Max Josef Metzgers Rede auf dem Internationalen Kriegsgegnertag Pfingsten 1929 in Den Haag: „Wenn Europa noch einmal der Kriegs­furie ausgeliefert wird, so heißt das nicht mehr und nicht weniger als den Selbstmord Europas, die Vernichtung des ganzen Konti­nents mit seiner gesamten Zivilisation und Kul­tur.“

Rede auf dem Internationalen Kriegsgegnertag Pfingsten 1929 in Den Haag (Auszug)

Von Max Josef Metzger

Menschen aller Staaten, vereinigt Euch!

Noch stehen am abendlichen Himmel der Weltgeschichte Schwaden von Blutdampf des ver­gangenen Weltkrieges, des furchtbarsten, grausamsten der Weltgeschichte.

Und schon scheint sich der morgendliche Himmel wieder aufs neue blutrot zu färben.

Die Menschheit hat nichts gelernt. In träger Lethargie scheint sie gelassen den neuen, den letzten Krieg zu erwarten, der die Zerstörung Europas bringt.

So grauenhaft, schier unfaßlich für ein menschliches Hirn und Herz der Wahnsinn des vergan­genen Weltkrieges war – der kommende Krieg wird alles überbieten, was sich mensch­liche Phantasie nur träumen läßt. U-Boote und Flugzeuge im Dienst von Giftgas und Explosions­stoff und andere Todes­wunder der Technik werden dem kommenden Krieg die Si­gnatur geben …

Es ist kein Zweifel: Wenn Europa noch einmal der Kriegs­furie ausgeliefert wird, so heißt das nicht mehr und nicht weniger als den Selbstmord Europas, die Vernichtung des ganzen Konti­nents mit seiner gesamten Zivilisation und Kul­tur.

Das Kriegsgespenst

Aber ist wirklich noch ein Krieg zu fürchten? Ist es denkbar, daß die europäischen Völker noch einmal sich in solchen Wahnsinn verrennen?

Haben die Völker der Welt sich nicht in einem Völkerbund zusammengeschlossen, dessen edelster und wichtigster Zweck die Erhaltung des Friedens, die Schlichtung von Streitig­keiten auf dem Weg eines Weltgerichtshofes bzw. der Schieds­gerichtsbarkeit ist?

Haben die Staatsmänner nicht einen Locarnopakt geschlossen, durch den die führenden Staa­ten sich in einem besonderen Friedensbund vereinigt haben?

Hat nicht erst in allerletzter Zeit der [Briand-]Kelloggpakt [vom 27. August 1928] die Zustim­mung fast aller [bis 1929 54 von 63] Staaten gefunden, dieser Pakt, der geradezu die Ächtung des Krieges als eines Verbrechens ausdrückt?

Ich gehöre nicht zu denen, die den Mut hätten, all die Poli­tiker, die diese Verträge geschlossen haben, einfach als hinter­hältige Lügner und Heuchler hinzustellen. Als Christ getraue ich mir nicht, ein solches hartes Urteil auszusprechen, ohne bündige Beweise dafür in der Hand zu haben. Aber, wenn man in seinem Urteil noch so zurückhaltend ist, man kommt als denkender Mensch nicht darüber hinweg, daß die Worte und Taten dieser Staatsmänner erschreckend wenig zusammen­klingen, daß mit all diesen öffentlichen Kundgebungen doch eigentlich eine Komödie gespielt wird, bei der nur die Rolle der Staatsmänner nicht ganz klargestellt ist. Schließlich ist ja jeder Staatsmann wie jeder Mensch eine lebende Complexio oppositorum, eine Vereinigung der entgegengesetzten Stre­bungen in einem Gesamtbewußtsein, ein leben­diges Rätsel für die andern wie für sich selbst.

Wenn es den führenden Staatsmännern wirklich ernst ist damit, einen wahren Friedens-Völ­kerbund zu schaffen, der mehr sein soll als ein bloßes Instrument in der Kabinettspolitik ehr­geiziger Souveräne oder schlau berechnender Diplomaten oder gerissener Börsenmagnaten, warum hat man im Völkerbund es so ängstlich vermieden, die Völker selbst in ihrer freige­wähl­ten Vertretung Zusammenkommen zu lassen? Warum führen dort noch immer vielfach das große Wort Männer, die sich als Vertreter des bankerotten politischen Systems der Ver­gangen­heit kompromittiert und um das tiefe Vertrauen der Völker gebracht haben?

Wenn es der immer wiederholte Wille der führenden Staats­männer ist, den Frieden auf jeden Fall aufrecht zu erhalten und Schluß zu machen mit den barbarischen Methoden krie­gerischer Auseinandersetzung der widerstreitenden staat­lichen Interessen, wenn es aller immer wieder betonte Überzeugung ist, daß der Friede durch nichts so sehr bedroht wird als durch das ge­genseitiges Mißtrauen immer wieder nährende Wettrüsten der Völker, wenn es den Staats­männern ernst ist damit, daß sie den Frieden und nicht den Krieg vor­bereiten wollen, warum haben alle bisherigen Verhandlungen über die Abrüstung zu Wasser und zu Lande mit einem so lächerlichen Fiasko geendet? Wenn doch alle den Frieden wollen, wozu bauen sie alle neue Panzerkreuzer und Luft­schiffe und Giftgasfabriken, wozu rüsten sie alle ohne Aus­nahme immer wieder aufs neue zum Krieg? Hält denn jeder jeden anderen für einen Gauner und Heuchler, dem trotz all seiner Friedensbeteuerungen nicht über den Weg zu trauen ist? Und wie erklärt man sich das? Muß einem da nicht das Sprichwort einfallen, daß keiner den andern hinter dem Ofen sucht, hinter dem er nicht selbst schon gesessen hat?

Und wenn die Staatsmänner endlich zur Einsicht gekommen sind, daß der Krieg als ein un­menschliches und unsittliches Werkzeug der Politik mit Menschlichkeit und Sittlichkeit nicht mehr zu vereinbaren ist, vielmehr als ein Verbrechen geächtet zu -werden verdient, warum haben dann alle Staaten um die Wette gegenüber dem Kelloggpakt so viele Vorbehalte aller Art gemacht, daß dessen praktische Bedeutung am Ende wie­der gleich Null ist? Wenn der Krieg als »Werkzeug der nationa­len Politik« verpönt, aber auf der anderen Seite wieder erlaubt sein soll als »Folge von Bündnisverpflichtungen«, als »Sank­tionsmaßnahme«, nicht nur des Völkerbundes, nein, wie Ame­rika selbst sagt, auch als »Polizeiaktion« des einzelnen Staates, und schließlich als »rechtmäßige Verteidigung«, heißt das nicht eine Augenauswi­scherei schlimmster Art?… Wir kommen nicht über die Tatsache hinweg: Trotz Völkerbund, Locarno- und Kelloggpakt ist das Gespenst des Krieges heute vielleicht bedrohlicher als je.

Was Wilson 1917 als die große Dauerbedrohung des Völker­friedens bezeichnet hat, daß nämlich ein vom Sieger dem Be­siegten aufgezwungener Friedensvertrag nur einen Waffen­stillstand bedeute, bei dem der zurückgebliebene Stachel immer wieder dazu treibe, auf die große Revanche zu rüsten, das er­leben wir heute sichtbar vor unseren Augen. Und je mehr der Militarismus sich auf die Vorbereitung eines ausgesprochen chemisch-technischen Krieges einstellt, um so leichter erscheint es trotz aller aufgezwungenen Rüstungsbeschränkungen, die Zerstörung des Nachbarvolkes in aller Stille vorzubereiten …

Wollen die Völker den Krieg?

Aber, wird man mir einwerfen, ist diese Prognose nicht viel zu pessimistisch gesehen? Sind denn in Wirklichkeit die Völker so auf den Krieg eingestellt, so voll gegenseitigen Hasses und Vernichtungswillens, daß in der Tat ein Krieg zu befürchten ist? Ich antworte aus persönlicher Erfahrung und aus dem Ur­teil von Kennern der verschiedensten Völker heraus:

Die Völker, als Massen einzelner Menschen gesehen, sind wohl ausnahmslos in allen Staaten in ihrer Mehrheit auf den Frie­den eingestellt; sie wollen und wünschen nicht den Krieg, der auch im allergünstigsten Fall für die Masse des Volkes immer mehr Unglück als Vorteile mit sich bringt. Aber das ist eben das Entscheidende, daß die Völker fast gleichviel, ob sie nun in »Monarchien« oder »Demokratien« leben, eine bemitleidens­werte massa damnata Entrech­teter und Betrogener darstellen, die auf die Entscheidung von Krieg und Frieden soviel wie gar keinen praktischen Einfluß haben, vielmehr in der Hand un­einsichtiger oder gewissenloser Staatsmänner oder deren Drahtzieher, der 300 unsichtbaren Machthaber der Welt, als bloßes »Menschenmaterial« für bestimmte Zwecke oder In­teressen mißbraucht werden …

Was man heute »Krieg« heißt, das ist ein infernalisches Sy­stem von Lüge und Vergewalti­gung, durch das alle waffen­fähigen Menschen eines Volkes mit planmäßiger Betörung so­wie mit der rohen Gewalt unmittelbarer Lebensbedrohung gezwungen werden, für Ziele und In­teressen, die ihnen zu­meist fremd sind, jedenfalls bei voller Einsicht in die Sach­lage fremd wären, ihr Gut und Blut einzusetzen, ihre Nach­barn unterschiedslos als »Feinde« anzusehen und in erbarmungs­loser Kaltblütigkeit in Massen hinzumorden.

Keine Rede davon, daß etwa die Kriegsschuldigen, die wirk­lichen Friedensbrecher, dabei zu ihrer verdienten Strafe kämen! Ganz im Gegenteil! Bei der ungeheuren Kompliziertheit der heutigen politischen Vorgänge und ihrer Verursachungen sind diese »Friedensbrecher« gar nicht festzustellen. Sie sind unsichtbar, am unsichtbarsten da, wo es hart auf hart geht, vorn in den Schützengräben des Krieges …

Das Blutgeschäft

Wer einmal hinter die Kulissen dieser schauerlichsten Tragiko­mödie des Menschentums oder vielmehr Unmenschentums gese­hen hat, der ist wahrhaftig entsetzt über dieses Schauspiel, bei dem die Teufel der Hölle die Regisseure, die international vereinigten Profithyänen aller Län­der die Drahtzieher, die Politiker und Diplomaten die Schauspieler und Marionetten sind.

Der Krieg ist das Geschäft des internationalen Großkapitals, das seine Profite aus dem damp­fenden Blut der hingeschlach­teten Menschen zieht.

Beschleicht den nicht das Grauen, der bedenkt, daß etwa Amerikas Eintritt in den Weltkrieg maßgebend beeinflußt werden konnte durch das Finanzinteresse des Hauses Morgan, das sei­ne für England, Frankreich und Italien hinausgegebe­nen gewaltigen Rüstungskredite mit deren Zinsen nur im Fall des Sieges der Entente valorisiert sah? Oder der bedenkt, daß der Kanonenkönig Krupp die Hälfte seiner Produktion, zirka 27 000 Kanonen, an 52 verschiedene Staaten lieferte, so daß hüben wie drüben der Front Menschen mit Kruppschen Gra­naten zer­fetzt und zerrissen wurden? Daß derselbe Krupp noch während des Krieges über die Schweiz Frankreich mit Panzerplatten versah? Oder daß die Giftgasindustrie aller Länder sich bereits zu einem internationalen Konzern vereinigt, der in jedem Fall profitiert, welches Volk immer das zu ver­gasende Menschenmaterial im kommenden Krieg zu stellen be­rufen sein wird …

Und wenn man dann dazu bedenkt, daß auf allen Fronten in jedem Krieg angeblich die heilig­sten Güter verteidigt, die höchsten Ideale der Vaterlandsliebe angerufen werden, ja die Gott­heit selbst in den Dienst des Krieges gezerrt wird, der in Wirklichkeit nur ein wahrhaft diabo­lisches Geschäft von un­menschlichen Mächten darstellt – muß man da nicht beinahe verzwei­feln an Gott und den Menschen?

Aber verzweifeln nützt nichts. Resignieren heißt nur das Todesschicksal der Menschheit end­gültig besiegeln.

Wer einen Funken wahren Menschentums in sich trägt, wer erfaßt ist von den Kräften des Christentums, wahrlich, der müßte angesichts der Tatsachen, die ich zitiert habe, gewissen­los, ja ein Verbrecher genannt werden, wenn er nicht bereit wäre, seine ganze Kraft einzusetzen, um dieser drohenden Katastrophe der Menschheit Einhalt zu gebieten.

Aber was kann wirksam geschehen?

Was not tut

Was not tut, das ist die allgemeine Verbreitung der Einsicht in die Tatsachen, der Erkenntnis, daß der kommende Krieg in jedem Fall ein unerhörtes Unglück für jedes Volk, ob Sie­ger oder Besiegte, darstellt. Daß der Krieg von heute nur durch systematische Lüge erzeugt und ver­breitet und erhalten werden kann. Daß der »gerechte Krieg«, von dem die Mora­listen einmal schrieben – eine Notwehrverteidigung Über­fallener gegen Überfallende unter strenger Ein­schränkung der Kriegshandlungen auf die Kombattanten und unter Vermei­dung aller un­menschlichen Methoden –, daß dieser »gerechte Krieg«, wenn es ihn je gegeben hat, jeden­falls heute nur noch in der Theorie existiert. Daß der Krieg, wie er heute in Frage kommt, infolgedessen ohne Einschränkung ein Verbrechen ge­nannt werden kann, dem mit allen nur möglichen Mitteln ge­steuert werden muß.

Was not tut, das ist die Verbreitung des Glaubens, daß Friede und Gemeinschaft die gottge­wollten Formen des menschlichen Zusammenlebens sind und nicht Entzweiung und Krieg. Daß Interessengegensätze und Rechtsstreitigkeiten der einzelnen Völker wie der einzelnen Menschen nicht mit der rohen Gewalt des Faustrechtes, sondern nur im Geist der Ge­rechtig­keit, der gegenseitigen Rücksichtnahme und Verstän­digung auf menschenwürdige Art und zum Vorteil jedes Beteiligten überwunden werden können. Des Glaubens, daß Wahrheit und Gerechtigkeit und Liebe höher stehen als alle Idole des »sacro egoismo« der Vaterländer, und daß sie stär­kere Kräfte sind als Lüge und Vergewaltigung und Haß.

Was not tut, das ist die Verbreitung des begeisterten Willens, an dem Feldzug des Friedens, an der Arbeit für edles wahres Menschentum teilzunehmen mit nicht geringerem Opfermut als dies für die erlogenen Idole in den vergangenen Jahren des Krieges von den Menschen gefor­dert und geleistet wurde. Was not tut, das ist planmäßige Verbreitung und Organisie­rung des Friedens statt des Krieges, und zwar im Leben der Einzelnen und in der Politik der Völker nach innen und außen. Ja, was not tut, das ist der Zusammenschluß aller wahren Menschen aller Völker und Staaten zu planmäßiger Bekämp­fung des Krieges und der Kriegsvorberei­tung in jeder Form, zu planmäßigem Aufbau des Friedens und seines Geistes auf der ganzen Linie.

Menschen aller Völker und Staaten, vereinigt Euch gegen das Unmenschentum des Krieges, für eine neue Menschlichkeit des Friedens!

Was ich vertrete, das vertrete ich als Mensch, als Christ, als Katholik, als Priester und Herold des Reiches Gottes auf Erden.

Und wenn ich nach einer Gestalt suche, die gleichsam körper­lich all das zusammenfaßt, was ich sagen möchte, so wüßte ich außer dem Friedenskönig selbst, Christus, der sein »selig« den Friedensstiftern zurief und sein »wehe« denen, die zum Schwert greifen, ja ich wüßte nach Christus selbst niemand, der meine Gedanken besser gleichsam körperlich ausdrücken könnte als den Herold des großen Königs, den poverello von Assisi

Der Heilige von Assisi litt als wahrer Jünger seines Meisters schwer unter dem Mammons­dienst seiner Zeit, der auch in die heiligen Hallen der Kirche eingedrungen war und diese selbst in Räuberhöhlen zu verwandeln drohte; er litt schmerzlich unter der Zwietracht, die immer wieder Blut für Blut heischt und die Menschen in unchristlicher Feindschaft wider­einander hetzte.

So machte er sich auf als Herold des Reiches Gottes. Frei­willig arm geworden, selbst seiner ritterlichen Kleider sich entblößend, um ganz in wahrer Freiheit der Menschheit gegen­über­treten zu können, predigte er mit der ganzen Glut seiner Seele die Wahrheit, Gerechtigkeit, Liebe und den Frieden des Evangeliums.

Und es ist ergreifend, wie dieser Mann Gottes, der nichts als die Interessen des Gottesreiches auf Erden im Auge hatte, in dem blutigen Kampf zwischen Besitzenden und Besitzlosen sich entschlossen auf die Seite der »minores« – wir würden im modernen Sprachgebrauch fast sagen können, des Proletariates – stellte und die Brüder seines neuen Ordens bedeutungsvoll geradezu fratres minores, sagen wir es kühn, »Proletarier­brüder« nannte.

Und es ist ebenso interessant wie lehrreich, wie dieser schein­bar weltfremde Idealist den Krieg seiner Zeit überwand mit einem wahrhaft einfachen Mittel: Er verbot nicht nur den Brü­dern seines eigentlichen 1. Ordens, sondern auch den Mit­gliedern seines 3. Ordens, die zu vielen Tausenden aus allen Ständen in der Welt das Ordensideal zu verwirklichen suchten, kurz und entschlossen jedes Waffentragen und den Lehenseid, der die Verpflichtung in sich schloß, dem Lehensherrn auf jedem Waffengang zu folgen.

Das war für seine Zeit ein geradezu revolutionäres Wagnis. Denn dieser Lehenseid war ja eigentlich die Klammer des ganzen Feudalsystems, der »gesellschaftlichen Ordnung« seiner Zeit …

Es ist wahrhaft tragisch, daß derselbe Papst Leo XIII., der in scharfer Weise gegen die allge­meine Wehrpflicht Stellung nahm, daß ausgerechnet dieser Papst sich genötigt sah, von dieser Forderung in der Regel des hl. Franz zu dispensieren, weil – die Christen und Katholiken sei­nes Jahrhunderts in ihrer kritiklosen Liebedienerei gegenüber dem Götzen Staat den Sinn die­ser Bestimmung nicht mehr verstanden, geschweige denn sie gegenüber der Anmaßung des modernen Staates durchzusetzen wagten.

Der Herold des Friedenskönigs

Franz von Assisi möchte ich zum Herold und Bannerträger der Bewegung ausrufen, für die ich als Mensch und Christ und Katholik und katholischer Priester öffentlich eintrete.

Was zu den Zeiten Franz von Assisis erst in bescheidenstem Ausmaß bestand, dieses Überwu­chern des Erwerbs- und Ge­winnstrebens über den christlichen Dienstgedanken, das ist im modernen Kapitalismus ein allem Menschen- und Chri­stentum hohnsprechendes System geworden.

Was in seinen Tagen eine Überspannung des ursprünglichen Gedankens des Lehensverhält­nisses war, das ist heute eine wahrhaft gotteslästerliche Arroganz des modernen Götzen Staat geworden, der mit dem Leben seiner »Untertanen« ein ärgeres Spiel treibt, als dies von den alten heidnischen Herren mit ihren Sklavenherden geschah. Nicht mehr Hekatomben, Millio­nenopfer bringt dieser moderne Staat für seine Idole des Nationalismus und Imperialismus, ja zugunsten schnöder Pro­fitgier des internationalen Kapitalismus als »Menschen­material« auf dem Götzenaltar zum Opfer. Und ausgerechnet im Jahrhundert der »Gewissensfreiheit« ver­langt dieser Staat von seinen Bürgern, daß sie über alle Gewissensnot hinweg sich verpflich­ten sollen, nicht bloß ihr eigenes Leben in die Schanze zu schlagen für Ziele, die sie verab­scheuen, sondern auch an der Zerstörung fremden Lebens und Gutes ohne, ja wider ihre Über­zeugung wirksam mitzuwirken.

Dieser in der allgemeinen Kriegsdienstpflicht zum Ausdruck kommende schrankenlose Mach­tanspruch des Staates, seine Bürger für die von den Politikern und deren Hintermännern als heilige vaterländische Aufgabe ausgegebenen Zwecke zu gebrauchen und zu mißbrauchen, ist der Untergrund, auf dem die Kriegspolitik von heute verankert ist. Hier ist der ent­scheidende Punkt, an dem weitausgreifende Friedenspolitik auch einsetzen muß:

Sie muß den Staat seines Götzentums entkleiden und ihn auf seine naturrechtlich gegebenen Gewalten und Rechte be­schränken.

Sie muß aller darüber hinausgehenden Anmaßung des Staates ein entschiedenes Nein entge­gensetzen, das non licet des todes­mutigen Johannes, der für sein Nein freudig auch in den Tod ging.

Sie muß dadurch alle Kriegsberechnungen der Politiker, für die die Geschlossenheit des Vol­kes im Fall eines Krieges Voraus­setzung ist, von vornherein in Frage stellen, um dadurch den Politikern den Mut zum Krieg zu nehmen.

Sie muß dahin arbeiten, daß immer mehr Einzelmenschen und – das ist das Entscheidende – schließlich vor allem die großen Arbeiterparteien für diese Erkenntnis gewonnen wer­den und sich dann geschlossen dafür einsetzen und so auch jede Erzeugung und jeden Transport von Kriegsmaterial von vornherein mit allen Mitteln vereiteln.

Die Unmöglichkeit des Aufrüstens hat von selbst die Unmög­lichkeit des Krieges zur Folge.

Es muß die Friedensbewegung diesen radikalen Aktivismus auf sich nehmen aus heiliger Ge­wissensüberzeugung wie Franz von Assisi aus der hl. Ehrfurcht vor dem gottgeschaffenen Leben, das dem Zugreifen des Menschen entzogen ist durch das bedingungslose »Du sollst nicht töten!«, aus der Über­zeugung von der göttlichen Kraft heiliger Gewaltlosigkeit im Dienst des Reiches Gottes, aus der hl. Entschlossenheit w Verwirklichung dieses Reiches Got­tes auf der ganzen Linie. Das ist es, was den Frieden bringt, dieser Geist der letzten persönli­chen Selbstaufopferung, auch um den Preis des eige­nen Lebens, wie ihn Christus am Kreuz zahlte, der Selbst­aufopferung für Wahrheit, Gerechtigkeit, Liebe, Frieden, für das Reich Got­tes auf Erden …

Archiv der Societas Christi Regis, Meitingen.

Quelle: Klaus Drobisch, Wider den Krieg. Dokumentarbericht über Leben und Sterben des katholischen Geistlichen Dr. Max Josef Metzger, Berlin: Union 1970, 96-105.

Hier die Rede als pdf.

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