Christoph Blumhardt, Predigt über Markus 10,13-16: Und sie brachten Kinder zu Jesus (1908): „Vielleicht müssen wir viel Not und Mühe als Kinder durchmachen, damit Gottes Regiment in uns als Kindern Hilfe und Erlösung wirke und neues Leben offenbar werde.“

Predigt über Markus 10,13-16: Und sie brachten Kinder zu Jesus.

Von Christoph Blumhardt

Das sind sehr wichtige Worte bezüglich des Reiches Gottes. Das gegenwärtige Reich Gottes möchte der Herr Jesus die Jün­ger sehen lassen. Es kann gegenwärtig in uns sein dadurch, daß der Wille Gottes an uns geschieht. Und das ist unsere Aufgabe, daß wir den Willen Gottes an uns geschehen lassen. Und des­wegen sollen wir Kinder werden, an denen zunächst von Gott etwas regiert wird. Das ist das Außerordentliche derer, die dem Heiland dienen: Sie sollen etwas Außerordentliches erleben. Ich habe schon oft Kinder beobachtet, wenn sie krank sind, wenn sie furchtbar leiden, und ich habe mich gewundert, wie einfältig Kinder sind und hin­nehmen, was kommt. – Ich habe heute gelesen: »Die Leiden dieser Zeit schaffen eine fried­same Frucht der Gerechtigkeit.« Da habe ich gedacht: Was ist Ge­rechtigkeit? Die Gerechtig­keit ist die, daß man sich, was kommt, gefallen läßt. Bei den Kindern ist die Gerechtigkeit heimisch; sie lassen es sich gefallen. Im Annehmen liegt im heutigen Reich Gottes die Haupt­tugend derer, die auf das Reich Gottes warten. In diesem Annehmen liegt eine so starke Ge­rechtigkeit, daß auch etwas herausgearbeitet wird dadurch. Der Mensch muß sich hergeben, muß sich regieren lassen. Es gibt eine selige Trübsal und ein seliges Leben, wenn Regiment Got­tes darin ist.

Es gibt Leute, die gar keinen Trost haben, böse werden, mür­risch werden gegen den lieben Gott. Ja, da liegt eine große Ver­antwortung! Wer den Namen Jesus nennt, der trachte doch da­nach, daß er regiert werden kann (von Gott!). Jeder einzelne Mensch, den Gott regieren kann, ist wichtig. Und wenn ich eine Bitte habe an euch, so ist es nur die: Oh, daß du dich regie­ren lassen wolltest! Daß du kindlich genug wärest! Wenn du doch wüßtest, wieviel darauf an­kommt, daß die Engel Gottes an einen Menschen hinkommen können! Es ist eine Bitte: Laß dich regieren!

Ich stehe in der Not, daß die Leute zu mir sagen: «Bitten Sie für mich!« Ach, wie oft habe ich da seufzen müssen: Soll ich der Einzige sein, an dem Gott Regiment üben kann? – Ich nehme es nun so: Die Menschen möchten gerne eine Gottestat sehen. Sie suchen irgendwie, daß doch Gott etwas an ihnen tut in ihrer Trübsal. Beim Heiland ist es auch so gewesen: Die Leute sind in ihrer Not zu ihm gekommen. Und da geschahen auch große Zeichen und Wunder. Und werden wir Kinder, wie Jesus ein Kind war, dann können auch Wunder geschehen. Ich gehe sogar so weit zu sagen: Das Gegenwärtige braucht außerordentliches Eingreifen Gottes, ein auffallendes Tun Gottes. Je mehr das zu­künftige, vollendete Reich Gottes kommt, kann das auffal­lende Wunder verschwinden. Aber gegenwärtig, wo so viel Bö­ses dem Guten entge­gensteht, kann — wenn es notwendig ist, wenn die Sache Gottes und das Heil eines Menschen es fordern – auch einmal etwas Außerordentliches geschehen.

Wir stehen nicht bloß unter den Gesetzen, die wir glauben er­kannt zu haben. (Wenn die Sache Gottes es erfordert,) dann können Kranke gesund werden, dann kann in allerlei Übeln eine Lösung sich finden, wo kein Mensch mehr eine Aussicht auf Hilfe sah. Es kann in den schwersten Verhältnissen Licht werden, in außerordentlicher Sünde außerordentliche Verge­bung kommen. In außerordentlich verderbtem Leben – durch eigene Schuld verderbtem Leben – kann Wiederherstellung kommen. Die Vergebung kann zu einer so starken Kraft werden im gegenwärtigen Reich Gottes, daß sich Leib und Seele erneu­ern.

Wir wollen die Hoffnung auf das zukünftige Reich Gottes nicht aufgeben; aber das Wichtigste ist es, das gegenwärtige Reich Gottes zu schätzen, das sich an dir und uns allen beweisen kann. Wer etwas für das zukünftige Reich Gottes tun will, der tue etwas für das gegenwärtige!

Es kann auch heute sein, daß Prüfungen, Trübsale, Traurigkei­ten notwendig werden, damit Gott regiert. Vielleicht muß manches Kind Trübsal anderer auf sich nehmen, damit Gottes Regiment in diese Art von Trübsal hineinkommt. Vielleicht müssen wir viel Not und Mühe als Kinder durchmachen, damit Gottes Regiment in uns als Kindern Hilfe und Erlösung wirke und neues Leben offenbar werde.

Wenn der Tod uns umgibt, müssen wir ans Leben denken. Es könnte jeder Mensch, der an Gott glaubt, ein Buch schreiben darüber, wo und wie und wann Gott an ihm ein Zeichen seines Regiments gegeben hat. Ich möchte mit nichts anderem aus der Welt scheiden als mit dem Wunsch, daß ich gleich aller Welt verkündigen dürfte, wieviel Gott an mir getan hat, daß ich es in die Himmel hinein jauchzen dürfte, wieviele hundertmal ich hätte zugrund gehen können, aber das Reich Gottes gegenwär­tig war. Ja, ich habe Zeiten des Regiments Gottes über mir und vielen Menschen erlebt! Und ich wäre selig, wenn ich dürfte hier auf Erden davon schon erzählen, hier viele Leute damit trö­sten, wenn ich sagen dürfte hier, wieviel Gott an uns getan hat. Aber ich habe schon erlebt, daß Gott Außerordentliches getan hat an Men­schen – vielleicht auch einmal um meinetwillen, weil ich so aufs Reich Gottes bedacht bin die Leute freuen sich, und nachher denken sie nimmer dran. Und das ist eine Trauer! Glaubt mir: Wenn – nachdem wir schon so viel erfah­ren haben – es nicht hineinleuchtet in die späteren Kämpfe um uns herum, dann trauern die Heerscharen Gottes um uns her­um, und dann kann es geschehen, daß wir sehen müssen: sie sind fort!

Meine selige Mutter hat mir einmal gesagt, als ich traurig war: »Hör du, sei treu, nur treu! Gott hat viel an uns allen getan; sei treu!« Was sorgt ihr euch so viel um die Art eures Be­nehmens? Seid treu in dem, was Gott heute regiert! Seid ihr treu, können große Dinge gesche­hen; dann seid ihr Kinder Gottes, die das zukünftige Reich Gottes im Herzen tragen. Wir Kinder können laut verkündigen, was wir schon erfahren haben und was uns leuchtet von Gottes Tun her. Das ist uns das beste Pfand, dieses Zeugnis des Reiches Gottes; das muß offenbar werden auf Er­den wie in den Himmeln, an den Lebenden wie an den Heimge­gangenen.

Gehalten am 8. November 1908 in Bad Boll.

Quelle: Christoph Blumhardt, Ansprachen, Predigten, Reden, Briefe 1865-1917. Neue Texte aus dem Nachlaß herausgegeben von Johannes Harder, Bd. 3: Geliebte Welt 1907-1917, Neukirchen-Vluyn: Neukirchener Verlag, 21982, S. 20-23.

Hier die Predigt als pdf.

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