Søren Kierkegaard in seiner Rede über Hiob im Lichte des Glaubens: „Falls der Einzelne dennoch in seinen Gedanken das Entsetzliche erlebt, geängstigt wird von der Vorstellung, was das Leben an Grauen und Not bergen möge, und wie doch niemand wisse, wann die Stunde der Verzweiflung für ihn schlage, so sucht sein beschwerter Sinn Zuflucht bei Hiob, verweilt bei ihm, läßt sich von ihm zur Ruhe bringen.“

Hiob im Lichte des Glaubens

Von Søren Kierkegaard

Da stund Hiob auf, und zerriß sein Kleid, und raufte sein Haupt, und fiel auf die Erde, und betete an, und sprach: Ich bin nacket von meiner Mutter Leibe kommen, nacket werde ich wieder dahinfahren. Der Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genommen; der Name des Herrn sei gelobt! (Hiob 1,20-21)

Nicht allein den heißen wir einen Lehrer der Menschen, welcher dank einer besonderen Gunst des Glücks entdeckt, oder dank unermüdlicher Anstrengung und durchgreifen­der Ausdauer erforscht hat die eine oder andere Wahrheit, und das Gewonnene hinterlassen hat als ein Lehr­stück, wel­ches die nachfolgenden Geschlechter sich mühen zu verstehen und mit diesem Verstehen sich anzueignen; sondern auch den heißen wir, vielleicht in einem noch strengeren Sinne, einen Lehrer der Menschheit, welcher keine Lehre hatte, sie an­dern zu übergeben, sondern dem Geschlecht lediglich sich selber hinterlassen als ein Vorbild, sein Leben als eine An­leitung für jeden Menschen, seinen Namen als eine Bürg­schaft für die vielen, seine Tat als eine Aufmunterung für die Versuchten. Solch ein Lehrer und Führer der Mensch­heit ist Hiob, seine Bedeutung liegt keinerwege in dem was er gesagt, sondern in dem was er getan. Freilich hat er einen Ausspruch hinterlassen, der dank seiner Kürze und Schöne zum Sprichwort ge­worden ist, von Geschlecht zu Geschlecht weitergegeben, und niemand ist so vermessen ge­wesen, et­was hinzuzufügen oder fortzunehmen; indes der Ausspruch selber ist nicht das Weg­weisende, und Hiobs Bedeutung liegt nicht darin, daß er ihn gesagt, sondern darin, daß er ihm nachgekommen ist mit der Tat. Das Wort selbst ist freilich schön und des Überlegens wert; wofern jedoch ein andrer es gesagt hätte, oder wofern Hiob anders gewesen wäre, oder wofern er es gesagt hätte bei andrer Gelegenheit, wäre auch das Wort selber ein andres gewor­den, bedeu­tungsvoll, wenn anders es dies sein sollte, dadurch, daß es gesprochen ward, nicht je­doch bedeutungsvoll dadurch, daß er handelte, indem er es sprach, daß das Aussprechen sel­ber eine Handlung gewesen. Wofern Hiob sein ganzes Leben daran gewandt hätte, dies Wort einzuschärfen, wofern er es für die Summa und Vollendung dessen gehalten hätte, was ein Mensch vom Leben sich lehren lassen soll, wofern er le­diglich fort und fort andre es gelehrt hätte, jedoch nie selbst es damit versucht, nie selbst gehandelt hätte, indem er es aussprach, so ist Hiob ein anderer, seine Bedeutung eine andre. Alsdann wäre Hiobs Name vergessen, oder es wäre doch gleichgültig, ob man ihn weiß, die Hauptsache wäre des Wortes Gehalt, die Ge­dankenfülle, die etwa darin liegt. Hätte das Geschlecht das Wort angenommen, so wäre dieses es, was da das eine Geschlecht dem andern übergäbe; jetzt hingegen ist es Hiob selbst, wel­cher das Geschlecht auf dem Wege anführt. Wenn also das eine Geschlecht ausgedient hat, sein Werk vollbracht, seinen Kampf ausgestritten, dann ist Hiob sein Führer gewesen; und wenn das neue Ge­schlecht mit seinen unübersehbaren Scharen und in diesen jeder einzelne an seiner Stelle, dasteht, bereit die Wander­schaft zu beginnen, dann ist Hiob abermals zur Stelle, nimmt seinen Platz ein, den des äußersten Vorpostens der Menschheit. Sieht das Geschlecht in glücklichen Zeiten nichts als frohe Tage, so geht Hiob getreulich mit, und falls der Einzelne dennoch in seinen Gedanken das Entsetzliche erlebt, geängstigt wird von der Vorstellung, was das Leben an Grauen und Not bergen möge, und wie doch niemand wisse, wann die Stunde der Verzweiflung für ihn schlage, so sucht sein beschwerter Sinn Zuflucht bei Hiob, verweilt bei ihm, läßt sich von ihm zur Ruhe bringen; denn er geht getreulich mit, und tröstet freilich nicht so, als hätte er ein für allemal erlitten, was von nun an nie mehr erlitten werden soll, je­doch er tröstet als einer, der da bezeugt: das Entsetzliche ist erlitten, das Grauen erlebt wor­den, der Verzweif­lung Streit ist durchgekämpft, Gott zur Ehre, ihm zum Heil, andern zu Nutz und Frommen. An frohen Tagen, in glücklichen Zeiten, geht Hiob dem Geschlecht zur Seite und verbürgt ihm seine Freude, kämpft wider den angst­vollen Traum, daß plötzliches Grauen einen Menschen über­fallen könne und Macht haben, ihm die Seele zu morden gleich einer sicheren Beute. Einzig der Leichtsinnige könnte den Wunsch haben, Hiob möge nicht dabei sein, sein ehr­würdiger Name solle ihn nicht an das mahnen, was er zu vergessen sucht, daran, daß es Entsetzen gibt im Leben und Angst; einzig der Selbstsüchtige könnte den Wunsch ha­ben, Hiob möge nicht da sein, die Vorstellung von seinem Lei­den mit ihrem strengen Ernste solle ihm seine kümmerliche Freude nicht stören, ihn nicht aufschrecken aus seiner in Versto­ckung und Verlorenheit trunkenen Sicherheit. In stürmischen Zeiten, wenn des Daseins Grundfesten wan­ken, wenn der Augenblick erbebt in angstvoller Erwartung dessen, was da kommen möge, wenn jede Erklärung ver­stummt beim Anblick des wilden Aufruhrs, wenn des Men­schen Innerstes sich in Verzweiflung windet und »in der Seele Bitternis« gen Himmel schreit, da geht Hiob immer noch dem Geschlecht zur Seite und bürgt dafür: es gibt einen Sieg, bürgt dafür: mag auch der Einzelne im Streit verlie­ren, es gibt dennoch einen Gott, und er wird, gleich wie er eine jede Versuchung menschlich sein läßt, er wird sogar, wo ein Mensch nicht in der Versuchung bestünde, ihren Ausgang dennoch so sein lassen, wie wir es zu ertra­gen vermögen, ja, herrlicher als menschliche Erwartung je es gedacht. Einzig der Trotzige könnte wünschen, Hiob sei nicht da, auf daß er seine Seele ganz und gar freimachen könne von der letzten Liebe, die doch noch übrig wäre in der Verzweiflung Klageschrei, auf daß er dermaßen klagen, dermaßen das Leben verfluchen könne, daß in seiner Rede auch nicht ein Ton von Glaube, Vertrauen und Demut mitschwän­ge, auf daß er in seinem Trotz den Schrei zu er­sticken vermöge und es nicht etwa den An­schein habe, als gebe es da einen, den der Schrei herausfordere. Einzig der Weichmütige könnte wünschen, Hiob sei nicht da, auf daß er je eher desto lieber jeden Gedanken fahren lassen, jede Regung aufgeben könne in der widerwärtigsten Ohnmacht, sich selber ausstrei­chen könne in dem elendesten und jäm­merlichsten Vergessen.

Das Wort, welches, sobald es genannt wird, an Hiob er­innert, das Wort, welches, sobald Hiobs Name genannt wird, in jedermanns Gedanken lebendig und gegenwärtig wird, ist ein einfältiges und schlichtes Wort, birgt keinerlei geheime Weisheit in sich, die von den Tiefsin­nigen erst er­gründet werden müßte. Wenn das Kind dies Wort lernt, wenn es ihm anvertraut wird als eine Mitgabe, von der es nicht begreift, wozu sie gut sein soll, so versteht es das Wort, versteht darunter wesentlich das Gleiche wie der Aller­weiseste. Gleichwohl versteht das Kind es nicht, oder rich­tiger, es versteht Hiob nicht, denn was es nicht begreift, ist alle die Not, alles das Elend, darinnen Hiob versucht ward. Davon vermag das Kind nur eine dunkle Ahnung zu haben; dennoch wohl dem Kinde, welches das Wort verstünde, und von dem, was es nicht begreift, den Eindruck empfinge, daß es das Allerentsetzlichste sei, und ehe denn Leid und Widerwärtigkeit sein Denken geschmeidigt hätten, die überzeugende und kindlich lebendige Entscheidung zu eigen hätte, es sei in Wahrheit das Entsetzlichste! Wenn der Jün­gere sein Denken auf dies Wort richtet, so versteht er es, und versteht darunter wesentlich das Gleiche wie das Kind und wie der Allerweiseste. Gleichwohl versteht er es vielleicht nicht oder richtiger, er versteht Hiob nicht, wo­her denn alle die Not, alles das Elend kommen solle, dar­innen Hiob versucht ward; dennoch, wohl dem Jüngeren, welcher das Wort verstünde, und unter das, was er nicht verstünde, sich demütig beugte, ehe denn Drangsal sein Denken eigen­willig machte, so als ob er entdeckte, was nie­mand zuvor gekannt! Wenn der Ältere dies Wort überlegt, so versteht er es und versteht darunter wesentlich das Glei­che wie das Kind und wie der Allerweiseste. Er versteht auch die Not und den Kummer, darinnen Hiob versucht ward, gleichwohl versteht er Hiob vielleicht nicht, denn er vermag nicht zu verstehen, wie Hiob im­stande gewesen, es zu sprechen; dennoch wohl dem Manne, welcher das Wort verstünde, und was er nicht verstünde bewundernd festhielte, ehe denn Kummer und Not ihn mißtrauisch machten auch gegen Hiob! Wenn der Versuchte, der den guten Kampf gekämpft, indem er des Wortes gedacht, es nennt, so versteht er das Wort und versteht darunter we­sentlich das Glei­che wie das Kind und wie der Allerwei­seste, er versteht Hiobs Elend, er versteht, wie Hiob das Wort zu sprechen vermochte. – Er versteht das Wort, er dolmetscht, mag er gleich auch nie darüber gesprochen haben, es herrlicher als der, welcher ein ganzes Leben daran gewandt, einzig dies Wort zu erklären.

Allein der Versuchte, der das Wort versucht hat, indem er selber versucht ward, allein er dol­metscht das Wort recht, allein einen solchen Jünger, einen solchen Dolmetsch be­gehrt Hiob, allein er lernt von Hiob, was zu lernen ist, das Schönste und Seligste, im Vergleich mit dem alle andre Kunst oder Weisheit gar so unwesentlich ist. Darum heißen wir Hiob recht eigent­lich einen Lehrer der Menschheit, nicht bloß den einzelner Menschen, weil er vor einen jeden hintritt als sein Vorbild, einen jeden lockt mit seinem herr­lichen Beispiel, einen jeden anruft in seinem schönen Wort. Ansonst ist es unterweilen wohl so, daß der Einfältigere, der Min­derbegabte, oder der von Zeit und Umständen min­der Begünstigte, ob zwar nicht mit Neid, so doch mißmutig und betrübt, sich Fähigkeit und Gelegenheit wünscht, das begreifen, darein sich vertiefen zu können, was die Weisen und Gelehrten zu unterschiedlichen Zeiten erforscht haben, daß er ein Verlangen in der Seele spürt, auch selber einmal andre belehren zu können, und nicht immer bloß Belehrung zu empfangen: Hiob versucht ihn solchermaßen nicht. Was sollte die menschliche Weisheit hier auch helfen; sollte sie etwa das verständlicher zu machen suchen, was der Ein­fältigste und das Kind leichtlich verstanden und ebenso gut verstanden wie der Allerweiseste! Was sollte der Wohlredenheit Kunst und des Wortes Gewalt hier hel­fen; sollte sie imstande sein, im Redner oder in irgend einem Menschen sonst das zu erzeu­gen, was der Einfältigste ebenso gut ver­mag wie der Weiseste – die Handlung! Sollte die menschliche Weisheit nicht eher alles weit schwieriger machen, sollte der Wohlredenheit Kunst, die doch in aller ihrer Herrlichkeit nie vermag zu gleicher Zeit das Verschiedene aus­zudrücken, welches zugleich in des Menschen Herzen wohnt, nicht eher die Kraft der Tat betäuben, und sie einlullen in weitläuftiger Überlegung! Indes, möge dies nun auch fest­stehen, und möge infolgedessen der Einzelne es auch zu vermeiden streben, daß er mit seiner Rede sich störend eindränge zwi­schen den Kämpfenden und das schöne Vorbild, welches einem jeden Menschen gleich nahe ist, um ihm nicht, indem er ihm die Weisheit mehrt, auch das Grämen zu mehren, und möge er darauf achten, daß er sich nicht selber fange in den prunken­den Worten menschlicher Überredung, die gar so unfruchtbar sind: daraus folgt doch keiner­wege, daß die Überlegung und die Erörterung nicht ihre Bedeutung hät­ten. Falls der Überle­gende das Wort nicht im voraus kennte, wäre es ihm ja jederzeit dienlich, es kennen zu ler­nen; falls er das Wort zwar kennte, jedoch keinen Anlaß in seinem Leben gehabt hätte, es zu erpro­ben, wäre es ihm ja dienlich, wenn er verstehen lernte, was er vielleicht einmal in der Lage wäre, brauchen zu müssen; falls er es erprobt hätte, aber das Wort betrogen, wenn er freilich auch meinte, das Wort habe ihn betrogen, dann wäre es ja dienlich, wenn er es noch einmal überlegte, ehe daß er in des Streites Unruhe und des Kampfes Eile abermals vor dem Worte die Flucht ergriffe. Vielleicht bekäme alsdann die Überlegung für ihn einmal ihre Be­deutung, es könnte vielleicht ge­schehen, daß die Überlegung in seiner Seele lebendig und gegenwärtig würde, gerade dann wenn er sie nötig hätte, um die verwirrten Gedanken des unruhigen Her­zens zu durchdringen; es könnte vielleicht geschehen, daß das von der Überle­gung Stück für Stück Verstandene sich auf ein­mal wiedergeboren im Augenblick der Ent­scheidung sam­melte, daß das von der Überlegung in Verweslichkeit Ge­säte am Tage der Not auferstünde im unver­weslichen Le­ben der Tat.

Aus der Rede über Hiob (Vier erbauliche Reden 1843).

Quelle: Søren Kierkegaard, Gesammelte Werke. 7-9. Abteilung: Erbauliche Reden 1843/44, über. von Emanuel Hirsch, Düsseldorf/Köln: Eugen Diederichs, 1956, S. 5-10.

Hier der Text als pdf.

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