Christoph Blumhardt, Der Tag der Liebe Gottes. Predigt über Römer 13,12 an Heilig Abend 1896: „Tag wird es in deinem Herzen, wenn du die Liebe Gottes glaubst, und in der Liebe Gottes stehst, — da wird es Tag. Die Liebe Gottes zerschmelzt alles andere, alles Schlechte, alles Gemeine, alles Verzweifelte; die Liebe muß alles zwingen, die Liebe zwingt auch den Tod.“

Der Tag der Liebe Gottes

Von Christoph Blumhardt

Der Apostel sagt irgendwo: „Die Nacht ist vergangen, der Tag ist herbeigekommen.“ [vgl. Römer 13,12] Es kostet Mühe, dieses Wort wirklich sich anzueignen. Namentlich wir Menschenkinder, die noch nicht sind wie die Engel, welche das Lied gesungen haben: „Ehre sei Gott in der Höhe!“ wir haben es noch nicht so leicht, es in unsern Herzen zu empfinden und wirklich wahr auszu­sprechen: „Die Nacht ist vergangen, der Tag ist herbeigekommen.“ Es ist zu vielerlei in unsern Herzen und in unserm Kopf, und vom Herzen aus und vom Kopfe aus ist vielerlei in unsern Händen, und von den Händen aus geht ein Strom in unsere Füße, und vom ganzen Leibe und von der ganzen Richtung des Leibes aus geht vieles in unsere Augen und in unsere Ohren, und da will es nicht ganz aussehen bei uns, wie wenn es Tag wäre; es will sich gar nicht anhören, als ob es Tag wäre; unsere Füße gehen noch in Sünden, unsere Hände bringen es nicht fertig, etwas Gutes, Wahrhaftiges und Rechtes zu tun; wir sind allzumal Sünder. Wenn wir es genau nehmen, kann keiner drüber weg kommen, einen Seufzer zu tun: Ach, daß wir Tag hätten für unsere Füße, für unsere Hände, und besonders für das Herz und für unsere Gedanken, ach, daß wir Tag hätten! Und wenn wir selbst für uns persönlich vergnügte Menschen wären und über viel Kräfte des Geistes und des Körpers zu verfügen hatten, so müßten wir doch gefühllose Menschen sein, wenn wir nicht merkten, wie um uns herum Tausende und aber Tausende in den Schlamm des gegenwärtigen Lebens versinken und keine Rettung haben. Es sieht aus, als ob sie verloren wären, wie der Psalmist sagt: „Du sprichst zu den Menschenkindern, und sie gehen und kommen wieder“ [vgl. Psalm 90,3]; sie sterben massenhaft, und massenhaft sind sie wieder da, — es scheint kein Tag auf Erden zu sein.

Aber, ihr Lieben, das fordert doch der Glaube an Gott, und in dem wollen wir heute stehen, das fordert die Liebe zu Gott, und in der wollen wir heute stehen, und das fordert die Hoffnung zu Gott, und in dieser wollen wir heute in hellen Flammen sein, — es fordert es der Glaube und die Liebe und die Hoffnung zu Gott, daß wir, wir, wir, die wir erkennen, was Gott ist und welch eine Liebe er uns erzeigt hat durch die Geburt seines Sohnes, es fordert es unser ganzer Geist, heraus zu sagen: Und dennoch! die Nacht ist vergangen, der Tag ist herbeigekommen! Das ist wahr geworden in der Stunde, als Jesus auf der Erde geboren wurde; es ist wahr vor Gott, und weil es vor Gott wahr ist, so müssen wir auf Erden in dem Namen Jesu Christi sagen: Es muß auch auf Erden wahr werden, und weil es wahr sein muß, so wird es auch wahr werden: die Nacht ist vergangen, der Tag ist herbeigekommen!

Aber natürlich, das muß man nicht allen Menschen jetzt schnell zumuten — sie sollen es noch voll und ganz empfinden! — weil eben dieser Tag noch in den Himmeln ist und nur verborgen in den Herzen einzelner anfängt und Kampf hat, sich gleichsam zu einer körperlichen Wahrheit zu machen auf Erden. Aber zu einer körperlichen Wahrheit muß der Tag unseres Gottes werden, der Tag unseres Herrn Jesu Christi. Ist er der Herr, oder ist er es nicht? Wir fürchten uns vor viel, wir fürchten uns vor der Sünde, wir fürchten uns vor dem Fleisch, vor dem Tod, vor der Hölle, wir fürchten uns vor Satan, leider! leider! Wer ist der Herr? ist die Sünde Herr? ist Satan oder Tod Herr? wer ist Herr? Jesus ist Herr! Also muß es Tag werden, weil Jesus der Herr ist. Und er will nicht nur ein Herr im Himmel sein, er will ein Herr auf Erden sein, und ein Herr unter der Erde. Und warum will er Herr sein? Damit es Tag werde. Tag in der Finsternis des Todes und der Sünde. Was ist aber Tag? Tag ist die Liebe Gottes; Tag wird es in deinem Herzen, wenn du die Liebe Gottes glaubst, und in der Liebe Gottes stehst, — da wird es Tag. Die Liebe Gottes zerschmelzt alles andere, alles Schlechte, alles Gemeine, alles Verzweifelte; die Liebe muß alles zwingen, die Liebe zwingt auch den Tod; aber es muß eine Gottesliebe sein, eine solche Liebe, die auch die Feinde liebt, eine Liebe, die niemand und nichts verwirft; eine Liebe die unentwegt durch alles hindurch schreitet wie ein Held und sich nicht beleidigen läßt, nicht kränken, nicht verachten, nicht wegwerfen läßt, und nicht verstoßen läßt; die Liebe, die wie ein Held mit dem Helm der Hoffnung auf dem Haupte durch die Welt schreitet. Das ist die Liebe Gottes, die nie und nimmer jemand zugibt, der nicht geliebt würde. Ich sage es kühn vor aller Welt, vor den Himmeln und vor der Unterwelt: Es ist alles geliebt, weil Jesus geboren ist; alle miteinander sollen sich geliebt fühlen, und kein einziger Mensch soll sich verworfen fühlen, — alles ist geliebt, weil Jesus geboren ist!

Es kostet Mühe, diese Liebe in den Herzen zu pflanzen, damit sie wirklich auch etwas zu besagen hat. Meine lieben Freunde, wir haben es bis jetzt nicht genug gewagt, Jahrhunderte hat man’s nicht gewagt zu sagen: Jesus ist geboren, und darum sind alle Kreaturen die Geliebten. Man hat es nicht gewagt, weil viele aussehen, als ob sie bloß ihren Lüsten und Begierden nachfolgten, als ob viele mit Lust Sünder wären. Meine Freunde, das sage ich heute auch offen: Das ist erlogen! Es ist niemand mit Lust ein Sünder, niemand mit Lust ein Fleischesklotz, niemand mit Lust ein Teufel, nein wahrhaftig! es ist jedermann mit Seufzen ein Sünder, ein jeder seufzt, der im Tode liegt. In diesen Schmerz und in diese schauerlichen Tiefen, in dieses Seufzen der Sünder hinein, in das Seufzen des Fleisches und des Todes hinein, da hin­ein schreitet kühn die Liebe Gottes, die ausgegossen ist in unsern Herzen, die Liebe Gottes, die ganz Mensch geworden ist in Jesus Christus, diese Liebe schreitet kühn hinein in die großen Scharen der Seufzenden und im Tode Schmachtenden; denn ausgelöscht muß werden, was wider uns ist, und aufgetan muß werden der helle, helle Tag.

Meine lieben Freunde, ich will nicht ein Pfarrer unter euch sein, der euch eine Rede hält oder eine Predigt; ich will ein Zeuge sein, ein Zeuge für den Herrn Jesum Christum, der also verstanden werden will. Jesus will als die grenzenlose Liebe Gottes ver­standen sein, und in dieser Liebe will er auch Sieger sein; in dieser Liebe will er die Flamme sein, an der wir uns rein brennen, denn gerichtet muß ja sein, es muß gerichtet und geschlichtet werden; aber es ist nur Liebe, nur Erbarmen Gottes, welches uns in sein Gericht nimmt, daß wir frei werden von allem, was uns jetzt zu Sklaven macht und zu unglückseligen Menschen, die heute leben und morgen im Dunkel des Todes verschwinden. Darum nehmet mich als einen solchen Zeugen; neben mir steht das Zeugnis aller Männer Gottes, die in Jesus Christus geboren sind. Es hat es noch nie ein Mann Gottes gewagt, einen Sünder zu verdammen, und kein einziger Prediger auf der Kanzel wird einen Menschen verdammen können. Man kann im allgemeine Verdammungssprüche machen, aber wer will es wagen, irgend einem Menschen zu sagen: „Du bist verdammt!“ Nein! das geht aus keines einzigen Jüngers Jesu Mund heraus, es muß alles geliebt werden. Das ist die Arbeit, in welcher wir heute stehen, und das ist auch dasjenige, was wir uns untereinander ver­kündigen sollen; darüber, möchte ich sagen, essen wir, und darüber trinken wir; in dieser Liebe feiern wir ein Liebesmahl auch an diesem Abend, und darüber beten wir oder flehen wir: Vater im Himmel, tue auf den Himmel, und gieße aus deine Liebe in unsere Herzen, daß wir Kinder werden, ganze, wahrhaftige, ein­fältige Kinder, die nicht mehr viel auf ihre Gedanken hören und nicht mehr viel ihres Herzens Gelüste beachten; die einfach, wie Kinder, lieb haben den Vater im Himmel! Ja, laßt mich bitten: Habet lieb den Vater im Himmel! — auch wenn ihr es nicht ver­stehet! ihr verstehet doch das Wort Vater, — da muß jedes Men­schen Herz brechen, jedes Menschen Herz muß lieben!

Darum danken wir heute dem Vater im Himmel für diese Verkündigung: Jesus ist geboren, der Tag ist gekommen! Wir dürfen drum kämpfen und den schon vorhandenen Tag in uns verkörpern lassen; wir dürfen um die Auferstehung und das Leben kämpfen. Danken wir um diesen Kampf, und wenn jemand sich unglücklich fühlt und meint, er sei zu schwach und zu arm und zu niedrig, o, der danke, daß er in den Kampf gestellt ist. Zeder, der irgendwie in Trübsal, Angst, Not, Pein ist, der danke doch und im Danken wird ihm das Herz leicht, und er wird ein Mit­kämpfer sein, daß die Liebe Gottes durchdringt und Tag macht. Und so beten wir auch nicht nur für uns, wir beten für unsere Mitbrüder und Mitschwestern, und darum müssen wir beten, weil wir voll Liebe sind für alle Menschen. Darum beten wir und mit diesem Beten werden wir durch die ganze Welt kommen, und durch die ganze Welt werden sich Lichter zeigen, welche die Sünde besiegen dürfen und den Tod ausrotten. Wir dürfen durch die ganze Welt hindurch eine Gemeinde werden, wer mit an Jesus Christus glaubt, — eine Gemeinde, zerstreut, und doch ganz aus einem Geist glaubend, dankend, betend: Vater, dein sind alle Kreaturen, in deine Liebe laß sie kommen, wir bitten dich: tue es bald! Das, meine Freunde, wollte ich heute sagen und ich hoffe, daß es in unsere Herzen eindringt, und wir mit Freuden das Lied singen: „Nun danket alle Gott!“

Ansprache an Heilig Abend, 24. Dezember 1896 in Bad Boll.

Quelle: Christoph Blumhardt, Ihr Menschen seid Gottes! Predigten und Andachten aus den Jahren 1896 bis 1900, hrsg. v. R. Lejeune, Zürich-Leipzig, Rotapfel-Verlag, 1928, S. 9-13.

Hier die Predigt als pdf.

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