Gustav W. Heinemann, Selbstbestimmung – theologisch im Evangelischen Staatslexikon von 1966: „Nirgendwo sonst ist Völkergeschichte primär oder zentral Got­tesgeschichte. Die Zerstreuung der Menschen in die Verwirrung ihrer Sprachen und damit in ihre völkischen Gegensätzlich­keiten ist ein Gericht Gottes. Thema des Alten Testamentes und des Neuen Testamentes blei­ben über diese Entstehung der Völker hinaus allein der alte Bund Gottes mit Israel und der neue Bund mit der Gemeinde aus allen Völkern.“

Zur theologischen Beurteilung des Selbstbestimmungsrechts

Von Gustav W. Heinemann

Zur Rechtfertigung eines Selbstbestimmungsrechts der Völker und der damit in der Regel an­gestrebten Veränderung bestehen­der Verhältnisse sind je und dann auch theologische Argu­mente verwendet worden. Insbesondere die Behauptung, daß das Volk eine sogenannte Schöpfungsordnung Gottes sei, legt die Ableitung eines göttlichen Rechtes auf einen eigenen nationalen Staat als Mittel zur Selbstverwirklichung des Volkes bis hin zu dem An­spruch auf Zusammenfassung aller seiner Glieder in einem eige­nen Staat und auf die Selbstbestimmung seiner Lebensordnung nahe. So hat sich beispielsweise die nationalsozialistische Bewe­gung samt ihren theologischen Vor- und Mitläufern fälschlicher­weise solcher Thesen bedient.

Es trifft zu, daß der Wille der Völker, sich je für sich als selbstän­diges Staatswesen zu kon­stituieren und sich selber zu regieren, natürlich ist. Er hat sich zu jeder Zeit als bewegendes Element der Geschichte erwiesen. Gleichwohl läßt sich ein Selbstbestimmungs­recht der Völker theologisch nicht ableiten. Die einzige schöp­fungsmäßige, von Gott gesetzte unab­änderliche Bestimmtheit jedes Menschen besteht darin, daß er Mann oder Frau und daß er Kind seiner Eltern oder Elternteil seiner Kinder ist. Von daher gibt es im Bereich von Mann und Frau sowie von Kindern und Eltern einen besonderen Gehorsam. Dagegen gibt es weder eine schöpfungsmäßig permanente Bestimmtheit des Menschen hin­sichtlich seiner Zugehö­rigkeit zu einem bestimmten Volk noch eine Verheißung Gottes hinsichtlich der Existenz der Völker oder eine besondere Gestalt seines Gebotes hinsichtlich ihres Verhält­nisses zueinan­der. Die Zugehörigkeit des einzelnen Menschen nach Sprache, Sitte, Lebensraum und Ge­schichte zu diesem und nicht jenem Volk ist eine Fügung Gottes, die er dankbar ehren darf, die aber auch mit seinem Willen oder gegen seinen Willen verloren und durch eine andere abgelöst werden kann. Darum darf der Mensch in seiner Zugehörigkeit zu einem bestimmten Volk nur eine Platzanweisung für den von ihm geforderten Dienst sehen, nicht aber einen An­spruch auf Teilhabe an einer völkischen Selbstverwirklichung oder auf eine persönliche Ent­faltung.

Die biblische Offenbarung kennt nur ein Volk, das in der Geschichte Gottes mit der Mensch­heit eine heilsgeschichtliche Sendung und damit eine eigene Bedeutung als Volk hat. Dies ist das Volk Israel, das Gott zu seinem Bundesvolk erwählte.

Nirgendwo sonst ist Völkergeschichte primär oder zentral Got­tesgeschichte. Die Zerstreuung der Menschen in die Verwirrung ihrer Sprachen und damit in ihre völkischen Gegensätzlich­keiten ist ein Gericht Gottes. Thema des Alten Testamentes und des Neuen Testamentes blei­ben über diese Entstehung der Völker hinaus allein der alte Bund Gottes mit Israel und der neue Bund mit der Gemeinde aus allen Völkern. Der in Christus geoffenbarte Sinn der Völ­kergeschichte ist darum nicht die Entfaltung von Völkerindividualitäten, sondern die Ausbrei­tung seines Evangeliums unter den Völkern. Die Völker als solche kommen und gehen, sie vermischen sich und sie zerfallen; des ist die Welt­geschichte voll. Darum entspricht wohl die Vielzahl der Völker oder die Völkerwelt in ihrer Buntheit einem Willen Gottes. Nicht aber kann jedes Volk für sich oder gar ein einzelnes in seiner – zeitweiligen – Existenz eine Schöp­fungsordnung Gottes in dem Sinne sehen, daß ihm ein besonderer Auftrag zuteil sei. Alle Überhöhung des Völkischen in eine Heilsordnung oder auch nur in einen Anspruch auf Selbst­verwirklichung geht fehl. Was Gott einem Volk schenkt, wird nicht zu dessen Eigentum oder zum Selbstzweck, sondern bleibt Mittel zur Erfüllung seiner Aufgabe, dem Evangelium Raum zu geben. Gott liebt nicht das Wesen der Völker, sondern die Seinen in allen Völkern. Zu einem göttlichen Selbstbestimmungsrecht der Völker führt deshalb von der Offen­barung aus keine Brücke. Das Selbstbestimmungsrecht ist nicht mehr, aber auch nicht weniger als ein politisches Prinzip, dessen Qualität allein nach seiner Bedeutung für die Bewahrung des Frie­dens unter den Völkern und für die Verwirklichung von Freiheit und Gerechtigkeit zu beurtei­len ist.

Diese theologische Sachlage schließt nicht aus, daß auch die Kirche grundsätzlich oder im Einzelfall dort, wo es dem Frieden, der Freiheit oder der Gerechtigkeit dient, für das Selbst­bestimmungs­recht der Völker eintritt. Sie kann es um dieser mitmenschlichen Werte willen legitim tun. In der Tat hat das Selbstbestimmungs­recht nicht nur bei nationalen Kirchen, son­dern auch in der Voll­versammlung des ökumenischen Rates der Kirchen (zum Beispiel in Neu-Delhi 1961 anläßlich der Angola-Frage) und in seiner Kommission der Kirchen für inter­nationale Angelegenheiten in solchem Sinne wiederholt eine Rolle gespielt.

Wesentlich bleibt, daß kirchliche Erklärungen zum Selbstbestim­mungsrecht sich von der Inanspruchnahme göttlicher Gebote frei­halten. Wohl aber kann die Kirche geltend machen, daß das Menschenrecht der Glaubens- und Gewissensfreiheit zur Ent­wicklung des Selbstbe­stimmungsrechts der Völker beigetragen hat. Als sich in den Vorläufern der amerikanischen Neu-England-Staaten des 16. und 17. Jahrhunderts der Vorrang der Glaubens- und Gewis­sensfreiheit vor aller staatlicher Gewalt zu einem das Wesen dieser Staaten bestimmenden Elemente entwickelte, wurde ein entscheidender Durchbruch zur freiheitlichen Demokratie vollzogen. Ihre Entfaltung führte aus den Konsequenzen des da­mit aufgeschlossenen poli­tischen Leitbildes auch zum prinzipiel­len Selbstbestimmungsrecht der Völker. Die Unabhän­gigkeits­erklärung der Neu-England-Staaten (1776) fußt bereits auf diesem Grundsatz.

Artikel »Selbstbestimmung – theologisch« in: Evangelisches Staatslexikon, 2. A., 1975.

Quelle: Gustav W. Heinemann, Glaubensfreiheit – Bürgerfreiheit. Reden und Aufsätze Kirche – Staat – Gesellschaft 1945-1975, hrsg. v. Diether Koch, München: Chr. Kaiser 21990, S. 213-215.

Hier der Text als pdf.

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