Baruch de Spinoza zur historischen Bibelkritik in seinem Tractatus theologico-politicus von 1670: „Endlich muss das Schicksal eines jeden Buches mitgeteilt werden: wie es im Anfang aufgenommen worden, in welche Hände es gekommen, welche verschiedene Lesarten vorhanden, und auf wessen An­trieb es unter die heiligen Bücher aufgenommen worden, und endlich, wie alle diese, jetzt für heilig geltenden Bücher zu einem Buch verbunden worden sind.“

Baruch de Spinozas Tractatus theologico-politicus (Theologisch-politische Abhandlung) von 1670 ist ein Schlüsselwerk zur neuzeitlichen Bibelkritik, heißt es doch für Spinoza die Bibel historisch auszulegen. So schreibt er in Kapitel 7:

Drittens muss die Geschichte der Bibel alles, was mit diesen Büchern der Propheten sich zu­getragen hat, enthalten, soweit es bekannt ist; ebenso den Lebenslauf, den Charakter und die Beschäftigungen des Verfassers eines jeden Buches: wer er gewesen, bei welcher Gelegen­heit, zu welcher Zeit, für wen und in welcher Sprache er geschrieben hat. Endlich muss das Schicksal eines jeden Buches mitgeteilt werden: wie es im Anfang aufgenommen worden, in welche Hände es gekommen, welche verschiedene Lesarten vorhanden, und auf wessen An­trieb es unter die heiligen Bücher aufgenommen worden, und endlich, wie alle diese, jetzt für heilig geltenden Bücher zu einem Buch verbunden worden sind. Dies alles hat die Geschich­te der Bibel zu enthalten. Denn wenn man entscheiden soll, welche Aussprüche als Gesetze und welche als moralische Lehren gelten sollen, so muss man den Lebenslauf, den Charakter und die Beschäftigungen des Verfassers kennen, und man wird seine Worte umso leichter ausle­gen können, je besser man seine Neigungen und seine Denkweise kennt. Um ferner die ewi­gen Lehren nicht mit den zeitlichen oder mit den nur für wenige gegebenen zu verwech­seln, muss man auch wissen, bei welcher Gelegenheit, zu welcher Zeit und für welches Volk oder Jahrhundert alle diese Lehren niedergeschrieben worden sind. Auch die Kenntnis der übrigen erwähnten Umstände ist erheblich, um neben dem Ansehen des Buches zu wissen, ob es von verfälschenden Händen hat entstellt werden können oder nicht, ob Irrtümer sich einge­schlichen, und ob sie von genügend erfahrenen und zuverlässigen Männern verbessert worden sind. Dies alles ist zu wissen nötig, damit man nicht im blinden Eifer jedwedes, das uns gebo­ten wird, annehme, sondern nur das Gewisse und Unzweifelhafte.

Hier der gesamte Text des siebten Kapitels:

Über die Auslegung der Bibel

Von Baruch de Spinoza

Jedermann führt es zwar im Munde, dass die heilige Schrift Gottes Wort sei, was den Men­schen die wahre Seligkeit und den Weg des Heils zeige, aber in Wahrheit urteilt man ganz anders. Denn die große Menge denkt nicht daran, nach den Lehren der heiligen Schrift zu leben; alle ihre eigenen Erdichtungen gibt sie für Gottes Wort ans und strebt nur unter dem Vorwand der Religion, andere zu gleicher Meinung zu nötigen. Die Theologen sind meist nur bedacht, ihre Erfindungen und Einfälle aus der heiligen Schrift herauszupressen und mit gött­lichem Ansehen zu umgeben. Mit wenig Bedenken und mit umso größerer Frechheit legen sie die Bibel oder die Gedanken des heiligen Geistes aus, und haben sie noch eine Sorge, so ist es nicht die, dem heiligen Geist einen Irrtum anzuheften und von dem Wege des Heils abzuirren, sondern nur von anderen nicht widerlegt zu werden, damit ihr eignes Ansehen nicht unter die Füße komme und von anderen verachtet werde. Wenn die Menschen das, was sie mit Worten von der Bibel bezeugen, im ernsten Sinne sagten, dann müssten sie einen andern Lebenswan­del führen, und es würde nicht so viel [107] Uneinigkeit ihren Geist bewegen; sie würden nicht mit so viel Hass kämpfen und nicht mit so blindem und verwegenem Eifer die Schrift ausle­gen und Neues in der Religion ausdenken, und sie würden nur das als Lehre der Schrift fest­zuhalten wagen, was sie selbst deutlich lehrt. Endlich hätten dann jene Gotteslästerer, welche sich nicht gescheut haben, die Schrift an vielen Stellen zu verfälschen, ein solches Verbrechen gefürchtet und ihre gotteslästerlichen Hände davon ferngehalten. Allein der Ehr­geiz und die Verbrechen haben es endlich dahin gebracht, dass die Religion nicht mehr in der Befolgung der Lehren des heiligen Geistes, sondern in der Verteidigung menschlicher Erfin­dungen be­steht, und dass die Religion nicht in der Liebe gefunden wird, sondern in Aussäung von Unei­nigkeit unter den Menschen und in Ausbreitung des erbittertsten Hasses, der mit dem falschen Namen göttlichen Eifers und brennenden Verlangens beschönigt wird. Mit diesen Übeln ver­band sich der Aberglaube, welcher die Menschen Vernunft und Natur zu verachten lehrt und sie nur das bewundern und verehren lässt, was jenen beiden widerspricht.

Es kann deshalb nicht auffallen, wenn man zur Erhöhung der Verehrung und Bewunderung der Bibel sie so auszulegen sucht, wie sie der Vernunft und Natur am meisten widerspricht. Deshalb träumt man von verborgenen tiefen Geheimnissen in der heiligen Schrift; man er­schöpft sich in Auffindung derselben, d. h. des Unsinns, und vernachlässigt dabei das Nützli­che. Alles, was sie so in ihrem Wahnsinn erfinden, wird dem heiligen Geist zugeschrieben und mit der größten Anstrengung und Leidenschaft verteidigt. Denn es verhält sich mit den Menschen so, dass, was er mit dem reinen Verstande begreift auch mit diesem verteidigt; aber ebenso die Meinungen, wozu die Leidenschaft ihn treibt, nur mit diesen verteidigt.

Um nun diesem Wirrwarr zu entgehen und den Geist von den theologischen Vorurteilen zu befreien und menschliche Erdichtungen nicht für göttliche Lehren zu nehmen, habe ich über die richtige Auslegungsweise der Bibel zu handeln und sie auseinander zu setzen. Ohnedem kann man nicht mit Gewissheit wissen, was die Bibel und was der heilige Geist lehren will. Diese Weise [108] der Bibelerklärung, um es mit wenig Worten zu sagen, unterscheidet sich nicht von der Naturerklärung, sondern stimmt mit ihr ganz überein. So wie die letztere vor­züglich darin besteht, das Einzelne in der Natur passend zusammenzustellen, um aus diesen festen Unterlagen die Begriffe der natürlichen Dinge abzuleiten, so müssen auch bei der Bi­belerklärung die zuverlässigen Tatsachen zusammengestellt und daraus, als den sichern Un­terlagen und Anfängen, die Meinung der Verfasser der Bibel in richtigen Folgerungen ab­geleitet werden. So wird jeder, wenn er nämlich keine weiteren Anfänge und Unterlagen zur Auslegung der Bibel und Erörterung ihres Inhaltes zulässt, als was die Schrift selbst und ihre Geschichte bietet, ohne Gefahr des Irrtums vorschreiten und ebenso sicher das erörtern kön­nen, was unsere Fassungskraft übersteigt, als was man mit dem natürlichen Licht erkennt. Damit aber klar erhelle, dass dieser Weg nicht nur sicher, sondern auch der einzige ist, wel­cher mit der Weise der Naturerklärung übereinstimmt, ist zu erinnern, dass die Bibel sehr oft von Dingen handelt, die ans den Grundsätzen des natürlichen Lichts nicht abgeleitet werden können. Den größten Teil derselben bilden Gesichte und Offenbarungen, und die Geschichte enthält hauptsächlich Wunder, d. h. wie im vorigen Kapitel gezeigt worden, Erzählungen ungewöhnlicher Naturereignisse, die den Meinungen und dem Verstande der betreffenden Geschichtsschreiber angepasst worden sind. Ebenso sind die Offenbarungen den Meinungen der Propheten angepasst, wie ich im zweiten Kapitel dargelegt habe, und diese übersteigen in Wahrheit den menschlichen Verstand. Deshalb muss man die Erkenntnis von beinah alledem, was die Schrift enthält, aus ihr selbst entnehmen, ebenso wie bei der Naturerkenntnis diese von der Natur entnommen werden muss.

Was aber die moralischen Lehren anlangt, welche die Bibel enthält, so könnte sie zwar aus den gemeinen Begriffen abgeleitet werden, allein man kann daraus nicht beweisen, dass die Schrift sie lehre, sondern dies kann nur ans der Bibel selbst entnommen werden. Ja, wenn man ohne Vorurteil die Göttlichkeit der Bibel bezeugen will, so kann sie für uns nur darin beste­hen, dass sie die wahren Lehren der Moral enthält. Daraus allein kann [109] ihre Göttlichkeit bewiesen werden; denn ich habe gezeigt, dass die Weissagungen nur deshalb für gewiss gel­ten können, weil die Propheten rechtliche und gute Gesinnungen hatten. Deshalb können auch wir nur aus gleichem Grunde ihnen vertrauen. Aus Wundern kann dagegen Gottes göttliche Natur nicht bewiesen werden, wie ich schon dargelegt habe; nicht zu erwähnen, dass auch falsche Propheten sie verrichten konnten. Daher kann die Göttlichkeit der Schrift nur daraus sich ergeben, dass sie die wahre Tugend lehrt, und dies kann sich aus der Schrift allein erge­ben. Wäre dies nicht möglich, so könnte man nicht ohne große Bedenken sie annehmen und ihre Göttlichkeit bezeugen. Somit muss die ganze Erkenntnis der Schrift aus ihr selbst ent­lehnt werden. Endlich gibt die Bibel keine Definitionen der Dinge, von denen sie spricht, so wenig wie die Natur. Sowie daher aus den verschiedenen Vorgängen in der Natur die Defi­nitionen der natürlichen Dinge gefolgert werden müssen, so sind sie hier aus den verschiede­nen Erzählungen, die denselben Gegenstand in der Bibel behandeln, abzunehmen. Deshalb ist die allgemeine Regel für die Bibelerklärung, der Schrift keine Lehre zuzuschreiben, die aus der Geschichte der Bibel sich nicht klar ergibt. Es ist deshalb zu ermitteln, wie die Geschichte der Bibel beschaffen sein, und was sie vorzüglich enthalten muss.

Erstens muss sie die Natur und Eigentümlichkeit der Sprache enthalten, in der die Bücher der Bibel geschrieben worden, und die ihre Verfasser zu sprechen pflegten. So wird man den ver­schiedenen Sinn, den eine Rede im gewöhnlichen Sprachgebrauch zulässt, ermitteln können. Da aber sämtliche Verfasser des Alten und Neuen Testaments Juden waren, so ist vor Allem die Geschichte der hebräischen Sprache notwendig; nicht bloß zum Verständnis der Bücher des Alten Testaments, die in dieser Sprache geschrieben sind, sondern auch des Neuen, da sie, obgleich sie in andern Sprachen veröffentlicht worden, doch den Charakter des Hebräischen an sich haben.

Zweitens muss sie die Aussprüche jedes Buches sammeln und auf gewisse Hauptpunkte zu­rückführen, damit man alles, was einen Gegenstand betrifft, bei der Hand habe. Ferner muss sie alle zweideutigen oder dunklen [110] oder sich widersprechenden Stellen bemerken, wo­bei ich eine Stelle dunkel oder deutlich nenne, deren Sinn aus dem Text der Rede schwer oder leicht verständlich ist. Denn die Schwierigkeit liegt nur in dem Sinn der Rede, nicht in ihrer Wahrheit. Insbesondere hat man sich vorzusehen und bei Aufsuchung des Sinnes der Bibel sich nicht im Voraus von einer Begründungsweise einnehmen zu lassen, die nur auf den Grundlagen der natürlichen Erkenntnis beruht, wobei ich der Vorurteile nicht erwähne, und den wahren Sinn nicht mit der Wahrheit der Tatsachen zu verwechseln. Jener ist aus dem Sprachgebrauch allein oder aus Erwägungen abzunehmen, welche nichts als die Bibel zu Hilfe nehmen.

Dies alles will ich zur nähern Deutlichkeit mit einem Beispiel erläutern. Die Aussprüche Moses: »Gott ist das Feuer« und »Gott ist eifersüchtig« sind dem Wortsinne nach ganz klar; ich rechne sie deshalb zu den klaren, obgleich sie rücksichtlich der Wahrheit und des Grundes zu den dunkelsten gehören; ja, obgleich ihr Wortsinn dem natürlichen Licht widerstreitet, so muss doch an ihrem Wortsinn festgehalten werden, wenn er nicht auch den Grundsätzen und den aus der Bibel sich ergebenden Grundlagen klar entgegensteht. Umgekehrt müssen Sätze, deren wörtlicher Sinn den der Bibel entlehnten Grundsätzen widerspricht, selbst wenn sie mit der Vernunft gänzlich stimmen, doch anders, nämlich metaphorisch erklärt werden. Um also zu wissen, ob Mose geglaubt habe, Gott sei ein Feuer oder nicht, darf dies nicht daraus abge­nommen werden, dass diese Meinung nicht mit der Vernunft stimmt oder ihr wider­spricht; sondern es kann nur aus andern Aussprüchen Moses ermittelt werden. Da nämlich Mose auch an vielen Stellen klar ausspricht, Gott habe keine Ähnlichkeit mit den sichtbaren Dingen, wel­che am Himmel, auf Erden und im Wasser sind, so kann man daraus folgern, jene Stelle oder alle seien als Vergleichungen zu nehmen. Da jedoch von dem Wortsinn so wenig wie möglich abzugehen ist, so muss vorher geprüft werden, ob dieser einmalige Ausspruch: »Gott ist das Feuer«, einen andern Sinn neben dem wörtlichen gestattet, d.h. ob das Wort »Feuer« noch etwas Anderes als das natürliche Feuer bedeutet. Findet sich dies nach dem Sprachge­brauch nicht, so darf diese Stelle auch [111] nicht anders ausgelegt werden, so sehr sie auch der Ver­nunft widerspricht; vielmehr müssen alle übrigen, obgleich sie mit der Vernunft stim­men, dieser angepasst werden. Ist auch dies nach dem Sprachgebrauch nicht möglich, dann lassen sich diese Stellen nicht vereinigen, und deshalb kann kein Urteil über sie gefällt werden. Allein da das Wort »Feuer« auch für Zorn und Eifersucht gebraucht wird (Hiob 31,12), so lassen sich die Aussprüche Moses leicht vereinigen, und man kann mit Recht sagen, dass beide Ausdrücke: »Gott ist ein Feuer« und »Gott ist eifersüchtig« nur dasselbe bedeuten. Fer­ner sagt Moses deutlich, dass Gott eifersüchtig sei, und nirgends sagt er, dass er von den Lei­denschaften, d. h. den Gemütserregungen frei sei; deshalb kann man annehmen, dass Moses selbst dieses geglaubt hat oder wenigstens hat sagen wollen, wenn man auch überzeugt ist, dass dies der Vernunft widerspreche. Denn es ist uns, wie gesagt, nicht erlaubt, dem Sinne der Schrift nach den Geboten unserer Vernunft und nach unsern vorgefassten Meinungen Gewalt anzutun; vielmehr muss das Verständnis der Bibel lediglich aus ihr selbst entnommen werden.

Drittens muss die Geschichte der Bibel alles, was mit diesen Büchern der Propheten sich zu­getragen hat, enthalten, soweit es bekannt ist; ebenso den Lebenslauf, den Charakter und die Beschäftigungen des Verfassers eines jeden Buches: wer er gewesen, bei welcher Gelegen­heit, zu welcher Zeit, für wen und in welcher Sprache er geschrieben hat. Endlich muss das Schicksal eines jeden Buches mitgeteilt werden: wie es im Anfang aufgenommen worden, in welche Hände es gekommen, welche verschiedene Lesarten vorhanden, und auf wessen An­trieb es unter die heiligen Bücher aufgenommen worden, und endlich, wie alle diese, jetzt für heilig geltenden Bücher zu einem Buch verbunden worden sind. Dies alles hat die Geschich­te der Bibel zu enthalten. Denn wenn man entscheiden soll, welche Aussprüche als Gesetze und welche als moralische Lehren gelten sollen, so muss man den Lebenslauf, den Charakter und die Beschäftigungen des Verfassers kennen, und man wird seine Worte umso leichter ausle­gen können, je besser man seine Neigungen und seine Denkweise kennt. Um ferner die ewi­gen Lehren nicht mit den zeitlichen oder mit den nur für wenige gegebenen [112] zu verwech­seln, muss man auch wissen, bei welcher Gelegenheit, zu welcher Zeit und für welches Volk oder Jahrhundert alle diese Lehren niedergeschrieben worden sind. Auch die Kenntnis der übrigen erwähnten Umstände ist erheblich, um neben dem Ansehen des Buches zu wissen, ob es von verfälschenden Händen hat entstellt werden können oder nicht, ob Irrtümer sich einge­schlichen, und ob sie von genügend erfahrenen und zuverlässigen Männern verbessert worden sind. Dies alles ist zu wissen nötig, damit man nicht im blinden Eifer jedwedes, das uns gebo­ten wird, annehme, sondern nur das Gewisse und Unzweifelhafte.

Erst nachdem man eine solche Geschichte der Bibel erreicht hat und fest sich vorgenommen hat, nichts als Lehre der Propheten anzunehmen, als was aus dieser Geschichte folgt oder deutlich hergeleitet werden kann, ist es Zeit, sein Augenmerk auf den Geist der Propheten und des heiligen Geistes zu lenken. Auch dazu ist eine ähnliche Weise und Ordnung nötig, wie sie angewendet wird, wenn man die Natur aus ihrer Geschichte erklären will. So wie man bei der Erforschung der natürlichen Dinge vor Allem darauf bedacht ist, die allgemeinsten und der ganzen Natur gemeinsamen Punkte zu ermitteln, d.h. die Bewegung und die Ruhe mit den Ge­setzen und Regeln, welche die Natur stets beobachtet und nach denen sie ununterbrochen wirkt: und so, wie man von da allmählich zu dem mehr Besonderen vorschreitet, ebenso muss auch aus der Geschichte der Bibel zunächst das Allgemeinste ermittelt werden, was die Grundlage und der Boden für die ganze Bibel ist und das, was in ihr als die ewige und allen Sterblichen heilsamste Lehre von allen Propheten empfohlen wird. Dahin gehört z.B., dass Gott nur als einer und allmächtiger besteht, dem allein die Anbetung gebührt, der für alle sorgt und der vor Allen Diejenigen liebt, welche ihn verehren und ihren Nächsten wie sich selbst lieben.

Dieses und Ähnliches, sage ich, lehrt die Bibel überall so klar und ausdrücklich, dass dies von niemand je in Zweifel gezogen worden ist. Wer aber Gott sei, und in welcher Weise er Alles sieht und dafür sorgt, dies und Ähnliches lehrt die Schrift absichtlich und als eine ewige Wahrheit nicht; vielmehr haben die Propheten [113] selbst, wie schon oben gezeigt worden, darin nicht übereingestimmt. Deshalb kann man über Dergleichen keine Lehre des heiligen Geistes aufstellen, wenn man es auch aus natürlichem Licht ganz gut vermöchte.

Nachdem diese allgemeine Lehre der Bibel richtig erkannt worden, muss man zu dem mehr Besonderen übergehen, was auf den gemeinsamen Lebenswandel sich bezieht, und was wie Bäche aus dieser allgemeinen Lehre abfließt. Dahin gehören alle äußeren besonderen Hand­lungen der wahren Tugend, die nur bei passender Gelegenheit geschehen können. Die dabei sich vorfindenden Zweideutigkeiten und Dunkelheiten müssen nach der allgemeinen Lehre der Bibel erklärt und entschieden werden, und bei etwaigen Widersprüchen sind die Gele­genheit, die Zeit und für wen die Bücher geschrieben worden, zu beachten. Wenn z.B. Chri­stus sagt: »Selig sind die Trauernden, denn sie werden Trost empfangen«, so kann man aus diesen Worten nicht abnehmen, welche Trauernde er meint. Allein später sagt er, man solle nur für das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit sorgen, und er empfiehlt es als das höchste Gut (Matthäus 6,33). Daraus folgt, dass Christus unter den Trauernden nur die versteht, wel­che um die Vernachlässigung des Reiches Gottes und der Gerechtigkeit durch die Menschen trauern; denn nur dies können Die betrauern, welche bloß das göttliche Reich oder die Billig­keit lieben und die übrigen Güter verachten.

Wenn Christus ferner sagt: »Wer Dich auf Deine rechte Wange schlägt, dem halte auch die linke hin«, usw., so würde er, wenn er dies als Gesetzgeber den Richtern geboten hätte, das Gesetz Moses damit aufgehoben haben; allein da er offen das Gegenteil erklärt (Matthäus 5,17), so muss man beachten, wer dies gesagt hat, wann und zu welcher Zeit es gesagt wor­den; da hat Christus es gesagt, nicht um als Gesetzgeber Gesetze zu geben, sondern als Lehrer von Lebensregeln; er wollte, wie gezeigt, nicht die äußeren Handlungen, sondern die Gesin­nung verbessern. Ferner sagt er es unterdrückten Menschen, die in einem verderbten Staate lebten, wo die Gerechtigkeit vernachlässigt wurde, und dessen Untergang er herannahen sah. Und so sehen wir, dass dasselbe, was hier Christus bei dem bevorstehenden Untergang der [114] Stadt lehrt, von Jeremias bei der ersten Zerstörung der Stadt, also zu einer ähnlichen Zeit, gelehrt worden ist (Klagelieder Jeremias 3 die Buchstaben Tet und Jot). Da somit dies nur zu Zeiten der Unterdrückung von den Propheten gelehrt worden, da es nirgends als ein Gesetz verordnet worden, vielmehr Moses, der nicht in einer Zeit der Unterdrückung schrieb, sondern, dies halte man fest, einen guten Staat begründen wollte, zwar auch die Rache und den Hass gegen den Nächsten verdammt hat, aber doch Auge um Auge zu nehmen geboten hat: so ergibt sich aus den Grundlagen der Bibel, dass diese Lehre Christi und des Jeremias über Ertragung des Unrechts und Gestattung der Gottlosen zu Allem nur für Orte gilt, wo die Gerechtigkeit verabsäumt wird, in Zeiten der Unterdrückung, aber nicht für einen guten Staat. Vielmehr ist in einem guten Staate, wo die Gerechtigkeit gehandhabt wird, Jeder schuldig, wenn er sich als einen Gerechten zeigen will, das Unrecht vor den Richter zu bringen (Leviti­kus 5,1), nicht aus Rache (Levitikus 19,17-18), sondern um der Gerechtigkeit willen, zum Schutz der Gesetze des Vaterlandes, und damit den Bösen ihre Bosheit nicht zum Vorteil gereiche, was Alles auch mit der natürlichen Vernunft übereinstimmt.

In dieser Weise könnte ich noch mehr Beispiele beibringen; indes wird dies genügen, um meine Ansicht und den Nutzen dieser Art der Auslegung darzulegen, worauf es mir jetzt nur ankommt. Allein bisher habe ich nur die Stellen der Bibel erörtert, welche sich auf den Le­benswandel beziehen, und die deshalb leichter erklärt werden können, da über diese in Wahr­heit unter den Verfassern der biblischen Bücher kein Streit bestanden hat. Dagegen kann das Übrige, was in der Bibel die Spekulation betrifft, nicht so leicht verstanden werden; der Weg dazu ist enger. Denn die Propheten weichen in spekulativen Fragen, wie gezeigt, voneinander ab, und die Erzählungen sind da den Vorurteilen jedes Jahrhunderts sehr anbequemt worden. Deshalb kann man auf die Meinung eines Propheten aus deutlichem Stellen eines andern kei­nen Schluss ziehen und sie nur da zur Erläuterung benutzen, wo ganz feststeht, dass Beide genau dieselbe Ansicht gehabt haben. Ich will daher mit Wenigem darlegen, [115] wie in solchen Fällen die Meinung des Propheten aus der Geschichte der Bibel zu gewinnen ist.

Auch hier muss mit dem Allgemeinsten begonnen werden, und man muss vor Allem aus den klarsten Stellen der Bibel ermitteln, was die Weissagung oder Offenbarung ist, und worin sie hauptsächlich besteht. Dann ist zu ermitteln, was ein Wunder ist, und so muss in dieser Weise mit den gemeinsamen Begriffen verfahren werden. Von da muss man zu den Ansichten des einzelnen Propheten übergehen und erst alsdann den Sinn der einzelnen Offenbarungen oder Weissagungen in der Erzählung und die Wunder ermitteln. Welche Vorsicht hierbei nötig, damit man dabei die Meinung des Propheten und Geschichtsschreibers nicht mit der Absicht des heiligen Geistes und mit dem wahren Sachverhalt verwechsle, habe ich früher an mehre­ren Beispielen gezeigt; ich brauche es deshalb hier nicht weitläufiger darzulegen. Indes halte man für die Erklärung der Offenbarungen fest, dass dieses Verfahren nur zu dem führt, was die Propheten wirklich gesehen und gehört haben, nicht aber was sie mit ihren Hieroglyphen bezeichnen oder vorstellen wollten; dies kann man nur erraten, aber nicht sicher aus den Grundlagen der Bibel ableiten.

Damit habe ich die Weise der Schrift-Erklärung dargelegt und zugleich bewiesen, dass es der alleinige sichere Weg zur Erforschung ihres Sinnes ist; allerdings müssen diejenigen mehr Gewissheit haben, wenn es deren gibt, welche die sichere Überlieferung oder wahre Ausle­gung von den Propheten selbst erhalten haben, wie die Pharisäer sagen, oder welche einen Hohenpriester haben, der in Auslegung der Schrift nicht irren kann, wie die Katholiken sich eines solchen rühmen. Allein da ich weder über diese Überlieferung, noch über das Ansehen des Papstes Gewissheit erlangen kann, so kann ich auch darüber nichts Gewisses feststellen. Letzteres haben die ältesten oder ersten Christen, Jenes die ältesten Sekten der Juden bestrit­ten, und bedenkt man die Reihe von Jahren, um Anderes nicht zu erwähnen, durch welche die Pharisäer nach der Lehre ihrer Rabbiner diese Überlieferung bis zu Mose hinauf führen, so findet man, dass sie falsch ist, wie ich auch an einem andern Orte darlege. Deshalb muss eine solche Überlieferung als sehr [116] verdächtig gelten, und wenn ich auch bei meinem Verfah­ren eine Überlieferung der Juden annehmen muss, nämlich die Bedeutung der hebräischen Worte, die wir von ihnen empfangen haben, so zweifle ich, wenn auch nicht an dieser, doch an der andern. Denn Niemandem konnte es jemals Etwas nützen, die Bedeutung eines Wortes zu verändern, wohl aber den Sinn einer Rede. Auch wäre jenes außerordentlich schwer gewe­sen; denn wer den Sinn eines Wortes ändern wollte, musste auch alle Schriftsteller, die in dieser Sprache geschrieben und das Wort in seiner gewöhnlichen Bedeutung gebraucht haben, entweder im Geist und Sinn eines Jeden erklären oder mit der höchsten Vorsicht verfälschen. Auch schützt das Volk außer den Gelehrten die Sprache; aber den Sinn der Reden und die Bücher schützen nur die Gelehrten; und deshalb konnte es wohl kommen, dass die Gelehrten den Sinn einer Rede in einem sehr seltenen Buche, das sie in ihrer Gewalt hatten, verändern oder verderben konnten, aber nicht die Bedeutung der Worte. Dazu kommt, dass, wer die ge­wohnte Bedeutung eines Wortes verändern will, nur schwer dies für die spätere Zeit im Spre­chen und Schreiben festhalten kann. Dies und andere Gründe zeigen, dass es Niemandem in den Sinn hat kommen können, eine Sprache zu verfälschen, wohl aber oft die Meinung eines Schriftstellers durch Verdrehung und falsche Auslegung seiner Rede.

Wenn nun mein Verfahren, wonach das Verständnis der Bibel nur aus ihr selbst geschöpft werden soll, das einzig wahre ist, so muss man da alle Hoffnung aufgeben, wo dieses Mittel zum vollen Verständnis der Bibel nicht ausreicht. Die in der Bibel selbst enthaltenen Schwie­rigkeiten und Mängel für die Gewinnung eines vollen und sichern Verständnisses der heiligen Bücher werde ich hier darlegen.

Mein Verfahren trifft darin auf eine große Schwierigkeit, dass es die volle Kenntnis der hebrä­ischen Sprache voraussetzt. Woher soll diese entnommen werden? Die alten hebräischen Sprachgelehrten haben der Nachwelt über die Grundlagen und die Gesetze dieser Sprache nichts hinterlassen; wenigstens besitzen wir nichts der Art von ihnen, kein Wörterbuch, keine Sprachlehre, keine Redekunst. Das jüdische Volk hat alle Zierden, allen [117] Schmuck ein­gebüßt, was nach so viel Niederlagen und Verfolgungen nicht zu verwundern ist, und hat nur wenige Bruchstücke der Sprache und alten Bücher gerettet; die Namen der Früchte, der Vö­gel, der Fische und vieles andere sind durch die Ungunst der Zeiten beinahe gänzlich verloren gegangen. Ferner ist die Bedeutung vieler Namen und Worte in der Bibel entweder ganz un­bekannt oder bestritten. Neben Allem diesem entbehrt man vorzüglich der Lehre über die Satzbildung in dieser Sprache; denn die Ausdrücke und Redewendungen, welche dem jüdi­schen Volke eigentümlich waren, hat die verzehrende Zeit beinahe sämtlich aus dem Gedächt­nis der Menschen vertilgt. Ich werde deshalb nicht immer, wie ich möchte, den verschiedenen Sinn einer Rede, welche sie nach dem Sprachgebrauch zulässt, ermitteln können; und wir wer­den vielen Reden begegnen, die zwar in den bekanntesten Worten ausgedrückt sind, aber de­ren Sinn sehr dunkel, ja unverständlich ist.

Zu diesem Mangel, dass man keine vollständige Geschichte der hebräischen Sprache hat, kommt die Natur und der Bau dieser Sprache hinzu, aus welchem so viel Zweideutigkeiten entspringen, dass sich kein Verfahren finden lässt, was zu dem wahren Sinn aller Sätze der Bibel mit Sicherheit führte. Denn neben den allen Sprachen gemeinsamen Ursachen der Zwei­deutigkeit hat diese Sprache noch besondere, welche die Quelle vieler solcher Zweideutigkei­ten sind, und ich halte es der Mühe wert, sie hier anzugeben.

Die erste Zweideutigkeit und Dunkelheit in den Darstellungen der Bibel entspringt daraus, dass die Buchstaben derselben Sprachwerkzeuge einander vertreten. Die Juden teilen nämlich die Buchstaben des Alphabets in fünf Klassen nach den Organen, welche zu dem Sprechen dienen, nämlich nach den Lippen, der Zunge, den Zähnen, dem Gaumen und der Kehle. So heißen z.B. das Alpha, Ghet, Hgain, He Kehllaute und werden, so viel mir bekannt, ohne Unterschied einer für den andern gebraucht. El, was »zu« bedeutet, wird oft statt hgal gebraucht, was »über« bedeutet, und umgekehrt. Davon kommt es, dass alle Redeteile entweder zweideutig oder sinnlos werden.

Die andere Zweideutigkeit der Rede entspringt aus [118] der mehrfachen Bedeutung der Bin­de- und Bei-Worte. So dient z.B.: Vau sowohl zum Verbinden wie zum Trennen; es bezeich­net: »und«, »aber«, »weil«, »hingegen«, »demnächst«. Ki hat sieben oder acht Bedeutungen und heißt: »weil«, »obgleich«, »wenn«, »wie«, »was«, »die Verbrennung« usw. Und dasselbe gilt beinahe von allen diesen Nebenredeteilen.

Eine dritte Quelle vieler Zweifel ist der Mangel des Präsens, des Präteritums, Imperfekts, Plusquamperfekts, des Futurperfekts und anderer in den übrigen Sprachen sehr gebräuch­lichen Zeiten, bei dem Indikativ der der Zeitworte. Ebenso fehlten denselben im Imperativ und Infinitiv alle Zeiten außer dem Präsens, und im Konjunktiv haben die Zeitworte gar keine Zeitform. Allerdings kann dieser Mangel an Zeit- und Beziehungsformen nach gewissen aus den Grundlagen der Sprache entlehnten Regeln leicht, ja mit großer Feinheit ergänzt werden; allein die alten Schriftsteller haben dies ganz verabsäumt und gebrauchen durch einander die zukünftige Zeit für die gegenwärtige und für die vergangene, und umgekehrt diese für die kommende; ferner den Indikativ für den Imperativ und Konjunktiv auf Kosten aller Bestimmt­heit der Rede.

Neben diesen drei der hebräischen Sprache eigentümlichen Ursachen der Zweideutigkeit muss ich noch zwei andere erwähnen, deren jede von noch viel größerer Bedeutung ist. Die eine ist, dass die Hebräer keine Buchstaben für die Selbstlaute haben; die zweite, dass sie die Redeteile nicht durch besondere Interpunktions-Zeichen voneinander trennen und dies weder ausdrü­cken noch andeuten. Wenn auch Beides, die Selbstlaute und diese Zeichen, durch Punkte und Striche nachgeholt werden können, so kann man sich doch nicht darauf verlassen, da sie von Leuten aus späteren Zeiten herrühren, deren Ansehen bei uns nicht gelten kann, da die Alten ohne Punkte, d.h. ohne Selbstlaute und Akzente geschrieben haben, wie aus vielen Zeugnissen erhellt. Nur die späteren haben, je nach der ihnen zusagenden Auslegung der Bibel, Beides hinzugefügt. Daher sind die jetzt vorhandenen Accente und Punkte nur Auslegungen der Neu­em und verdienen nicht mehr Glauben und Ansehen als die übrigen Erklärungen der Autoren. Wer dies nicht kennt, weiß nicht, wie der Verfasser des Briefes an die Hebräer [119] zu ent­schuldigen ist, dass er in Kapitel 11,21 den Text von Genesis 47,31 ganz anders auslegt, als es in dem punktierten Texte lautet, als hätte der Apostel den Sinn der Bibel von den Punktatoren[1] lernen müssen, während nach meiner Ansicht die Punktatoren die Schuld tragen. Damit jeder­mann einsehe, wie der Unterschied bloß von dem Mangel der Selbstlaute gekommen ist, will ich beiderlei Auslegung hier angeben. Die Punktatoren haben mit ihren Punkten es so ausge­legt: »und es krümmt sich Israel oben«, oder wenn man den Buchstaben Hgain in das Alpha desselben Organs verändert, »gegen den Kopf des Lagers.« Dagegen sagt der Verfasser des Briefes: »und es krümmt sich Israel über den Kopf des Stabes«, indem er mate statt mita liest; ein Unterschied, der nur in den Selbstlauten liegt. Da nun in dieser Erzählung nur von dem einsamen Alter des Jakob, aber nicht, wie in dem folgenden Kapitel, von seiner Krankheit ge­sprochen wird, so scheint die Absicht des Geschichtsschreibers wahrscheinlich die gewesen zu sein, dass Jakob sieh über den Kopf des Stabes, dessen die Greise hohen Alters zu ihrer Stütze bedürfen, aber nicht des Lagers gebeugt habe, zumal dann ein Umtausch der Buchsta­ben nicht nötig ist. Mit diesem Beispiel habe ich nicht bloß jene Stelle in dem Briefe an die Hebräer mit dem Text des 1. Buch Moses vereinigen, sondern auch zeigen wollen, wie wenig man sich auf die heutigen Punkte und Akzente verlassen kann. Jede vorurteilsfreie Bibelerklä­rung muss hier mit Zweifeln vorgehen und von Neuem untersuchen.

Aus diesem Bau und Zustand der hebräischen Sprache kann man, um auf meine Aufgabe zu­rückzukommen, leicht entnehmen, dass die hieraus entstehenden Schwierigkeiten durch kein Mittel der Auslegung ganz beseitigt werden können. Insbesondere kann man nicht hof­fen, durch eine gegenseitige Vergleichung der Stellen dies zu erreichen, obgleich sie der ein­zige Weg bleibt, um den wahren Sinn einer Stelle aus den näheren, nach dem Sprachge­brauch zulässigen Bedeutungen zu ermitteln. Eine solche Vergleichung kann hier nur zufällig eine Erläuterung gewähren, da kein Prophet in der Absicht geschrieben hat, um seine oder Anderer Worte absichtlich zu erläutern. Auch kann man die Meinung des einen Propheten oder Apo­stels nicht aus der eines andern entnehmen, ausgenommen [120] in Dingen, die den Lebens­wandel betreffen, wie ich bereits gezeigt habe; dagegen ist es bei spekulativen Fragen und bei Erzählung von Wundern und Ereignissen nicht zulässig.

Ich könnte nun durch Beispiele belegen, dass in der Bibel viele ganz unerklärbare Stellen ent­halten sind; indes lasse ich dies jetzt gern bei Seite, da ich noch weiter auszuführen habe, wel­chen Schwierigkeiten die wahre Auslegungsweise der Bibel begegnet, und was hierbei noch zu wünschen übrigbleibt.

Eine weitere Schwierigkeit entsteht nämlich daraus, dass zu diesem Mittel der Auslegung eine Kenntnis aller Unfälle, die die Bücher der Schrift betroffen haben, nötig ist, während doch das Meiste davon unbekannt; denn die Urheber oder, wenn man lieber will, die Verfasser vieler Bücher sind uns entweder ganz unbekannt oder zweifelhaft, wie ich gleich zeigen werde. Auch die Gelegenheit, weshalb, und die Zeit, wann diese Bücher, deren Verfasser wir nicht kennen, geschrieben worden, sind uns unbekannt; ebenso, in wessen Hände diese Bücher ge­raten sind, in welchen Exemplaren seine verschiedenen Lesarten sich befunden haben, und ob nicht mehr dergleichen Lesarten bei anderen bestanden haben. Wie wichtig diese Kenntnis aber ist, habe ich an seiner Stelle gezeigt, und einiges dort absichtlich unerwähnt Gebliebene will ich hier in Betracht nehmen.

Liest man ein Buch, was Unglaubliches oder Unverständliches enthält oder in dunklen Aus­drücken abgefasst ist, und kennt man den Verfasser und die Zeit und den Anlass dazu nicht, so ist es vergeblich, sich über dessen Sinn zu vergewissern. Es ist dann unmöglich zu wissen, was der Verfasser gewollt oder wollen gekonnt hat, während, wenn man dies genau kennte, man sein Urteil so einrichten könnte, dass man ohne vorgefasste Meinung dem Verfasser oder Dem, für den er schrieb, nicht mehr oder weniger, als Recht ist, zuteilt, und dass man nur an das denkt, was der Verfasser im Sinn hatte, und was die Zeit und Gelegenheit verlangte.

Hierin wird mir jeder beistimmen. Denn es trifft sich oft, dass man ähnliche Geschichten in verschiedenen Büchern findet, worüber man sehr verschieden urteilt, je nach der Kenntnis, die man von den Verfassern hat. [121]

So entsinne ich mich, einst in einem Buche von einem Manne gelesen zu haben, der der rasen­de Roland hieß, auf einem geflügelten Ungeheuer durch die Luft ritt und damit über beliebige Länder hinwegflog; er allein metzelte eine ungeheure Zahl Menschen und Riesen nieder, und dergleichen mehr, was für den gesunden Verstand ganz unfassbar war. Eine dieser ähnlichen Geschichte hatte ich im Ovid über Perseus gelesen und noch eine ähnliche in dem Buch der Richter und Könige über Simson (der allein und ohne Waffen Tausende von Menschen nie­dermetzelte) und von Elias, der durch die Luft flog und endlich in einem feurigen Wagen und mit feurigen Rossen gen Himmel fuhr. Obgleich nun diese Erzählungen einander sehr glei­chen, so urteilen wir doch über jede sehr verschieden, nämlich, dass der Verfasser der ersten nur Possen hat schreiben wollen; der Zweite aber politische Dinge und der Dritte heilige; und Alles dies nehmen wir nur in Folge der Meinungen an, die wir über deren Verfasser hegen. Hieraus erhellt, dass ohne Kenntnis der Verfasser, welche dunkel und unverständlich ge­schrieben haben, die Erklärung ihrer Schriften unmöglich bleibt.

Aus denselben Gründen muss man, um die wahren Lesarten bei dunklen Geschichten zu er­mitteln, wissen, in wessen Händen die Exemplare mit den verschiedenen Lesarten sich be­funden haben, und ob nicht noch andere sich bei Personen von größerer Zuverlässigkeit fin­den.

Eine andere Schwierigkeit bei Erklärung der Bibel in dieser Weise liegt darin, dass wir sie nicht mehr in der ursprünglichen Sprache besitzen. Denn das Evangelium nach Matthäus und un­zweifelhaft auch der Brief an die Hebräer ist nach allgemeiner Annahme hebräisch abge­fasst worden, welcher Text aber nicht mehr vorhanden ist. Von dem Buch Hiob ist es zweifel­haft, in welcher Sprache es abgefasst worden; Abraham ibn Esra behauptet in seinem Kom­mentar, es sei aus einer andern Sprache in das Hebräische übersetzt worden, und davon kom­me seine Dunkelheit. Über die apokryphen Bücher sage ich nichts, da sie von sehr verschiede­ner Gül­tigkeit sind.

Dies sind nun alle Schwierigkeiten der Auslegungsweise der Bibel, die aus ihrer eignen Ge­schichte, soweit sie zu haben ist, hervorgehen. Ich halte sie für so groß, dass ich behaupten möchte, wir kennen den wahren Sinn [122] der Bibel in ihren meisten Stellen weder mit Ge­wissheit noch mit Wahrscheinlichkeit. Indes muss ich wiederholt erinnern, dass alle diese Schwierigkeiten nur da die Auffindung des Sinnes der Propheten hindern, wo es sich um unbegreifliche und nur eingebildete Dinge handelt, aber nicht bei verständlichen Gegenstän­den, von denen man klare Begriffe bilden kann. Denn Dinge, die von Natur leicht erfassbar sind, können nie so dunkel ausgedrückt werden, dass sie nicht dennoch leicht zu verstehen wären, nach dem Sprichwort: »Für den Klugen ist genug gesagt.« Euklid, der nur über ein­fache und höchst verständliche Dinge schrieb, wird von Jedem in jeder Sprache verstanden; denn um dessen Meinung zu treffen und des wahren Sinnes gewiss zu sein, braucht es keiner vollständigen Kenntnis der Sprache, in der er geschrieben hat; eine gewöhnliche Kenntnis, wie die des Knaben, reicht dazu hin, und man braucht dazu weder das Leben noch die Be­schäftigungen und den Charakter des Verfassers zu wissen; auch nicht die Schicksale des Buches, nicht die verschiedenen Lesarten und nicht, wie und auf wessen Rath man es aufge­nommen hat. Was hier über Erklärung gesagt ist, gilt von allen Schriftstellern über von Natur verständliche Gegenstände; deshalb nehme ich auch an, dass man die Meinung der Bibel rücksichtlich der sittlichen Vorschriften aus ihrer Geschichte, wie wir sie haben, leicht fassen und über ihren wahren Sinn Gewissheit erlangen kann. Denn die Lehren der wahren Fröm­mig­keit werden in den gebräuchlichsten Worten ausgedrückt, und sie selbst sind sehr bekannt, einfach und leicht verständlich; das wahre Heil und die Seligkeit besteht in der Ruhe der See­le, und man findet diese wahre Ruhe nur in dem, was man klar erkennt. Daraus folgt, dass man die Meinung der Bibel in Betreff der heilsamen, zur Seligkeit erforderlichen Dinge sicher auffinden kann, und man braucht deshalb um das Übrige nicht so besorgt zu sein, da es meist unbegreiflich und unverständlich ist und deshalb mehr die Neugierde erregt als Nutzen bringt.

Damit glaube ich die wahre Auslegungsweise der Bibel dargelegt und meine Ansicht darüber genügend ausgesprochen zu haben. Außerdem wird man unzweifelhaft bemerken, dass dieses Verfahren kein Licht außer dem natürlichen verlangt. Denn das Wesen und die Kraft [123] dieses natürlichen Lichts besteht vorzüglich in Ableitung und Folgerung der dunkeln Dinge aus bekannten oder als solchen gegebenen Schlüssen, und mehr verlangt meine Auslegung nicht. Ich gebe zu, dass sie nicht für die sichere Aufklärung alles Inhaltes der Bibel zureicht; allein dies ist nicht ihre Schuld, sondern kommt davon, dass der wahre und rechte Weg, den sie zeigt, noch niemals gebahnt, von den Menschen nicht betreten und deshalb im Lauf der Zeiten sehr steil und unwegsam geworden ist, wie die von mir selbst bezeichneten Schwierig­keiten klar darlegen.

Ich habe nun nur noch die Ansicht meiner Gegner zu prüfen. Zunächst die, wonach das natür­liche Licht keine Kraft zur Auslegung der Bibel haben, sondern ein übernatürliches Licht dazu vorzugsweise nötig sein soll. Ich überlasse hier meinen Gegnern, dieses über das Natürliche gehende Licht näher zu erklären; denn ich kann nur vermuten, dass man damit ebenfalls, nur in dunklem Ausdrücken, hat einräumen wollen, dass der wahre Sinn der Bibel meist zweifel­haft sei. Gibt man nämlich auf die Erklärungen meiner Gegner Acht, so findet man, dass sie nichts Übernatürliches, sondern nur bloße Vermutungen enthalten. Man vergleiche nur damit die Erklärungen Derer, die offen gestehen, dass sie das natürliche Licht besitzen, und man wird sie diesen sehr ähnlich finden, soweit man dabei vernünftig, bedachtsam und sorgsam verfahren ist. Wenn man sagt, das natürliche Licht reiche dazu nicht aus, so erhellt die Un­wahrheit davon teils aus dem früher dargelegten Umstand, dass die Schwierigkeit der Bibel-Erklärung nicht von dem Mangel an Kraft des natürlichen Lichts kommt, sondern nur von der Nachlässigkeit, wenn nicht Bosheit der Menschen, welche die Geschichte der Bibel zu einer Zeit, wo es noch möglich war, nicht ausbildeten, und daraus, dass, wie Alle, glaube ich, ein­räumen, das übernatürliche Licht ein göttliches, nur den Gläubigen gewährtes Geschenk sein soll, da doch die Propheten und Apostel nicht bloß den Gläubigen, sondern hauptsächlich den Ungläubigen und Gottlosen zu predigen pflegten, mithin diese gewiss fähig waren, die Mei­nung der Propheten und Apostel zu verstehen; denn sonst hätten die Propheten und Apostel Knaben und Kindern gepredigt, nicht vernünftigen [124] Leuten, und Moses hätte seine Ge­setze umsonst gegeben, wenn nur die Gläubigen sie hätten verstehen können, die keines Gesetzes bedürfen. Wer daher ein übernatürliches Licht zum Verständnis des Sinnes der Pro­pheten und Apostel verlangt, scheint vielmehr des natürlichen Lichts zu ermangeln, und ich kann unmöglich glauben, dass er eine göttliche Gabe besitze.

Maimonides’ Ansicht war eine ganz andere; er fühlte, dass jede Stelle der Bibel verschiede­ner, ja entgegengesetzter Auslegungen fähig sei, und dass man über den wahren Sinn keine Gewissheit haben könne, bevor man nicht wisse, dass die Stelle in dieser Auslegung nichts enthält, was mit der Vernunft streitet oder ihr widerspricht. Widerspricht der wirkliche Sinn der Vernunft, so meint er, dass die Stelle, auch wenn sie noch so klar sei, doch anders ausge­legt werden müsse, und sagt dies deutlich im Buch More Nevuchim, zweites Buch, Kap. 25 mit den Worten: »Wisset, dass ich mich trotz der Worte, welche die Bibel über die Schöpfung der Welt enthält, nicht scheue zu sagen, dass die Welt von Ewigkeit bestanden hat. Denn der Stellen, welche sagen, die Welt sei geschaffen, sind nicht mehr als derer, welche sagen, Gott sei körperlich, und der Weg zur Erklärung der Stellen, die über die Erschaffung der Welt han­deln, ist uns nicht verschlossen oder versperrt, und wir hätten sie auslegen können, wie wir es bei der Körperlichkeit Gottes gemacht haben, und vielleicht wäre dies leichter gewesen, und wir hätten bequemer diese Stellen erklären und die Ewigkeit der Welt feststellen können, als es bei der Erklärung der heiligen Schriften geschehen, wo wir die Körperlichkeit des gesegne­ten Gottes beseitigten. Wenn ich dies nicht tue und nicht glaube (nämlich, dass die Welt ewig sei), geschieht es ans zwei Gründen: 1) weil klar bewiesen ist, dass Gott nicht körperlich ist, und alle jene Stellen demgemäß erklärt werden müssen, deren Wortsinn damit in Widerspruch steht; denn sie müssen offenbar eine Erklärung (neben der wörtlichen) zulassen. Aber die Ewigkeit der Welt beruht auf keinem Beweis, deshalb braucht man den Schriften keine Ge­walt anzutun und sie gegen den scheinbaren Sinn auszulegen, zu dessen Gegenteil ich aller­dings durch die Vernunft bestimmt werden könnte. Zweitens widerspricht der Glaube, [125] dass Gott unkörperlich sei, den Grundlagen des Gesetzes nicht; dagegen zerstört die Annahme der Ewigkeit der Welt in dem Sinne des Aristoteles das Gesetz von Grund aus.«

Aus diesen Worten des Maimonides folgt deutlich, was ich gesagt habe; denn wäre er selbst in seiner Vernunft gewiss, dass die Welt ewig sei, so würde er nicht anstehen, die Schrift zu pressen und auszulegen, bis sie selbst dies zu lehren schiene; ja, er wäre gleich überzeugt ge­wesen, dass die Schrift, obgleich sie überall dagegenspricht, doch die Ewigkeit der Welt habe lehren wollen. Mithin konnte er über den wahren Sinn der Schrift bei aller Klarheit der­selben nicht sicher sein, so lange er selbst die Wahrheit bezweifelte oder derselben nicht sicher war. Denn so lange man dieser Wahrheit nicht sicher ist, so lange weiß man nicht, ob der Gegen­stand mit der Vernunft stimmt oder ihr widerstreitet, und deshalb auch nicht, ob der wörtliche Sinn der wahre Sinn der Bibel ist oder nicht.

Wäre diese Ansicht richtig, so würde ich unbedingt anerkennen, dass man noch eines andern als des natürlichen Lichtes zur Auslegung der Bibel bedarf. Denn beinahe der ganze Inhalt der Bibel kann aus Grundsätzen des natürlichen Lichtes, wie gezeigt, nicht abgeleitet werden, des­halb kann auch das natürliche Licht uns über dessen Wahrheit keine Auskunft geben, folglich auch nicht über den wahren Sinn und die Meinung der Bibel, sondern es würde dazu eines andern Lichtes bedürfen. Wenn diese Ansicht wahr wäre, würde weiter folgen, dass die Men­ge, welche in der Regel die Beweise nicht kennt oder dazu keine Zeit hat, den Inhalt der Bibel nur auf Treue und Glauben der Philosophen annehmen und diese in der Schrifterklärung für untrüglich halten müsste, und dies wäre fürwahr eine neue Autorität in der Kirche und ein neues Geschlecht von Priestern und Päpsten, was von der Menge mehr belacht als verehrt werden würde.

Allerdings verlangt auch mein Verfahren die Kenntnis der hebräischen Sprache, mit deren Er­lernung die Menge sich nicht abgeben kann; allein deshalb trifft dieser Einwand mich nicht, denn das niedere Volk der Juden und Heiden, für die ehedem die Propheten und Apostel ge­predigt und geschrieben haben, verstand deren Sprache [126] und damit auch deren Meinung, aber nicht die Gründe der Dinge, die sie lehrten, obgleich sie nach Maimonides auch diese hätten verstehen müssen, um den Sinn des Propheten zu fassen. Deshalb folgt ans meiner Erklärungsweise nicht, dass die Menge sich notwendig bei dem Zeugnis der Erklärer beruhi­gen müsse; denn ich zeige ein Volk, welchem die Sprache der Propheten und Apostel geläufig war; aber Maimonides wird kein Volk zeigen können, welches die Gründe der Dinge einsieht und daraus deren Sinn entnimmt. Was aber das heutige niedrige Volk anlangt, so habe ich schon gezeigt, dass das zum Heil Nötige auch ohne Kenntnis der Gründe in jeder Sprache leicht verstanden werden könne, weil es allgemein bekannt ist und geübt wird, und die Menge sich dabei und nicht bei dem Zeugnis der Ausleger beruhigt. In allem Übrigen geht es ihr wie den Gelehrten selbst.

Ich kehre indes zur Meinung von Maimonides zurück und will sie noch genauer untersuchen. Zuerst setzt er voraus, dass die Propheten in Allem übereingestimmt und die größten Philoso­phen und Theologen gewesen seien; denn er meint, sie hätten aus der Wahrheit der Dinge ihre Lehre abgeleitet; allein diese ist falsch, wie ich im zweiten Kapitel gezeigt habe. Dann nimmt er an, dass der Sinn der Schrift aus ihr selbst sich nicht ergeben könne; denn die Wahrheit der Dinge ergebe sich aus ihr nicht, da sie keine Beweise habe, und das, was sie lehre, lehre sie nicht durch Definitionen und aus den ersten Ursachen. Deshalb soll nach Maimonides der wahre Sinn der Bibel sich nicht aus ihr ergeben und nicht aus ihr entnommen werden können. Aber auch dies ist falsch, wie aus diesem Kapitel erhellt. Denn ich habe mit Gründen und Bei­spielen erwiesen, dass der Sinn der Bibel aus ihr selbst sich ergibt und selbst bei Dingen, die nach dem natürlichen Licht bekannt sind, aus ihr allein entnommen werden muss.

Er nimmt endlich an, dass uns erlaubt sei, die Worte der Schrift nach unseren vorgefassten Meinungen zu erklären, zu verdrehen und den Wortsinn, wenn er auch noch so klar und aus­drücklich ist, zu verleugnen und in einen andern zu verkehren. Eine solche Erlaubnis geht offenbar zu weit und ist zu verwegen, denn sie widerspricht [127] geradezu dem, was in die­sem Kapitel und früher dargelegt worden ist. Aber wenn ich ihm auch diese große Freiheit gestattete, was erreichte er damit? Fürwahr nichts; denn der Inhalt der Bibel ist zum größeren Teil unbeweisbar und kann daher auf diese Art nicht erforscht und nach dieser Regel nicht erklärt und erläutert werden. Befolgt man dagegen meine Regeln, so kann man Vieles dieser Art erklären und sicher darüber verhandeln, wie ich mit Gründen und durch die Tat gezeigt habe. Ebenso kann der Sinn des von Natur Begreiflichen leicht, wie ich gezeigt, aus dem Text der Rede entnommen werden; aber die Weise des Maimonides ist hier ohne Nutzen. Dazu kommt, dass sie alle Gewissheit zerstört, welche die Menge bei einem andächtigen Lesen und Jedermann bei Befolgung meines Verfahrens über den Sinn der Bibel gewinnen kann. Ich verwerfe deshalb diese Ansicht des Maimonides; sie ist schädlich, unnütz und widersinnig.

Was ferner die Überlieferung der Pharisäer anlangt, so habe ich schon früher bemerkt, dass sie sich nicht gleichbleibt; dagegen bedarf die Autorität der Päpste eines überzeugenden Zeug­nisses, und deshalb verwerfe ich sie. Zeigte die Bibel uns dieselbe ebenso deutlich, wie bei den Juden die Hohenpriester ehedem für ihre Autorität daraus ableiten konnten, so würde es mich nicht stören, dass es unter den Römischen Päpsten Ketzer und Gottlose gegeben hat, die ihr Amt auf unredliche Weise erlangt hatten; denn auch unter den jüdischen Hohenpriestern gab es Ketzer und Gottlose; aber doch kam denselben nach dem Gebot der Bibel die oberste Macht der Schrifterklärung zu. (Man sehe Exodus 17,11-12; 23,10 und Malachi 2,8.) Allein da die Päpste kein solches Zeugnis uns vorweisen können, so bleibt ihre Machtvollkommen­heit verdächtig, und wenn man, durch das Beispiel der Juden verleitet, behauptet, die katho­lische Religion bedarf ebenfalls eines Hohenpriesters, so muss ich bemerken, dass die Gesetze Moses, als das einheimische Recht, notwendig zu ihrer Erhaltung einer öffentlichen Macht bedurften; denn könnte Jeder das öffentliche Recht nach seinem Belieben auslegen, so könnte kein Staat bestellen; er würde sich sofort auflösen, und das öffentliche Recht zu einem pri­va­ten werden. Mit der Religion verhält es sich aber ganz anders. [128] Sie besteht nicht so­wohl aus äußerlichen Handlungen als aus der Einfalt und Wahrhaftigkeit der Seele und gehört des­halb nicht zu dem öffentlichen Recht und zur Staatsgewalt. Diese Einfalt und Wahrhaftig­keit der Seele wird den Menschen nicht durch das Gebot der Gesetze noch durch die Macht des Staates beigebracht, und Niemand kann durch Gewalt oder Gesetze genötigt werden, selig zu werden. Dazu gehörten fromme und brüderliche Ermahnungen, eine gute Erziehung und vor Allem Freiheit des eignen Urteils.

Da mithin Jedem das Recht der Gedankenfreiheit auch in Religionssachen zustellt und nie­mand sich dieses Rechtes begeben kann, so hat auch Jeder das Recht und die Macht, über Religion frei zu urteilen und also auch sie für sich zu erklären und auszulegen. Denn die Macht der Gesetzesauslegung und die höchste Entscheidung über öffentliche Angelegenheiten stellt der Obrigkeit nur zu, weil es sich dabei um das öffentliche Recht handelt. Deshalb muss aus gleichem Gründe die oberste Macht, die Religion auszulegen und darüber zu entscheiden, dem Einzelnen zustehen, da es das Recht des Einzelnen ist. Es wäre also weit gefehlt, wenn man ans der Macht der jüdischen Hohenpriester zur Erklärung des einheimischen Rechts die Macht des Papstes in Rom zur Erklärung der Religion folgern wollte, da vielmehr daraus sich ergibt, dass jeder Einzelne diese Macht hat. Zugleich erhellt, dass meine Regeln der Schrift­auslegung die besten sind. Denn ist die oberste Macht dazu bei jedem Einzelnen, so kann nur das natürliche, Allen gemeinsame Licht zur Regel bei der Auslegung dienen, aber kein über­natürliches Licht und keine äußere Autorität. Auch darf sie dann nicht so schwierig sein, dass nur die scharfsinnigsten Philosophen sie geben können, sondern sie muss dem natürlichen und allgemeinen Verstande und den Fähigkeiten der Menschen zugänglich sein, wie dies bei mei­nen Regeln der Fall ist; da die dabei vorkommenden Schwierigkeiten nicht in der Natur mei­nes Verfahrens liegen, sondern nur aus der Nachlässigkeit der Menschen entstanden sind.

Quelle: Baruch de Spinoza, Theologisch-politische Abhandlung (1670), aus dem Lateinischen übersetzt von Julius Heinrich von Kirchmann, Berlin 1870, 7. Kapitel, S. 106-128 (orthographisch korrigiert).


[1] Gemeint sind die Masoreten, jüdische Schriftgelehrte des 8. bis 10. Jahrhunderts, die den hebräischen Text des Alten Testaments in Orthographie, Aussprache und Vortragsweise festgelegt haben.

Hier der Text als pdf.

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