Jörg Zink über das Vaterunser: „Unser Vater, Gott, der du uns aus deiner Verborgen­heit heraus ansprichst, du sollst uns heilig sein. Verwandle die Welt in dein Reich. Setze deinen Willen durch, dort, wo wir ihn wahr­nehmen, und dort, wo er uns verborgen ist …“

Das Gebet Jesu

Jesu betete in Gethsemane und er betet am Kreuz. Das Vaterunser als Gebet der Bergpredigt zeigt ein besonders inniges Verhältnis zu Gott, den er »Vater« nannte.

Von Jörg Zink

Was aber soll man beten?, fragten ihn seine Jünger. Und Jesus gab ihnen das große, einfache Gebet, das wir das Vaterunser nennen. (Matthäus 6,9-13). Wir sagen also: Du, Vater, bist uns nahe, und doch begreifen wir dich nicht. Denn du bist für uns im »Himmel«. Wir nen­nen dich Gott und wissen dich über uns wie die Wolken, um uns her wie die Luft, unter uns wie die Erde und in uns wie uns selbst. Wir könnten ebenso gut sagen: »Unsere Mutter«, denn wir reden ja immer nur in Bildern. Auch »Vater« ist ein Bild, das wir uns machen, um besser zu verstehen, was wir meinen. Er oder sie ist ja weder männlich noch weiblich. Es ist Gott. Aber nun ist bei uns mit dem Bild von Gott, dem »Vater«, etwas Schwerwie­gendes geschehen. Für Jesus lag in dem Ausdruck »Abba«, den er verwendete, etwas ungemein Zärtliches.

In der hinter uns liegenden bürgerlichen Kultur war der Vater sehr häufig der über der Familie schwebende Tyrann, den die Kinder ehrten und fürchteten und dem die Mutter demütig dien­te. Heute zeichnet sich ein Wandel ab, der darin besteht, dass die Väter zugleich oft auch »Mütter« sind, mit dem Kind ebenso eng verbun­den wie sie, sodass vielleicht die religiö­se Bedeutung des Bildes von Gott, dem Vater, wieder begriffen werden kann oder könnte. Es wäre Zeit, auch unter Christen die Freiheit wiederzugewinnen, die in der zärtlichen Dankbar­keit liegt, mit der Jesus Gott als seinen »Vater« ansprach.

»Dein Name werde geheiligt.« »Dein Name« steht für »du«. Mit dem »Namen« umschrieb der Jude den Gott, den er nicht nennen durfte, weil er heilig war, unnenn­bar, unserer Men­schenrede entzogen. Wenn der »Name« »heilig« war, geschützt, dann sagte man: Gott ist anders. Unsere Vorstellungen von ihm müssen gezeich­net sein von seinem wirklichen Ge­sicht, seiner wirklichen Klarheit.

WIR KÖNNEN ALSO NICHT leichthin von Gott reden, beliebig, unehrfürchtig, schnoddrig, salopp oder auch so, als wäre mit dem, was wir Gott nennen, Gott begriffen. Denn wir Men­schen nennen vieles »heilig«, das es nicht ist: ein Va­terland, eine Liebe, die Rechtsordnung, Kirchengebäude, Tage oder Jahre, aber den, der allein unantastbar sein sollte, machen wir gerne zu einem ohnmächti­gen »lieben Gott«.

Wenn wir sagen: Dein Name werde ge­heiligt, dann bitten wir Gott: Gib unseren Worten über dich Gewicht in unseren Ge­wissen. Gib Klarheit in unsere Gedanken.

Mache dich spürbar wie die Luft, schau­bar wie die Farben der Dinge, hörbar wie die Stimme eines Menschen. Aber lass uns dabei nie den ungeheuren Abstand vergessen zwischen dir und uns. »Dein Reich komme!« Wir suchen Frieden.

Wir suchen Gerechtigkeit. Wir können es nicht hinnehmen, dass die Menschen an Kriegen zugrunde gehen oder am Hun­ger – oder dass unsere moderne Lebens­weise die Schöpfung zerstört. Wir wissen zugleich, dass der Unfriede auch von uns selbst ausgeht und das Unrecht seinen Ursprung auch in uns selbst hat. Darum kann niemand dein Reich schaffen außer dir selbst, und wir bitten dich, bewahre deine Welt vor der Tatkraft und den zerstörerischen Ein­fällen des Menschen. Nicht, dass wir in den Himmel kommen, erbitten wir, sondern dass du die Welt verwandelst in dein Reich.

WIR SAGEN: »Dein Wille soll gesche­hen.« Das erscheint überflüssig, denn er geschieht ohnehin täglich und überall in der ganzen geschaffenen Welt. Es sind nur wir Menschen, denen die Freiheit gegeben ist, ihn zu hindern, und bei uns wird er immer nur geschehen, wo wir ihm Raum geben. Die Weltgeschichte ist der jahrtausendealte Beweis. Wir bitten also dringend, wir bitten unter Aufbietung aller Kräfte: Setze endlich deinen Willen durch und nimm uns selbst zu Werkzeugen deines Willens! Und wenn dein Wille sich gegen unsere Wünsche richtet, gegen un­sere Hoffnungen, gegen unseren Lebens­willen, wenn uns die Krankheit bestimmt, die Armut, Leiden oder Tod und wir uns vor deinem Willen fürchten, dann hilf uns, ihn anzunehmen. Denn wo könnten wir Erfüllung finden oder einen Sinn sehen in unserem Leben, wenn nicht darin, dass unser eigener Wille mit deinem Willen ins Einver­nehmen gelangt?

Wir sagen: »Unser tägliches Brot gib uns heute.« Das Brot also, das uns täglich nötig ist, und so viel dieser Tag verlangt. Aber mir scheint, diese Bitte meine ei­gentlich noch etwas anderes. Das Wort, das im griechischen Text für »täglich« steht, könnte auch heißen »künftig«. Gib uns also unser »künftiges Brot«.

JESUS SPRACH ja immer wieder von dem künftigen Festmahl, das wir feiern werden bei dem großen Umbruch aller Dinge. Jesus könnte also gemeint haben: Diese Speise im kom­menden Reich, dieses künf­tige Brot gib uns schon heute! Es ist Zeit. Der Hunger unserer Seele ist groß und dauert schon allzu lang. Diese Zeit des Hungers nach Erlösung dehnt sich. Kürze sie ab! Gib uns dieses künftige Brot heute! »Und vergib uns unsere Schuld«, sagen wir. Was ist Schuld? Sie ist Eigensucht, Lieblo­sigkeit, Verstummen, Gleichgültigkeit.

Wir sagen: Unsere Schuld trennt uns von dir, Gott, wie auch von den Menschen um uns her und auch von uns selbst. Jeden Tag, an dem sie weiter besteht, wird die Trennung endgültiger. Wir leiden darun­ter, dass wir anderen Unrecht zufügen und die Folgen unseres Tuns nicht auslö­schen können.

SO BITTEN WIR UM VERGEBUNG, das heißt: um einen neuen Anfang. Denn wir können nicht frei und glücklich leben, solange wir unser Versagen und Versäu­men mit uns herumtra­gen. Dass es uns damit ernst ist, zeigen wir damit, dass wir anderen nicht anrechnen, was sie gegen uns denken, reden oder tun.

Wenn wir freilich dein Vergeben so eng an unser eigenes gütiges Vergeben binden, dann set­zen wir damit ein für uns selbst gefährliches Maß. Wir möchten deshalb gerne bitten: Vergib uns auch, wo wir selbst nicht vergeben können! Vergib uns mehr, als wir selbst vergeben. Aber das Ge­bet hat keine Ermäßigung bereit. Es lautet hart und klar: Vergib uns unsere Schuld nach demselben Maß, in dem wir denen vergeben, die an uns schuldig werden. Wir sagen: Bewahre uns davor, in die »Versuchung« zu geraten. Damit ist aber etwas gänzlich anderes gemeint, als was uns dabei sofort einfallen mag. Uns fällt etwa ein verheirateter Mann ein, der eine attraktive Frau sieht, oder der Zigaretten­automat an der Ecke. Mit solchen Ge­fähr­dungen, so scheint Jesus überzeugt zu sein, können wir auch selbst mit einiger Disziplin fertig werden.

Nein. Versuchung bedeutet in der Zeit und in dem Land, in dem Jesus lebte, auch etwas ganz anderes und Bestimmtes. Es wollte sagen: Wenn die großen Katastro­phen der Endzeit und des Weltuntergangs über uns hereinbrechen, wenn in alles Maß sprengendem Leiden die ganze Erde versinkt und verdirbt, wenn wir abstürzen in einen Abgrund des Schreckens und des Grauens, dann halte uns fest. Denn dann ist unser Glaube gefährdet. Dann geraten wir in die Gefahr, dass wir wie alle ande­ren im großen Unglück dir absagen, dir fluchen. Führe uns nicht in diese Gefahr! Lass, wenn das alles geschieht, unsere Hand nicht los! Wir sagen also, wenn wir das Wort »Versuchung« gebrauchen: Es geschieht in dieser Welt so unendlich viel, dessen Sinn wir nicht verstehen. Bewahre uns davor zu sagen: Es ist alles sinnlos. Es wird so unend­lich viel und täglich gelo­gen, gefälscht, getäuscht. Bewahre uns davor zu sagen: Es gibt keine Wahrheit. Es gibt so viel Leid und Elend überall. Bewahre uns davor zu sagen: Es ist kein Gott, der es wahrnimmt. Lass uns also nicht in die Gefahr geraten, in die einzige wirklich töd­liche Versuchung, deine Hand loszulassen, Vater im Himmel!

»ERLÖSE UNS VON DEM BÖSEN«, sagen wir. Damit ist gemeint: Alles, unsere ganze Menschenwelt, ist in den Pranken des Bösen. Gewalt und Bosheit herrschen unbegrenzt, und wenige nur setzen ihnen wirklich etwas entgegen. Die Gefahr ist, dass wir glauben: Das Böse oder der Böse – das Wort lässt offen, ob das Böse eine ano­nyme Macht oder ob es eine per­sonähnliche sei – hat die letzte Macht.

Wir bitten dich also dringend: Löse die Gewalt, mit der das Böse oder der Böse – gleichviel – uns im Griff hat. Denn wir möchten, nein wir müssen glauben dürfen, dass du bist, dass du die Macht hast, dass du uns in unserem Elend zugewandt bist, dass wir uns auf dich verlassen können und dass du uns einer Zukunft entgegen­führst, in der es ein Aufatmen für uns gibt, in der es möglich ist, ohne Angst zu leben. »Dein ist das Reich.« So beginnt der Abschluss des Vaterunsers. Das ist keine Bitte mehr. Es ist eine Feststellung. Damit sagen wir: Du bist letzt­lich der Herr. Du bestimmst, was geschieht. Auch mit uns. Auch mit dieser ganzen Erde. Du bist der große Ursprung der Welt und aller Welten, die es je gab und je geben wird. Du bist das Ziel, auf das alles zuläuft. Du bist der, der auch den kurzen Augenblick, in dem wir Men­schen unsere Tage verbringen, in der Hand hat, der ihn bestimmt und ge­staltet, und dir ver­trauen wir heute immer den folgenden Tag an. »Dein ist die Kraft«, sagen wir. Aus ihr kommt die ganze Ent­wicklung dieser Welt seit dem Urknall.

MIT DEINER KRAFT wirst du die Welt an ihrem Ende auffangen und erneuern in unendli­chen neuen Anfängen. Denn es ist keine Kraft in der Welt, in der du nicht wirktest; kein Ge­setz kommt anders­woher als aus deinen Gedanken. Kein Ding nehmen wir in Gebrauch, das sein Wesen nicht hätte aus deiner Kraft. Und wir selbst bringen unsere Kraft ein in das Spiel aller Kräfte, die aus dir sind, denn wir wissen: Auch die kleine Kraft, mit der wir unser Werk tun, ist aus dir.

»DEIN IST DIE HERRLICHKEIT«, so schlie­ßen wir. »Herrlichkeit« ist ein nicht ganz deut­liches Wort. Was der Jude von damals damit meinte, drückte er in dem hebrä­ischen Wort »kabod« aus. Es bedeutete: das Gewicht, das Gott für diese Welt darstellt, die Heiligkeit, die schöpferische Kraft, die erschreckende Souveränität, die ihm eignet. Die unendliche Wesent­lichkeit gegenüber aller Scheinbarkeit. Das un­endliche Maß an Realität, demgegenüber das, was wir Realität nennen, sich schon fast ins Nichtreale verliert. Zugleich aber ist diese Wirk­lichkeit die Quelle dessen, was auf dieser Erde wirklich ist.

Wir sagen also: Was es an Größe gibt in dieser Welt, ist groß, weil du es bist. Alles Staunens­werte, das wir Menschen schaffen, hat seine Herrlichkeit von dir. Alle Schönheit ist Abglanz deiner Schön­heit. Das Beste an unseren Gedanken, das Beste, das uns gelingt, ist Anteil an deiner Herrlichkeit. Und all das gilt »in Ewigkeit«.

Wenn wir also wollen, können wir das Vaterunser noch einmal lesen, mit Ver­suchen einer deutlicheren Übersetzung, die seinen Sinn da und dort vielleicht ein wenig besser zeigen: Unser Vater, Gott, der du uns aus deiner Verborgen­heit heraus ansprichst, du sollst uns heilig sein. Verwandle die Welt in dein Reich. Setze deinen Willen durch, dort, wo wir ihn wahr­nehmen, und dort, wo er uns verborgen ist. Das Brot, das für uns in deinem Reich bereitliegt, gib uns heute. Löse uns aus der Verstrickung in unsere Verfehlungen, wie wir diejenigen aus ihrer Verstrickung lösen, die an uns schuldig werden. Lass uns nicht in die Gefahr geraten, deine Hand loszulassen, sondern mache uns frei von der Macht des Bösen. Denn du bist der Kommende, du hast die Macht. Du bist der Heilige, jetzt und in Ewigkeit.

Hier der Text als pdf.

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