Paul Schempps Predigt über Prediger/Kohelet 2: „Wenn wir aber Gottes Urteil gehört haben, das Wort der Weisheit Gottes: Alles ist vergeblich — wenn wir das gehört haben, weil wir das Wort vom Kreuz, das Wort vom Bankrott Jesu Christi an der Welt der Juden und Heiden, das Wort vom Bankrott der Juden und Heiden am Kreuz Christi gehört haben, wenn wir glauben, dass wir durch die Gnade des Herrn Jesu Chri­sti selig werden, wenn wir das Sorgen für den andern Morgen uns versagen, weil es ein ver­gebliches Bemühen ist, dann erkennen wir uns durchaus als die Genossen derer, die wohl leben und gute Tage haben möchten.“

1952 hielt Paul Schempp in der reformierten Gemeinde in Stuttgart eine Predigtreihe über die ersten vier Kapitel des Buches Prediger (bzw. Kohelet). Hier seine zweite Predigt über das zweite Kapitel:

Predigt über Prediger 2: Genuss und Arbeit

Von Paul Schempp

1Ich sprach in meinem Herzen: Wohlan, ich will wohl leben und gute Tage haben! Aber siehe, das war auch eitel. 2Ich sprach zum Lachen: Du bist toll! und zur Freude: Was machst du? 3Da dachte ich in meinem Herzen, meinen Leib mit Wein zu pflegen, doch also, daß mein Herz mich mit Weisheit leitete, und zu ergreifen, was Torheit ist, bis ich lernte, was dem Men­schen gut wäre, daß sie tun sollten, solange sie unter dem Himmel leben. 4Ich tat große Din­ge: ich baute Häuser, pflanzte Weinberge; 5ich machte mir Gärten und Lustgärten und pflanzte allerlei fruchtbare Bäume darein; 6ich machte mir Teiche, daraus zu wässern den Wald der grünenden Bäume; 7ich hatte Knechte und Mägde und auch Gesinde, im Hause geboren; ich hatte eine größere Habe an Rindern und Schafen denn alle, die vor mir zu Jeru­salem gewesen waren; 8ich sammelte mir auch Silber und Gold und von den Königen und Ländern einen Schatz; ich schaffte mir Sänger und Sängerinnen und die Wonne der Men­schen, allerlei Saitenspiel; 9und nahm zu über alle, die vor mir zu Jerusalem gewesen waren; auch blieb meine Weisheit bei mir; 10und alles, was meine Augen wünschten, das ließ ich ihnen und wehrte meinem Herzen keine Freude, daß es fröhlich war von aller meiner Arbeit; und das hielt ich für mein Teil von aller meiner Arbeit. 11Da ich aber ansah alle meine Wer­ke, die meine Hand gemacht hatte, und die Mühe, die ich gehabt hatte, siehe, da war es alles eitel und Haschen nach dem Wind und kein Gewinn unter der Sonne. 12Da wandte ich mich, zu sehen die Weisheit und die Tollheit und Torheit. Denn wer weiß, was der für ein Mensch werden wird nach dem König, den sie schon bereit gemacht haben? 13Da ich aber sah, daß die Weisheit die Torheit übertraf wie das Licht die Finsternis; 14daß dem Weisen seine Augen im Haupt stehen, aber die Narren in der Finsternis gehen; und merkte doch, daß es einem geht wie dem andern. 15Da dachte ich in meinem Herzen: Weil es denn mir geht wie dem Narren, warum habe ich denn nach Weisheit getrachtet? Da dachte ich in meinem Herzen, daß solches auch eitel sei. 16Denn man gedenkt des Weisen nicht immerdar, ebenso wenig wie des Narren, und die künftigen Tage vergessen alles; und wie der Narr stirbt, also auch der Weise.
Prediger 2,1-16 – Luther-Bibel 1912)

Ich sprach in meinem Herzen: Wohlan, ich will wohl leben und gute Tage haben.“ (Pred 2,1) Ist das der Ausweg der Verzweiflung? Nicht wahr, wir sind entrüstet über die, die so etwas denken in ihrem Herzen und dann auch den Versuch machen, diese Absicht auszuführen. Wir sagen nein dazu. Wir glauben zu wissen, daß der Mensch nicht auf der Welt ist, um sich’s wohl sein zu lassen, um sich gute Tage zu machen. Wir heißen es Egoismus, nach solch einem Grundsatz zu leben. Besonders heute sind wir empört über solche, die sich gute Tage machen wollen, wo daneben noch der Hunger herrscht, über solche, die nicht fragen nach der Not der andern, wenn sie nur selbst zu guten Tagen kommen, gute Geschäfte machen können, ihre schöne Wohnung behalten. Sie sind leider zahlreich heute, die sich über die Gesetze und über die Moral hin­wegsetzen und alle Klugheit aufwenden, sich einen Vorteil zu verschaffen, die kein Mittel scheuen, um zu einem Genuß zu kommen. Ihre Zahl geht weit über die der Schmuggler und der Dirnen hinaus. Ist’s heute nicht geradezu ein Verbrechen, solch eine Ein­stellung zum Leben zu haben? Das ist die Welt, die böse Welt, der Materialismus, der Feind des Christentums. Diese Gesinnung hat uns im Grunde ins Elend geführt und verhindert uns heute wieder heraus­zukommen. Man müßte zur Arbeit zwingen, wer nichts schaffen will. Man müßte strenger bestrafen, wer die Not der andern ausnützt. Man müßte rück­sichtsloser sein gegen die, die Steuern hinterziehen. Blüht nicht heute mitten in der Not der Vergnü­gungsmarkt? Muß die Kirche nicht besonders die Jugend warnen und schützen gegen diesen Taumel der Sucht nach Vergnügen, Tanz und Lustbarkeit — Karneval? Vielleicht bedauern wir auch diese Menschen, die keinen Halt mehr zu haben scheinen. Vielleicht glauben wir auch zu ver­stehen, daß im Kampf zwischen Hunger und Moral der Hunger siegt. Vielleicht neigen wir zur Nachsicht, weil in jeder allgemeinen Panik der Mensch eben sich selbst der Nächste ist und wir urteilen milder über das Überhandnehmen des Diebstahls. Aber wir stehen jedenfalls auf der Seite des armen Lazarus gegen den reichen Mann, der herrlich und in Freu­den lebt. Wir wollten die [12] nicht sein, die zu ihrer Seele sagen: „Wohlan, iß und trink und sei guten Muts, denn du hast einen Vorrat auf viele Jahre.“ (Lk 12,19) Wir sind ja dieser Ver­suchung ent­hoben. Wir sind schon froh, wenn wir ein bescheidenes Auskommen haben, wenn wir den Hunger nicht mehr zu befürchten haben, wenn wir ein Dach über dem Kopfe haben.

Aber sitzt wirklich in keiner Falte unseres Herzens dieser Gedanke: Ich will wohl leben und gute Tage haben? Sind wir bloß nicht ehrlich genug, um uns das einzugestehen? Natürlich sind wir bescheiden. Natürlich wollen wir nicht bloß das, natürlich ist der Genuß des Magens und der Sinne nicht unser Lebensziel allein. Aber so ein bißchen ist doch auch dieser Wunsch berechtigt, gute Tage zu haben. So ein bißchen kennen selbst die Theologen die Frage nach dem berechtigten Maß von Genuß oder gar Luxus. So ein bißchen er­kennen wir dieses Be­dürfnis an, sich auch einmal einen guten Tag zu machen. So engherzig sind wir nicht, daß wir’s einem nicht gönnen, auch Wein zu trinken und Kuchen zu essen, wenn er’s bekommen und sich leisten kann. Nur soll jeder Maß halten. Nur soll man auch an die andern denken und kein Ärgernis geben. Nur sollen nicht die Einen prassen, während andere darben. Und so ist unser Urteil dann im Reinen und wir beweisen uns in dem allem nur als die Richter über die andern, als die, die sich selbst für klug und weise halten, die nicht glauben, daß alles eitel ist. Wenn wir aber Gottes Urteil gehört haben, das Wort der Weisheit Gottes: Alles ist vergeblich — wenn wir das gehört haben, weil wir das Wort vom Kreuz, das Wort vom Bankrott Jesu Christi an der Welt der Juden und Heiden, das Wort vom Bankrott der Juden und Heiden am Kreuz Christi gehört haben, wenn wir glauben, daß wir durch die Gnade des Herrn Jesu Chri­sti selig werden, wenn wir das Sorgen für den andern Morgen uns versagen, weil es ein ver­gebliches Bemühen ist, dann erkennen wir uns durchaus als die Genossen derer, die wohl leben und gute Tage haben möchten. Wollen wir uns denn schämen, das einzu­gestehen? Wollen wir es denn verleugnen, daß wir wirkliche Menschen sind? Mag jeder etwas anderes verstehen unter Genuß und guten Tagen, der eine nur ein ruhiges Plätzchen, ein anderer Ge­sundheit, der dritte mehr Lohn oder Gehalt, der vierte geistige Anregung, der fünfte gar ein zufriedenes Herz. Wir alle dürsten doch nach Glück und guten Tagen. Größtes Glück der größten Zahl! ist keine schlechte Parole der Politik, wenn man nur wüßte, wie man darüber einig werden könnte. Können wir sie denn einstellen, die Jagd nach dem Glück? Hört sie endgültig auf, wenn wir gehört und erkannt haben: Alles ist eitel!? Sind wir da nicht zurück­getrieben aus allen Höhen und Weiten unseres Tatendurstes in unsere natürliche Wirklichkeit, in unser Menschsein und erkennen uns selber da, wo wir alle sind, unter dieser kreisen-[13]den Sonne, unter diesem wechselnden Mond als die, die fragen: Wozu das alles?, als die, die sich mit keiner Antwort der andern, mit keiner Lebens­erfahrung der Eltern und Voreltern, mit keiner Geschichts- und Lebensdeutung zufrieden geben, als die, die Gewinn wollen und nicht Verlust, die Freude wollen und nicht das Leid, die gute und nicht böse Tage suchen? Von die­ser Weisheit des Predigers her, daß Natur und Geschichte eitel sind, verstehen wir alle die Pessimisten, alle die schwarzen Lebensdeuter, die Buddhisten und die Schopenhauerjün­ger, die Entmutigten und Schwermütigen sehr gut, aber ihre Feindschaft zum Leben machen wir nicht mit, wir unterlassen den Versuch, nun doch ausbrechen zu wollen, nun doch frei zu werden von unserem Mensch­sein, uns befreien zu wollen vom Willen zum Leben, zum erfüll­ten Leben, zum Leben, dessen man froh werden kann, zum Leben der guten Tage, die man genießen kann. So verstehen wir noch viel besser und mehr die Optimisten, die gemäßigten und die unverbesserlichen, die Egoisten und Genießer, die gemäßigten und die unverbesserli­chen. Sie wissen es ja nicht, wie eitel die Genüsse des Lebens sind, sie taumeln von Begierde zu Genuß, sie sind ehrlich in ihrer brennenden Liebe zum Leben und glauben immer und immer wieder, daß sie doch ans Ziel ihrer Wünsche kommen. Aber wir wissen um die Eitel­keit des Genusses, wir wissen, daß auch uns nicht geholfen ist, wenn wir des Herzens Gelüste nur unterdrücken und verstecken und die überlegenen Ver­ächter spielen. Der Prediger hat ja und nicht nein gesagt zu dieser Eitel­keit. Er steht zu seiner Weisheit so, daß er sie erprobt. Er will keine Weisheit über das Leben, als ob er selber nun die Welt überwunden hätte. Er will sich nicht retten aus der Furchtbarkeit dieser Weisheit. Er stürzt sich nicht in die Betäubung des Genusses. Die Weisheit ist bei ihm, sie leitet sein Herz, wenn er sich entschlossen auf den Weg der Freude begibt. Ja, das Lachen ist toll. Ja, die Freude kann sich nicht rechtfertigen, sie weiß keine Antwort auf die Frage: Was machst du? „Ich lebe und weiß nicht wie lang, ich ster­be und weiß nicht warum, ich gehe und weiß nicht wohin. Mich wundert, daß ich fröhlich bin.“[1] Daß die Menschen seufzen unter ihrem Schicksal, daß sie den Kopf hängen und den Mut verlieren, das ist nicht so zum Verwundern. Aber daß sie so zäh sind, daß sie immer wie­der ausziehen, das Glück zu suchen, sich ein gutes Leben zu zimmern, daß sie auf den Trüm­mern wieder neu zu bauen beginnen, daß sie sich doch wieder freuen an der Schönheit der Natur, daß sich doch wieder ihr Gemüt öffnet für Wein und Weib und Gesang, das ist verwun­derlich. Und der Prediger macht mit. Er will die Torheit ergreifen und kennen lernen. Und wie er seine Natur als Mensch bejaht und damit die Eitel­keit des Trachtens nach dem Gewinn, nach dem Genuß des Lebens, so bejaht er sich auch als Glied der Menschengeschichte. Da steht der Mensch ein-[14]geschlossen in den Raum der Natur, im Kreislauf von Sonne und Wasser und Winden. Er hat keinen Gewinn davon, so herrlich diese Natur ist. Aber er genießt sie doch und will essen und trinken und froh sein, ja seinen Leib mit Wein pflegen. Er weiß, es ist eitel. Und da steht der Mensch eingespannt in den Lauf der Geschichte. Die Geschlech­ter kommen und gehen, so reich und interessant die Geschichte sein mag. Er hat keinen Ge­winn davon. Er ist ge­bannt in die Kürze seiner Zeit. Aber nun ist der Prediger nicht ein Feind der Geschichte. Er versucht nicht das Unsinnige, ein zeitloser Mensch zu werden, der sich nicht rührt, der sich nicht bewegt, der nicht teilnimmt an diesem eitlen Lauf der Geschichte. So wie er nicht ohne Genuß sein will, so will er auch nicht ohne die Tat, ohne die Arbeit sein. Das ist das wirkliche menschliche Leben, daß sie zueinander gehören und einander bedingen, die Arbeit und der Genuß, die Tat und die Erholung, die Mühe und die Freude. Nie kann eines allein das Leben füllen, ob es sich um leiblichen oder geistigen Genuß, um leibliche oder gei­stige Arbeit handelt. Wer nur leiblich genießt, dessen Sinne stumpfen ab, er verfault und ver­greist. Wer nur geistig genießt, der wird blasiert, der verliert die Wirklichkeit und träumt. Wer nur leiblich arbeitet, der wird zum Sklaven und zerstört sich selber. Wer nur geistig arbeitet ohne Genuß, der mordet die Wirklichkeit der Sinne und der Natur. Sie können auch nicht end­gültig zusammenfallen, der Genuß und die Tat. Wird das Genießen eine Ar­beit, dann ist es künstlich und erzwungen, eine Heuchelei und ein Theater, und wird die Arbeit zur Freude ohne die Qual der Plage, dann ist sie Be­sessenheit und Unnatur. Nicht vom Übermaß des Genusses und nicht vom Übermaß der Arbeit redet der Prediger und darum nicht vom Zusam­menbruch der Freude in den Katzenjammer, und nicht vom Umschlag des Genusses in das heulende Elend und nicht vom Versagen der Kraft oder vom Mißlingen der Arbeit, sondern vom wirklichen menschlichen Dasein im Genuß und in der Arbeit, vom gewollten, freiwilli­gen Genießen und Arbeiten, nicht von der Besessenheit der Triebe und nicht vom Frondienst des erzwungenen Schaffens. Der Prediger weiß um das Tun als Haschen nach Wind. Er weiß um die Eitel­keit des Schaffens wie um die Eitelkeit des Genusses und sagt auch hier das volle, ehrliche Ja. „Ich tat große Dinge.“ Er machte Häuser, Gärten, Wein­berge, Teiche und züchtete Vieh und Obst und sammelte Schätze an Gold und Silber. Und er tut es, um die Früchte seiner Arbeit zu genießen. Auch da heißt es: „Meine Weisheit blieb bei mir.“ Er will nicht Kultur­dünger für die spä­teren Geschlechter sein. Er glaubt nicht an den Fortschritt der Menschheit. Wie kann er geradezu schwelgen im Erfolg seiner Arbeit! Er verwehrt seinem Herzen keine Freude. Er freut sich des Lebens wie nur irgend ein Reicher. Ist er nicht ein typischer Welt­mensch, ein Diesseitigkeitsmensch? [15]

Ist er nicht ein typischer Jude? Wir kommen von solchen „Taten“ her. Wir kennen viele, die sich dem Genuß ihrer Erfolge mit Begier hingaben, Große und Kleine, im Frieden und im Krieg. Wir wissen, wie dabei das Judentum beschimpft und ausgerottet und — nachgeahmt — wurde. Der eine große Unterschied ist doch deutlich. Der Prediger sah, daß all seine Mühe eitel und Haschen nach Wind war, nicht weil die Paläste zerfielen und die Gärten zur Wüste und die Schätze wertlos wurden, sondern weil es ungewiß ist, ob die Erben all dieser Güter weise oder töricht sein werden. Der Prediger ist kein Feind der Kultur, aber er weiß, daß dies Kulturschaffen eitel ist. Er weiß, daß dazu eben diese Weisheit Gottes gehört, daß alles eitel ist und diese Weisheit sich bewahrheitet in der Kultur. Er glaubt nicht an die Kultur, nicht an den Genuß und nicht an die Arbeit. Er glaubt nicht, daß die Weisheit erblich ist. Er glaubt nicht an den Menschen. Ein Narr ist, wer an die Natur oder an die Geschichte oder an beides und damit an die Kultur und in all dem eben an den Menschen glaubt. Diese Narrheit hat uns barbarisch und darum auch arm gemacht. Glauben wir ja nicht, daß wir nun abstehen dürften oder könnten vom Schaffen. Glauben wir ja nicht, daß wir jetzt den leiblichen oder geistigen Genuß verdammen dürften. Wir stehen alle wieder da in unserer menschlichen Eitelkeit und Nichtigkeit. Wir gehen nicht in die Wüste und lassen die Trümmer liegen. Wir begnügen uns nicht mit dem Mangel, weil doch der Genuß eitel ist. Wir haben nicht die Möglichkeit, so erfolgreich zu genießen wie der Prediger und so erfolgreich zu schaffen wie der Prediger. Wir fangen an und waren vor einigen Jahren in der großen Verlegenheit, ob wir mit dem Schaffen anfangen müssen oder können, um zu genügendem Essen, zu Kleidern und Schuhen, zu Woh­nungen und zu ein wenig Freude am Dasein zu kommen, oder ob wir erst vom Ausland mehr zu essen und allerhand Verbrauchsgüter fordern müssen, um erst wieder schaffen zu können. Aber die Frage ist nicht zuerst die, ob wir mit Erfolg schaffen können und ob wir und unsere Kinder einmal wieder gute oder doch bessere Tage als heute haben. Die Frage ist die, ob die Weisheit bei uns ist und mit uns geht: die Weisheit, daß alles eitel ist, daß wir vergehen und Fleisch und Blut das Reich Gottes nicht erben, daß Natur und Geschichte und Kultur eitel sind, der Ver­gänglichkeit, dem Dienst des Vergänglichen unterworfen sind um des Menschen willen, gerade deshalb, weil die Menschenkinder eitel sind, Staub und Asche sind, und daß alle Kreatur seufzende Kreatur ist und warten muß auf einen neuen Himmel und eine neue Erde. Diese Weisheit übertrifft die Torheit wie das Licht die Finsternis. Der Weise sieht die Wirklichkeit und der Tor geht in der Finsternis. Aber beide vergehen, beide werden verges­sen. Diese Weis­heit bringt also keinen Ruhm. „Es verdroß mich, zu leben.“ „Es gefiel mir [16] übel, was unter der Sonne geschieht.“ „Es verdroß mich alle meine Arbeit.“ Also doch Lebensüberdruß, also doch Enttäuschung, also doch Sieg des Pessimismus? Also doch nur Erkenntnis des Jammers der Menschheit? „Alle seine Lebtage hat der Mensch Schmerzen mit Grämen und Leid, daß auch sein Herz des Nachts nicht ruht. Das ist auch eitel.“ Das sagt der, der das Leben genossen hat und der große Taten getan hat! Ja, da ist nun doch wieder der nackte Mensch, der Hilflose und Verzagte, der vergeblich nach Weisheit getrachtet hat. In dieser Weisheit Gottes, da schreit der Mensch: Ich elender Mensch, wer wird mich erlösen vom Leibe dieses Todes? Da hat der Mensch Lust abzuscheiden. Da ist er schlechthin der Mensch, der sich nicht rühmen kann und darum sich auch nicht selber rühmt. Und nun hören wir das Erstaunliche dieser schrecklichen Weisheit und Wahrheit: „Ist’s nun nicht besser dem Menschen, daß er esse und trinke und seine Seele guter Dinge sei in seiner Arbeit? Aber sol­ches sah ich auch, daß es von Gottes Hand kommt.“ Widerspricht er sich nicht immer, hebt er sich nicht immer selber auf, dieser rätselhafte Prediger, dieser königliche Weise? Hier ist das Geheimnis dieser trostlosen und doch so hoffnungsvollen, ja allein wirklich hoffnungsvollen, für Leben und Sterben hoffnungsvollen Weisheit. Von Gott kommt allein die Freude. Ohne ihn ist Freude Selbsttäuschung, durch ihn ist der Leidtragende selig. Er gibt Weisheit, Ver­nunft und Freude dem Menschen, der ihm gefällt. In, nicht trotz seiner Arbeit darf der Mensch guter Dinge sein in diesem Glau­ben an Gott allein. Das kann der Sünder nicht. Der Sünder wird zuschanden in seinem Genuß und in seiner Arbeit. Nicht die Natur, nicht die Geschichte, nicht die Kultur ist böse, sondern der Mensch, der nicht auf Gott seine Hoff­nung setzt. Das aber tut der Prediger offenbar. Dies ganz Einfache will er uns sagen: Setzt eure Hoffnung auf den Herrn. Dürfen wir noch fragen, ob wir die Menschen sind, an denen Gott Gefallen hat, die also fröhlich sein können in ihrer Arbeit und beim Essen und Trinken? Der Prediger war of­fenbar ein freier Mensch. Er konnte sich gute Tage machen und konnte entsagen. Er konnte schaffen und konnte verzichten auf das Schaffen. Er redet nicht von Gnade, nicht von Chri­stus, nicht von einer neuen Welt, aber er redet vom verborgenen Gott und von der verzwei­felten Wirklichkeit des Menschen, und weil er nun nicht an Gott verzweifelt, darum ist er ein Prediger echter Menschlichkeit, und weil Gott sich in Christus als wahrhaftiger Mensch geof­fenbart hat, darum ist durch ihn dieses Buch des Predigers Evangelium geworden, so wie Christus aus dem Alten Testament das Neue gemacht hat. Durch Jesus Christus haben wir das Recht, ja die Pflicht, zu glauben, daß Gott tatsächlich an uns Wohlgefallen hat. In Jesus Chri­stus glauben wir, daß uns Gott Weisheit und Vernunft und Freude schenkt mitten in unsere Tor-[7]heit und in unser Elend hinein. In Jesus Christus können wir fröhlich essen und trin­ken, da haben wir Lust zu allem Guten. Wir haben ja das heilige Abendmahl und gehen dem Festmahl seines Reiches entgegen. In Jesus Christus tragen wir des Tages Last und Hitze und nehmen und haben Anteil an der Kultur gerade in der Vergänglichkeit und Vergeblichkeit und Vorläufigkeit all dieser materiellen und geistigen Notbauten und Behelfsheime. Da sind wir nicht erstaunt, daß die Barbaren oft bessere und reifere Leute sind als die Kultivierten. Wir glauben ja an die Auferstehung des Herrn und gehen un­serer Auferstehung entgegen. Gut, wir sind traurig, das menschliche Dasein und gerade unser eigenes in Natur und Geschichte gibt Anlaß genug, ehrlich betrübt zu sein, aber wir sind auch allezeit fröhlich in dem Herrn. Wir freuen uns an der Welt, ohne uns verlocken zu lassen von ihrer Pracht und Eitelkeit, denn die Welt vergeht mit ihrer Lust. Das ist tröstlich. Und selbst wenn wir verdrossen sind, so sind wir auch das nicht ohne Humor. Wir sind Menschen, bloß Menschen, aber als solche durch Jesus Christus Gottes Kinder und darum freie Menschen, frei zum Genuß, frei zur Arbeit, aber auch frei von der Herr­schaft des Genusses und von der Herrschaft der Arbeit, frei zum Leben und frei zum Sterben.

AMEN!

Gehalten in der reformierten Gemeinde in Stuttgart.

Quelle: Paul Schempp, Der Prediger. Vier Predigten Kapitel 1-4, Schriftreihe der Kirchlich-Theologischen Sozietät in Württemberg, Heft 2, Bad Cannstatt: Müllerschön, 1953, S. 11-17.


[1] Mittelalterliches Priamel, fälschlicherweise Martinus von Biberach zugeschrieben.

Hier Schempps Predigt als pdf.

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