Ralf Stolina, Sühne dogmatisch (RGG4): „Am Ort tödlicher Verlorenheit stellt Gott so ein grundsätzlich neues Lebensverhältnis zum gottlosen Menschen her. Wohin der Mensch auch gerät – das Band der Liebe ist von Gott her unzerreißbar, da im innersten Machtbereich der Sünde und des Todes in Jesus Gott selbst gegenwärtig ist.“

Sühne III. Dogmatisch

Von Ralf Stolina

Der theologische Begriff der Sühne ist bestimmt von dem mit Leben, Sterben, Tod und Auf­erstehung Jesu gegebenen Heils­geschehen, das sich nicht in ein bereitliegendes Schema zur Beschrei­bung des Verhältnisses von Gott und Mensch einfügt, sondern dieses auf unvorher­sehbare und unver­gleichliche Weise neu begründet, bestimmt und prägt. So erfährt der Begriff der Sühne, wie er in der religiösen Umwelt und alttestamentlichen Tradition vorliegt, von die­sem Geschehen her eine tiefgreifende Transformation und eine neue, einzigartige Bedeutung.

Das sich im Kreuzestod vollendende Leben Jesu und seine Auferweckung sind Erweis – und in keiner Weise Preis – der bedingungslosen und souveränen Liebe Gottes sowie ihre kreative Voll­zugsform, durch die sie sich in der Welt und dem Menschen irreversibel mitteilt und eine neue Wirklichkeit schafft. Sühne in Beschreibung des Christusgeschehens umfaßt somit Tod und Auferstehung Jesu Christi, und nicht lediglich den Tod des Opfers, und bewirkt ein für allemal – weder braucht es eine Wiederholung noch ist sie möglich Heil von universaler Wei­te und in eschatologischer Dimension.

Ausgeschlossen sind damit ein Verständnis der Sühne, wonach Gott durch das Kreuz umge­stimmt und bewogen würde, Liebe statt Zorn, Gnade statt Strafe das Verhältnis zum Men­schen be­stimmen zu lassen, sowie satisfaktorische Deutungen, die davon ausge­hen, daß der Tod Jesu eine Gott geltende und ihm etwas »gebende« Wiedergutmachung durch Ersatzlei­stung oder ein stellvertretendes Strafleiden sind. Das Sühnegesche­hen ist indes radikal ein­seitig: Gott gibt, die Menschen empfangen. Ausgeschlossen ist damit auf der anderen Seite auch ein bloß deklaratorisches Verständnis des [1846] Todes Jesu im Sinne einer Demonstra­tion der Liebe und Vergebungsbereitschaft Gottes, die lediglich über eine bestehende Sachla­ge informiert, mithin nur ein irriges Verständnis korrigiert.

Notwendig ist die Sühne aufgrund der machtvollen Reali­tät der Sünde, die alle Lebensver­hältnisse des Menschen – zu Gott, zum Mitmenschen, zu sich selbst, zur Umwelt – unheilvoll gestaltet und ihr Ziel im Tod findet: Der Tod ist der Sünde Sold – nicht im Sinne einer von außen ver­fügten Strafe, sondern als Zielpunkt ihrer eigenen inneren Dynamik.

Im Geschehen der Sühne sind zwei untrennbar verbunde­ne Momente zu unterscheiden: a) Das exklusive Moment: Von sich aus hatte der Mensch keine Möglichkeit, seine Gottlosigkeit zu überwinden und die Gemeinschaft mit Gott in heilvoller Weise neu aufzunehmen. Gott über­läßt den Menschen nicht den zerstörten Lebensverhältnissen, sondern handelt, wo der Mensch nicht handeln kann, in Jesus für ihn: Zugunsten aller Menschen erlitt Jesus an ihrer Stelle die zerstörerische Macht der Sünde und des Todes, indem er an den Fluchort des Kreuzes (Gal 3,13) kam, den Ort größtmöglicher Gottferne, schmerzerfüllter Endlichkeit und qualvoller Tyrannei der Gewalt. Am Ort tödlicher Verlorenheit stellt Gott so ein grundsätzlich neues Lebensverhältnis zum gottlosen Menschen her. Wohin der Mensch auch gerät – das Band der Liebe ist von Gott her unzerreißbar, da im innersten Machtbereich der Sünde und des Todes in Jesus Gott selbst gegenwärtig ist. Stellvertretend und zu ihren Gunsten ist Jesus auch für alle Menschen dem Willen des Vaters gehorsam. Er unterstellt den eigenen Lebenswillen der Ver­fügung des Vaters und stimmt so in dessen Versöhnungshandeln mit den Menschen von deren Seite her ein. Die adamitische Epoche des Ungehorsams ist in Jesu Gehorsam zu ihrem Ende gekommen und eine neue Zeit beginnt, b) Das inklusive Moment: Das Sterben Jesu für uns, an unserer Stelle und zu unseren Gunsten, eröffnet ein Leben mit ihm, in dem der Mensch real in das Christusgeschehen einbezogen ist, wie es sichtbar voll­zogen wird im Sakrament der Taufe: Der Christus zugehörige Mensch ist mit ihm gestorben und begraben und wird mit ihm auferstehen (Röm 6,3-5; 2Kor 5,14). Die eschatologische Spannung zwischen dem perfek­tischen Mitgestorbensein und dem futurischen Mitauferstehen ist bestimmt durch die Präsenz des Geistes, der das neue Leben des Christen in Beziehung zum Herrn erhält, indem er Glaube wirkt.

Das Sterben Jesu für uns, an unserer Stelle und zu unseren Gunsten, und das Leben mit ihm gewinnt inten­siven Ausdruck in der Rede vom Leben des Menschen in Christus und vom Leben Christi im Menschen (Gal 2,20). Damit wird der Mensch Gott gegenüber in ein Kind­schaftsverhältnis versetzt, das es ihm erlaubt, zu Gott »Vater« zu sagen (Röm 8,15). So wird der Mensch auf­grund des Sterbens Jesu für ihn und im Leben mit und in ihm, was er als Sklave der Sünde eingebüßt hatte: freie Person in der Lebensbewegung von Gott her, mit Gott, auf Gott hin. Die Zugehörigkeit zum Herrn, die von keiner Zeitgrenze mehr in Frage gestellt ist (Röm 14,7-9), und die daraus erwachsende Freiheit eines Kindes Gottes bestimmen das durch die Sühne eröffnete neue Leben in Gemeinschaft mit Gott.

Die Präpositionen für, mit und in entwerfen somit den Bedeutungshorizont der von Jesus voll­zogenen Sühne, die untrennbar mit der Rechtfertigung des Gottlosen ver­bunden ist und sich anthropologisch in der Glaubens-[1847]existenz (Röm 3,25f.; 4,5) verwirklicht. Gottes bedin­gungslose Liebe, die sich im Sterben und Auferstehen Jesu vollzieht und mitteilt, nimmt den Menschen in seine heilvolle Gemeinschaft auf und ist unbedingt verbind­lich: Der Mensch ist in seiner Existenz beansprucht, dieser Liebe im Leben, in seinem Denken, Wollen und Han­deln, zu entsprechen, ohne daß diese Entsprechung eine eigene Sühnekraft erhielte oder die Sühne Jesu fortzu­setzen oder gar zu vervollkommnen hätte bzw. dieses könnte.

Im und durch den Sühnetod Jesu, dessen Lebensge­stalt sich in Auferstehung und Rechtfer­tigung zeigt, vollzieht sich ein einzigartiger Wechsel und Tausch, der das kommunikabel macht, was für sich genommen wesenhaft inkommunikabel ist (Luther WA 7,25f.; Ebe­ling 26): Christus gibt den ihm im Glauben Verbundenen das, was sein ist, Gnade, Leben und Heil; diese geben Christus, was das ihre ist, Sünde und Tod. Die Sühne, die Jesus vollbringt, im­pliziert mithin das Inkarnationsgeschehen: In Jesus entäußert sich Gott bis zum Tod am Kreuz und teilt sich selbst mit. Gottes Selbstmittei­lung in der Selbstentäußerung offenbart die trini­tarische Dimension der Sühne Jesu, insofern sie Gottes Sein und Leben eminent betrifft, sowie Gottes Eindeutigkeit im Verhält­nis zum Menschen. Liebe und Gerechtigkeit sind bei Gott keine Gegensätze oder in Konkurrenz zueinander stehende Eigenschaften; vielmehr voll­zieht sich Gottes liebende Gerechtigkeit im Sühnetod und in der Auferste­hung Jesu: Gott ist ge­recht, indem er gerecht macht (Röm 3,26).

Lit.: G. Ebeling, Der Sühnetod Christi als Glaubensaussage. Eine her­meneutische Rechen­schaft (ZThK.B 8, 1990, 3-28) ♦ I.U. Dalferth, Der auferweckte Gekreuzigte, 1994 ♦ M. Bieler, Befreiung der Freiheit. Zur Theologie der stellvertretenden Sühne., 1996 ♦ R. Sto­lina, Tod und Heil. Die Heilsbedeutung des Todes Jesu (NZSTh 44, 2002, 89-106).

RGG4, Bd. 7 (2004), Sp. 1845-1847.

Hier der Text als pdf.

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