Friede, eine gewisse Schwermut, die den Sabbat in Sighet seinen Kindern schenkte, den Großen und Kleinen, den Jun­gen und Alten, den Armen und Reichen. Der Sabbat ist es der mir fehlt. Sein Fehlen erinnert mich an alles andere, was verschwunden ist; erinnert mich daran, dass die Dinge sich geändert haben in der Welt, dass die Welt selbst sich geändert hat.

Und ich mich auch.

Quelle: Elie Wiesel, Habe ich mich geändert?, in: Peter Raab (Hrsg.), Was meinem Leben Richtung gab. Prominente Persönlichkeiten berichten über entscheidende Erfahrungen, Freiburg i.Br.: Herder, 1982, S. 173ff.

Hier der Text als pdf.

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