„Nun lebt er aus sich selbst, nun schafft er sein Leben selbst, ist er sein eigener Schöpfer, bedarf er des Schöpfers nicht mehr.“ Warum Dietrich Bonhoeffers Interpretation des Sündenfalls in „Schöpfung und Fall“ überzeichnet ist.

Warum Dietrich Bonhoeffers Interpretation des Sündenfalls in „Schöpfung und Fall“ überzeichnet ist

Es sind nicht alles „goldene Worte“, die Dietrich Bonhoeffer geschrieben hat. In seiner Vorlesung „Schöpfung und Fall“ von 1932/33 schreibt Dietrich Bonhoeffer über den Sündenfall in Genesis 3,1-7 Folgendes:

„Die Grenze ist überschritten, nun steht der Mensch in der Mitte, nun ist er ohne Grenze. Dass er in der Mitte steht, heißt, dass er nun aus sich selbst lebt und nicht mehr aus der Mitte heraus, dass er grenzenlos ist, heißt, dass er allein ist. In der Mitte sein und allein sein das heißt sicut deus sein. Der Mensch ist sicut deus. Nun lebt er aus sich selbst, nun schafft er sein Leben selbst, ist er sein eigener Schöpfer, bedarf er des Schöpfers nicht mehr.“ (DBW 3, S. 107)

Der junge Bonhoeffer hat ganz offensichtlich die göttliche Aussage in Genesis 3,22 „der Mensch ist geworden wie unsereiner“ überinterpretiert. Das „wie Gott sein“ bezieht sich nur auf die Unterschei­dungsfähigkeit zwischen „gut“ und „böse“. Eine menschliche Selb- bzw. Eigenständigkeit gegenüber Gott zeigt sich nicht wirklich. So sucht sich der Mensch vor Gott zu verstecken (3,8), er muss sich dem göttlichen Verhör stellen (3,9-13) und wird schließlich von Gott in seinen Lebensmöglichkeiten „sträflich“ eingeschränkt. Der Mensch kann als gottgewollter „Erdling“ sein Leben nicht selbst behalten: „Du bist Erde und sollst zu Erde werden.“ (3,19) Der Mensch bleibt auf göttliche Fürsorge angewiesen, so in 3,21 im Hinblick auf seine Be­kleidung. Und schließlich wird der Mensch erfolgreich von Gott aus dem Garten Eden ver­trieben (3,24).

Ungewollt hat Bonhoeffer mit seiner Überinterpretation dem humanistischen Credo einer menschlichen Selbstverwirklichung das Wort geredet, wenn es bei Giovanni Pico della Mirandola heißt:

„Du bist durch keinerlei unüberwindliche Schranken gehemmt, sondern du sollst nach deinem eigenen freien Willen, in dessen Hand ich dein Geschick gelegt habe, sogar jene Natur dir selbst vorherbe­stimmen. Ich habe dich in die Mitte der Welt gesetzt, damit du von dort bequem um dich schaust, was es alles in dieser Welt gibt. Wir haben dich weder als einen Himmlischen noch als einen Irdischen, weder als einen Sterblichen noch als einen Unsterblichen geschaffen, damit du als dein eigener, vollkommen frei und ehrenhalber schaltender Bildhauer und Dich­ter dir selbst die Form bestimmst, in der du zu leben wünschst. Es steht dir frei, in die Unter­welt des Viehes zu entarten. Es steht dir ebenso frei, in die höhere Welt des Göttlichen dich durch den Entschluß deines eigenen Geistes zu erheben.»
(Giovanni Pico della Mirandola, Über die Würde des Menschen, aus dem Neulatei­nischen übertragen von Herbert Werner Rüssel, Zürich: Manesse, 2. A., 1989, S. 10f.)

Hier mein Text als pdf.

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