Jürgen Moltmann, Bund dogmatisch (EKL, 1955): „Die Bestimmung des Menschen zum Bund und im Bund zum Leben unter der Herrschaft Gottes ist die Grundlage christlicher Ethik. Der Mensch ist als Partner des Bundes und als „Gehilfe am Reiche Gottes“ (Kol 4,11) Gott verbunden und in Dienst genommen, seinerseits Gott zu verherrlichen, im Glauben dem Zuspruch der Gnade zu antworten und mit seinem Leben sich dem Anspruch der Gebote gegenüber zu verantworten.“

Da war Jürgen Moltmann noch keine 29 Jahre alt, als er als Studentenpfarrer 1955 für das Evangelische Kirchenlexikon einen konzisen Artikel über den „Bund“ geschrieben hatte:

Bund IV. Dogmatisch

Von Jürgen Moltmann

1. Der theologische Begriff des Bundes. Der „Bund“ oder das „Testament“ ist einer der Zentralbegriffe, mit denen die Bibel die Form, den Inhalt und das Geschehen der Heilsgeschichte Gottes mit den Menschen zu bezeichnen pflegt. Entgegen dem part­nerschaftlichen Bund von Menschen mit Menschen, wird der Bund Gottes mit den Menschen als eine souveräne Stiftung verstanden, in der Gott sich zum Herrn des Menschen und den Menschen zum Ge­nossen und Teilhaber seines Bundes erklärt. Die Grund­gestalt dieses Bundes ist die erwählende Deklaration: „Ich will euer Gott sein und ihr sollt mein Volk sein“ (Jer 24,7; 31,33; 2Kor 6,16; Lev 26,12; Offb 21,3). Er ist also, juristisch verstanden, „ein Vertrag auf Gefolgschaft, nicht auf Gegenseitigkeit, bei dem der eine Partner alle Bestimmungen trifft und der andere lediglich beitritt“ (Ellul).

2. Inhalt und Zielpunkt des Bundes ist die Königsherr­schaft Gottes (Ex 19,5; Dtn 5,2; Jer 31,33; Ez 16,62; Hos 2,20), in welcher Gott zu seinem Recht kommt und dem Menschen in Lobpreis und Dienst das Recht gibt, vor ihm zu leben. Gott wählt sich selbst zum Herrn des Menschen und bestimmt den Menschen zum Menschen Gottes. Er herrscht, indem er sein Volk erwählt und beruft und zum Bund versammelt und so seine Königsherrschaft auf der Welt durchsetzt.

3. Der Bund setzt die Schöpfung voraus. Durch seine Erschaffung ist der Mensch für den Bund und im Bund für die Herrschaft Gottes angelegt und disponiert. Es gibt keine Eigentümlichkeit des Menschen und der Welt, die nicht auf die Verherrlichung Gottes in seinem Bund mit den Menschen hinzielte und nicht den Menschen zubereite und ausrüste, Partner des Gottesbundes zu werden. So verstanden, kann der Schöpfungsbericht nicht als ein dem Gnadenbund fremdes Werk gelesen werden, sondern als Ur­geschichte, die auf den Bund hinzielt und den Raum bereitstellt, in welchem die Herrschaft Gottes zum Zuge kommt. „Die Urgeschichte ist die Voraus­setzung des Bundes. Der Bund ist das Ziel der Ur­geschichte“ (K. Barth: KD III/1, S. 103ff., S.258ff.).

4. Die Heilsgeschichte der Bundesschließungen voll­endet sich in Christus. In der engen „Verklam­merung“ und „Verzahnung“ von Urgeschichte und Heilsgeschichte (Gen 11 und 12, vgl. von Rad: ATD, Bd. 2, S. 128f.) zeigt sich der fließende Übergang von der Urgeschichte zur Heilsgeschichte des alten Bundes. Der „Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs“ ist derselbe, der die Welt geschaffen hat und die Un­treue der Menschen mit Gericht überzogen hat. Er ist derselbe, der erwählend das Volk Israel zu seinem Eigentum erklärt vor allen Völkern und pars pro toto an ihm seine Herrschaft über die ganze Erde aufrichtet (Ex 19,5). Er ist zuletzt der „Vater Jesu Christi“ (Eph 3,14), der seinen Bund und seine Ver­heißung in der Versöhnung auf die „Vielen“ aus­weitet und entschränkt und so seinen Herrschafts­anspruch auf die ganze Erde zum Ziele führt (Phil 2,10.11). Von dieser Vollendung aller Wege Gottes in Christus her wird ein doppeltes Verhältnis von Neuem und Altem Testament sichtbar:

a) In allen heilsgeschichtlichen Bundesschließungen erweist sich Gott als „derselbe“: Sein Wesen ist Treue zu seiner Entscheidung für den Menschen, dem er „Recht und Treue hält ewiglich und nicht fahren läßt das Werk seiner Hände“ (Ps 146,6; Hos 2,20; 2Tim 2,13). Gerade in der Vergebung der Sünden in Christus vollendet sich diese Treue Gottes zum Gnadenbund mit dem bundesbrüchigen Menschen (1Joh 1,9). Das Verhältnis vom Christusbund zum alten Bund in seinen mannigfaltigen alttestamentlichen Formen ist also das Verhältnis der Treue Gottes zu seiner Ver­heißung.

b) Zugleich aber macht Gott in Christus den Sinaibund zum „alten Bund“, zum Bund des Gesetzes gegenüber dem des Glaubens (Gal 3,23), zum Bund der Knechtschaft gegenüber dem der Sohnschaft (Gal 4,24), zum tötenden Buchstaben gegenüber dem lebendigmachenden Geist (2Kor 3,6) und zum Dienst der Verdammnis gegenüber dem Dienst der Gerechtig­keit. Denn der alte Bund hat nicht nur die Heils­geschichte der göttlichen Verheißungen, sondern auch die Unheilsgeschichte der menschlichen Sünde offen­bart und gesteigert (Röm 5,20).

c) Der alte Bund dient also in einer doppelten Weise dem gnädigen Herrschaftsbund in Christus: Er ist Ver­heißung auf die Treue Gottes in Christus, und er ist das offenbarende und provozierende Gericht über die Unheilsgeschichte des Menschen: „Wo die Sünde größer wurde, da erwies sich die Gnade noch überschwenglicher“ (Röm 5,20).

5. Die Bundesethik. Die Bestimmung des Menschen zum Bund und im Bund zum Leben unter der Herrschaft Gottes ist die Grundlage christlicher Ethik. Der Mensch ist als Partner des Bundes und als „Gehilfe am Reiche Gottes“ (Kol 4,11) Gott verbunden und in Dienst genommen, seinerseits Gott zu verherrlichen, im Glauben dem Zuspruch der Gnade zu antworten und mit seinem Leben sich dem Anspruch der Gebote gegenüber zu verantworten.

Lit.: K. Barth: KD II/2, III/1 und IV/1 (Zum Problem: Bund – Erwählung, Bund – Schöpfung und Bund – Versöhnung).

Quelle: EKL2, Bd. 1 (1961), Sp. 623f.

Hier der Text als pdf.

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