Christoph Blumhardt, Predigt über Matthäus 9,35-38: Jesu Sorge um das Volk (1909): „Nehmt uns die helfende Hand Gottes in den vielen Krankheits- und Leibesnöten der Menschen und gebt uns bloß einen Heiland, der Sitten predigt, der uns allerlei Neuigkeiten lehrt, bloß einen moralischen Helden, dann werden wir wieder sehr traurig.“

Predigt über Matthäus 9,35-38: Jesu Sorge um das Volk

Von Christoph Blumhardt

Wir können erfahren, wie wir regiert werden, wie uns Licht ge­geben wird in unserm Leben. Wir können uns einmal auch schämen müssen, wenn wir in allerlei Not fast aus dem Häus­chen gekommen sind und uns gar nicht mehr recht Gottes Tun haben vorstellen können, weil wir nicht ruhig genug gewesen sind; aber ohne uns viel Vorwürfe zu machen, erscheint plötz­lich der Heiland in unserem Haus, in dieser und jener Familie, und ehe wir uns versehen, ist die Not wieder vorbei, es scheint wieder eine freundlichere Sonne, und wir können aus tiefstem Herzen sagen: »Gott sei Lob und Dank!«

Ja, wenn das Evangelium predigen bloß in unserem Munde läge, dann wäre es übel bestellt. Wenn ich denken müßte, ich müsse herumlaufen oder Menschen müssen herumlaufen und schöne Reden halten, und das sei dann das Evangelium, dann wäre ich traurig; denn das geht nicht. Aber Jesus Christus – jetzt nicht mehr im Fleisch gebunden, jetzt nicht mehr eingeengt durch die rein irdischen Verhältnisse der Menschen, jetzt erhöht und doch um uns – er kann Evangelium predigen! Oder meint ihr, er habe es aufgegeben und sitze bloß im Himmel und rühre sich nicht mehr und warte, bis ihr es tut? Wahrlich, was er in seinem Leben getan hat, das tut er heute auch noch und ist in die Mög­lichkeit versetzt, in den Gebieten, die wir nicht sehen, und auf den Wegen, die uns nicht bekannt sind, in tausendfacher Weise Evangelium zu predigen dadurch, daß er etwas tut, daß Men­schen immer wieder sagen müssen: »Ich habe es auch erlebt.« Dieses Evangelium geben wir nicht preis. Es ist eine Zeit heute, die meint, man müsse gescheiter sein als vor alters. Aber nehmt uns die helfende Hand Gottes in den vielen Krankheits- und Leibesnöten der Menschen und gebt uns bloß einen Heiland, der Sitten predigt, der uns allerlei Neuigkeiten lehrt, bloß einen moralischen Helden, dann werden wir wieder sehr traurig. Der Heiland geht um und bessert auch unsere Leiber. Der Heiland geht in Städte und Märkte und läßt in allerlei Seuchen, Krank­heiten seine Tat erfahren. Auf einmal gibt es wieder ein Aufle­ben, ein Gesundwerden und wiederum sagen wir: »Gott sei Lob und Dank!«

Da meint man oft, es sei gar nicht durchzukommen; denn die Leute werden verzweifelt, und in ihren vielen Leibesnöten werden sie auch dumm; sie finden den Ausweg nicht mehr wie ein Reh, das sich in der Schlinge gefangen hat; das wehrt sich, und die Schlinge zieht sich immer mehr zusammen. Und so werden die Leute ratlos, auch in ihrem Geistesleben werden sie wie Kranke und nicht nur in kleinen Verhältnissen, auch in den großen Verhältnissen der Völker begegnen wir einer derartigen Todesdecke, daß man sich fast nicht mehr zu raten und zu hel­fen weiß und niemand zurecht kommt, kein König und kein Minister und kein Parlament. Da muß der Heiland wenigstens bei Einzelnen umgehen, daß Einzelne still werden und sagen: Er wird mich schon heilen, er wird schon auch an unser Leibes­leben kommen. Und wenn es noch nicht im Großen geht bei al­len, so will ich wenigstens still horchen.

Mein Vater hat einmal zu mir gesagt: »Wenn alle Leute laufen, dann bleibe du stehen! Das gebe ich dir als Lebensregel mit. Wenn alle Leute aufgeregt sind, dann ziehe dich zurück! Wenn alles schimpft, dann denke du an gute Sachen!« Das muß man tun. Ich sage es heute allen: was mir mein Vater ins Ohr gesagt hat, das muß man tun und dann erfährt man, daß der Heiland umgeht, wenn auch nur bei Einzelnen, soweit sie die Türe auf­machen. Er kann leider noch nicht überall hinkommen, aber ein stiller, geduldiger Geist macht ihm die Türe auf. Der Schreiende, der Tobende, der Rasende, der schließt die Tür, und der Heiland findet keine Gelegenheit, sein Evangelium mit der Tat auch an den Leibern zu beweisen. Man muß es tun.

Gehalten am 6. Februar 1909 in Bad Boll.

Quelle: Christoph Blumhardt, Ansprachen, Predigten, Reden, Briefe: 1865-1917, hrsg. v. Johannes Harder, Bd. 3: Geliebte Welt 1907-1917, Neukirchen-Vluyn 21982, S. 35-37.

Hier die Predigt als pdf.

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