Julius Schniewinds Taufpredigt über Römer 6,4 (1948): „Je höher die Fluten der Anfechtung gestiegen sind in allen Zeiten der Kirche Gottes und zu unsern eigenen Zeiten, desto mächtiger war die Gegenwart dessen, der über das tobende Meer schreitet.“

Eine Taufrede (Römer 6,4)

Von Julius Schniewind

Dies ist das Urwort, wenn wir fragen: Was bedeutet denn die Taufe? Unser Katechismus nennt eben unser Wort zur Antwort dieser Fra­ge. Unser alter Mensch, unser alter Adam, ist begraben, ist wie in einer Flut versenkt, ersäuft. So gewiß Christus gestorben ist, so gewiß sind wir der Sünde gestorben, so gewiß steht über uns das Urteil, daß der sündliche Leib aufhöre, daß wir hinfort der Sünde nicht dienen; das also unser Leben hier auf Erden, unser Leibes­leben, unser Leben in den Gedanken unseres Herzens, mit den Worten unseres Mundes, mit dem Handeln unserer Hände, mit dem Wandel unserer Füße, nicht mehr uns selbst gehört, nicht mehr der Sünde, nicht mehr dem Satan, sondern begraben ist, versenkt, verur­teilt, in den Tod gegeben. – Paulus sagt davon: Wir wissen das, wir erkennen, daß es so ist. Wißt ihr’s nicht? Erinnert ihr euch nicht eurer Taufe? Er sagt es zu uns, sooft wir ein Kind taufen: Wißt ihr’s nicht? Wißt ihr nicht, was eure Taufe euch bedeutet? Was in eurer Taufe mit euch ge­schah? Ein Urteil Gottes ist über uns ergangen, ein für allemal, ein machtvolles Wort Gottes ist über uns gespro­chen, über jeden einzelnen für sich in seiner Taufe. Das Urteil: der Sünde gestorben, mit Christus gestorben, uns selbst, unserm alten Menschen gestorben, unserm Leben, das hier an diese vergehende, dem Gericht entgegengehende Welt gebannt ist, das um sich selber kreist in Trotz oder Versagen.

Aber daneben dann das andere: »Daß, gleichwie Christus ist auferweckt von den Toten durch die Herrlichkeit des Vaters, also sollen auch wir in einem neuen Leben wandeln«. Nicht nur Tod, sondern Leben! Ein neues Leben, das der Auferstehung Christi entstammt! Dieselbe mächtige Stärke Gottes, welche er gewirkt hat, da er Christus von den Toten auferweckte, wirkt in uns, daß wir glauben. Die ewige Herrlichkeit des Vaters, die Herrlichkeit der zukünf­tigen Welt Gottes, ist in Jesu Auferweckung erschienen. Wir aber gehören dem Auferstande­nen an. Er will nicht ohne uns sein. »Mit ihm, mit ihm«, sagt Paulus immer wieder. »In ihm, in ihm«, sagt Paulus unablässig. Christus sieht uns an als Glieder seines Leibes. Gott sieht uns »in Christus« an, der tritt für uns ein, er ist unser Fürsprecher, er ist der Gnadenthron Gottes, die lichte, herr­liche Gegenwart Gottes, die Sühne unserer Sünde; er ist selbst der eine, neue Mensch Gottes, er ist selbst das ewige Leben, die Recht­fertigung statt des Gerichts, der Friede statt der Anklage. »Im neuen Leben wandeln« das heißt »in ihm wandeln«. Er führt uns an seiner Hand, er steht uns Stunde für Stunde zur Seite, er macht gut, was wir verwirren, er bringt unsere törichten unwürdigen, armen Gebete dem Vater immerdar. Das heißt dann: Sie­he, ich mache alles neu! Siehe, es ist alles neu geworden! Die neue Welt Gottes steht über jeder Stunde unseres Lebens als Verheißung, ja schon als Gegen­wart, denn Jesus Christus, der Richter aller Welt, ist bei uns alle Tage bis an der Welt Ende. Der uns jetzt vertritt zur Rech­ten Got­tes, er will sich am Jüngsten Tag zu uns bekennen als den Seinen. Der am Jüngsten Tag uns vor dem Zorn bewahren wird, am Jüng­sten Tag uns freisprechen, rechtfertigen will, er ist jetzt schon un­sere Gerechtigkeit, unser Friede, unsere Freude, unser Leben. – Oh, sind das allzu hohe Worte? Wer vermöchte sie sich zu eigen zu ma­chen? Aber Paulus möchte sie uns ins Herz hineinsprechen. Er sagt wieder: Wir wissen. » Wir wissen, daß Christus, von den Toten er­weckt, hinfort nicht stirbt.« Wir wissen das, so gewiß er im Wort seiner Apostel, in seinem Evangelium als der Gegenwärtige, Leben­dige zu uns spricht. Wir wissen es, so gewiß er in seiner Gemeinde selbst redet, handelt, leidet, sein Erbarmen erweist denen, die ihn nicht kennen, denen, die nach ihm schreien. Wir wissen, daß er der Auferstandene ist; wir glauben, daß wir mit ihm leben werden. Wir trauen es ihm zu, daß er uns nicht fallen läßt, daß er sich an uns als der Lebendige erweist. Wir wissen, daß wir mit ihm gekreuzigt sind; das Todes­urteil über unseren alten Adam steht fest, das hat die Taufe ein für allemal über uns ausge­sprochen. Wir glauben, daß der Gekreuzigte als der Lebendige uns nicht lassen wird, so gewiß wir getauft sind; wir werden auch mit eingepflanzt sein – wie die Rebe dem Weinstock! – der Gestalt seiner Auferstehung: so gewiß wir das Sterben Jesu an uns tragen, so gewiß wird auch das Leben des Herrn Jesu an uns offenbar werden. Haltet euch dafür, sagt Paulus, daß ihr der Sünde gestorben seid und für Gott lebt in Christo Jesu, unserm Herrn. Haltet euch dafür! Glaubt es doch! Gebt dem Urteil Gottes recht, das seit eurer Taufe über euch steht: Wir sind mit ihm begraben durch die Taufe in den Tod, auf daß, gleichwie Christus ist auferweckt von den Toten durch die Herrlichkeit des Vaters, also sollen auch wir in einem neuen Leben wan­deln.

Liebe Taufgemeinde, wir haben es uns zusprechen lassen, was unsere Taufe bedeutet. Was bedeutet sie uns in dieser Stunde, da wir dies kleine Kind zur Taufe bringen? Nach Luthers Taufbüchlein werden die Paten befragt, als wären sie das Kind selbst: Entsagst du dem Teufel und all seinen Werken und all seinem Wesen? Sie werden befragt auf ihren Glauben an den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist; sie werden befragt wie das Kind selbst: Willst du getauft werden? In Westfalen, wo dies Taufbüchlein noch gebraucht wird, singt der Chor nach jeder Antwort des Paten: Das helf euch Gott, das helf euch Gott. Sollte es uns nicht angst und bange werden vor dem Ernst solcher Fragen? Ist denn wirklich unser alter Mensch mit Chri­stus begraben, ist er nicht allzusehr lebendig, jeden Morgen neu? Ist denn wirklich der Wan­del im neuen Leben an uns zu sehen, der Wandel in der neuen Gestalt des ewigen Lebens, in der Gestalt des auferstandenen Herrn? Aber Luthers Erklärung spricht ja von der täglichen Reue und Buße und vom täglichen Auferstehen. Und wir verstehen das jetzt genau. Es ist nicht eine tägliche Leistung gemeint, eine tägliche, vergebliche Mühe, eine Not, ein Versagen ohne Ende. Vielmehr gälte es, daß wir täglich, stündlich von uns absähen, unser Leben unter Gottes ein für allemal vollzogenes Todesurteil begäben, unser Leben unter Jesu ewige Gegen­wart stellten, unter seine Fürbitte, unter sein Erbarmen. Das hieße täglich, stündlich zur Taufe zurückkehren. Haltet euch dafür, sagt Paulus, daß ihr der Sünde gestorben seid! Haltet euch dafür, daß ihr für Gott in Christo lebt! – Nur wer das glaubt und weiß, kann andern helfen. Wir sind dazu aufgerufen, Eltern und Paten, unsern Kindern zu helfen. Wer könnte die Würde und die Verantwortung, Vater, Mutter zu sein, vergessen? Gott schafft einen jeden von uns aus der Kette der Generationen, der Väter und Mütter, aus der Kette der Geburten und des Vergehens. Aber über jeden Menschen hat Gott seine be­sonderen ewigen Gedanken, ein einziges Leben leben wir hier auf Erden zu Gottes Ewigkeit, auf Gottes verborgenes Gericht hin. Aber er hat seinen einzigen Sohn gegeben, daß wir nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben. Kein Mensch kann dem anderen das ewige Leben vererben, kein Mensch kann es dem anderen wei­terreichen. Oh, was vererben wir unseren Kindern! Allesamt tragen wir das Bild Adams, und in jedem neuen Menschenleben prägt es sich neu aus. Keine treueste Pflege treuer Eltern kann dem Kinde das ersparen, daß es seinem alten Menschen begegnet, dem Fluch und dem Verderben, dem Todesurteil Gottes. Aber das Todesurteil ist hinaufge­nommen in das Lebensurteil, in den Zuspruch ewigen Lebens, so gewiß Christus gekreuzigt und auferstanden ist, so gewiß wir getauft sind. Ob unsere Kinder das begreifen, ob dies Kind das begreifen wird, was in der Taufe mit ihm geschah? Es wird im Neuen Testament wieder­holt beschrieben, wie der Glaube »das ganze Haus« ergreift, wie der Glaube der Mutter und Großmutter den Sohn und Enkel trägt, es wird erwartet, daß, wer die Gemeinde Gottes leitet, gläubige Kinder habe. Es erfüllt sich auch immer wieder vor unsern Augen. Aber es erfüllt sich nur an denen, die es begreifen, was Glaube heißt: Kein Anspruch vor Gott, keine Vor­trefflichkeit unserer menschlichen Art, wie fromm sie sich stelle; sondern nur dies eine: täg­lich, stündlich unter dem Urteil der Taufe bleiben. Unter dem Urteil, daß unser alter Mensch mit Christus gekreuzigt ist. Unter dem Urteil, daß Christi Leben für uns gilt. Wohl uns, wenn wir an unsern Eltern, an unsern Paten, an Christen, die uns begegnet sind, gemerkt haben, was das sei: ein von sich selbst weggelegtes, ein Christus zu eigen gehörendes Leben. Men­schen, deren Adamsbild uns gerade deshalb nicht verborgen bleiben konnte, weil wir sie so genau kannten und sie so sehr liebten. Aber ihr Leben gehörte nicht mehr dem alten Menschen, der Sünde, dem Satan, es gehörte dem gekreuzigten, auferstandenen Christus, und der hielt sie so fest, daß ihr Zeugnis von ihm glaubhaft wurde und glaubhaft blieb.

So wünschen und erbitten wir es diesem lieben Kinde, daß ihm im Zeugnis Jesu, das er seiner Gemeinde schenkt, sein Friede be­gegnet, seine ewige Freude, sein neues, ewiges Leben. Wir wissen nicht, in welche Gefahren und Versuchungen, in welche Nöte und Ängste unsere Kin­der hineingeführt werden. Aber eins wissen wir: je höher die Fluten der Anfechtung gestiegen sind in allen Zeiten der Kirche Gottes und zu unsern eigenen Zeiten, desto mächtiger war die Gegenwart dessen, der über das tobende Meer schreitet. Je mehr die Todesgestalt unseres Herrn sich an den Seinen ausprägt, desto stärker ist auch der Vorgeschmack der unaussprech­lichen und herrlichen Freude seiner zukünftigen Welt. Und je mehr die Entbeh­rung und die Sorge über uns wie über die ganze Welt Herr werden will, um so mehr wird der tägliche Dank erwachen für jede kleine Gabe, für Speise und Trank, für jede Erhörung, jedes Engelgeleit, jede Erquickung und Gemeinschaft. Und unsre Kinder werden dann mit hineingenommen in die Gemeinschaft der Heiligen, in die Ver­gebung der Sünden und den Zuspruch des ewigen Lebens. Sie sind ja dem in der Taufe übergeben, der die Kinder zu sich rief, sie sind dem übergeben, der uns von uns selbst freigesprochen und uns sein ewiges Leben zugesprochen hat. Denn wir sind mit ihm begraben durch die Taufe in den Tod, auf daß, gleichwie Christus ist aufer­weckt von den Toten durch die Herrlichkeit des Vaters, also sollen auch wir in einem neuen Leben wandeln.

Quelle: Die Zeichen der Zeit. Evangelische Monatsschrift für Mitarbeiter der Kirche 2 (1948), Heft 5, S. 168-170.

Hier die Rede als pdf.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s