Gut, wenn der Begriff „Volkskirche“ aus dem kirchlichen Vokabular verschwindet

In der aktuellen Ausgabe von IDEA. Das christliche Spektrum erkläre ich, warum ich gegen den Begriff einer Volkskirche bin:

Gut, wenn der Begriff „Volkskirche“ aus dem kirchlichen Vokabular verschwindet

Gut, wenn der Begriff „Volkskirche“ aus dem kirchlichen Vokabular verschwindet. Es sind nicht nur die fortschreitende Entkirchlichung unter der Bevölkerung sowie der zunehmende Anteil von Menschen mit fremdstämmiger Herkunft, die einen Identitätsanspruch von (Staats-)Volk und Kirche haltlos machen. Vielmehr lässt sich die Kirche Jesu Christi als auserwähltes „Volk Gottes“ (1Petrus 2,9f) eben nicht ethnisch bestimmen bzw. national oder territorial voneinander abgrenzen. Vom Evangelium her gilt Kirche als die versammelte „Gemeinde von Schwestern und Brüdern, in der Jesus Christus in Wort und Sakrament durch den Heiligen Geist als der Herr gegenwärtig handelt“ (These 3 der Barmer theologischen Erklärung).

Der Begriff der Volkskirche hingegen bürgt für protestantische „Religionsgesellschaften“, denen als staatlich anerkannten Körperschaften kirchensteuerpflichtige Mitglieder aus der Praxis der Kindertaufe erwachsen. Die solchermaßen vereinnahmten Mitglieder werden in einem flächendeckenden Parochialsystem verwaltet und pastoral auf Kasualien hin bedient.

Ein „volkskirchlicher“ Inklusionsanspruch führt dazu, dass die Gottesbotschaft des Evangeliums semantisch auf den kleinsten gemeinsamen Nenner der allgemein zumutbar Bedeutsamen ausgedünnt wird. Eine solche Verkündigung kann keine nachhaltige Resonanz bei Gläubigen finden und verliert sich im Konzert selbstgefälliger Lebensbotschaften.

Wenn es um die Zukunft der evangelischen Kirche geht, wird das Commitment der Gläubigen in der versammelten Gemeinde vor Ort entscheidend sein. Ein solches Commitment erwächst nur dort, wo Menschen gemeinsam immer wieder neu erfahren, dass es in der Kirche Jesu Christi um das eigene Leben mit Gott geht.

Hier der Text in IDEA als pdf.

2 Kommentare

  1. Vielleicht ist der Begriff der Volkskirche zu hinterfragen. Das Konzept einer pluralen Kirche dagegen halte ich für unendlich wichtig. Warum?
    Nun, ich könnte es mit einem literarischen Beispiel sagen: Axel Hambraeus‘ „Pfarrer von Uddarbo“ findet eben nicht in der „Bekenntniskirche“, sondern in der „Volkskirche“ den Freiraum, das Evangelium zu predigen, wie es der Herr ihm zu verkündigen aufträgt.
    Mein lieber Freund und Lehrer Paul Deitenbeck hat sich von Tendenzen innerhalb der Bekenntnisbewegung zurückgezogen, die meinten, die einzige wahre Lesart der Bibel und die einzige gültige Art der Frömmigkeit zu besitzen. Paul Deitenbeck hat nie den Anspruch erhoben, darüber zu richten, ob jemand „den rechten Glauben“ habe oder nicht. Auch er hatte gerade in der Volkskirche den Freiraum, seinen vom Herrn empfangenen Auftrag auszuführen.
    In einem alten Witz sagt ein Jesuit zu einem Dominikaner: „wir dienen demselben Herrn. Du auf deine Weise, ich auf seine.“ Dieser Einstellung bin ich leider Gottes oft begegnet. Ganz besonders in „Freikirchen“, die ich lieber als Richtungs- oder Tendenzkirchen bezeichnen möchte, und die der Gefahr unterstehen (und leider oft unterliegen), Klientelgemeinden zu werden. Auch in der Volkskirche, hier in Frankreich „Église multitudiniste“ genannt, durch Menschen, die daraus eine Klientelkirche machen wollen.
    Die Gefahr der Tendenzkirchen – egal ob pietistisch, charismatisch oder liberal – ist, daß man nur hört, was man hören will, und so mit dem Strich gebürstet wird. Und das gibt man an die Kinder und Kindeskinder weiter… heute sind die „Freikirchen“ in exakt derselben Situation wie die Landeskirchen, was die Konfirmationen angeht: die Kinder lassen sich konfirmieren (LK) oder taufen (FK), weil das „eben so gemacht wird“, und nicht aus einer echten Glaubensentscheidung. Oh, war das nicht gerade einer der Kritikpunkte an der „Volkskirche“?
    Die „Volkskirche“ ist ein Rahmen, in dem wir eine Menge Menschen immerhin mindestens viermal in ihrem Leben in Kontakt mit dem Evangelium bringen können: zur Taufe, zur Konfirmation, zur Trauung, zur Beerdigung. (Bei Taufe und Beerdigung haben sie nicht viel davon, aber dafür bringen sie ihre Familien mit, das lasse ich gelten, denn rechnerisch hebt sich das auf.) Wir haben die großartige Möglichkeit, durch kirchlichen Unterricht (und in Deutschland auch Religionsunterricht in der Schule) Kindern über mehrere Jahre hinweg Jesus bekanntzumachen. Natürlich müssen die Prioritäten im Unterricht richtig gesetzt werden und nicht „In Rechter Ordnung Lerne Jesu Passion“ für wichtiger gehalten werden als „was ist dein einiger Trost im Leben und im Sterben“. Aber statt diese Chance zu nutzen, verteufeln wir sie?
    Ich habe lange genug in einer Kirche gearbeitet, die zwar multitudiniste ist, aber mit unter 1% Anteil an der Bevölkerung garantiert keine Volkskirche. Einer Kirche, die den Traditionsabbruch nicht mitbekommen hat und sich heute wundert, warum sie nur noch aus alten Leuten besteht: ganz einfach, weil sie seit 40 Jahren die Jugend verloren hat. In Deutschland, auch hier im Elsaß, haben wir die Möglichkeiten noch, die jungen Menschen anzusprechen. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis auch hier diese Möglichkeit verschwindet. Einstweilen haben wir sie aber, und sollten sie dringend nutzen – und gleichzeitig überlegen, was wir an ihre Stelle setzen wollen, wenn Schulunterricht und volkskirchliche Tradition verschwinden. Die verschwinden sowieso, das brauchen wir wahrlich nicht zu beschleunigen.
    Die radikalen Parteigänger der pietistischen Tendenzkirche aber sollten sich auch fragen, gegen wen sie sich richten wollen, wenn einmal die Volkskirche, und mit ihr die universitäre Theologie und die bösen Liberalen, verschwunden sein werden. Wenn sie nicht mehr „anti“ sein können, müssen sie klar sagen, wozu sie „pro“ sind – und das können sie nicht. Jedenfalls habe ich es in anderthalb Jahrzehnten IDEA-spektrum-Lektüre nicht gefunden.

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