Claus Westermann über Engel: „Gottes Engel brauchen keine Flügel“

Zeitgleich zu seinem Buch Gottes Engel brauchen keine Flügel hatte Claus Westermann für das Evangelische Kirchenlexikon den instruktiven Artikel über Engel bzw. Angelogie verfasst:

Engel (Angelologie)

Von Claus Westermann

A. Religionsgeschichtlich

In allen Religionen gibt es Zwischenwesen irgend­welcher Art zwischen Göttern und Menschen. Man kann sagen: „Die Engel sind älter als die Götter“ (v. d. Leeuw). Das Wort ist ein nach­träglicher Sammelbegriff für eine kaum übersehbare Fülle von Wesen verschiedenster Art und Herkunft. Die Engel Vorstellung kann a) von der menschlichen oder b) von der göttlichen Sphäre ausgehen:

a) Der lebende Mensch hat in vielen Religionen eine „external soul“ (Seele außerhalb), die sich von seinem Körper lösen kann. Daraus entwickelte sich die Vor­stellung eines persönlichen Schutzgeistes, z.B. die Fylgjur im germanischen Glauben (die Walküren Wagners), die Fravashis im Parsismus, die Schutzengel im Spätjudentum (auch Mt 18,10 u. Apg 12,15); in Ägypten der Ka, den jeder Mensch bei seiner Geburt erhält und der ihn gewissermaßen als Doppelgänger sein ganzes Leben begleitet. Die Geister der Toten haben in vielen, besonders primitiven Religionen die Funktion eines Engels, der schützt oder etwas ankündigt (z.B. bei den Pygmäen Zentralafrikas).

b) Von Gott ausgehend α) göttliche Kräfte oder Eigen­schaften, zu Gestalten oder Personen verdichtet; am stärksten ausgeprägt im Parsismus, die Amesha spenta, ursprünglich von Ahu­ra Mazda ausgehende Kräfte, die dann selbständige Wesen werden. In den späteren Avesta sind sie personifizierte Erzengel mit bestimmten Funktionen, z.B. Wächter des Himmels. Hier entwickelt sich ein ausgesprochener Dualismus; gute und böse Geister liegen im Kampf miteinander. Diese Engellehre wirkte auf das Judentum und den Islam ein. β) Die Gottes- oder Götterboten. Oft sind es Vögel, z.B. die Raben Odins. In Ägypten hat Osiris als Totengott seine Boten, die den Menschen den Tod ankündigen. Entsprechend in Babylon Namtar, der Bote Ereshkigals, der Herold des Todes. Mehrfach ist ein Sohn des Gottes dessen Bote. Hermes und Iris sind Boten des Zeus; aber Homer spricht auch von óssa, Δiós ággelos (der Ruf, Bote des Zeus). — Oft haben die Götter Diener, die den himmlischen Hofstaat bilden. Eine klare Scheidung zwischen Göttern, Geistern und Engeln ist dabei nicht mehr möglich.

B. Biblisch

1. Altes Testament

Von Engeln wird im AT in frühen Schriften un­befangen und ohne besondere Betonung, bei den vorexilischen Propheten, im Dtn und der Priesterschrift gar nicht, bei Ez und Sach gegen Ende des Exils sehr viel geredet; eine ausgebildete Engellehre setzt erst das Buch Dan (165/4) voraus; noch reicher entwickelt wird sie im Spätjudentum. Es ist zu unterscheiden zwischen den Engeln, d. h. Wesen übermenschlicher Art, die der göttlichen Sphäre angehören (benê ’elōhīm) (Engeln), und dem Engel Jahwes oder Gottes (măl’ăk Jăhwĕ) (Engel Gottes), dem Boten (im präzisen Sinn; d.h. Überbringer eines Wortes) oder Beauftragten (d. h. im Auftrag Handelnden) Jahwes.

a) Der den Menschen erscheinende Engel Gottes verkörpert das die Erde berührende Handeln und Reden Gottes und ist nicht eigentlich eine Gestalt neben oder unter Gott. In den betreffenden Geschichten kann für den Engel Gottes auch Gott selbst stehen (z.B. Gen 48,16; Ex 3,2.4). Der Zweck seines Kommens ist die Ankündigung einer Rettung (Gen 19; 21; 22; 31,11-13; Ex 3,2; Ri 6,13) oder der Geburt eines Kindes (Gen 16; 18; Ri 13). Der Engel Gottes handelt in Gottes Auftrag: Er geleitet und behütet einen einzelnen: Gen 24,7.40 (vgl. aber V. 42.48 [oder 46,4!]); 48,16; 1Kön 19,5.7; Ps 34,8; 91,11. Er geleitet das Volk: Ex 14,19; 23,20; 32,34; 33,2; Num 20,16 (anders Jes 63,8f.). Er kann auch Verderben bringen: 2Sam 24,16f.; 1Chr 21,15ff.; 2Kön 19,35 par.; Ps 78,49; Spr 17,11. An späteren Stellen löst sich der Engel Gottes allmählich als be­sondere Gestalt von Gott ab (2Sam 24,16 redet Gott zu dem Engel; noch deutlicher 1Chr 21,15ff.). — An einigen Stellen vermittelt der Engel Gottes einem Pro­pheten Gottes Wort, 1Kön 13,18; 2Kön 1,3; 1Chr 21,18 (vgl. aber 2Sam 24,18). Erst bei Ez und Sach be­kommt er eine wesentliche Bedeutung. Bei Sach ist „der Engel, der mit mir redete“ der ständige, un­entbehrliche Vermittler und Erklärer (17mal in Sach 1-6). Mit ihm wird eine Mehrzahl von Engeln ver­schiedener Art geschaut (Sach 3); es entsteht so ein Zwischenreich von Engeln (unter ihnen auch der Satan), das in der späteren Apokalyptik immer weiter ausgemalt wird. Ähnlich ist es bei Ez, bei dem der vermittelnde E. mehrfach auftritt (z.B. 40,3ff.). — Am Ende der Prophetie kündigt Gott das Kommen „seines Boten“ an: Mal 3,1.

b) Engel als himmlische Wesen (benê ’elōhīm) be­gegnen über das ganze AT hin. Gen 6,1-4 sind es mythische Wesen, die der vorisraelitischen Zeit an­gehören. In der Frühzeit Israels begründet ihr Erscheinen oft einen heiligen Ort: Gen 28 und 32,2; Ri 2,1-5; 6; 13; 2Sam 24,17; Ex 3,2; Jos 5,13ff. Der König wird mit ihnen verglichen 1Sam 29,9; 2Sam 14,17.20; — Gott thront umgeben von himmlischen Wesen 1Kön 22; Jes 6; Hi 1 und 2; Sach 6,5; Ps 82; 89; Dtn 33,2. Sie dienen ihm Hi4,18; Ps 104,4; führen seine Befehle aus Sach 6,5; sie loben, ehren ihn Ps 103,20f.; 148,1f.; Jes 6,3; sind seine Boten (ṣīr) Jer 49,14; Ob 1; Jes 63,9; sie begleiten ihn bei seinem Kommen Sach 14,5; sind seine Kämpfer, sein Heer Ps 78,25; 68,18.31; Joel 2,11. Auch die Sterne werden mit ihnen genannt Hi 38,7; Dan 4,10; Jes 24,21. Ein fürbittender Engel begegnet Hi 5,1; 33,23ff.

Zu ihnen gehören auch die Sarafen (nur Jes 6) und die Keruben. Gen 3,24 sind sie Wächter des Gottesgartens (vgl. Ez 28,14.16). Als Träger Gottes, des Herrn der Heerscharen 1Sam 4,4; 2 Sam 6,2; 22,11 u. ö.; in Ez 1 und 10 sind sie ausführlich beschrieben. Darstellung von Keruben bei Bau der Stiftshütte Ex 25; 26; 36; 37; der Lade, des Tempels 1Kön 6; 7; 8; 2Chr 3 und 5 und des von Ez geschauten Tempels Ez 41 (vgl. AOB 666; ANEP 456.458). Die Vorstellung von Keruben ist sicher von außen übernommen (babyl. kuribu; der indische Gott Vishnu fährt auf dem garuḑa einher; gr. grýps, lat. gryphus, dt. Greif). Vielleicht ist der Kerub die zur Gestalt verdichtete Wetterwolke (Ps 18,11 vgl. mit 104,3!).

Im AT haftet das Interesse meist nicht an den Engeln als solchen; das Reden von ihnen soll vielmehr Gottes Majestät zum Ausdruck bringen. Selbständige Be­deutung bekommen sie erst in der späten Zeit des AT: Beginnend mit den Visionen des Ez und Sach entwickelt sich ein Zwischenreich von Engeln, das bei Dan voll ausgebildet ist. Hier erst haben die Engel Namen, Rangordnung und selbständige Funktionen (NT, Offb).

2. Neues Testament

Gegenüber der phantastischen Fülle und Buntheit der Engelwelt des Spätjudentums nimmt das NT zwar nicht den sadduzäischen Standpunkt ein, der die Existenz von Engeln überhaupt leugnet, wohl aber bricht es durch den Wust von Engelspekulationen zu einem einfachen, nur an Gottes Taten orientierten Reden von den Engeln durch. Eine ausgeprägte Lehre von den Engeln (wie etwa im Henochbuch) gibt es im NT sowenig wie im AT. Auch im NT wird zwischen dem „Engel des Herrn“ (oder Gottes) und den Engeln unter­schieden. Der Engel des Herrn begleitet die entschei­denden Heilsereignisse: das Kommen des Christus auf diese Erde (Mt 1,20.24; 2,13.19; Lk 1 u. 2) und sein Fortgehen (Mt 28; Mk 16; Lk 24; Joh 20; auch Mt 17 und Apg 1,10). Sie sind das Forum, vor dem sich die Heilsgeschichte abspielt (Lk 15,10; 12,8; vgl. Offb 3,5; Mk 13,32 par.). Von einem Engel, der das Gotteswort an Jesus vermittelt, reden die Evan­gelien nicht. — Beim Endgericht wirken die E. mit, begleitend (Mt 25,31; 16,27; 2Thess 1,7), sammelnd (Mt 24,31; Mk 13,27), richtend (Mt 13,39.41f. 49f.; 25,41; wie 2Petr 2,4; Jud 6; Offb 12,9).

In der Apg begleitet der Engel Gottes die Christusgeschichte auf den Wegen der Apostel; er rettet aus dem Ge­fängnis (5,19; 12,7), führt sie mit den zu Rufenden zusammen (8,26ff.; 10,3.7.22; 11,13; 27,23; das­selbe ohne Engel 18,9). Das NT zitiert Worte von Engeln aus dem AT z. T. gefärbt durch den Engelglauben des Spät­judentums (Apg 7,30.35.38.53; Gal 3,19; Hebr 2,2; 13,2; Jud 9; 2Petr 2,11).

In den Briefen ist der Engelglaube vorausgesetzt; sie werden außer im Hebr nur gelegentlich erwähnt. In den Paulusbriefen haben einige Aussagen über Engel einen eingrenzenden Charakter (Gal 1,8; 2Kor 11,14; Röm 8,38; 1Kor 6,3). Die Engel als Forum des Heilsgeschehens begegnen auch hier (1Kor 4,9; 1Tim 5,21; ähnl. 1Petr 1,12). Hierher gehört wahrschein­lich auch 1Tim 3,16: „erschienen den Engeln“ entspr. Phil 2,10; Kol 2,15; 1Petr 3,22: zum Sieg des Christus gehört auch der Triumph über die jenseitigen Mächte und vor ihnen. — Auch bei Paulus sind die Engel am Endgericht beteiligt: 1Thess 4,16; 2Thess 1,7. Einmal begegnet der verderbenbringende Engel 2Kor 12,7. Die volkstümliche Engelvorstellung klingt verschie­dentlich an 1Kor 11.10; 13,1; Gal 4,14. Im Kol wird gegen Engelverehrung polemisiert: Kol 2,18.

Ausführlich beschäftigt sich mit den Engeln der Nachweis in Hebr 1 und 2, daß Christus erhabener als die E. ist. Sie sind „dienstbare Geister“ und zwar im Dienst des Evangeliums (1,14).

Was in den Evangelien und bei Paulus nur an­gedeutet war, daß die E. bei der Wiederkunft Christi und beim Endgericht beteiligt sind, wird in der Offb zu einem breiten Gemälde entfaltet. Ähnlich wie das Buch Dan im AT ist auch im NT erst die Apokalypse an den Engeln als solchen interessiert und entwirft ein ganzes Reich, in dem fast alle Arten von Engeln vorkom­men: der Mittlerengel aus der späten Prophetie 1,1 u. ö. bis 21,15; die Engel der 7 Gemeinden, die den Völker-Engeln (Dan) entsprechen; die Engel, die den Hofstaat Gottes bilden, ihm dienend, ihn lobend: 8,2ff.; 5; 10; 19; die E. als Gottes Kriegsheer 12,7ff.; Gerichtsengel 15; 20; der kündende Engel 18,1; 19,1.17; die Wächterengel 21,12; Michael 12,7 (Dan 10,13.21), der auf Benennung und Rangordnung in der Engelwelt weist; Engel, die die Gebete vor Gott bringen 8,3 aus der jüdischen Tradition. — Aber auch in diesem Buch, in dem die Engel eine so hohe Bedeutung haben, wird am Schluß die Verehrung der E. nachdrücklich abgelehnt 22,8f.; sie werden (wie schon 19,10) „Mit­knechte“ genannt.

Die wesentliche Bedeutung des Redens von Engeln im NT ist die Verbindung des Christusgeschehens, seines Kommens und seines Fortgehens, seines Weiterwirkens in der Christengemeinde und seines Wieder­kommens in Herrlichkeit und zum Gericht mit Gottes Handeln und mit Gottes Reich, das mehr umfaßt als bloß die von Menschen erkennbare Wirklichkeit.

Lit.: Zu A: Die Abschn. i. d. Lehrb. d. Rel.gesch. u. Einzeldarst. d. Religionen, bes. V. d. Leeuw: Phänomenologie d. Rel., 1933, §16 — Ferner: F. Andres in: PW Suppl. III, S. 101 ff. — F. Cumont: Les anges du paganisme, in: RHR 36, 1915 — B. Geiger: Die Amesha Spentas, in: SAW 176, 7, 1916 — L. Jung: Fallen Angels in Jewish, Christian and Mohamed. Lit., 1926 — V. d. Leeuv: Zielen en Engelen, in: ThT NF 11, 1919 — Ders.: External Soul, Schutzgeist u. d. ägypt. Ka, in: ZAeS 54,1918 —E. Peterson: Engel- und Dämonennamen, in: Rh Mus NF 75 — N. Söderblom: Les fravashis, 1899.

Zu B 1: Die AT-Theologien: von d. älteren bes. Smend, 1893; Dillmann, 1895; Schultz, 5. Aufl. 1896; Stade, 1905; Hölscher, 1922; König, 1924 — von d. neueren: Eichrodt I, 1933; Procksch, 1950 — Ferner: O. Eissfeldt: Jahwe Zebaoth, in: Misc. Acad. Berol., Berlin 1950 — K. Galling: in RGG II, 963ff. — W. H. Kosters: De Mal’ach Jahwe, in: ThT 9, 1875, S. 369ff.; 10, 1876, S. 34ff., 113ff. — Pedersen: Israel I-IV, 1946t. — G. v. Rad, in: ThW I, 75ff. — F. Stier: Jahwe und sein Engel im AT, 1934.

Zu B 2: W. Bousset-H. Greßmann: Die Rel. d. Judentums, 1. Aufl. 1926 — E. Cremer, in: RE V, 364ff. — F. Cumont: in: RHR 72, 1915, S. 159-182 — M. Dibelius: Die Geister­welt im Glauben des Paulus, 1909 — G. H. Dix: The 7 Archangels and the 7 Spirits, in: JThSt 28, 1927 — O. Everling: Die paulin. Angelologie u. Dämonologie, 1888 — G. Kittel, in: ThW I, 81ff. — G. Kurze: Der Engel- u. Teufelsglaube d. Apostels Paulus, 1915 — O. Michel: Der Brief a. d. Hebr., 1949, S. 66f. — J. Schniewind: Euaggelion I, 1927; II, 1931 — Bauer, Sp. 12-14 (mit Einzel-Lit.).

Quelle: EKL2, Bd. 1 (1961), Sp. 1071-1075.

Hier der Text als pdf.

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