Ernst Benz über die heilige Höhle in der alten Christenheit und in der östlich-orthodoxen Kirche: „Die Kirche hat eine Art Rückwendung zur Höhle vollzogen, aber nicht mehr im alten Sinne, sondern in einem neuen Sinne, indem sie die Höhle in Beziehung setzte zu dem menschgewordenen Herrn, und die in der Höhle gleichzeitig die Geburtshöhle, die Auferstehungshöhle und die Offenbarungshöhle des Herrn erblickte.“

Die heilige Höhle in der alten Christenheit und in der östlich-orthodoxen Kirche

An Heilig Abend sehen wir in aller Regel die Krippe mit dem Jesuskind in einem Stall stehen. In Bethlehem wird jedoch der Geburtsort in einer Grotte, also in einer Höhle verortet. Ernst Benz hatte dazu 1953 im Eranos-Jahrbuch einen längeren Aufsatz über die heilige Höhle in der alten Christenheit und in der östlich-orthodoxen Kirche veröffentlicht. Abschließend schreibt Benz in Kapitel VIII:

In den kirchlich rezipierten Evangelien wird die Geburtshöhle, die Grabeshöhle und die Offenbarungshöhle nicht erwähnt. Auch Paulus nennt die Höhle nur ein einziges Mal bei der Aufzählung der Leiden des verfolgten Christen als die Zufluchtsstätte des unsteten Erdenpilgers auf seinem Leidensweg. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, als wäre hinter diesem Schweigen eine Absicht lebendig, die Absicht, jeden Zusammenhang der christlichen Offenbarung mit dem heidnischen Höhlenkult zu negieren. In diesem Schweigen und Verschweigen wirkt sich die Tatsache aus, daß das Judentum die ganze Dauer seiner alttestamentlichen Entwicklung hindurch einen erbitterten Kampf gegen die Religion der Muttergöttin geführt hat und in immer neuen Säuberungen dem immer neuen Eindringen dieses Kultus in das jüdische Volksleben entgegentrat und die jüdische Frömmigkeit gegen die Religion der Muttergöttin mit ihren orgiastischen Komponenten zu immunieren versuchte – eine Entwicklung, in der das Eindringen der Weisheitsspekulation in der letzten Periode eines Vordringens der Religion der Muttergöttin in vorchristlicher Zeit die einzige Ausnahme darstellt.

Gerade dieses Fehlen, ja das bewußte Ignorieren des Höhlensymbols muß man sich vor Augen halten, um die ganze Bedeutung der Tatsache zu verstehen, daß sich das Höhlensymbol trotzdem in der alten Kirche des Ostens in der Ikonographie, in der Liturgie, in der Theologie und in der asketischen Lebensform in einer so umfassenden und vielseitig entfalteten Weise durchgesetzt hat, wie dies aus dem Dargelegten hervorgeht. Offenbar genügte es nicht, diese Schicht einfach zu ignorieren und zu unterdrücken. Die neuesten Forschungen über die Kultmalereien der prähistorischen Höhlen in Frankreich und Spanien, die Prof. Kühn in Mainz in seinem Werk über die Höhlenmalerei der Eiszeit vorgelegt hat, zeigen, daß bestimmte Höhlen im Innersten weit verzweigter Höhlensysteme, weit entfernt von den eigentlichen, weiter vorn gelegenen Wohnhöhlen, nachweislich über einen Zeitraum von mindestens 30000 Jahren hinweg als Kulthöhlen gedient haben. Es finden sich gelegentlich zwei bis drei Schichten von Höhlenmalereien übereinander, deren unterste, älteste noch die Mammute zeigt. Die Mammute starben aus, aber der Kult der Menschen in der Höhle blieb, neue Tiergattungen traten auf und starben wieder aus, wurden Gegenstand und Symbol kultischer Verehrung, aber der Mensch blieb und der Höhlenkult blieb. Der prähistorische Höhlenkult ist von einer Dauer und Kontinuität, der gegenüber auch die ältesten historischen Hochreligionen als recht jugendlich erscheinen, und der gegenüber auch die bisherige Periode der christlichen Kirche als verhältnismäßig kurz bezeichnet werden muß. In den historischen Religionen des alten Orients scheinen sich im Kult der Muttergöttin Traditionen und Symbole der alten Höhlenreligion fortgesetzt zu haben. Ich erwähne dies nicht, um religionsgeschichtliche Vergleiche anzustellen, sondern nur um eines klarzumachen: die heilige Höhle gehört offenbar zur tiefsten Schicht und zu den ältesten Ausdrucksformen menschlicher Religiosität. Sie hat auch die religiöse Erfahrung und die religiöse Anschauung, in einem gewissen Sinn auch das religiöse Bewußtsein der Menschheit am längsten geformt.

Die Kirche hat die jahrzehntausendealte religiöse Erfahrung, Anschauung und Symbolik, die die Menschheit im Verlauf ihrer Urgeschichte angesammelt hatte, nicht unbeachtet liegen gelassen oder unterdrückt, sie hat die Höhle erleuchtet. Sie hat eine Art Rückwendung zur Höhle vollzogen, aber nicht mehr im alten Sinne, sondern in einem neuen Sinne, indem sie die Höhle in Beziehung setzte zu dem menschgewordenen Herrn, und die in der Höhle gleichzeitig die Geburtshöhle, die Auferstehungshöhle und die Offenbarungshöhle des Herrn erblickte. Sie hat auch das uralte Symbol der Höhle als eine Verheißung auf Christus gedeutet. An die Stelle der Magna Mater tritt die jungfräuliche Gottesmutter, an die Stelle des hieros gamos tritt die apokalyptische Vereinigung der irdischen Gemeinde mit ihrem himmlischen Herrn. So hat sich auch in dem Ablauf der Religionsgeschichte die schöpferische Kraft des Christentums ausgewirkt, die in dem Wort der Johannesapokalypse beschlossen liegt: «Siehe, ich mache alles neu», nicht im Sinn einer totalen Zerstörung alles Alten und Früheren um des Neuen willen, sondern im Sinn einer Umwandlung und Neuformung, die in den Urbildern und Symbolen des Alten die Verheißung einer bereits beginnenden Erfüllung sieht.

Hier der vollständige Aufsatz als pdf.

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