Johannes Harder, Einleitung in das Werk Christoph Blumhardts: „Eine der größten Tugenden christlicher Existenz ist ihm Geduld. Das ›Salz der Erde« braucht Zeit, um seine Kraft zu entfalten, wie auch das ›Licht der Welt‹, um zum großen Tag Gottes zu werden, bis es alle schmecken und sehen.“

Einleitung in das Werk Christoph Blumhardts

Von Johannes Harder

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Die Christenheit lebt nicht von Verehrung und nicht von ihrer eigenen Verteidigung. Heraus­forderungen, Kritik und Kon­flikte sind für sie lebensnotwendig. Zu den bekannten und wirk­samsten Beispielen im Protestantismus zählt Luther mit seinem Angriff auf die römische und Kierkegaard mit seinem Protest gegen die Kirche Luthers. Ihre Opposition schuf neue Positio­nen.

Nicht anders verhält es sich mit den beiden Blumhardts, Vater und Sohn, die in einem Jahr­hundert wachsender Probleme und überraschender Entwicklungen in der Theologie, aber auch in einer Zeit verfestigter und institutionalisierter Christlichkeit lebten. Charismatiker beide, brachen sie mit ihrer Botschaft in erregender Weise in Tradition und gemächliche Kirchlich­keit ein und bewirkten eine Menschen und Verhältnisse verän­dernde Situation in ihrer Umge­bung. So gering die Zahl ihrer aufhorchenden Zeitgenossen gewesen sein mochte – sie wur­den Vorläufer für ein neues Verständnis des biblischen Realis­mus und erweckten wieder Hoff­nung für die Sache Gottes auf Erden.

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Ihre gemeinsam begonnene und später auch bei mancher Ver­schiedenheit voneinander un­trennbare Geschichte begann im schwäbischen Dorf Möttlingen, wo 1843 die Heilung einer dä­monisierten Frau, Gottliebin Dittus, eine elementare Erweckungsbewegung auslöste. Es gab dabei Szenen einer neuen Apostelgeschichte: Hartgesottene Bauern heulten um ihre Sünden, vor den offenen Fenstern der überfüllten Dorfkirche er­fuhren Kranke Heilung, und im Pfarr­haus wurde um »eine neue Ausgießung des Heiligen Geistes« gebetet. Das alles geschah unter dem Vater, Johann Christoph Blumhardt (1805-1880). Hier wuchs der Sohn Christoph Fried­rich Blumhardt (1842-1919) auf, beeindruckt von den Geschehnissen, die auch nach der Über­siedlung der Familie nach Bad Boll (1852) ihre Fortsetzung finden sollten. Aber sie vermoch­ten in ihm keine Neigung zur Theologie zu wecken. Nachdem er dann doch das Studium in Tübingen auf sich genommen hatte, wurde er nach einem dreijährigen Vikariat im Badischen, dann in Hohenstau­fen und in Dürnau 1869 erst Gehilfe und schließlich der Nach­folger seines Vaters.

Was sich in den nächsten Jahrzehnten mit ihm weiter begeben hat, ist wahrlich eine Biogra­phie wert, die hier, indirekt und notwendig verkürzt, als eine Skizze seines Denkens und Wir­kens in Form von Selbstaussagen versucht wird. Und auch da­bei muß vieles verschwiegen werden, wie er selbst zeitlebens von seinen Erkenntnissen, Erlebnissen und Erfahrungen nur selten und auch dann nur mit gleichsam gedämpfter Stimme gesprochen hat. »Ich könnte auch eine Lebensgeschichte schreiben. Aber Gott bewahre mich davor! Es sind vorüberge­hende Geschichten, davon nichts Bedeutung hat« (A. 31.12.1911). Ein Feind aller Publikationen über seine Person wie über seine Kirche und Welt aufregende Wirksamkeit, wa­ren, oft gegen seinen Willen, Nachschriften seiner Andachten und Predigten entstanden, die bisher nur in geringem Umfang ihre Veröffentlichung gefunden haben.

Das sind Worte vor einer eigenartigen Zuhörerschaft: Kranken und Hilfesuchenden aller Art, die mit körperlichen Leiden und seelischen Nöten zu ihm kamen. Aber dieses Auditorium war bei Blumhardt keine Zufälligkeit; es ging bei ihm ständig um einen neuen Anfang aus dem Elend der Menschen.

Aus seiner dauernd von Besuchern umlagerten Studierstube in einem vorher »Kgl. Bad« am Fuße der Schwäbischen Alb lernte er aus der Bibel die große Welt sehen, um sie dann zu deu­ten und die Schrift zur Sache des Menschen zu machen. Geschicht­liche Bewegungen und gesellschaftliche Situationen, Zeitfra­gen und -ereignisse mußten berücksichtigt werden, da ihm per­sönliche und häusliche Anliegen im Hause Bad Boll immer zu »Weltsachen« wurden. Was da an Fragen zur Ehe, für das Zu­sammenleben der Menschen im kleinen und großen, bei Mis­sionsgesellschaften, an politischen und kirchlichen Proble­men, bei Unglücksfällen, Krankheiten und Kriegen, Todesfäl­len und feierlichen Anlässen vor ihm auftauchte – alles bot ihm Gelegenheit, biblische Texte zu aktualisieren. »Jedes Haus ist eine kleine Weltge­schich­te« (A. 31.12.1911).

Niemand wird diesen Mann – und schon gar nicht theologisch— einzuordnen vermögen. Ohne die Dogmatik zu revolutionie­ren, war er zunehmend bemüht, den in der landläufigen Predigt verschobenen Akzent biblischer Texte freimütig zu überprüfen und gegenwärtig zu machen. Die »Frohe« Botschaft, ob in der Orthodoxie, im Liberalismus oder im Pietismus, erschien ihm mehr Bindung als Befreiung des Menschen, zu abstrakt und zu wenig praktika­bel. »Der Heiland ist ungeheuer liberal« (M. 5.10.1886). So mußten ihn die einen für einen eigenwilligen, die Tradition zersetzenden ketzerischen Außenseiter halten, während er weni­gen anderen ein mitreißender Bußprediger, ein biblisch-realistischer Ausleger und ein unver­gleichlicher Trö­ster des Menschen wurde.

Blumhardt mißachtete das Wort »Standpunkte«; denn die Bibel löst immer Bewegung aus. Das hinderte ihn nicht, gelebte Überzeugungen zu respektieren und eine unvergleichliche Duldsamkeit und Gelassenheit zu bewahren. Er wußte aus sei­ner allen Konfessionalismus übersteigenden Haltung, daß es keine »Rechtgläubigkeit« ohne Sektiererei und keine -Sekte« ohne Wahrheit gibt.

Wer ihn verstehen will, tut also gut, sich weder an den gängigen kirchlichen Sprachgebrauch zu binden noch eine in biblischen Texten ungewohnte Betonung noch auch die Problematisie­rung aller Theologie zu scheuen. So biblisch sein Schriftver­ständnis ist, so wenig ist es »bibli­zistisch«. Uns geläufige dog­matische Formulierungen werden nicht selten revidiert und über­haupt alles Lehrhafte als Notbehelf angesehen.

Dabei wußte er erstaunlich viel vom Menschen wie von der Welt und ahnte, sah und sagte manches voraus. Aber gerade darum hat er sich vor Vorurteilen wie vor Prophezeiungen ge­hütet. Nichts, was Menschen dachten oder ersannen, war ihm unantastbar. Das galt bei ihm auch für den gesamten Kanon der Schrift, wobei er z.B. die Rachepsalmen für Irrläufer auf dem Heilsweg hielt und den vielberufenen »Zorn Gottes« in seinen Predigten aussparte, dem Apostel Paulus in seiner Eheauffas­sung widersprach und sich von keiner Tradition imponie­ren ließ. Er schalt nicht wenige unserer christlichen Überlieferun­gen und sah im offiziellen Christentum oft genug den Hemm­schuh für das »Wirklichkeitswerden«« der Sache Gottes. Gerade hier lag für ihn das Ärgernis: Die Jesusnachricht erschien ihm im Verlauf der Kir­chengeschichte zu angepaßt und selbstver­ständlich, geschmälert und verkürzt. Dies war sein so oft ge­nannter »Kampf«: der ihm gebotene Widerspruch gegen ein krankes und hilfloses offizielles Christentum, dem die Kraft zur Auseinandersetzung mit dem Elend der menschli­chen Ge­sellschaft fehlte. Er wollte den Durchbruch nach beiden Seiten: Die Kirche sollte sich an die Welt adressieren und ihre Chance, sie verändern zu helfen, als ihre Aufgabe aufneh­men.

Blumhardt suchte den Urlaut des Evangeliums und wollte Got­tes Unmittelbarkeit gegen eine Kirche und Welt voller Mittel­barkeiten.

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Denn Gott ist jenseits und über aller Symbolik und Institutio­nalisierung «mittellos«; er ist unmittelbar. Als Schöpfer ist er zugleich der Erhalter und Erlöser der Welt. Gottes Souverä­nität ist keine Welt- oder Lebensferne und schon gar keine Welt­feindschaft. Der Kreator, den wir im ersten Artikel des Aposto­likums sozusagen auf ein enges Entree für das Gebäude unserer Glaubensbekenntnisse reduziert haben, ist anders. Schöpfung ist das gewaltige Initial, das Offenkundigwerden des Lebens. So kann Blumhardt in den Andachten mit den Psalmen­sängern den ehrenden Jubel und hellen Triumph der Geschöpfe aus der Natur heraushören. Die erwachende und vergehende Kreatur ist ihm Sprache Gottes, und er weiß dabei alle Jah­reszeiten als Töne und Akkorde eines himmlischen Konzerts zu deuten und seine beglückende Zusammengehörigkeit mit allen Geschöp­fen zu loben. «Die Natur ist Gottes Schoß. Aus der Erde wird Gott uns wieder entgegenkommen« (M. 23.2.1903). Noch fehlt dem Menschen die Gemeinschaft mit Natur und Kosmos. »Die Harmonie zwischen Menschen und Natur muß kommen. Und das wird die Lösung der sozialen Frage sein« (a.a.O.). Gott hat nicht aufgehört, Schöpfer zu sein und unausgesetzt zu erschaf­fen. So fragwürdig die Menschen als die einst zur Freiheit Beru­fenen geworden sein mögen – der Schöpfer Gott hat sein Werk, entgegen aller Verdorbenheit und Mißachtung, nicht widerru­fen oder gar verdammt. Nicht zufällig beginnt und schließt die Bibel mit einer Kosmogonie. Gottes Hinkehr, seine Wendung zur Welt macht sie unauflösbar mit ihm verbunden. Blumhardts Reiseberichte (Italien: 1889, 1893 und 1909; Ägypten: 1905; Palästina: 1906; Schweiz: 1910) sind voller Hymnen auf die Natur, die auch auf ihre »Wiedergeburt« wartet und-nicht umsonst! Ob auch vielfach verbor­gen, ist Gottes Geist immer noch über den Wassern der Zeiten und wirkt, weitaus mehr und ganz anders als unsere Frömmigkeit uns ahnen läßt, fortgesetzt durch das All. So bekennt Blumhardt das Apostolikum rück­wärts.

Das alles ist bei ihm gewiß keine Naturschwärmerei oder ro­mantische Illusion; nirgends wird die durch Schuld bestimmte Menschheit verharmlost, idealisiert oder geleugnet.

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Da Gott sich so in die Geschichte der Welt eingemischt hat, be­treibt er seine Sache auch durch alle historischen Ereignisse. »Alle Menschengeschichte hat ihren Anfang in Gott und auch das Ende. Der Herr der Geschichte ist der Erste und der Letzte« (A. 11.9.1915).

Die vom Schöpfer verursachten Geschehnisse ereignen sich keineswegs nur auf und um unse­re Kanzeln; sie sind auch auf dem Markt der Welt zu hören und zu sehen. Alle Geschichte, wie immer sie von uns qualifiziert und gedeutet werden mag, ob wir es wissen und erkennen oder nicht, ist der Gang des Herrn der Nationen zur Aufrichtung seiner Herrschaft. Da tre­ten profane Bewegungen auf, problematisch genug gleich einer mitreißenden Frühlingsflut, und übersteigen alle gesellschaft­lichen Dämme und Verhältnisse – paß auf: Sie bewässern trocke­nes Land oder schaffen neues! Was dabei an alter Nutzfläche fortgeschwemmt werden mag – der Strom bewirkt Neuland und schafft Boden. Auch Not- und Kriegszeiten dienen schließ­lich dem Fortgang, den uns Tränen und Trümmer noch verdecken mögen. Nichts, was nicht am Ende den Willen des Herrn der Welt schließlich durchsichtig werden läßt. Aus allen Übeln kommt Gottes Absicht zum Ziel und nicht zuletzt und erst recht in den Zeiten des Gerichts über die Völker.

Auch im Weltkrieg 1914-1918, wo Blumhardt die Ereignisse gelegentlich zeitgebunden sieht, hat Gott »seine Hand im Spiel« (P. 7.11.1915). Das Völkerringen bedeutet ihm nicht nur einen Kampf um die biologische und politische Existenz einer Nation – es ist eine Heimsu­chung für alle Versäumnisse, den äußeren Frieden in seinem Sinn nicht verstanden und sich mit einer bloß politischen Ruhezeit zufriedengegeben zu haben. Aber auch in diesen Kriegs­predigten wird der Glaube strikt durchgehalten: Blut und Mord, Haß und Hetze sind der Ne­bel, der sich auflösen muß und wird. Aber »ehe das Neue kommt, muß das Alte erschüttert werden« (M. 31.7.1914). In allem Niedergang keimt schon das Neue. Aus Tod wird Leben entste­hen, aus Tränen Freude. Denn: »Gott will die Welt sauberma­chen, auffrischen zu lebendigem Wesen» (P. 23.8.1914). Weil Gott eine Geschichte auf Erden haben will, heißt es darum immer: Er kommt, er ist stets Zukunft und Hoffnung.

Das geht jeden persönlich an; die Geschichte Gottes kommt auch ins Einzelleben hinein und wird »eine kleine Bibel« in ihm mit Erinnerungen an das, was Gott getan hat. So werden wir belehrt, geschichtlich, anhand der Verheißungen zu leben. Der Mensch als geschichtsbe­wuß­tes Wesen soll wissen: »Es ist nicht wahr, daß diese Erde ein Jammertal ist, außer du machst es dir zum Jammertal« (A. 18.9.1915). »Alle Geschichte ist das Drängen Gottes auf Bewe­gung und Fortschritt, der in das kommende Reich führt. Wir haben nur Schritt zu halten; ich lebe in der Zeit Gottes. Ich lebe nicht in einer Menschenzeit mit Krieg und Blutvergießen« (A. 31.12.1911).

In solcher Sicht sind alle Unnatur und Widergöttlichkeit letzt­lich nur Schatten, die die her­aufziehende Sonne trifft, ein Dun­kel unmittelbar vor dem Aufgang. Der eine unteilbare und lichte Welt erschaffen hat, wird sie in neuem Glanz wieder er­stehen lassen. Diese Schöpfer­macht wandelt jede Misere und überrascht, indem sie alle mißlichen Erscheinungen zu Vor­läu­figkeiten und zum Durchgang in eine versprochene helle Zu­kunft macht. Aller Bosheit ist ein Ende gesetzt; sie ist zum Aufhören da. Und das ist mehr als ein bloß biologisches, kultu­relles oder politisches Ende. Die Ängste und Schmerzen der Menschen sind Gottes Anknüp­fungspunkte für das Heil und die Heilung des Ganzen.

5

Der große Umschlagplatz des Heils ist im Alten Testament das Land der Verheißungen Isra­els, in dem Gott in der Gestalt eines Menschen auftritt. Jesus von Nazareth ist kein Wunder­kind, kein religiöses Genie, kein orientalischer Zauberer oder gar ein Religionsstifter -Gott wird Mensch, Fleisch und Blut, unseres­gleichen. So kommt Gott zur Welt. »Die Erde ist eine Nieder­lassung Gottes« (M. 26.7.1914). In diesem Mann nimmt die Schöpfung einen neuen Anfang. Unser Erkennen und Bekennen dieses Faktums kommt nicht von uns; wir sind die zuerst und die im voraus Erkannten und zum Bekenntnis Gerufenen. Die­ser Jesus ist die Zu­wendung Gottes zu uns, die dann in und durch den Menschen ›Möglichkeit‹ schafft (M. 21.2.1906).

Das wirft alle religiösen Vorstellungen um. Nicht der Mensch kommt in den Himmel – der Himmel ist auf die Erde gekom­men, und Gott wird in diesem Menschen unser Zeitgenosse. Er ist der Avantgardist Gottes,- mit ihm ist die nächste und letzte Etappe der Entwicklung unse­rer Welt vorgezeichnet. Kam mit dem ersten Adam die Schöpfung – mit Jesus setzt die Wie­derge­burt ein. Die gute Nachricht, die er bringt, ist die Ouvertüre zur eigentlichen Komposi­tion des Schöpfers. Was bis dahin be­grenzt, verborgen, oder unverständlich gewesen sein mag – hier erfährt die Erde in der Menschwerdung des Einen, der niemals Ende und immer Anfang sein wird, das Leben. Der Mensch sagt wohl in seiner Frömmigkeit ›Gott‹ – Gott aber spricht vom Menschen. Der Herr des Kosmos publiziert sich als unsereiner, um in unserer Geschichte von Gläubigen und Nichtgläubigen gleicherweise verdächtigt, verspottet, verfolgt und endlich um­gebracht zu werden. Gerade so hat er sich handgreiflich in un­sere Gesellschaft begeben und siedelt sich, zum Trost für die Enterbten, Unwissenden und selbst für die Verstorbenen, am Rand, in »schlechter Gesellschaft« und in der ganzen Zweideu­tigkeit menschlichen Wesens an. Von unten her schafft er nach oben, vom Nichts ins Sein und verwandelt jedes Ende in Ret­tung.

Seit diesem Brückenschlag zwischen Himmel und Erde ge­winnt der Mensch wieder Valuta; was Menschenantlitz trägt, hat jetzt unter allen Umständen Gültigkeit. «Ihr Menschen seid Gottes«: ob im Himmel oder in der Hölle. Laßt euch von keinem Teufel weismachen, daß ihr preisgegeben seid – ihr ge­hört zu Gott!

Diese mit dem Kommen Jesu erklärte Inthronisierung des Menschen zum Nachfolger, zum Stellvertreter und damit zum »Kämpfer« und Verteidiger der Sache Gottes auf Erden durch­bricht alle Normen und Moralitäten wie jede Gesetzlichkeit. Wir alle sind zu unverlierbaren Groschen bestimmt, die er »aufhebt und in seine Tasche steckt« (M. i. 9.1883); verlaufene Geschöpfe, denen er nachgeht. Und die Gesuchten sind stets auch die Gefundenen, die er nach Hause bringt. Es gibt keine entsetzlichere Lästerung als das Mißachten, Erniedrigen und Zer­stören des letzten Kindes am Ende der Welt. Denn der Schöpfer hat sich mit den Unterdrück­ten zuerst kommun ge­macht.

So erschafft er uns zweimal: Durch die natürliche Geburt und durch die radikale Wandlung unseres Denkens und Lebens. Damit nimmt der Sohn Blumhardt den bekannten Spruch sei­nes Vaters auf: Der Mensch müsse sich zweimal bekehren; zu­nächst vom natürlichen zum geistli­chen und wieder zurück zum natürlichen Wesen. -Wiedergeburt« ist darum mehr als eine per­sönliche Heilserfahrung; sie ist der Anfang einer Um­kehr und Wandlung aller Dinge kraft der Solidarität von Gott und Mensch.

»Es gehört zum Größten, was wir von Jesus sagen können, daß er nicht immer bloß auf das Innerliche der Menschen aus ist, sondern auch einen großen Weitblick hat und der Welt das Le­ben verheißt. Das Leben der Menschen soll sich erheben, indem es auf allen Gebieten nach Wahrheit und nach Frieden ringt« (P. 5.7.1914)«

Er ist es, der uns zeigt, wie Gott wirklich ist: Was wir ›Wunder nennen, ist nichts anderes als Gottes Natur und Charakter. So ist es, wenn er wieder Herr unter uns wird! Damit wird jeder flachen »Jesulogie« und der Beschränkung auf seine Vorbild­lichkeit gekündigt.

Wir können von Gott dem Schöpfer und dem Menschensohn als Erlöser nie sprechen, ohne damit den Geist zu nennen, der alle unsere dogmatischen Fassungen und Deutungen sprengt. Der ›Heilige Geist‹ ist das Wesen Gottes, das sich immer wieder durch seinen Einbruch in die Welt äußert, einst wie heute. Er ist die Kraft, die niemals ohne Wirkung ist und darum unauf­hör­lich Wirklichkeit Gottes schafft, indem sie Menschen und Ver­hältnisse von grundauf verändert. Immer noch ist er in der ge­samten Kreatur mächtig und kann alles, den Einzelnen wie Völker, verwandeln. So wurde er in Möttlingen und in Bad Boll täglich auf erstaunliche Art erfahren. Keiner zerrt oder zitiert ihn dabei, niemals und niemandem unterwirft er sich und ist nie festzuhalten. Denn er ist die absolute Freiheit, schafft aus dem Unsichtbaren ins Sichtbare und bleibt eine hier erbetene und erwartete, dort überraschende und überwältigende Reali­tät, die nur in ihren Wirkungen erkennbar wird.

Blumhardt nennt drei große Ereignisse, in denen der Geist weltwirksam geworden ist: bei der Ersten Schöpfung, in der Er­scheinung Christi und als verheißener Träger und Tröster der Menschheit. Stets ist er gegenwärtige Lenkung der Weit und ih­rer Geschicke. Nur so ist seine souveräne Wirkung erfahrbar, nicht aber diskutabel. Er treibt durch Nacht und Licht der Zei­ten zum großen Ziel der Seligmachung aller. Seine Weltgültig­keit steht noch bevor.

6

Wer die Namen Gottes ausspricht, muß auch wissen, daß der Christus des Neuen Testaments der Erfüllet aller Verheißun­gen des Alten Testaments und damit der Verwirklichet und Ver­gegenwärtiget der Prophezeiungen in Israel ist. Nicht zufäl­lig haben Blumhardts Andachten so oft alttestamentliche Tex­te.

Mit dem Menschensohn als dem Eröffnet eines neuen Äons tut sich das Tor in eine neue Welt, in das Reich Gottes auf. Das ist mehr und etwas anderes als eine geistige Atmosphäre, ein wohltuendes Klima, wie es der Mensch etwa im Gottesdienst erfahren mag. Dieses Reich ist eine alles umwerfende Realität. Denn der Christus ist keine Chiffre für einen noch zu er­war­tenden Messias, kein Deckname für ein Unaussprechliches, kein Lehrmeister und am wenigsten ein Konservator heiliger Gedanken und Worte. Er ist der Herold einer Botschaft, die, in­dem sie ausgerufen wird, unmittelbar da ist, tut und verwirk­licht, was sie aussagt. Er ist der Protest gegen alle Schuld, Elend und Armut, der Auslöser und Erlöser, der Befreier der Mensch­heit.

Niemand verkenne ihn als eine historische Gestalt, etwa als die Leitfigur einer Weltreligion – er ist praktische, faßbare, persön­liche Gegenwart und gleichsam das Ensemble einer neu wer­denden Menschheit.

Blumhardt nennt ihn mit Vorliebe den »Heiland« (Salvator), der endlich in unserer Welt Raum für Gott und seinen unbe­dingten Herrschaftsbereich schafft und den ganzen Reichtum des Schöpfers ausbreitet. Die Sache Gottes ist uns im Ablauf der Geschichte durch alle unsere Verdrängungskünste zu ei­nem Anhang des Evangeliums geworden; die Mitte ist in den land­läufigen Predigten zur Peripherie verfälscht und zu etwas bloß Persönlichem und Innerlichem verkümmert. Gottes Herrschaft aber wird in der Jesusnachricht wieder Zentrum und Angel­punkt von Geschichte und Welt. Das bedeutet, daß alle unsere Bereiche, geographisch be­grenzt und historisch einge­ordnet, ihren eigentlichen oder letzten Sinn verloren haben: sein ›Bereich‹ ist sein Reich. Dort, wo Gottes Name gilt, sein Wille respektiert und das Leben auf dieses Reich ausgerichtet wird, sind wir grundsätzlich über alle unsere Aufteilungen und Grenzen hinausgehoben, in die Bürgerschaft seines Imperiums versetzt und betreiben Alltag und Beruf sozusagen mit der lin­ken Hand.

Dabei übersieht Blumhardt Sinn und Wert der Kirchenge­schichte nicht. Aber bei aller Bereit­schaft, die geschichtlichen Entfaltungen und Einrichtungen des Christentums als Träger der Frohen Botschaft oder als Kanäle für das ›Wasser des Le­bens‘ anzuerkennen, erscheinen ihm Kirchen und Konfessio­nen zu sehr zu Medien verkleinert. Der Ruf der Reichsbotschaft ist zu einem matten Echo verblaßt. Vollends gefährdend und gefährlich aber zeigen sich unsere Or­ganisationen, wo sie sich als Selbstzweck mißverstehen und in ihrer Aufmachung als unver­gängliche Orte, Daten und Gesetze begreifen. Vergessen ist, daß unsere frommen Sprüche sich in Widersprüche ver­wandelt haben; wir reden über Gott und meinen unsere Reli­giosität. »Antichristlich« nennt Blumhardt unsere äußeren Dinge, die wir bedacht oder unbedacht als ’christlich‘ etikettie­ren, ohne Gedanken daran, daß sie allesamt »bis auf Widerruf« gelten.

Erst und nur im Horizont des Reiches haben sie einen legitimen Platz, Hilfsdienste zu leisten und sich ihrer Vorläufigkeit bewußt zu bleiben; sie sind nicht mehr als Hinweis auf das kom­mende Weltreich Gottes. Mauern und Zäune zwischen religiö­sen Gemeinschaften und natio­nalen Gebilden sind wie alle Fehlsamkeiten und Irrtümer, transitorisch, vergänglich. Die Kun­de vom Reich überholt alle und alles und umspannt unsere Erde. Es ist der Mensch, dem damit eine unglaubliche Aufgabe anvertraut wird. »Alles in uns ist Reich Gottes, alles in der Menschheitsgeschichte ist Reich Gottes, alles, was wir erle­ben, ist Reich Gottes und geht weiter fort, daß wir endlich doch zu einem rechten Ziel kommen« (M. 5.6.1914).

Unter der Perspektive der umfassenden Allgüte Gottes ver­wahrt sich Blumhardt gegen die landläufigen Sünden- und reli­giösen Gardinenpredigten wie gegen alle Moralismen, die Men­schen an die Stelle eines bedingungslosen Angebotes gesetzt haben. Das wisse schließlich jeder, daß er ein Lump sei, nicht aber, daß die große Barmherzigkeit die Tiefe unserer Ab­gründe ausgefüllt oder jeden Strick des Sklaven gelöst habe. – Ja, die Knechtschaft als reli­giöses und als gesellschaftliches System aufgehoben sei.

Die eigentliche ›Sünde‹ ist ihm die Kapitulation vor den ›Ver­hältnissen‹, die auch noch als unabwendbares Schicksal gedeu­tet und von uns konserviert werden, indem wir sie hier als ›tra­gisch‹ und dort gar als ›heroisch‹ darstellen. Eben die so als unumgänglich und als präde­stiniert verstandene ›Situation‹ ist die eigentliche Finsternis, das satanische Narkotikum, das uns tyrannisiert. Wer sich mit diesem Dunkel abfindet, widersetzt sich dem nachtvertreiben­den Licht, das Gott zweimal im Chaos der Zeiten angezündet hat: Licht, in der Genesis die Urschöpfung, ist in Christus der Beginn der Neuschöpfung, »das wahrhaftige Licht, das alle erleuchtet, die geboren werden« (Joh 1).

Noch einmal: Der Ruf ins Reich ist keine Rechtfertigung für unseren religiösen Individua­lismus und Subjektivismus. Geru­fene rufen die anderen – alle. Das ›Samaritertum‹ ist uni­versal. Der das Reich Gottes verkündete, war nur der Erste und nicht der Einzige und Letzte. Die ihn hören, sind die Fortsetzer seiner Sache. Sie verweilen nicht bei einem Punkt, sondern sie ziehen Linien-, die Weiterführung und Wiederholung der Punktierun­gen sind der Weg zum Heil.

Die Heraus- und die Zusammengerufenen werden ein Volk, das im Reich und also ins Große und Ganze lebt. Begnüge sich nur keiner mit seiner Mitgliedschaft in Kirchen und Konfessio­nen; die Gemeinde als erster Sammelpunkt hat nur konsularische Bedeutung: Sie vertritt mit einem ›Exterritorialrecht‹ immer das heimatliche und künftige Gottesrecht, um jedes ›Gast­land‹ in die neue Ordnung einzuladen und voller Hoffnung und Zu­versicht im voraus einzu­beziehen. Die Fremden von gestern sind die Hausgenossen von morgen, so wie die Reichsge­nossen von heute gestern Fremdlinge gewesen sind.

Es handelt sich nicht um einen frommen Träum, den seine Kri­tiker Blumhardt vorwarfen. »Seit Jesus ist alles möglich« (P. 11.10.1914). Wo das Regiment Christi auftaucht, müssen Ver­änderungen entstehen. Es gibt letztlich keinen Widersinn in der Geschichte und keine letzte Barriere im Gesellschaftlichen, die nicht auf Zeit gelten. Auch »die Dämonen knir­schen: Ja!« (C.F. Meyer).

Daß die Welt noch »unfertig« ist, und Gott sie in der Natur und durch die Geschichte »fertig­machen«« will und wird, mag noch nicht erkennbar sein; entscheidend ist die Gewißheit, d. h. der Glaube als Vorwegnahme. Es ist ein für allemal dafür gesorgt, daß unser menschliches Leben gelingt. Daß es gelingen wird, dafür ist Jesus die Garantie, die er auf seine Leute dele­giert. Sie können immer wissen, daß sie auf die Erde verwiesen sind, und das heißt doch: Die neue Herrschaft soll in unserer Gesellschaft noch sichtbar und praktisch werden. Alle Gesell­schaft ist im­mer nur ein Stadium in dem großen Gottesprozeß der Zeiten. Das Leben in die­sem Reich hat Folgen. Das Mitgehen, die Nachfolge, der «Kampf« sind keine gesetzhafte Nachahmung, sondern ein Akt der Verbündung mit allen. Jesus lebt und stirbt für diese Welt und ist durch das Kreuz »weltgeschichtlich« ge­worden,- seine Geschichte ist unsere Ge­schichte. So ist das Kreuz das Siegeszeichen, unter dem das Ich in ein Wir verwan­delt wird, eine Wandlung, die unsere Bußformen und sittlichen Anstrengungen beiseite schiebt und überbietet. Dadurch ent­steht eine neue Perspektive: Der Mensch soll wiedergeborene Natur werden. Unser ganzes Leben soll es sein, »das hineinflie­ßen kann in eine Umgebung, in die ganze Erde« (P. 5.7.1914). Wer sich darauf einläßt, hat damit entschieden: »Er muß da­hinein­sterben, damit das Salz auch dort hinein kann, (bis) in die Welt der Gestorbenen (soll es) kom­men und endlich alles hell werden, weil Gottes Kraft durch Menschen immer wieder schafft und neues hervorbringt auch aus der Toten weit« (a.a.O.).

7

Wie anders also könnte sich das verwirklichen als durch die unbedingte Hinkehr zur Welt, in die die Nachfolger gleich dem Weizenkorn in die Erde fallen! »Sterbt, damit Jesus lebe!« ist keine Resignation oder fromme Gefühlsakrobatik; der Zug nach unten ist die Art des Reiches zu wachsen. Gott verschont uns so wenig wie seinen ersten Menschensohn; die Brüder und Schwestern Jesu leben aufgrund eines totalen Verzichts, nicht so sehr ihrer Habe als ihrer selbst. (Verzichten bedeutet ur­sprünglich: sich eines Anspruchs begeben, auf die eigene Rechtfertigung verzichten oder »verzeihen«.) Wo Selbstver­leugnung ist, da steht Jesus auf Erden.

Damit endlich in der Todeswelt Leben wird, »muß Jesus aus dem Sterben herauskommen«, damit der Vater im Himmel le­bendig wird. »Das Weizenkorn Jesus Christus muß ans Licht« (P. 2.4.1911).

Die Jesusleute sind Gezeichnete als die Sterbenden um Gottes und der Menschen willen. Denn »Christus starb, damit Gott lebe« (M. 7.3.1915) und »im Leiden essen wir das Brot des Le­bens und trinken sein Blut« (P. 7.3.1915). Besonders im Leiden legt Gott seine Positionen in der Welt an. Die Seligpreisungen des Bergpredigers wenden sich nicht an die Glücklichen, son­dern an die anderen. Das ist ihre »Seligkeit«; nur leere Hände können gefüllt werden; Traurige und Kranke sind selig; nur Arme hungern nach Gott und seiner Zukunft.

Es geht um das »Geringwerden«, den entscheidenden Wandlungsprozeß des Menschen. Nur mit den geringen und ohn­mächtigen Leuten ist der gewaltige Gott kongruent; der hilf­lose ist der gottnahe Mensch. Der Geringe wird »selbst der Hei­land« im Verhalten zum Nächsten (P. am 2. Advent 1876). Darum »freut euch, wenn ihr arm werdet, denn dann kommt das Him­melreich. Solange es euch immer gut geht, solange ihr kein Leid habt, solange ihr nicht hun­gert und dürstet nach der Gerechtigkeit Gottes, solange könnt ihr nicht das Reich Gottes erle­ben«« (P. 20.6.1915).

Das alles bedeutet, daß Jesus »die Himmelswelt auf die Erde gebracht (hat), und die ist darum nicht mehr weit fort, die ist deinem Herzen ganz nahe« (a.a.O.). Wer aber im Himmelreich steht, dem schadet nichts mehr. Eben das ist die biblische Ord­nung: Der Hungrige bekommt Brot, aus Tod wird Leben, das Kreuz endet mit Ostern. Wer es gelten läßt, fragt weniger nach seiner persönlichen als nach der »Seligkeit« der anderen; um ih­retwillen ist er da. Sein Opfer ist kein »Vergehen«, sondern es ist ein »Bestehen« (P. 5.7.1914). Das ist darum so, weil Ster­ben etwas ganz anderes ist als der Tod, den wir natürlicher- oder unnatürlicherweise erleiden müssen. »Man sagt, ich wolle kein Sterben. Aber das Sterben ist die Blüte meines Lebens; (Tod aber) ist die zähe schleimige Masse, die den Menschen nicht gelten läßt, was er sein soll­te« (M. 28.4.1906). Dieses Sterben, das Sich-Verschenken, schlägt den Tod: das Kreuz wird das Sie­geszeichen, das Tor zur Auferstehung, die Fahne der Jünger­schaft. »Ewiges Leben« beginnt so und ist kein Futurum; es hat seinen Anfang jetzt und hier oder es bleibt ein fataler Wunsch­traum. Solche Schöpfung aus dem Nichts ist Wiedergeburt, die Auferstehung, die andere, die Gottesseite des Kreuzes.

Erst recht nach dem Tod Jesu, sagt Blumhardt, wird Sterben der »Höhepunkt des ewigen Lebens. Auch im Leiden ist Gottes-leben‹« (M. 7.3.1915); Leiden und Kreuz sind Leitern zu Gott. »In dieser Welt (des Unglücks und Elends), da, wo die Menschen wie Bestien sind, da suche ich Jesus« (M. 2.8.4.1906). Darum will Blumhardt das dauernde Gerede über Ostern nicht mehr hören: Redet nicht, seid Auferstandene! Durch Auferstehung wird der Mensch frei von allen Zwängen, in die er gesellschaft­lich oder kirchlich gerät. Aufstehen, Stehen und Widerstehen gehören zusammen.

Immer hat Blumhardt sich gehütet, sich mit denen zu solidari­sieren, die ein optimistisches »social Gospel« meinten und ei­nen demokratischen und sozialen Weg zum Reich Gottes er­träumten. Blumhardt ist strikter Eschatologe, der die Wieder­kunft nicht mit der technischen oder ökonomischen Komplet­tierung der Welt, so nützlich sie hier sein müssen, verwechselt. Die Krönung der Weltgeschichte ist das ganz reale, ›natürliche‹ Kommen Christi; die Gottes­herrschaft kommt so wahr, wie sie einmal begonnen hat. Wiederkunft wird eine ganz konkre­te, sinnlich wahrnehmbare Sache sein und weitaus unauffälliger als wir uns vorzustellen ge­wöhnt sind. »Er kommt«, weil er seinen Kampf um die Menschheit begonnen hat und seinen Sieg endlich universal manifestieren will. Wir lassen ihn nicht kommen! Denn »in des Herrn Hand liegt die Lösung aller Welt­rätsel, auch aller sozialen und politischen Fragen. Ich weiß nicht, was ungelöst bleibt, wenn Jesus der Herr wird und seine Pläne und seine Sachen durch­gehen» (M. 24.8.1882). Und doch ist es an uns, den Menschen, für die Wiederkunft Jesu Quartier zu machen. Wiederkunft erwarten heißt: »an der Tür stehen«, bis er kommt. Und die Tür geht schon ein wenig auf (P. 2.5.1885).

8

Ohne gesetzlich zu werden, ist sich Blumhardt der Konsequen­zen bewußt, die das Evange­lium uns abnötigt: es macht den Nachfolger für die Welt verantwortlich. Es ist derselbe Schöp­fer, der Menschen erweckt und der seine Ernte auf dem Felde gedeihen läßt.

Gottes Verhalten zu uns geht folgerichtig in unser Verhältnis zum Nächsten über. Die Entde­ckung eigener Armut verändert unsere Stellung zu den Armen; wie wir das praktizieren, »geht mit hinein in die Ewigkeit und schafft Leben über die Zeit hin­aus. Nur nichts liegen lassen, was durch die Schuld und Mit­schuld aller elend ist«. Denn Gott hat das irdische Leben »wich­tig gemacht» (A. 5.6.1915). Jesus, der in allem irdischen Elend glücklich war, wußte, wovon er in der Bergpredigt ge­sprochen hat.

1899 schließt sich Blumhardt, als »Allerweltschrist« be­schimpft, der Sozialdemokratischen Partei an und wird 1900 Landtagsabgeordneter. Seine Reden im Parlament wie in Volksver­sammlungen behandeln Themen des Tages. Er prote­stiert gegen die ›Zuchthausvorlage‹, nach der während eines Streiks Behinderungen mit Gefängnis oder Zuchthaus bestraft werden soll­ten; er fordert gegen die bestehende Konfessions- eine Simultanschule; er widerspricht einer Erhöhung der die Arbeiter belastenden Lebensmittelzölle; er erhebt seine Stimme besonders für die Fabrikarbeiterinnen und vergißt auch nicht, zur Frage der Bewährungshilfe zu spre­chen. Er tritt anläßlich der ›Lex Heinze« gegen einen Gesetzesentwurf ein, wonach die Frei­heit der Kunst durch einen engen Moralismus eingeschränkt werden sollte, und lehnt sich gegen Unna­türlichkeit und Verlogenheit auf. Stets mahnt er zu sozialer Gerechtigkeit und meint immer wieder eine grundsätzliche ge­sellschaftliche Veränderung.

»Schon früher fand ich, daß für mich eine Religion keinen Wert hat, wenn sie nicht die Ge­sellschaft ändert, wenn sie mir nicht schon das Glück auf Erden verschafft. So habe ich meine Bibel, so habe ich meinen Christus verstanden. Ich fühle mich mit (den Arbeitern) verbun­den« (Rede 2.10.1899). Auch »Jesus will die Welt ändern. Die Armen sollen aus ihrem Elend heraus­kommen. Dafür hat er Kraft; dafür soll er den Geist bringen. Auf den Geist wartet man. Bis auf den heutigen Tag ist dieser Geist noch nicht durchschlagend da, der Geist, der die Verhält­nisse ändert« (P. 22.10.1899).

Auf viele verärgerte Stimmen im christlichen Lager antwortet Blumhardt in Andachten, Pre­digten und Rundschreiben. »Das Christentum ist ein fauler, elender Fleck in der Welt, das Schlechteste, was es gibt. Aber etliche im Christentum kom­men zum Selbstbewußtsein; dadurch hat das Christentum noch Geltung« (M. 24.10.1899). Es komme noch die Zeit, wo man das Christentum verlassen werde, um nur noch zu Jesus zu halten.

Daß nicht mehr das Geld, sondern das Leben der Menschen die Hauptsache wird, dafür träten die Sozialisten ein, und damit werde auf die neue Gottesordnung hingewiesen. Die Christen sollten endlich »Weltherzen« und ein »erdengroßes Denken« bekommen. »Wir sind ein Welt­volk« (25.2.1885).

Auf den Einwand, es handle sich schließlich um eine atheisti­sche Partei, erwidert Blumhardt, er halte diese Partei augen­blicklich für die christlichste: Das hohe Maß an Menschen­würde, der Gedanke der Gleichheit aller, die Verdrängung von Privilegien, der Wille zum Frieden und andere Charakteristika – das alles zeige, daß den Arbeitern seine, Blumhardts, Verkün­di­gung Jesu nicht fremd sei (M. 25.10.1899).

Warum sollte ihn die Partei schrecken; er könne auch in einer Partei parteilos sein (M. 25.10.1899). Das aber würde ihn nicht hindern zu erklären: Das Reich Gottes sei das Gegen­teil vom Kapitalreich: »Das Geld dem Leben und nicht das Leben dem Geld« (Rede im Dorf Boll, 4.10.1899). Solche Gesinnung be­grüßt Blumhardt; darum: »Es ist mir ein Bebel, der für die Menschheit eintritt, viel lieber als manche ›frommen› Men­schen. In Fleisch und Blut muß die Gerechtigkeit sein« (M. 25.10.1899).

Es handelt sich bei Blumhardt letztlich nicht um eine Wen­dung, vielmehr nur um eine Ent­wicklung und Folgerichtigkeit eines auf Verleiblichung drängenden Verkündigers. Hier bietet sich ihm eine Gelegenheit, das Evangelium in die Welt zu ru­fen. Und ihn verdrießt selbst die Ideologie der Sozialisten jener Zeit nicht. »Es ist ja immer etwas Merkwürdiges, wenn etwas international wird; das Internationale gehört zum Reich Got­tes« (A. 10.10.1914).

Blumhardt spricht stets im eigentlichen Sinne »fortschrittlich«, immer zukunftsgerichtet und zuweilen – prophetisch. Ihn in­teressiert diese Welt, die er sich zu eigen macht.

Er wünscht sich angesichts so vieler Umständlichkeiten und Zeitverluste moderne Verkehrs­mittel, die Menschen schneller und leichter miteinander zu verbinden und hält sogar ein Flug­zeug für möglich. Überhaupt sollte »eine ungeheure Freude des Lebens, des Glücks, der Ver­sorgung in all unserem Leben vom Himmelreich ausgehen«, es soll »sozusagen etwas Irdi­sches werden, etwas, das wir auf Erden haben können, bis es sich end­lich vollendet. Immer soll es um uns her sein, oft, ohne daß wir es merken« (M. 26.7.1914); weil das »Evangelium nun auf die Verhältnisse der Erde zu beziehen (ist), auch auf die weltge­schichtlichen Dinge«. Und weiter: »Ich möchte sagen, es ist der größte Unglaube, wenn wir meinen, bloß im Him­mel, in den höchsten Sphären, wo wir gar nicht hineindenken können, sei das Reich und das Recht unseres Gottes. Nein! Hier auf Erden müssen wir glauben« (a.a.O.).

Wo Christus ist, muß schon darum protestiert werden, weil er ständig etwas Zukünftiges an­zettelt. Blumhardt bekennt ganz direkt: »Meine Stellung ist Opposition gegen das Beste­hen­de« (M. 24.7.1914). Das Bestehende ist ein System der Lüge und Ungerechtigkeit. Der ›Mam­monismus‹ hat alle, die Frommen wie die Freidenker, in den Klauen. Der »Kapitalismus hat sich heute organisiert« und führt die Völker in den Tod. »Sorge um die Schätze dieser Welt ist der Anfang zu einem falschen un­rechten Wesen auf Erden. Das Geld macht den grimmigsten Unterschied unter den Menschen, und der Mammon ist der Gott der Ungerechtigkeit und Un­wahrheit; da sollen immer nur einzelne groß sein; und heute ist es soweit gekommen, daß man sagen kann: der Mammon ist der eigentliche Gott der Menschen« (P. 26.7.1914). »Das Schät­zesammeln ist die (soge­nannte) Kulturarbeit der Menschen. Soweit sind sie herunter­gekom­men, daß schließlich das Schätzesammeln, das Reich­sein, das Dem-Mammon-Dienen wichti­ger ist als alles andere. Sie wollen alle das haben, was die Erde birgt; Besitz ergreifen von der Erde und ihren Schätzen ist von jeher das Hauptanlie­gen der Menschen gewesen. Dahinter steckt ein arger Satan, der zweite Gott« (P. 25.7.1914). Das Schätzesammeln ist »eine Kon­kurrenz gegen den lieben Gott« (P. 5.8.1917).

»Gott aber sieht auch unser irdisches Leben als Sache des Himmelreichs an« (P. 6.12.1914). Die Brotfrage ist also eine Gottesfrage; das Evangelium bringt neue Verhältnisse, eine »neue Verfassung« in die Welt.

9

Eines der großen Stichworte, die bei Blumhardt meist mißver­standen worden sind, sei wie­derholt: Entwicklung. Sie wird bei ihm, anders als bei Karl Marx, nicht als eine eigenständige oder selbsttätige gesellschaftliche Gesetzlichkeit erklärt; alle Ent­wicklung ist bei ihm zuerst die vorwärtstreibende Hand Got­tes. Weil es im sozialen Leben wie in aller Geschichte um eine Zielgerichtetheit auf das Reich der Gerechtigkeit geht, gibt es überhaupt Fortschritte. »Steh auf und laß dir den Fortschritt ge­fallen, den Gott bringen will. Jesus ist der Fort­schrittsmann« (M. 24.7.1914).

Auch die Entwicklungslehre in der Naturwissenschaft ist bei ihm Regiment Gottes; denn alles, auch Übel und Sünde, dient diesem Reich. Mit anderen Worten: Alle Schöpfung ist auf Wachstum angelegt. Die Schöpferhand ist umgreifend und all­gegenwärtig und zeigt sich oft unvermutet in der von uns so gern verleumdeten Welt.

Fortschritt‹ kann für die Nachfolger Jesu nur Fortsetzung sei­ner Sache sein. Und sie haben es leichter als die Apostel: Die standen an einem kaum bemerkbaren Anfang – wir sind schon mittendrin. Blumhardt erwähnt oft Bewegungen und Regungen für Humanität und Frieden und erinnert an die Sklavenbefrei­ung, die Entwicklung der Technik, an die Friedenskongresse seiner Zeit, die wenigstens in der öffentlichen Moral das Ge­wissen der Nationen geweckt ha­ben und erwünschter sind als alle gewohnten militärischen Auseinandersetzungen. Er ist ein fleißiger Zeitungsleser und stellt von Tag zu Tag Vorwärtsent­wicklungen in aller Welt fest. »Wenn wir im Alten hängenbleiben, dann kommt uns die Welt voraus, dann gibt es Weltbe­we­gung« (a.a.O.). Aber das ist kein billiger Wunschtraum, der den Menschen täuschen muß.

Immer werden bei ihm zuerst die Christen angesprochen; denn es ist ja Pfingsten geschehen in unserer Welt, und das sollte hel­fen, von jeder Weltfremdheit loszukommen. Die Christen leb­ten zu »geisterisch« statt »geistig«. »Damm dürfen wir uns auf nichts verlassen, weder auf Staat noch auf Kirche, noch sonst auf Gemeinschaften – das Alte muß weg, das Alte muß aufhö­ren, damit Neues kommt. Auch das innere Leben der Men­schen steht in einer Krisis, auch das religiöse Leben« (M. 31.7.1914).

Nach der Kritik am Besitz- und Mammonsdenken fordert Blumhardt eine neue Kultur, die die Christen bei allen aner­kennenswerten äußeren Leistungen bislang nicht fertigge­bracht hätten. Auch sie, innerlich krank und faul, seien auf Ei­gensucht, Eigenruhm, Luxus und Ungerechtig­keit ausgerichtet und benachteiligten die Armen; damit hülfen sie letztlich mit, Menschen und Völker zu zerstören. Mußte erst die revolutio­näre Bewegung mit ihrer Gewaltsamkeit kom­men, das zum Bewußtsein zu bringen? Auch Revolutionen sind bei Blum­hardt »Worte Got­tes«. Unser Reden von Frieden und Gerech­tigkeit bekunde wohl einen guten Willen und oft auch eine Hilfe für die Entrechteten; aber was sei angesichts unserer kümmerlichen privaten und gesellschaftlichen Wohltätigkeit bisher schon fruchtbar geworden! Darum müsse und werde Gott noch deutlicher werden durch blutige Konflikte und Aus­einandersetzungen (M. 14.8.1914). Den Widersinn der alten Gesellschaft, mit der humanitären Hand aufzubauen, was die reaktionäre niederreißt, habe man bei alledem noch nicht be­merkt.

Umwälzungen und Umstürze, so problematisch sie sein mö­gen, sind dazu bestimmt, eine stagnierende Gesellschaft voran­zutreiben. »Auch die Revolutionen auf dem Boden des christli­chen Europa haben einen Sinn und müssen heute noch an den Säulen der Welt, des Todes rütteln. Auch durch Unglück, durch den Zorn des Menschen, läuft ein Rad des Fort­schritts, um die stumpfe Welt in ihrem Schmutz und in ihrem Geist weiterzu­treiben« (a.a.O.).

Aber dabei darf man nun eben das Wichtigste nicht vergessen: es müssen auch Menschen dasein, die es verstehen, in der Ge­sinnung Jesu sich zwar ganz in das Elend der Menschen hinein­zustellen, sich aber doch nicht verführen lassen, als ob durch bloßes »Herumrühren in diesem Elend« Wesentliches gewon­nen werden könnte. »Menschen müssen sein, die unge­kränkt und unverbittert nach rechts und links, nach oben und nach un­ten eine sichere Hilfe wissen und festhalten« (Brief an H. Eugster zu: »Christ und Politik«, April 1907).

Die Verbitterung darf nicht Element des Kampfes sein, und da­bei mag Blumhardt an die politischen Parolen der Parteien sei­ner Zeit gedacht haben. Er bedauert, wie wirkungslos viel redli­ches Eintreten für die unterdrückten Menschen gegenwärtig bleibe, so daß – etwa im Deutschen Reichstag jener Jahre – die besten Worte und gerechtesten Ansprüche ohne Wir­kung sei­en. Das komme daher, daß »immer wieder schließlich nicht die Verhältnisse, sondern Menschen bekämpft werden. Man ver­dammt den Krieg und führt selbst den allerbittersten Krieg un­tereinander, um dem Irrglauben zu verfallen, daß derlei Siege Bestand haben oder wirklich etwas Neues schaffen« (a.a.O.). Nur der Geist der Wahrheit trennt die Menschen von ihren Verhältnissen; kein Nachfolger hat ein Recht auf Zorn. Blum­hardt will Weg und Ziel auch in der Politik nicht voneinander getrennt sehen. Wo Haß im Frieden schon herrscht, »da kriegt ihr einmal Krieg durch euren Haß«. Wer das erkennt, steht im Kampf um eine bessere Gerechtigkeit letztlich zwischen den Fronten. Er weiß aber auch zugleich, »daß selbst in die­sem Of­fenbarwerden der Schuld, des Bösen, des Törichten, des Verbre­cherischen dennoch ein Fortschritt liegt« (A. 10.10.1914).

Er warnt das deutsche Volk 1915 vor einem bloß äußeren Frie­den: der sei nichts – es müsse bei uns innerer Friede werden, und der beginne im einzelnen. »Das Evangelium bist du! Nicht wir haben das Evangelium – es hat uns gefaßt. Man kann darum nicht das Evangelium ver­kündigen« – man kann es nur sein (a.a.O.).

Blumhardts politisches Bekenntnis, sein Erleben und Erkennen in die Welt tragen zu müssen, wurde vom Konsistorium in Stuttgart, das ihn hierzu nicht selbst angehört hatte, mit der Auf­forderung verurteilt, seine Überlegungen zu verwirklichen und auf Rang und Titel eines Pfar­rers der Württembergischen Landeskirche zu verzichten. Blumhardt war dazu gern bereit. Sein Landtagsmandat behielt er bis 1906. Aber auch später blieb er seinen politischen Gesin­nungsgenossen verbunden und stellte sich ihnen mit seinem Rat gern zur Verfügung. Der So­zialismus war ihm freilich nur ein, nicht aber der Weg schlechthin zu einer neuen Erde.

10

Ernüchternd für einen ideologischen oder parteiischen Men­schen, bedingt Blumhardts Sozio­logie eine radikale Anthropo­logie. Es gibt für ihn nicht mehr Demokratie als Demokraten, nicht mehr Sozialismus als Sozialisten, nicht mehr Christen­tum als Christen. Die Adoption des Menschen ist die Wurzel für seinen biblischen Realismus,- der Mensch bewirkt Gesell­schaft, die — wie er – auf dauernde Umbildung und Veränderung angelegt ist. Nichts ist um­sonst, was aus der Gesinnung Jesu hervorgeht, und es könnte sehr wohl sein, daß ihre Träger au­ßerhalb unseres christlichen Horizontes zu finden sind. »Bileams Eselinnen« in der Welt haben auf ihre Weise schon oft de­monstriert und fortschrittliche Bedeutung gehabt. Christen sollten eifrig nach den Spuren des Christus im Sand der Zeiten suchen und sich schlechthin alles bekümmern lassen. Die Weltgeschichte ist von Gott als Welterlösung gedacht. »Es soll auch das irdische Leben der Menschen gleichsam getauft wer­den, damit es etwas sei« (M. 7.3.1915).

Zu den vielen Vorwürfen und Verdächtigungen gegen Blum­hardt gehört der eines Illusionärs und eines weltlichen Optimismus‘, der vergäße, daß erst die Wiederkunft die Welt in Ordnung brächte. Wo aber ist seit den Zeiten der Urchristen­heit so laut und so oft wie in Bad Boll das letzte Wort der Bibel nachgebetet worden: »Komm!« Blumhardt hat es tagtäglich wiederholt; es geht wie ein roter Faden durch seine gesamte Verkündigung. Nur wehrte er sich, die Paru­sie zu einem Pro­gramm zu machen, sie zu datieren oder zu lokalisieren, da für ihn die Zukunft Gottes bereits als Gegenwart begonnen hat. Der da kommt, ist der Gegenwärtige. Wichtiger als das Rufen nach der baldigen Wiederkunft war ihm, daß das, was Gott auf Erden aufrichten will, »zustande kommt und fertig wird« (P. 2. Advent 1876). Ihm muß vorher Quartier ge­macht werden. So aktivistisch er gelegentlich erscheinen mag – Blumhardt wa­ren Arbeit und Mitarbeit an der Sache Gottes auf dieser Erde nur die eine, öffentliche Seite des Anliegens. Er hat es oft wie­derholt, daß zum Eilen das Warten und das Wartenkönnen ge­hört. Eine der größten Tugenden christlicher Existenz ist ihm Geduld. Das ›Salz der Erde« braucht Zeit, um seine Kraft zu ent­falten, wie auch das -Licht der Welt-, um zum großen Tag Got­tes zu werden, bis es alle schmecken und sehen. Alle Ge­schichte ist auf das gekommene und auf die Vollen­dung drän­gende Reich orientiert.

Für Blumhardt gehört dazu das »Kindsein«, die einzige neutestamentlich legitimierte Haltung des Menschen (P. 1.8.1876). Wo Ehrfurcht und Gehorsam einen Menschen bestimmen, kommt es zu einem wachstümlichen Leben. Gott ist es, der seine Sache betreibt, und darum erfordert dieses Kindsein nicht weniger innere Stille und Vertrauen als Bereitschaft und fro­hen Mut, um das Reich zu vertreten.

Alle seine Erwartung bis zum Ende seines Lebens ist eine uner­schütterliche Hoffnung, die nicht auf den eigenen Glauben oder auf äußere Zeichen setzt, »sondern einzig und allein auf die freie Gnade« (P. 2. Advent 1876).

Wer Blumhardts Gebete liest, ahnt die Macht und den unaus­denkbaren Horizont, die dem Fürbitter für eine arme Welt ge­geben war. Auch für ihn gilt, was er einmal (M. 14.8.1914) über die Frühzeit der Christen gesagt hat: »Die Apostel sind immer Weltprediger gewesen. Sie haben keine Kanzel in einer kleinen Kirche gehabt. Sie standen immer auf der Weltkanzel. Und von der Weltkanzel aus predigen sie das Evangelium und haben die Zuversicht: Es gilt allen Menschen, was wir verkündigen. Alle sollen darin eingeschlossen sein, daß sie zuletzt alle Gottes seien und eine Zeit des Friedens und der Gerechtigkeit über alle Menschen kom­me.

Quelle: Christoph Blumhardt, Ansprachen, Predigten, Reden, Briefe 1865-1917. Neue Texte aus dem Nachlaß herausgegeben von Johannes Harder, Bd. 1: Von der Kirche zum Reich Gottes 1865-1889, Neukirchen-Vluyn: Neukirchener Verlag, 21982, S. 5-26.

Hier der Text als pdf.

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