Paul Schempps Rundfunkansprache über die Bergpredigt zum 1. Mai 1947: „Das ist das Anliegen Gottes in der Bergpredigt, dass das Leiden fruchtbares Leiden und die Freude fruchtbare Freude, daß der Reichtum fruchtbarer Reichtum und die Armut fruchtbare Armut sei. Daran dürfen die Menschen beteiligt und interessiert sein. ‚Alles, was ihr wollt, daß euch die Leute tun, das tut ihr ihnen auch.’“

Die Bergpredigt (1. Mai 1947)

Von Paul Schemmp

Wenn ich einmal in den Himmel komme — und ich komme gewiß nicht hinein, weil ich ein besonders guter und frommer Mensch wäre (das bin ich gar nicht), sondern wenn ich hinein­komme, dann nur deshalb, weil einer drinnen ist, der auch schon einmal als Mensch wie wir auf unserer Erde unter wenig erfreulichen Umständen und unter wenig erfreulichen Menschen gelebt hat und der erklärt hat, er sei gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist, und weil ich das glaubwürdig finde und so gut ich kann auch glauben möchte — wenn ich also einmal in den Himmel komme, dann möchte ich gerne zu Gott folgendes sagen: „Sieh, lieber Gott, da auf der Erde sind sehr, sehr viele Menschen, die ihr Brot sauer verdienen, die sich plagen und schaffen und doch nicht genug zu essen haben, die ihrer Arbeit nicht froh wer­den können. Die einen brauchen nicht zu schaffen und haben genug und wollen immer noch mehr, die andern müssen schaf­fen und haben zu wenig und es wird immer weniger, die dritten dürfen nicht schaffen und möchten so gerne, die vierten können nicht schaffen und es ist zu wenig da, um sie zu versorgen. Alle haben sie einmal mächtig geschafft und es wurde viel gepredigt vom Adel der Arbeit, aber sie wurden aus Menschen zu Arbeitstieren und die Mäch­tigen haben die andern klein gemacht mit Peitsche und Zuckerbrot und schließlich war alles nur zum Zerstören und Zerstörtwerden und jetzt regieren Mangel, Ratlosigkeit und Ver­bitterung. Sie haben da einen Tag der Arbeit eingeführt, an dem sie von der Arbeit feiern, aber auch die Arbeit feiern und ehren. Sie wollen damit gewiß zeigen, daß sie nicht Arbeitssklaven sind, sondern auch frei leben wollen von ihrer Arbeit, und sie wollen damit zeigen, daß sie auch ehrlich schaf­fen und ein Recht auf Arbeit haben wollen. Aber es ist fast unmög­lich, jedem die rechte Arbeit zu geben, niemand zuviel aufzuladen und das Schmarotzen und Aus­beuten zu verhindern. Von Einigkeit reden sie viel, aber sie werden und sind eben nicht einig. Es scheint immer schwerer und unmöglicher zu werden: gerechte Verteilung der Arbeit und gerechte Verteilung des Arbeitsertrages. Wirtschaftsord­nung heißen sie das. Aber wollen sie auch noch so gut planen, so stimmts nicht und fehlts, und man klagt über Zwang und sinnlose Bürokratie. Und wollen sie möglichst viel Freiheit lassen, so stimmts erst recht nicht und fehlts, und man schreit nach Zwang und strengen Gesetzen und Strafen. Da wär’s doch Zeit, lieber Gott, daß du etwas eingreifen und für mehr Vernunft und Verständnis sorgen würdest, sonst streiten sich nur noch die Anspruchsvollen und die Verzweifel­ten, und die meisten sehen nur noch zu, wie’s schlimmer wird, oder fragen nichts mehr nach Recht und Treu und Glauben.“ So etwa wollte ich im Himmel sagen, aber vielleicht würde ich’s auch vergessen vor lauter Erstaunen, daß ich da wäre und daß es da keine Probleme mehr gibt, sondern lauter Feiertag und Freude und Überfluß ohne Langeweile und ohne Streit. Aber auch wenn ich es sagen würde, so käme ich wahrscheinlich doch zu spät damit und Gott würde ant­worten: „Das weiß ich alles viel besser als Du, aber was vernünftig und gut ist und was ich haben will, das könnten die Menschen schon längst wissen, sie können ja lesen und hören und können’s auch nicht leugnen, aber sie wollen ja nicht. Schon die Hirten von Abraham und Lot haben um Weide und Brunnen gestritten und es hat ihnen wahr­haftig nicht an Land und Wasser gefehlt. Ich habe es aber nie fehlen lassen an ständigen Bekanntgaben meines Willens und ständigen Ein­ladungen, das Gute, und deshalb auch Vernünftige und Erfolgreiche zu tun und auf der Erde als Menschen und Brüder einträchtig bei­einander zu wohnen. In allen euren Städten und Dörfern da unten wird seit Jahrhunderten die Nächstenliebe gepredigt, aber jeder er­wartet und verlangt sie vom andern und schiebt die Schuld auf den andern, wenn sie so selten ist; und schließlich schiebt ihr die Schuld auf mich, daß ich euch kein schönes menschliches Dasein gönne und verschaffe und daß ich zusehe, wie all euer Sorgen und Organisieren und Gesetz­machen umsonst ist.“ — Da müßte ich Gott wohl Recht geben und doch würde ich nicht ein­fach schweigen, sondern kühn noch sagen: „Ja, aber du hast doch den Menschen versprochen, du würdest dich ihrer annehmen und sie nicht im Stich lassen, aber sie merken nichts davon und glauben’s nicht, wenn man ihnen sagt, du seist der Vater der Menschen und ihr guter Herr.“

Aber freilich, hier endet meine Phantasie, denn ich kann mir nicht denken, daß einer auch im Himmel noch den Hiob spielen wollte und könnte, der Gott zur Rechenschaft zieht und an­klagt, daß er so un­begreiflich ist. Hier auf der Erde, da kommt es freilich vor (und das ist wahrhaftig verständlich), daß einer an Gott verzweifelt und dann auch sicher schließlich an der Welt verzweifelt, wenn er nicht gerade stumpfsinnig oder eingebildet wird. Aber wenn man hier im Radio für diesen Tag der Arbeit nun eine religiöse Feierstunde angesetzt hat, so wollte man doch sicher auch das damit sagen: Es ist noch nicht Zeit zum Verzweifeln, man kann sich auch besinnen und erinnern lassen an Werte, die Kraft und Mut geben und ein we­nig weiterhelfen. Und so hat man mir gesagt, ich solle über die Bergpredigt hier sprechen.

Nicht wahr, Sie haben diese Bergpredigt schon manchmal rühmen hören als eine Summe herrlicher Lebensregeln und vielleicht im Stillen lebhaft zugestimmt: ja, so müßten wir Men­schen sein und leben, dann würde es anders und besser aussehen auf der Welt. Aber wer diese Predigt liest, der kommt nicht ganz durch ohne Kopf schütteln: Wie soll denn das möglich sein? Wer kann denn darnach leben und han­deln? Vielleicht ein paar ganz Fromme und Heilige, aber wir Durch­schnittsmenschen nicht. Da heißt es: ihr sollt nicht sorgen und sagen, was werden wir essen, was werden wir trinken, womit werden wir und kleiden? Da heißt es: sorget nicht für den andern Morgen! Widerstrebet nicht dem Übel! Wer dir den Rock nehmen will, dem laß auch den Mantel! Liebet eure Feinde! oder: Schwöret nicht! Rich­tet nicht! Wer mit seinem Bruder zürnt, der ist des Gerichts schuldig! Oder gar: Seid vollkommen wie Gott! Da ist es verständlich, wenn viele und gerade ernste und ehrliche Menschen sagen: Unmög­lich! Das heißt den Menschen überfordern! Wir sind nun einmal keine Engel! Im Beruf, in der Wirtschaft, im Staat müssen andere Regeln gelten. Wo käme man gerade heute hin, wenn man nicht sorgen würde, wenn man sich nicht wehren würde, wenn man den Kampf ums Dasein nicht aufnehmen würde! Ja, es ist verständlich, daß es am Schluß der Bergpredigt von den Hörern heißt: das Volk entsetzte sich über seine Lehre. Verständlich ist es auch, wenn man da mit viel Scharfsinn herumerklärt und sagt: Es sei das natürlich nicht wörtlich gemeint, die Bergpredigt ziele nur auf eine fromme Gesinnung, oder: Es seien das

Ideale, denen man nachstreben müsse, wenn sie auch hoch und un­erreichbar seien. Mag auch Wahres in solchen Auslegungen stecken, so laufen sie leider alle auf fatale Zweiteilung hinaus: im Himmel ist das Wirklichkeit, aber nicht auf der Erde; in der Kirche allenfalls, aber nicht in der Welt; im Herzen vielleicht, aber nicht im prak­tischen Leben. Man hat auch schon gesagt, diese Bergpredigt wolle nur alle überführen, daß sie böse und ungehorsam seien und niemand vor Gott bestehen könne; oder man hat sie energisch zur Anklage gegen die Kirchen und gegen die Christen ins Feld geführt, daß sie selbst nicht tun, was sie predigen. Mag auch das wahr sein, aber viel mehr wahr ist, daß diese Bergpredigt sich als erfüllbar erwiesen hat einfach dadurch, daß der sie erfüllt hat, der diese Worte gepredigt hat. Die Hörer, so lesen wir auch, haben gemerkt: Das ist einer, der Vollmacht hat, der den Auftrag und die Berechtigung hat, das zu sagen. Und mehr noch, Jesus hat dafür garantiert, daß seine Worte in Kraft und Geltung bleiben und also auch Wirklichkeit werden sollen. Das Reden von der Unmöglichkeit der Erfüllung ist also widerlegt und hinfällig. Wir können natürlich dabei bleiben oder es zu­gestehen, daß wir diese Regeln nicht erfüllen, daß uns das zu streng und zu schwer ist. Das mag schon stimmen und wir werden es dann auch besser unterlassen, über die andern zu schimpfen, die sich im täglichen Leben auch so wenig an die Bergpredigt halten. Aber wir haben dann vielleicht noch gar nicht gemerkt, daß die Bergpredigt mit Seligpreisungen an­fängt und gar kein Gezeter macht über die böse Welt und über die schlim­men Zustände und den Zerfall der Moral. Ein Schatten fällt freilich gerade auf die frommen und religiösen Men­schen, auf die, die viel und auffällig beten, auf die, die ihren guten Ruf als Wohltäter zu wah­ren und zu mehren wissen, auf die, die beweisen, wie ernst sie das Leben nehmen und wie frei sie von Genußsucht und Leichtsinn sind. Aber das sind bloß Schatten, bloß Beispiele, wie man’s nicht machen soll. Das Licht ist woanders. Das Licht, das blendend helle, große Licht der Bergpredigt ist eine überaus fröhliche Nachricht, auch heute noch und wieder eine Überra­schung für jedermann; die Berg­predigt will sagen: Du darfst damit rechnen, du darfst davon aus­gehen, du darfst es ganz getrost gelten lassen, daß Gott der Gott der Menschen, aller Men­schen und also auch dein Gott ist, der wirklichen Menschen, der Guten und der Bösen, und zwar der Gott, der sich der Menschen annimmt, dem diese Menschen wichtig sind, der ganz von sich aus für sie sorgen will und sorgt, der seine Allmacht zugunsten des Menschen ein­setzt, der zwar verborgen regiert und auch ins Ver­borgene sieht, aber der die Regeln seiner Herrschaft bekanntmacht. Und eben die Verfassung seiner Herrschaft ist die Bergpredigt; nicht die ganze Verfassung ist sie, aber ein guter und herrlicher Ausschnitt; auch nicht die Verfassung für den Himmel, sondern für die Men­schen dieser unserer Erde. Es ist eine freie Verfassung, d. h. sie gibt dem Menschen Freiheit, so große Freiheit, daß sie sogar den Ver­kün­diger und Erfüller dieser Verfassung umbringen durften und jeden, der darnach lebt, entehren und unterdrücken können; aber es ist eine gute, eine wohltätige, eine das Recht und den Frieden und die Wohl­fahrt sichernde Verfassung. Wer sich darnach richtet, den vergleicht die Bergpredigt einem Manne, der sein Haus auf den Felsen baut, der also sicher leben kann in allen Stürmen und Verheerungen und Ge­fahren, die den Menschen bedrohen. Diese Ver­fassung rechnet wohl damit, daß es Revolutionäre gibt, die diese Verfassung zerbrechen wol­len, oder solche, die protestieren oder kritisieren, die alles besser wissen und die mit ihren Prinzipien und Weltanschauungen, mit stu­rem Ernst, mit Berufung auf den Zwang der Ver­hältnisse oder auch aus Leichtsinn und Unwissenheit von dieser Verfassung absehen zu kön­nen oder zu müssen glauben. Sie bauen zwar auf Sand und ver­lieren den Boden der Wirk­lichkeit und schaden sich selber, aber die Verfassung bleibt und gilt und ist auch für diese Menschen, gerade für sie wohltätig und richtig und barmherzig. Wenn man heute sogar im politischen Leben manchmal vom Geist der Bergpredigt reden hört, so meint man damit gewiß nicht den Geist brutaler, unmenschlicher Forderungen, den Geist der Unterdrückung und Zwangsherrschaft, der Rachsucht, der Ausbeutung durch den Staat oder durch die Be­sitzenden oder die Unternehmer, sondern man meint da wirklich und ganz mit Recht den Geist rechtverstandener Humanität, rechtverstan­dener Freiheit, rechtverstandener sozialer Haltung, man meint damit wohl auch, daß mit diesem Geist auch der Wirtschaft und dem Staat, dem Bürgertum und der Arbeiterschaft besser gedient sei als mit allen Zeitungen und Parlamenten und Reden und Gesetzen.

Noch einmal sage ich, man hat recht damit, nur sollte man dazu nicht — und besonders die, die Christen sein wollen, sollten das nicht — so schnell verraten, daß man diese Bergpredigt doch nicht kennt oder doch nicht genug kennt, nicht so, wie es gut und wün­schenswert wäre. Wenn man diese Verfassung liest, so muß einem auffallen, daß da die bestehenden Unter­schiede unter den Menschen bekannt und ernstgenommen sind, die innerlichen und die äußer­lichen. Da ist von Armen und Reichen, von Guten und Bösen, von Klugen und Törichten, von Freunden und Feinden, von Gerechten und Ungerechten, von Ehrlichen und von Heuchlern die Rede, und so könnte man noch lange fortfahren: von Wichtigtuern und von Ein­fältigen, von Streithähnen und von Friedlichen bis zu den Richtern und Schriftgelehrten, den Dieben und Ehebrechern, den Heiden und den Frommen. Aber dann muß uns auch auffallen, daß die Berg­predigt mit einer ganz erstaunlichen Parteinahme oder besser Aus­zeichnung sich einsetzt für die Armen, für die Leidenden, für die Rechtlosen und Unterdrückten, für die kleinen und unauffälligen und bescheidenen Leute. Glücklich, selig heißt Jesus diese Unglücklichen. Warum denn? Weil die Herrschaft Gottes, das Himmelreich oder die Macht Gottes, sein Recht und seine Güte gerade für sie eintritt, auf ihrer Seite steht, ja ihnen gehört und zukommt. Es wird da ge­sagt, daß kein Grund zum Sorgen, zum Schätzesammeln, zum Großseinwollen, zum Anklagen besteht, weil Gott selber die Not und Ohnmacht der Menschen in seine Ver­antwortung nimmt. Es wird da aufgefordert, die Welt und die Menschen mit ganz anderen Augen anzusehen, als es gewöhnlich geschieht, nämlich als eine Welt und als Menschen Got­tes, und zwar ganz schlicht und wahr, des lieben und gerechten Gottes. Die Menschen sind da als Kinder Gottes angeredet, trotz ihrer Selbständigkeit und Eigenwilligkeit, und Gott wird Vater genannt, trotzdem die Kinder so ungleich und so uneins sind. Aber das ist nun keine all­gemeine Behauptung vom Dasein eines guten Vaters droben überm Sternenzelt, sondern da wird erzählt, wie die­ser Vater regiert, wie er wirtschaftet, wie er eingreift, wie er Recht schafft, wie er sich die Anliegen der Menschen anhört, wie er tröstet und Ordnung schafft und selbst die Blumen und die Vögel nicht ver­gißt. Da geschieht etwas, da entsteht Geschichte. Da wirkt nicht die Macht des Schicksals und nicht ein mechanischer Zwang, sondern da fallen Entscheidungen und da sind die Menschen voller Verantwor­tung beteiligt. Daß Gott mächtig genug ist, dem Willen der Menschen eine Grenze zu setzen, ihm zu wehren, ihn zu bestrafen und schließ­lich auch unschädlich zu machen, das ist kein Zweifel. Das ist in die­ser Verfas­sung durchaus vorausgesetzt und auch ausdrücklich voraus­gesagt im Bild vom unfruchtbaren Baum, der umgehauen und ver­brannt wird. Aber das Erstaunliche ist, daß zum Guten niemand ge­zwungen wird. Dieses Stück der Verfassung der Herrschaft Gottes zielt also auf die Freiheit und Freiwilligkeit der Menschen und garantiert und schützt sie.

Aber müssen da nicht die Frechen, die Macht- und Profitgierigen, die Boshaften und Selbst­süchtigen, die Rechtsbrecher und die offenen oder heimlichen Gauner schließlich die Ober­hand gewinnen? Nein, sagt die Verfassung. Ich stehe ja auf Seiten der Armen, der Erniedrig­ten und Beleidigten, der Entrechteten und Verstoßenen. Die Vertreter der Christenheit könn­ten dies gerade heute zu ihren eigenen Gunsten sehr viel ernster nehmen, und nicht bloß in privatem Wohlwollen und Mitleid mit Almosen und guten Worten, sondern eben in Gehorsam gegen diese Verfassung und darum auch im Großen, im politischen Leben, in Wirtschaft und Industrie und Landwirtschaft und in den Parteien entsprechend handeln; dann würde man mehr von der Gül­tigkeit dieser Verfassung merken und nicht erst warten, bis die mäch­tigen Bäume wieder einmal abgehauen werden und die Reichtümer verrosten oder enteignet wer­den. Diese Bergpredigt ist ja eine Ver­fassung, eine Rechtsordnung, nicht ein Aufruf und Manifest zum Brechen der Ketten, zum Bändigen der Bösen, zum Umsturz der Ver­hältnisse, zum Tauschen der Plätze. Von Feindesliebe, von Barm­herzigkeit, von Vergebung, von Sanftmut, von Friedestiften, von ganz fröhlicher, sorgloser, unauffälliger, selbstverständlicher Über­legenheit im Tun des Guten und Rechten und Vernünftigen und Not­wendigen gegenüber allen ist die Rede, also nicht bloß zu Gunsten der Armen, sondern auch der vermeintlich Reichen und Sicheren und Gewaltigen, nicht bloß zu Gunsten der Guten, sondern auch zu Gun­sten der offensichtlich Bösen und Bösartigen. Ihr Tun wird nicht ge­billigt, sondern einfach widerlegt. Wer auf Grund seiner Erfahrung, im Bann der angeblich zwingenden Realitäten des Lebens, ja mit dem Beweisgrund der ganzen Weltgeschichte einschließlich der Kirchen­geschichte da einwenden will: unmöglich! So geht es nicht!, dem muß von dieser Bergpredigt aus gesagt werden: Im Gegenteil, nur so geht es, alle anderen Wege sind erfolg­los und waren schon immer erfolglos; und ihre Erfolglosigkeit wird schließlich endgültig ans Licht kommen. Gewiß sind andere Lebensversuche immer auch eine Zeitlang erfolg­reich, manchmal sogar überraschend lange, je nachdem sie sich in klei­nerem oder größerem Ge­gensatz zur Bergpredigt halten; aber wirk­lich erhaltend, fördernd und ganz von selbst erfolg­reich ist immer nur die in dieser Verfassung festgelegte Freiwilligkeit des mensch­lichen Daseins füreinander auf Grund dessen, daß Gott für den Men­schen, für sein Leben, seine Ehre und Freiheit und für sein Wohl­ergehen ist wie ein Vater für seine Kinder, auch für die Unge­zogenen. Man wird freilich einwenden müssen: Der Anschauungsunterricht des Alltags ist aber doch ein ganz anderer: Da ist der Existenzkampf un­vermeidlich, da platzt Recht auf Recht, Anspruch auf Anspruch, Mensch auf Mensch; da unterliegt, wer sich nicht wehrt, da entschei­det letztlich die Macht, da gilt das Gesetz der Wiedervergeltung und da ist auch der Friede nur durch Gewalt zu sichern und in der Kon­kurrenz siegt der Rücksichtslose. Das müssen wir zugeben. Auch die Bibel sagt: Der Gerechte muß viel leiden. Auch die Bibel klagt: Wa­rum geht es den Gottlosen so wohl? Der Sieg und Erfolg der Berg­predigt ist nicht offen vor aller Augen. Eigentlich gibt es da nur ein Ereignis, das selber nicht von uns bewie­sen werden, sondern nur sich selbst beweisen kann als Sinn und Kraft der Bergpredigt. Das ist Ostern. Da ist der Sanftmütige, der Bescheidene, der Barmherzige, der Friedfertige, ja der Geschlagene wirklich und wahrhaftig der Sieger. Mir ist gegeben alle Gewalt, heißt es von ihm. Man kann auch das ein Märchen heißen und damit den christlichen Glauben ab­lehnen; aber die Wahrheit und Wirklichkeit hängt ja nicht vom Glauben ab. Es ist freilich kaum zu leugnen, daß die Kirchen, die so­viel Zeit und Kraft verwenden und verschwenden, sich um sich selbst zu kümmern, sich selbst zu verteidigen, zu sichern, zu entschuldigen und zu bauen, mit daran schuld sind, daß die Bergpredigt noch so sehr die verborgene und noch so wenig die offenkundige Verfassung der Menschheit ist. Ganz und für alle offenkundig wird ja das erst hinterher werden, wenn der Prediger dieser Bergpredigt sich selber als ihr Garant und Erfüller zeigt; aber Merkzeichen, Hinweiszeichen für die Gültigkeit und Kraft dieser Verfassung sind eben doch nicht abzustrei­ten. Licht der Welt und Salz der Erde nennt die Bergpredigt die Hörer, Licht das hinausstrahlt, Salz, das konserviert. Das sind die Menschen, die wirklichen Menschen, die da in der ganzen trübseligen Nacht der Weltgeschichte und mitten im Leichengeruch der Gegen­wart, von der man so gerne wegstrebt oder auch wegträumt in Ver­gangenheit oder Zukunft hinein, nun doch ganz getrost leben und schaffen und leiden. Solche Menschen, die wissen, wer in Wahrheit regiert, an wessen Segen in Wahrheit alles allein liegt und nach welch barmherziger Verfas­sung neben und hinter und trotz unserer erbar­mungslosen Wirklichkeit regiert wird, die füllen auch heute noch ihren Platz aus, die stehen immer ein bißchen mehr in der Wirklich­keit als in der Illusion, die sind immer ein bißchen mehr um den Nächsten bekümmert als um sich selbst, die sind immer ein bißchen näher bei der Sache als bei ihrer eigenen Person, die sind immer ein bißchen weniger anspruchsvoll, aber auch ein bißchen weniger ver­zweifelt als die andern, die wachsen eben wie gute Bäume, die nicht für sich, sondern für andere Frucht bringen. Das ist das Anliegen Gottes in der Bergpredigt, daß das Leiden fruchtbares Leiden und die Freude fruchtbare Freude, daß der Reichtum fruchtbarer Reichtum und die Armut fruchtbare Armut sei. Daran dürfen die Menschen beteiligt und interessiert sein. „Alles, was ihr wollt, daß euch die Leute tun, das tut ihr ihnen auch.“ Das ist das Ganze. Willst du, daß es dir gut geht, so sorge dafür, daß es deinem Nachbarn gut geht, sagt ein Sprichwort. Das ist eine gute Regel fürs Haus und für das Wirt­schaftsleben, für die Stände und für die Völker. Die Bergpredigt läßt keinen Platz für Anarchisten und keinen für Despoten, keinen Platz für Fatalisten und keinen für Fanatiker. Da sind einfach die Men­schen auf den Plan gerufen, daß es weniger menschelt und dafür menschlicher zugeht. Es ist ein schmaler Weg, aber dafür ein gang­barer Weg und vor allem ein Weg für Freiwillige, die ihre Zeit nützen und deshalb auch Zeit haben, die Lust zum Schaffen haben, aber auch Freiheit zum Feiern. Wenn Sie gemerkt haben, daß die Bergpredigt keinen Anlaß gibt, Gott oder die Welt anzuklagen, oder sich mit seinem Un­vermögen zu entschuldigen, daß sie aber allen An­laß gibt, trotz aller Not und nicht zuletzt der eigenen Hilflosigkeit zum Trotz in dieser Welt, in der Gott seine Sonne über Gute und Böse scheinen und über Gerechte und Ungerechte regnen läßt, fröhlich seine Straße zu ziehen, gerade fröhlich über diese barmherzige Regie­rungsform und Verfassung Gottes, dann haben Sie ein wenig von der Bergpredigt und ein wenig vom Geist des Bergpredigers verstanden.

Zuerst abgedruckt in „Unterwegs“ 1947, Heft 5, S. 1-8.

Quelle: Paul Schempp, Erhebt eure Häupter. Rundfunkreden aus den Jahren 1946-1950, hrsg. v. Ernst Bizer, Bad Cannstatt: Müllerschön, o. J., S. 27-37.

Hier die Rede als pdf.

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