Walther Zimmerlis Weihnachtspredigt über Ezechiel 43,1-7a 1955: „Hier ist Gott wahrhaftig zu uns Menschen gekommen, hat uns besucht, seinen Sitz zwischen unseren Sitzen aufgeschlagen, seine Füße neben unsere Menschenfüße auf den gleichen Erdboden gestellt.“

Predigt über Ezechiel 43,1-7a an Weihnachten

Von Walther Zimmerli

Dann führte er mich zu dem Tor, das nach Osten gerichtet war, und siehe, da kam die Herr­lichkeit des Gottes Israels von Osten her, und es rauschte wie das Rauschen großer Was­ser, und das Land leuchtete von seiner Herrlich­keit. Und die Erscheinung, die ich schaute, war wie die Erscheinung, die ich geschaut hatte, als er kam, die Stadt zu verderben, und wie der Anblick, den ich am Flusse Kebar gehabt hatte. Da fiel ich nieder auf mein Angesicht. Und die Herrlichkeit des Herrn zog durch das Tor, das nach Osten gerichtet war, in das Heiligtum ein. Da hob mich der Geist empor und führte mich in den inneren Vorhof, und siehe, der Tem­pel war erfüllt von der Herrlichkeit des Herrn, und ich hörte vom Tempel her zu mir reden, während der Mann neben mir stand, und die Stimme sprach zu mir: Menschensohn, hast du gesehen die Stätte meines Thrones und die Stätte meiner Fußsohlen, wo ich für immer inmit­ten Israels wohnen will?

Liebe Gemeinde!

Warum sind all die verschiedenen Menschen, von denen die Weihnachtsgeschichte, die wir eben lasen, erzählt, so fröh­lich, daß sie darob Gott rühmen und preisen — die Hirten vor den Toren Bethlehems ebenso wie jener fromme Simeon in Jerusalem und die alte vierundachtzig­jährige Witwe mit ihrem harten Lebens­schicksal?

Es ist nicht wohl zu überhören, daß der Evangelist, der von diesen Gestalten der Weihnachts­geschichte berichtet, uns bezeugen will: Dar­um sind diese Menschen so fröhlich, weil sie merken, daß Gott in seiner Treue ein Wort eingelöst hat, auf dessen Einlösung sie alle warte­ten. Weil sie es aus der alten Verkündigung Israels wußten, daß Gott seinem Volke den Hei­land, den Gesalbten, den die Grie­chen in ihrer Sprache als „Christus“ bezeichneten, einen Herrn aus dem Hause Davids verheißen habe, darum laufen die Hirten, wie ihnen vom Him­mel her verkündet wird: „Euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids“. Weil er auf den „Gesalbten, den Trost Israels“ wartet, darum kommt der gottesfürchtige Simeon zum Tempel, darum redet Hanna zu „allen, die auf die Erlösung Isra­els warten“. Darum sind sie so fröhlich und wissen, daß Gottes Zusage auch in alle Zukunft nicht hinfallen wird, sondern hält, was sie verspricht.

Es will in die klugen Köpfe von uns modernen Menschen, die wir in einem gut demokrati­schen Empfinden für die Gleichheit aller Men­schen fordern, daß alle Menschen auch dem Himmel gegenüber die gleiche Chance haben müssen, immer wieder nicht hinein, daß es Gott gefallen haben sollte, ein Volk zum besonderen Volk der Er­wartung und der Verheißungen zu machen, und dann gerade hier, in diesem weltgeschichtlich wahrlich nicht erheblichen Volke, in diesem politisch so unerheblichen Winkel der römischen Welt den geboren werden zu las­sen, der uns als Gottes Sohn begegnet.

Und doch meine ich, daß wir Weihnachten und das, was es uns von Gott her zu sagen hat, nicht verstehen, wenn wir es nicht als dieses Ereignis der Treue Gottes, der zu seinem Worte und eben darin auch zu seiner ganzen Kreatur steht, verstehen. So wie wir es im Adventslied gesungen haben: „Was der alten Väter Schar höchster Wunsch und Sehnen war, was die Seher prophezeit, ist erfüllt in Herrlichkeit“. Das ist der Jubel von Weihnachten, daß hier eine Liebe offenbar wird, die zugleich auch ganz und gar Treue ist, und die eben darin so ganz anders ist, als was unsere Welt immer wieder als Liebe preist, in ihrer Dichtung und auf ihren Bühnen ver­herrlicht. Da ist ein Mann, eine Frau — sie haben einmal dem Ehe­gefährten das Ja der Treue gegeben. Und dann kommt, vielleicht Jahre später, ein zweiter Mensch in ihr Leben, es überfällt sie ein neuer Frühling. Und dann reden wir Menschen von der „großen Liebe“, von der „Erfüllung der Liebe“ — wo doch Treue gebrochen, Liebe von gestern mit Füßen getreten ist. Das ist der Jubel von Weihnachten, daß hier die Liebe Gottes offenbar wird, die so grund­anders ist als unsere ehebrecherische menschliche Liebe. Die Liebe Gottes, in welcher das Ja von gestern auch heute ein Ja und ein Ja in alle Ewigkeit bleibt, und bei der nicht ob der Treu­losigkeit der Liebe weinende Menschen auf der Strecke liegen bleiben. Weihnachten verkün­det die Liebe, die nicht lügt, sondern Treue hält.

Aber dazu ist nun allerdings gleich ein weiteres zu sagen. Wohin schauen denn jene so fröh­lich gewordenen Menschen der Weihnachts­geschichte? Auf ein Kind. Nur ein Kind — ja, wir müssen, bei nüchternem Lichte betrachtet, eigentlich sagen: ein Armleutekind. Und müssen darüber hinaus sagen: dieses Armleutewesen wird auch nicht besser, wie das Kind größer wird. Der Jesus von Nazareth, der dann als Lehrer durchs Land ziehen wird, bleibt eine ärmli­che, geringe Gestalt. Und schauen wir gar auf das Ende dieses Lebens, so ist es ein erbärmli­ches, gottverlassenes Sterben am Schandholz — als einzige Gefolgschaft ein Verbrecher links und ein Verbrecher rechts von ihm hängend.

Und hier sollte es wahr werden: „ist erfüllt in Herrlichkeit“? Wir pflegen dieses Ärgernis an Weihnachten nicht allzustark zu empfin­den. Den Stall und die Krippe haben wir uns in der Regel recht traulich ausstaffiert — selbst Öchslein und Esel vermögen die Trau­lichkeit des Raumes nicht eigentlich zu stören. Wenn es dann aller­dings gegen Karfreitag geht — wenn es etwa gar in unserem eigenen Leben in der Nachfolge dieses Herrn auf Karfreitag hin geht, dann kann die Frage sich wohl ernsthafter stellen: Ist das nun die Erfüllung in Herrlichkeit? Haben wir es nicht vor 14 Tagen von eben dieser Kanzel her gehört, wie selbst der Täufer, dieser wahrhaftig im Wort des Alten Testamentes lebende Mensch, den Jesus selber als den Größten des Alten Bundes bezeichnet hat, zögernd bei Jesus anfragt — und das nicht erst am Karfreitag —: Bist du, der da kommen soll, oder sollen wir eines anderen warten?

Und das Neue Testament zeigt uns, wie schließlich die große Menge des Volkes, das Gott in der Geschichte als Volk der Erwartung sich zubereitet hatte, kopfschüttelnd und am Ende die Fäuste ballend vor diesem Geschehen der Niedrigkeit in Jesus Christus steht und in ihm den von den Propheten Verheißenen nicht zu sehen vermag. Die Worte des Römerbriefes können es zeigen, wie Paulus erschrocken vor diesem Geheimnis der Blindheit steht und darin die Majestät der freien Gnade Gottes ahnt — und darin in einer ungleich größeren Tiefe, als es unserem modernen demokratischen Menschenverstand möglich ist, ahnt, daß in der Tat vor Gott kein Mensch vor dem anderen eine besondere Chance hat, sondern daß es allemal nur Gottes freies Erbarmen sein kann, wenn einem Menschen die Augen für die Wahrheit der Liebe Gottes aufgehen.

Auf das Geschehen dieses Wunders aber möchte heute die Weih­nachtsgeschichte unsere Blicke richten. Sie deutet auf Menschen, die es sich über der ganzen Niedrigkeit des Armleu­tekindes von Gott her sagen ließen, daß hier Gottes große Verheißung erfüllt und in der Nied­rigkeit Gottes Herrlichkeit erschienen sei. Im Weihnachtswort des Johannesevangeliums hö­ren wir das Bekenntnis aus dem Munde des Jüngers: „Das Wort ward Fleisch, und wir sahen seine Herrlich­keit, die Herrlichkeit des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit“.

Dann wird es auch bei uns recht Weihnachten geworden sein, wenn wir mit der Fröhlichkeit jener Gestalten aus der Weihnachtsgeschichte Gott zu loben und zu preisen vermögen — sei es dann als junge Menschen oder als Menschen, die eher jener alten Witwe im Tempel mit ihren schweren Lebensschicksalen gleichen — wenn auch unsere Augen hell und unsere Oh­ren dafür offen geworden sind, daß wir über der Niedrigkeit des Kindes die großen Worte der prophetischen Verheißung als Gottes Wahrheit zu glauben vermögen.

Die Worte aus dem Ezechielbuch, die wir heute als Weihnachtstext gehört haben, stehen nicht unter den üblichen großen Advents- und Weihnachtsworten, die jeder, der in der Bibel auch nur ein wenig Bescheid weiß, in den Ohren hat. Aber auch sie gehören zu den Worten, die prophetisch etwas von dem aussagen möchten, was da geschieht, wo Gott unter uns Menschen sein Wort eingelöst und sein Heil gesandt hat.

Das, was der Prophet in diesen Worten berichtet, ist ein Geschehen, das in eine große Nacht und Anfechtung hinein zündet. In den Psalmen können wir es gelegentlich erwähnt finden, daß die Feinde des Frommen ihm hämisch in der Stunde des Leidens die Frage stellen: „Wo ist nun dein Gott?“ Das ist die Anfechtung des Pro­pheten Ezechiel und all der Menschen des Volkes Israel, mit denen er als Verbannter fern der Heimat in Babylonien sitzt, daß ihre ganze Zeit und all das, was sie erleben, sie mit gellender Stimme höhnisch anschreit: „Wo ist nun dein Gott?“

Das gilt für Ezechiel ohne Zweifel zunächst in einem ganz gegen­ständlichen Sinn. Er ist Sohn eines Priesters in Jerusalem. In aller Selbstverständlichkeit wird er in seinen Jugendjahren in den Glau­ben hineingewachsen sein: Da ist Gott, hier im Tempel in Jerusalem. Da, wo im innersten Gemach, dort, wo kein gewöhnlicher Mensch hin­eingehen darf und wo kein Fenster der ehrwürdigen, feierlichen Dunkelheit Licht spendet, die ehrwürdige, an die Zeit Moses er­innernde Bundeslade steht, da ist Gott. Wir müssen da nur wiederum in die Psalmen hineinhö­ren, um etwas von der getrosten Geborgen­heit zu verspüren, in welcher der Fromme sich im Tempel weiß: „Auch der Sperling hat ein Haus gefunden und die Schwalbe ein Nest für sich, darein sie ihre Jungen gelegt hat, deine Altäre, o Herr der Heerscharen. Wohl denen, die in deinem Hause leben, die dich immerdar preisen… denn ein Tag in deinen Vorhöfen ist besser als tausend draußen“ (Ps. 84).

Dann aber ist die Kriegsfurie hereingebrochen. Ezechiel selber ist, wohl mit seiner ganzen Familie, aus dieser Nähe herausgerissen und weit durch Wüsten und Länder hin nach Osten getrieben worden, ins heidnische babylonische Land, wo die prunkenden Tempel der Götzen, die frechen, von Menschen bis in die Himmelshöhen hinauf gebauten Tempeltürme nicht nur in der Hauptstadt Babylon ihnen höhnisch entgegengrinsten. Und mochten sich manche durch Jahre hin noch an der Aussicht aufrecht halten, sie könnten einmal wieder zurück, als Spät­heimkehrer einmal doch wieder daheim in der Nähe des heiligen Ortes Jerusalem leben und dort wieder Gottes Nähe verspüren, so wurde auch diese Aussicht nach gut zehnjähriger Ver­bannungszeit roh zerschlagen. Da kam die Kunde, daß die Furie des Krieges zum zweitenmal über das Land gerast sei, noch härter als beim ersten Mal, daß der Tempel in Flammen aufge­gangen, die Heimat endgültig zerschlagen, der König Zedekia als Krüppel mit ge­blendeten Augen verschleppt, eingekerkert und dem sicheren Tode überantwortet sei. „Wo ist nun dein Gott?“

Aber mit alledem haben wir die volle Tiefe der Nacht, in die sich der Prophet mit seinem Volke geworfen sah, noch nicht einmal bis zu ihrem untersten Grunde ermessen. Es hätte noch etwas Befreiendes bleiben können, wenn der Prophet mit den Seinen nun in der Be­drängnis die Fäuste gegen die babylonischen Feinde ballen und zum Himmel um Vergeltung hätte schreien können: Zeige dich, Gott, und zerschlage unsere Bedränger, die dich lästern, zeige, daß du da bist!

Aber gerade dieses konnte er nicht tun. Wer die Worte des Pro­pheten liest, wird bald merken, daß da ganz in der Tiefe noch ein anderer Schmerz brennt — ein schamerfülltes, brennendes Wissen: Das geht ja gar nicht, daß Gott wieder bei uns sein könnte. Wir haben ihn so übel gelästert, in seinem Heiligtum in Jerusalem ge­tan, was wir nicht hätten tun dürfen, seine Gebote übertreten, dem Unrecht im Lande nicht gewehrt. Da mußte Gott von uns scheiden — wie sollen sich Feuer und Wasser vertragen, ein böses, halsstarriges Menschenwesen und der heilige Gott!

Ich könnte mir denken, daß dieser fremde, wenig bekannte Pro­phet Ezechiel, der unter der Anfechtung der höhnischen Feindfrage steht: „Wo ist nun dein Gott?“, uns unversehens nicht mehr nur eine ferne und fremde Gestalt geworden wäre. Dabei denke ich nicht nur an die Menschen, die vielleicht auch unter uns sind, bei denen die Bilder von Krieg, Verschleppung, Verlust der Heimat unversehens aus der Tiefe der eigenen Erinnerung aufgetaucht sind. Ich denke darüber hinaus an jene Menschen, denen die Frage „Wo ist denn nun dein Gott?“ ganz ebenso, vielleicht ganz ohne ein besonders hartes äußeres Erleben, aufgebrochen ist. Die auch an eine ruhige Kinder­zeit zurückdenken, in der eigentlich alles noch so einfach und selbst­verständlich gewesen war: Der Himmel, und über den Wolken oben Gott, der alles sieht und mich behütet.

Dann aber kam der Sturm über das Leben. Vielleicht ein großer, in manchen Dingen erheben­der Sturm, der mich zur vollen Wachheit des Lebens erwachen ließ. Aber als er sich verzogen hatte, war die Welt leer geworden. Hinter den Wolken war kein Gott mehr, nirgends mehr ein väterliches Gesicht, sondern alles war endlos weit geworden. Gewiß groß, imponierend — aber leer, leer bis hinaus zu den fernsten Sternen, in die unendlichen Distanzen. Alles eine unerhörte, in gesetz­lichen Rhythmen schwingende, sausende Welt — aber, wo ist nun dein Gott?

Es ist dies ein Empfinden, das gerade uns modernen, wissenden Menschen nur zu bekannt ist: das gähnende Nichts des Weltalls, an dessen Rand der Tod als die einzig gewisse Ordnung alles Lebens wartet. Wir aber frösteln, es ist so unendlich einsam geworden, mitten im brau­senden, tosenden Getriebe der Welt.

Ja, ich könnte mir denken, daß unter uns Menschen wären, die sich noch in einer verbor­ge­neren Tiefe unversehens in einer über­raschenden Solidarität zu dem fremden Propheten Eze­chiel fänden. Gott — wenn es ihn trotz unserer klugen naturwissenschaftlichen Erkenntnisse doch geben sollte — wäre es überhaupt auszuhalten, wenn er, der Heilige, da wäre? Hätte ich denn noch das geringste Recht auf ein Leben in seiner Nähe? Habe ich nicht mit Recht diese Nähe verloren?

Gewiß, es gibt jene satte, vergnügte Selbstzufriedenheit des Men­schen, die es mit Gott und der Welt in Ordnung findet und denkt: Gott und ich — wir gäben eigentlich ein ganz gutes Paar ab und passen als Kameraden prächtig zusammen. Aber es kann in einem Leben auch einmal das tiefe Erschrecken geschehen, das den Angstschweiß auspreßt, weil es den Abgrund zeigt, an dem wir stehen, wenn es wirklich einmal ernstlich um die Nähe Gottes gehen sollte. Wie viel ist in meinem Leben gleichgültig verbummelt? Wie viel Not meiner Mitmenschen habe ich verschlafen? Wie faul und träge ist immer wieder mein Beten, wie feige meine Angst vor den Menschen. Wie sind wir doch immer wieder weit, weit weg von Gott und haben es wohl verdient, daß Gott uns dann auch mit unserer Welt allein läßt und wir die höhnische Frage hören: „Wo ist nun dein Gott?“

Aber nun hat der Prophet Ezechiel in unserem Textwort von einem eigenartigen Erlebnis berichtet. Wer ganz vom Anfang des Zusam­menhanges in Kapitel 40 her liest, hört dort, daß er im 25. Jahr nach der Verschleppung in einem Gesicht in seine Heimat, in das Land Israels, entrückt wird. Auf einem hohen Berg sieht er einen stadtähnlich umwehrten Bau, den neuen Tempel. Schweigend wird er von einem Mann, der alle Maße des neuen Baues mit einer Meß­rute abmißt und nur selten ein Wort der Hindeutung spricht, durch die Tore und Höfe bis ins Tempelhaus hineingeführt, damit er alles sehe.

Dann aber geschieht, was unser Text schilderte. Von Osten her zieht die Herrlichkeit Gottes — seine unbeschreibliche Lichtherrlich­keit — in das neue Heiligtum ein. Das Land aber leuchtet von seiner Herrlichkeit. Und der Prophet hört Gottes Stimme: „Menschen­sohn, hast du gesehen die Stätte meines Thrones und die Stätte meiner Fußsohlen, wo ich für immer inmitten Israels wohnen will?“

Da ist es ihm nun gesagt, in der Sprache, die der Priester Ezechiel verstehen wird: Ich, dein Gott, komme. Es ist nicht mehr von der alten Bundeslade, diesem ehrwürdigen gottesdienst­lichen Zeichen, geredet, an das sich Israel zuzeiten geklammert hat, weil es meinte, darin seinen Gott festhalten und in seine Nähe zwingen zu können. In einer souveränen, gnaden­vollen Freiheit sagt es Gott dem Propheten mit Worten, die einen wohl aufregen können: „Da ist die Stätte meines Thrones und die Stätte meiner Fußsohlen“. Und was heißt das anderes als: Ich bin bei euch, setze meine Füße neben euch zur Erde, setze mich in eurer Mitte hin — nicht für einen kurzen Besuch, sondern für immer bin ich bei euch.

Diese Verheißung hat der Prophet vernommen und geheimnisvoll mit Augen geschaut. Und er hat sie aufgeschrieben, damit sein zer­tretenes, um seiner Bosheit willen zu Recht von Gott verlassenes Volk sie höre und ein hoffendes Volk werde. Und wir können es noch sehen, wie sich dann etwas später, als die Zeiten sich wandelten, Menschen aus diesem Volke in Jerusa­lem darangemacht haben, die Ruinen des Tempels wieder aufzubauen. Wird dann nicht Gott dort einziehen, um auf ewig bei seinem Volke zu wohnen?

Die Weihnachtsgeschichte aber zeigt uns, daß dann, als die Zeit er­füllt war, nicht über einem Tempelhause, mochte es in jenen Tagen von König Herodes noch so herrlich neu geschmückt worden sein, sondern über dem von einer menschlichen Mutter geborenen Jesus Christus der Jubel der wartenden Menschen sich erhoben hat, weil ihnen gezeigt worden ist: Hier ist Gott wahrhaftig zu uns Menschen gekommen, hat uns besucht, seinen Sitz zwischen unseren Sitzen auf­geschlagen, seine Füße neben unsere Menschenfüße auf den gleichen Erdboden gestellt.

Die Freude, die damals in der ersten Christenheit begonnen hat und seither nicht mehr ver­stummte, ist darum so stürmisch und unbekümmert, weil sie weiß, daß der Besuch Gottes in Jesus Christus nicht nur als kurzer Gastbesuch geschehen ist, sondern daß darin jenes: „Ich werde für immer in eurer Mitte wohnen“ Wahrheit geworden ist. Eines jeden Menschen Leben endet nach seinem sicht­baren Wesen mit dem Grabstein. Und mag man die Grabsteine noch so kolossal türmen, wie es die Könige Cheops und Chephren in ihren Pyramiden getan haben — menschliche Möglichkeiten enden beim Grabstein. Das irdische Leben Christi aber endet in der Zusage: „Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“ Und so hat es denn die christliche Gemeinde durch alle Zeiten gewußt, daß Gott in Christus bei ihr ist durch alle Zeiten — in Krieg und Frieden, in Leid und Freude, im Leben und im Sterben.

So dürfen wir es auch heute hören als die gute, frohe Kunde an uns Menschen — da, wo es uns fröstelt in unserer weit gewordenen Welt. Nicht im Weltall draußen sollen wir Gott su­chen, mit einem noch mächtigeren Teleskop, als wir es bisher erfunden, oder im Atom mit einem noch schärferen Mikroskop. Hier in Jesus Christus, seiner Geburt, seinem Wort, seinem Sterben für uns Menschen ist Gott nahegekommen, um in ewiger Treue bei uns zu sein.

Und noch viel mehr darf hören, wer in seinem Gewissen verzagt und angefochten ist: Was dem Propheten Ezechiel verheißen worden ist, daß Gott wieder zu seinem sündigen, aller frommen Verdienste baren Volke kommen werde, ist hier in dem an Weihnachten Ge­borenen ein für allemal wahr geworden, ist erfüllt in Herrlichkeit.

Denn einer Frage müssen wir noch ins Gesicht sehen — jener Frage, die wir schon zu Ein­gang hatten stellen müssen. Ist das wirklich die Erfüllung dessen, was dem Propheten verhei­ßen worden war? Dieses ärmliche Kind, dieser jammervolle Gekreuzigte?

Ezechiel hat den neuen Tempel geschaut, in den Gott in all seiner Lichtherrlichkeit einzog. Es war für ihn als Priester auch gar nicht anders denkbar, als daß dieser Tempel mit einer mächti­gen Mauer und starken Toren von allem profanen Alltagsleben abgeschieden war. Wer die Fortsetzung unseres Textwortes liest, wird spüren, wie angelegentlich von dem Priester die rechte Einhaltung dieser Ordnung des durch Hüter an den Türschwellen behüteten Heiligtums eingeschärft wird.

An Weihnachten preisen die Hirten und Simeon und Hanna Gott über dem armen Kind. Und die ganze Christenheit lobt Gott über dem Sohn, der sich um der Sünde der Welt willen hat ans Kreuz schlagen lassen. Wer das verstanden hat, daß Gott im Sohn, der in die Niedrigkeit der Welt hereingetreten ist, seine Verheißung in einer überraschend gnadenvollen Herrlichkeit eingelöst hat, der hat wohl das tiefste Geheimnis der Bibel verstanden. Nicht hinter Tempelto­ren, von Schwellenhütern bewacht, ist er in der Mitte seines Volkes ge­blieben, sondern ganz ungeschützt, ohne alle Wehr ist er hinaus­getreten in die Welt, hat als wehrloses Kind in der Krippe gelegen, hat uns Menschen gedient und es nicht für unwürdig erachtet, seinen Jüngern die Füße zu waschen, ja, hat schließlich seinen Leib den Henkern preisgegeben, um durch sein dienendes Sterben unser Heil zu wirken. Das ist die in der Niedrigkeit verborgene, aber gera­de darin unerwartet herrliche Herrlichkeit Gottes.

So steht er heute an Weihnachten vor uns, ruft uns, daß wir uns durch seine Liebe erlösen las­sen aus der Heimatlosigkeit unseres Lebens und den Weg zum Vater wieder finden — aber daß wir uns durch seine Liebe auch treffen und wecken lassen aus aller lieblosen Trägheit, aber auch aus aller bösen, ehebrecherischen Liebe, zu jener Liebe Gottes, die ganz treu ist.

Gehalten am Sonntag, 25. Dezember 1955 in der reformierten Kirche in Göttingen.

Quelle: Walther Zimmerli, Das Alte Testament als Anrede, München 1956, S. 97-105.

Hier die Predigt als pdf.

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