Martin Luther über die selbstbezügliche Vernunft: „Man mag die Torheit der Vernunft verzeihen, von der sie meint, sie sei die höchste Gerechtigkeit und Weisheit; man mag sie verhüllen und einschränken, – trotzdem kann sie es nicht lassen, weise sein zu wollen in den Sachen Gottes.“

Über die selbstbezügliche Vernunft

Wo immer Martin Luther auf die ratio bzw. die Vernunft mit einem sich selbst begründenden Geltungsanspruch zu sprechen kommt, ist sein Urteil grundsätzlich negativ, so auch in seiner letzten Predigt in Wittenberg, gehalten am 17. Januar 1546 – also ein Monat vor seinem Tod – über Römer 12,3:

Wie ich aber von der Sünde der sinnlichen Begierde rede, was alle verstehen, so muss ich auch von der Vernunft reden, die mich in geistlicher Hinsicht für Gott blendet und schändet, wie die sinnliche Lust meinen Leib, so dass sie ein viel gräulicheres Hurenübel und eine viel schändlichere Brunst in sich birgt als ein unzüchtiges Weib. Der Abgöttische läuft dort einem Abgott nach, »unter jedem Baum und grünen Holz«, wie die Propheten sagen, so wie hier ein Hurentreiber einer Hure nachläuft. Die Schrift heißt die Abgötterei »Hurerei« und meint damit die Heiligkeit und Weisheit eben dieser Vernunft. Wie haben sich die Propheten herumgeschlagen mit der Abgötterei, der schönen Hure! Die ist ein Wild, das sich nicht leicht fangen lässt. Man mag die Torheit der Vernunft verzeihen, von der sie meint, sie sei die höchste Gerechtigkeit und Weisheit; man mag sie verhüllen und einschränken, – trotzdem kann sie es nicht lassen, weise sein zu wollen in den Sachen Gottes. Da müssen wir ihr wehren wie die Propheten, die gesagt habend ›Nicht auf den Bergen noch in den Tälern noch unter den Bäumen dienet Gott, sondern in Jerusalem, wo der von Gott zu seinem Dienst bestimmte Ort, wo sein Wort ist.‹ Die Vernunft dagegen sagt: ›Ich bin zwar berufen, beschnitten und mir ist befohlen, dass ich nach Jerusalem gehen soll; aber hier ist eine schöne Wiese und dort ein herrlicher Berg: wenn ich da einen Gottesdienst einrichte, das wird Gott und allen Engeln im Himmel gefallen. Sollte Gott ein solcher Gott sein, der sich nur an Jerusalem anbinden lässt?‹ Diese Weisheit der Vernunft heißen die Propheten Hurerei; ebenso Paulus.

Calwer Lutherausgabe, hrsg. v. Wolfgang Metzger, Bd. 6: Predigten über den Weg der Kirche, Stuttgart 1996, S. 37f. Vgl. WA 51, 123-134.

Hier der Text als pdf.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s