Helmut Gollwitzer, Miteinander und füreinander leben. Predigt über das 4. Gebot: „Ehren heißt: dem Schwächeren seine Würde lassen, oft auch: dem in Unehre Gefallenen seine Würde wiedergeben, ohne die er nicht Mensch sein kann. Wer ehrt, der nützt nicht die eigene Stärke zur Entwürdigung und zur Erniedrigung des Schwächeren aus.“

Miteinander und füreinander leben. Predigt über das 4. Gebot

Von Helmut Gollwitzer

„Ehre deinen Vater und deine Mutter, damit deine Tage lang währen auf dem Ackerboden, den der Herr, dein Gott, dir gibt“ (2.Mose 20,12).

In dem ersten und sehr geliebten Schullesebuch, das ich als Volksschüler benützte, stand neben anderen schönen und unvergeßlichen Geschichten auch eine zum 4. Gebot: Ein Mann sieht seinen kleinen Jungen Holzlöffel schnitzen und fragt ihn nach dem Zweck. Der Junge antwortet: „Die brauche ich, wenn ich mal groß bin; dann setze ich dich in die Ecke, wo jetzt der Großvater sitzt, und dann mußt du wie er aus einer Holzschüssel mit einem Holzlöffel essen.“ Der Mann erschrickt und ändert die Behandlung des Großvaters. Den hatte man, weil er nicht mehr säuberlich essen konnte und auch mal ein Geschirr zerbrach, mit Holzgerät in die Ecke gesetzt, wo sein Anblick keinen mehr störte und wo er niemandem mehr im Wege war.

Die Geschichte will also vor einem Fehlverhalten gegenüber alten Eltern warnen. Warum wirkt sie so altmodisch? Weil der aus dem Wege geräumte, in die Ecke abgeschobene Großvater heute zur Normalität geworden ist! Wie selten sind noch die Großeltern, die inmitten der Großfamilie ihren Lebensabend verbringen! Wie selten ist die Situation dieser Geschichte; in der, weil die Generationen zusammenlebten, ihre Mahnung aktuell war! Die Ecke, in der dieser Großvater sitzt, hat sich im Zeitalter der Kleinwohnung und der Kleinfamilie verwandelt in Tausende von Altersheimen, in die die Großeltern verbracht werden. Dort sind sie aus dem Weg. Das sage ich nicht als Vorwurf; ich weiß, wie viele unter dem Zwang, so mit ihren Eltern umgehen zu müssen, leiden und sich Vorwürfe machen, aber in vielen Fällen gibt es keine andere Wahl. Wollte man unter dieser Bedingung die Mahnung dieser alten Geschichte auf die heutige Zeit übertragen, dann dürfte sie sich nicht dagegen richten, daß der Großvater in der Ecke sitzt, wohl aber müßte sie lauten: Bedenkt, daß auch ihr einmal alt sein werdet, und tut euren Eltern alles an Liebe an, was ihr euch dann von euren Kindern wünschen werdet! Besucht sie viel, schreibt ihnen oft, schickt die Enkel und Urenkel zu ihnen, kontrolliert die Verhältnisse in ihrem Altersheim, versorgt sie mit Geld, habt Geduld mit den Eigenheiten des Alters, denkt euch immer neue Freuden für sie aus, zeigt ihnen auf allerlei Weise eure Dankbarkeit und eure Achtung, wie wunderlich und hinfällig sie auch werden mögen!

Ihr merkt: Mit dieser Lesebuchgeschichte habe ich nicht die Situation ins Auge gefaßt, an die man beim 4. Gebot gewöhnlich denkt, nämlich die Erziehungssituation, das Verhalten der Kinder, der kleinen und der heranwachsenden zu ihren Eltern. Ich fürchte, weil man das 4. Gebot meist so verstanden und verwendet hat, hat es für viele Menschen einen so unerfreulichen Klang bekommen. Da wird es dann zu einer Waffe der Eltern gegen die aufsässigen Kinder. Neben den sonstigen Waffen, die Eltern gegen die Kinder haben, neben der körperlichen Stärke und der ganzen Abhängigkeit von den Eltern, in der sich die Kinder befinden, können die Eltern im Kampf um ihre Autorität und um ihre Macht über die Kinder nun auch noch die Berufung auf Gottes Gebot einsetzen, um strikten Gehorsam zu verlangen. Gott erscheint als Bundesgenosse der Eltern in diesem Machtkampf, als ein strenger Über-Vater, und kein Wunder, daß sich der Widerwille der aufbegehrenden Kinder dann auch gegen diesen Über-Vater richtet. Der große Berliner Theologe Schleiermacher hat als munterer junger Mann eine Art Anti-Katechismus geschrieben unter dem Titel „Katechismus der Vernunft für edle Frauen“, und in diesem Katechismus lautet – in einer Zeit, in der die Erziehung noch ganz auf dieser Autoritäts- und Gehorsamsvorstellung aufgebaut war! – das 4. Gebot als ein Anti-Gebot für die Eltern, nicht für die Kinder formuliert: „Ehre die Eigentümlichkeit und die Willkür deiner Kinder, auf daß es ihnen wohl ergehe und sie kräftig leben auf Erden!“ Zwar sind diese alten Erziehungsmethoden heute in Verruf geraten, aber in einem Lande mit so viel Kinderfeindlichkeit und so viel erschreckenden Kindermißhandlungen ist ein solches Gebot immer noch höchst aktuell. Heute finden wir ja weithin nebeneinander strenge, autoritäre Erziehung und gänzliche Erziehungslosigkeit und Hilflosigkeit der Eltern gegenüber ihren Kindern, und manche Eltern schwanken in ihrer Erziehungspraxis ratlos zwischen den beiden Extremen hin und her.

Dazu wäre viel zu sagen, und die Gemeinde ist hoffentlich ein Ort, wo auch darüber hilfreich miteinander gesprochen werden kann. Nur heute, beim 4. Gebot, ist gerade dies, die ganze Erziehungsproblematik, nicht unser Thema. Denn es steht im 4. Gebot nicht das, was man jahrhundertelang hineingelesen hat, wie man an allen Katechismen sehen kann, z. B. an Luthers Auslegung des 4. Gebots in seinem Kleinen Katechismus: „Was ist das? Wir sollen Gott fürchten und lieben, daß wir unsere Eltern und Herren nicht verachten noch erzürnen, sondern sie in Ehren halten, ihnen dienen, gehorchen, sie lieb und wert haben.“ Es steht aber im 4. Gebot nichts von den „Herren“, an die Luther gleich neben den Eltern denkt, um seine Obrigkeitslehre unterzubringen; es steht hier nichts von den Fürsten, der Obrigkeit, den Lehrern und den Arbeitgebern; es steht auch nichts vom Gehorchen da. Es bezieht sich nach Meinung der meisten heutigen Ausleger nicht auf die Situation der Erziehung, an die man gewöhnlich denkt, und es ist darum nicht den Eltern in die Hand gegeben, damit sie es gegenüber den Kindern geltend machen, wenn sie mit ihren Gehorsamsforderungen nicht mehr weiterkommen. Das Wort „Ackerboden“ gibt uns einen Hinweis auf die eigentliche Meinung des 4. Gebots: Es geht samt der angefügten Verheißung an den, der den Ackerboden bebaut.

Das zeigt, daß das Gebot in einer agrarischen Kultur formuliert worden ist. Auf dem Lande kann man das heute noch erleben: Der Sohn, der Hoferbe, ist längst schon erwachsen und verheiratet; die Alten wollen aber immer noch nicht übergeben. Jahrelang häuft sich der Groll im Sohne an, daß er seine besten Jahre als Knecht auf dem eigenen Hof verbringen muß. Endlich aber ist es soweit: die Alten können nicht mehr, sie müssen nun doch übergeben und in die kleine Austragswohnung umziehen, und nun sind sie von ihm abhängig, der so lange von ihnen abhängig gewesen war, nun kann er sich rächen, nun läßt er sie zappeln, wenn sie etwas brauchen, nun geizt er mit dem Essen und der Kleidung und dem Geld, nun zeigt er ihnen, daß sie nur noch überflüssig und lästig sind. Und da setzt Gottes Gebot ein!

Zum Schutz der Schwächeren

Alle Gebote auf der 2. Tafel des Dekalog, die sich auf unser Verhalten zu unseren Mitmenschen beziehen, haben, genau betrachtet, zweierlei gemeinsam: 1. Sie beziehen sich alle auf Situationen, in denen andere schwächer sind als wir, in denen wir die Macht haben, ihnen etwas Übles anzutun, sie zu schädigen an ihrem Leib, ihrem Hab und Gut, ihrer Ehe, ihrer Ehre. Darum 2.: in ihnen allen tritt Gott auf als der Schützer der Schwächeren gegen unsere Macht, gegen den Mißbrauch unserer Macht. Darum und nur darum sind Gottes Gebote strenge Gebote, für uns oft unbequem, oft unserem Willen entgegengesetzt: weil Gott hier als der Bundesgenosse der Schwächeren auftritt, als der Schützer derjenigen, die in irgendeinem Sinne unserem eigensüchtigen Zugriff preisgegeben sind.

So ist das 4. Gebot nicht eine Verstärkung der Stärke der Eltern gegen die Kinder, sondern ein Schutz der Schwäche der Alten gegen die Jungen. Als die Jungen sind wir die an Macht Zunehmenden, als die Alten sind wir die an Macht Abnehmenden. Im Kampfe der Generationen gegeneinander versuchen oft die Alten ihre Machtposition gegen die Jungen möglichst lange festzuhalten, die Jungen nicht ranzulassen, sicherzustellen, daß möglichst lange alles nach ihrem, der Alten Kopf geht – und die Jungen empören sich dagegen und setzen gegen die Verachtung, die sie von den Alten erfahren, ihre Verachtung der Alten. In diesem Machtkampf läßt keiner den anderen wirklich gelten. Gott aber hat dafür gesorgt, daß es den Alten nicht gelingt.

Der Kampf der Alten ist ein Kampf auf verlorenem Posten. Wie zäh sie auch ihre Position zu halten und das Leben der Jungen nach ihren Prinzipien zu dirigieren suchen, eines Tages müssen sie abtreten und den Jungen Platz machen, und nun sind sie den Jungen so hilflos preisgegeben wie diese früher ihnen. Gott ist als Schöpfer der Zeit, des Nacheinanders der Generationen, der Bundesgenosse der Jungen, indem er sie zunehmen läßt und die Alten abnehmen. Und Gott ist mit seinem Gebot der Bundesgenosse der Alten – nicht beim törichten Kampf um möglichst lange Erhaltung ihrer Macht, sondern gerade dann, wenn sie diesen Kampf verloren haben, wenn sie schwach geworden sind, überflüssig, und nur noch ohnmächtig zusehen können, wie die Jungen alles nach ihrem eigenen Kopfe machen, wie sie das Erbe der Alten vertun, wie sie sich nichts mehr vorschreiben Iassen. Da spucken die Jungen den Alten auf den Kopf, lachen über deren veraltete Ansichten und schieben die Alten ab zum alten Eisen, ins Altersheim.

Die Kette der Generationen

Da tritt ihnen, die die Zukunft für sich haben und von der Vergangenheit sich abkehren, der lebendige Gott mit seinem Gebot entgegen. Er erinnert uns: Wovon lebt ihr eigentlich? Habt ihr euch das Leben selber gegeben, selber errungen, selber erfunden? Habe nicht ich es euch gegeben durch euren Vater und durch eure Mutter? Habt ihr euch den Ackerboden selber gegeben, den ihr bebaut? Habe nicht ich ihn euch gegeben, samt dem ganzen Boden, auf dem ihr lebt und weitergeht in die Zukunft, und ohne den ihr nichts, gar nichts wäret: den Boden der Vergangenheit, lauf dem ihr aufbaut, den Boden der Kultur, der Überlieferung, zu der z. B. die Sprache gehört, das Wissen von der Welt, die Lebenserfahrung, die Glaubenstradition, das ganze Erbe, in dem Erfahrung und Leistung der Generationen vor euch zusammengefaßt ist, und ohne das ihr nichts, gar nichts wäret! Meinen die Jungen, sie könnten am Nullpunkt anfangen und eine neue Welt aus dem Nichts schaffen, so erinnert Gottes Gebot sie daran, daß sie Glieder in der Kette der Generationen, daß sie Erben sind.

Eben darum ist es wichtig, daß hier nichts von Gehorchen steht. Der Boden des Erbes, auf dem die Jüngeren stehen und weitergehen, ist ihnen nicht gegeben, damit sie der Tradition unterworfen seien, damit die Alten durch das Mittel der Tradition ewig über die Nachkommenden herrschen können, damit sie sich gehorsam dem Erbe unterwerfen. Die Jungen sollen und dürfen freie Menschen sein, Neues entdecken, die Traditionen verändern, neue Traditionen schaffen. Die Tradition soll ihnen nicht Fessel sein. Aber sie ist der Boden, ohne den sie wurzel- und haltlos wären, der Boden, den sie voraussetzen und der sie trägt, wenn sie nun weitergehen.

Die Alten ehren

Darum sagt das Gebot nicht: Gehorcht Euren Eltern und ihren Traditionen! Aber es sagt: „Ehre deinen Vater und deine Mutter!“ Ehren – das heißt zuerst: dankbar sein. Nicht alle Menschen sind Eltern, alle Menschen aber sind Kinder und das heißt: Empfänger des Lebens durch andere Menschen. Solange wir nicht so dran sind, daß wir den Tag unserer Geburt verfluchen so lange wir – trotz allen Nöten – am Leben hängen, so lange haben wir Anlaß, für das Leben zu danken, und für das Leben, das wir haben, können wir nicht anders danken, als indem wir unseren Eltern danken, von denen wir es empfangen haben. Weil sie fehlbare und begrenzte Menschen sind wie wir selbst, darum sind sie unserer Kritik preisgegeben. Aber die Kritik kann die Ursache zum Dank nicht aufheben. Auch wer mit Groll an seinen Vater oder an seine Mutter denkt, vielleicht mit sehr begründetem Groll – das 4. Gebot regt ihn an, nachzufragen und zusammenzurechnen, was er, bisher vielleicht übersehen, ihnen zu danken hat, und der Dank wird ihm helfen, über den unfruchtbaren Groll hinwegzukommen und zu verzeihen und – zu ehren. Ehren heißt weiter: Den Hochmut der Jungen gegen die Alten ablegen und bescheiden werden. Nun sind die Jungen eingerückt in die Stelle der Alten, nun erfahren sie selbst die Schwere des Lebenskampfes, die Schwere der Lebensprobleme, das Scheitern gegenüber den Aufgaben, das Verbrauchtwerden und Abnehmen. In dem Erbe, das sie von den Eltern übernommen haben, ist neben dem, wofür sie zu danken haben, auch die Schuld der Eltern enthalten. Nun erfahren sie, daß auch sie ihren Kindern ein Erbe der Schuld hinterlassen werden. Mit dieser Erkenntnis muß aller Hochmut gegenüber den Alten schwinden. Mit den Alten auf Vergebung – auf Vergebung Gottes und auf die Vergebung ihrer eigenen Kinder – angewiesen, werden sie die Alten besser verstehen, ihnen gerechter werden, sie nicht mehr von oben herab verurteilen.

Ehren heißt: mitreden lassen. Gebieten können die Alten nicht mehr. Aber leben heißt mitsprechen und mitberaten dürfen. Wer den Alten das verweigert, der schiebt sie zu den Toten, während sie noch leben. Wer sie mitreden und mitberaten läßt, der wird um ihre Erfahrungen reicher und schenkt ihnen Leben.

Ehren heißt: dem Schwächeren seine Würde lassen, oft auch: dem in Unehre Gefallenen seine Würde wiedergeben, ohne die er nicht Mensch sein kann. Wer ehrt, der nützt nicht die eigene Stärke zur Entwürdigung und zur Erniedrigung des Schwächeren aus. Im Umgang mit den Alten geschieht das oft in vielen unbedachten Gewohnheiten, etwa wenn wir von „unseren lieben Altchen“ sprechen und sie mit allerlei Verkleinerungsworten anreden und damit ins Säuglingsalter zurückversetzen. „Vor einem grauen Haupte sollst du aufstehen!“ Altern ist mit vielen Entwürdigungen verbunden, mit vielen entwürdigenden Diensten, deren ein alter Mensch bedarf, je schwächer er wird. In der Behandlung bei Alten, besonders auch in der Pflege der Alten, wenn sie senil geworden sind, nicht der Versuchung zur Entwürdigung nachzugeben, sondern ihnen bis zu ihrem letzten Atemzug die Würde geben, auf die jeder Mensch Anspruch hat, er sei, wer er sei, und was er auch getan habe, das heißt ehren. Indem wir die Alten ehren lernen, lernen wir, alle die Schwächeren um uns zu ehren, die Kranken, die Schwachsinnigen – und auch (dazu lese man Janus Korzak!) die Kinder!

Das Alte Testament endet mit der Verheißung des kommenden Propheten Elias: „Der soll das Herz der Väter bekehren zu den Kindern und das Herz der Kinder zu ihren Vätern“ (Maleachi 3, 24). Dieser messianische Elias heißt Jesus von Nazareth, der Bundesgenosse aller Schwachen. In der messianischen Zeit will er die Herzen der Menschen zueinander bekehren, und wir, die wir von ihm gerufen sind und zu ihm gehören, leben jetzt mit ihm schon in der messianischen Zeit, hören das 4. Gebot als sein Gebot und lassen unser Herz umkehren aus dem Gegeneinander des Hochmuts, der Rücksichtslosigkeit, des Machtkampfes zur Zuwendung zueinander. Jesus will die Schwachen und die Starken, die Kranken und die Gesunden, die Alten und die Jungen miteinander versöhnen zum Leben miteinander und füreinander. Darauf zielt im Verhältnis der Generationen das schöne, hilfreiche 4. Gebot.

Aus: Porta 26 (1979/80), S. 39-44.

Hier der Text als pdf.

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