Rudolf Bohren über Seelsorge 1957: „Weil Gottes Seelsorge in der Menschenwerdung geschieht, weil sie in Jesus von Nazareth und seinen Jüngern geschieht, darum ist sie nicht radikal und universal, sondern vorläufig und punktuell, eine Seelsorge in der Beschränkung, kein automatisches Allheilmittel. Hineingebunden in die Menschlichkeit ist sie eine Seelsorge in der Beschränkung.“

Seelsorge – Trost der Seele oder Ruf zum Reich[1]

Von Rudolf Bohren

I. Die Seelsorge Gottes

Bevor wir über die Problematik unserer Seelsorge seufzen, wollen wir be­denken, daß es eine höhere, eine göttliche Seelsorge gibt. Gottes Absichten gehen zwar auf das Volk und die Völ­ker, sein Heilsplan umschließt das ganze Universum. Er wird nicht als ein »Gott der Seele« bezeichnet. Aus­drücklich heißt er: »Herr des Himmels und der Erde« (Matth 11,25). Ge­rade als solcher, gerade mit diesen Absichten, mit diesem Plan müht und sorgt er sich um das Le­ben, um die Seele des Einzelnen, und der Einzelne ist dem »allmächtigen Schöpfer Himmels und der Erde« nicht zu wenig. Wollten wir diese göttliche Seelsorge darstellen, müßten wir von der gan­zen Heilsgeschichte reden, angefangen bei der Erwählung vor aller Zeit bis hin zur Vollendung aller Zeit, da Gott alles in allem sein wird. – Hier wollen wir nur drei Punkte heraussteilen, die für uns heute wichtig sind.

Solidarität und Torheit göttlicher Seelsorge

Wir erinnern zunächst an die Mitte der Zeit, in der wir die Mitte von Gottes Seelsorge erbli­cken: Gott kommt zu uns, schlägt sein Zelt unter uns auf, tritt aus dem Unsichtbaren ins Sicht­bare, verläßt den Himmel, betritt die Erde; auf Hoheit verzichtend, wählt er die Niedrig­keit. Der wahre Gott wird wahrer Mensch, macht seinen Hausbesuch im Haus der Welt, wird Gast in seinem Eigentum.

Indem der eingeborene Sohn die Gestalt des Menschen annimmt, »an Gebärden als ein Mensch erfunden« wird, steht die Seelsorge Gottes un­ter dem Zeichen der Solidarität, so sehr, daß der wahre Gott im wahren Menschen Jesus von Nazareth die Seelsorgeanliegen jedes Menschen über­nimmt. Darum wird er »in allem auf gleiche Weise versucht wie wir, doch ohne Sünde« (Hebr 4,15). Als Hausgenosse des Menschen wird er ein Ge­nosse der Sünder und Zöllner. Im Gang nach Gethsemane und Golgatha begibt sich Gott selber an den Ort, wo er Seelsorge nötig hat. Die Passions­geschichte zeigt deutlich die Seelsorge-Bedürftigkeit Jesu. Die Solidarität Gottes geht bis zur völligen Identifizierung, indem er selber an die Stelle des Menschen tritt, der um seiner Sünde willen Trost, Rettung nötig hat. – Das Lamm Gottes schreit aus seiner Gottferne heraus mit den Scha­fen, die abgemattet und zerstreut schreien, weil sie keinen Hirten haben. Auch er hat nun keinen Hirten mehr, einsam, von den Menschen verlas­sen, hängt er zwischen Himmel und Erde, »der Allerverachtetste und Un­werteste, voller Schmerzen und Krankheit«. Sehet, welch ein Mensch! Wie kein anderer ist er seelsorgebe­dürftig! – So sieht die Mitte von Gottes Seelsorge aus. Es ist keine Seelsorge von oben herab. Es ist Seelsorge oh­ne Macht und Kraft zunächst, völlige Entäußerung, nur Erniedrigung, tota­le Solidarität. Das Eingehen in die Hilflosigkeit, in die Verzweiflung und Schande des Men­schen. Das Aufsichnehmen von Verfluchung und Verwer­fung. Nicht mehr und nicht weniger. Zunächst auch völlig ohne praktischen Nutzen. Eine törichte, hilfsbedürftige Seelsorge. Das ist die Seelsorge Got­tes. Wir knüpfen hier bereits zwei Tragen und eine Folgerung an im Blick auf unsere Seelsorge.

Es ist gut, wenn wir Seelsorger uns die Torheit und das Elend der gött­lichen Seelsorge immer wieder so drastisch als möglich vor Augen stellen. Sollte unsere Seelsorge etwa weniger töricht, weniger elend sein als die göttliche Seelsorge? Weiter: können wir es uns leisten, stärker zu sein als der Meister? Können wir es uns erlauben, Seelsorge zu üben, ohne selber seelsorgebedürftig zu werden? Ist Seelsorge etwas anderes als ein Selber- seelsorgebedürftig-Werden? Und liegt etwa darin die seelsorgerliche Un­fähigkeit so vieler Pastoren, daß sie Seelsorge betreiben möchten, ohne diesen Weg der Entäußerung und Hilflosigkeit zu gehen? Liegt etwa hier der geheime Krankheitsherd unserer Seelsorge, daß sie segnen möchte, oh­ne Fluch auf sich zu nehmen?

Noch etwas ist hier zu sehen und zu glauben: seit der Menschwerdung Jesu und seiner Kreuzi­gung gibt es keine Menschennot, keine Qual und Verzweiflung, auch keine Gottesferne mehr, die Gott nicht zu seinem An­liegen gemacht hat. Kein Anliegen, das nicht ertragen und voll­bracht wä­re am Kreuz. Es wird gut sein, wenn wir Seelsorger dies nun auch nicht ver­gessen, daß die Seelsorge Gottes schon geübt worden ist, bevor wir anfan­gen, Seelsorge zu üben. Unsere Seelsorge kommt grundsätzlich hinterher. So gründet sie sich auf das Perfekt göttli­cher Seelsorge. Sie muß sich dar­um nicht einbilden, sie könnte erfolgreicher sein als Jesus am Kreuz, sie darf aber auch nicht so tun, als wäre Jesus nicht für uns gestorben und auf­erstan­den. Sie darf also beides in sich schließen: Erfolglosigkeit und Hei­terkeit – im Blick auf die schon gewirkte Seelsorge Gottes.

Die Beschränkung und Vollendung göttlicher Seelsorge

Und nun gibt es nicht nur eine Mitte göttlicher Seelsorge, sondern auch eine Vollendung am Ende der Zeit, denn das Perfekt göttlicher Seelsorge in der Zeitmitte ist in mancher Hinsicht ein Imperfekt, zeitlich und auch räumlich beschränkt, indem der wahre Seelsorger nur gesandt ist »zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel«. In Jericho muß er an einem Tag nur in einem Hause sein: Konzentration auf ein Volk und ein Haus, Be­schränkung gnädiger Wahli Gottes Seelsorge ist stückweise Seelsorge, Zei­chen, Signal, Provisorium. Blinde sehen, Taube hören, Lahme gehen; aber Blindheit, Taubheit, Lahmheit hört mit dem Erscheinen Jesu nicht auf. Den Armen wird das Evangelium verkündet. Die Armut bleibt. Jesus ruft al­le Mühseligen und Beladenen zu sich, aber die Tränen werden nicht alle getrocknet. Die Tochter des Jairus wird wieder sterben. Die Klageweiber haben nicht ausgeklagt. Sie werden wieder klagen. Weil Gottes Seelsorge in der Menschenwerdung geschieht, weil sie in Jesus von Nazareth und sei­nen Jüngern geschieht, darum ist sie nicht radikal und universal, sondern vorläufig und punktuell, eine Seelsorge in der Beschränkung, kein auto­matisches Allheilmittel. Hinein­gebunden in die Menschlichkeit ist sie eine Seelsorge in der Beschränkung.

Wir fragen auch hier, ob nicht ein Schade in der kirchlichen Seelsorge darin liegen könnte, daß sie sich nicht zu beschränken weiß, daß sie heim­lich Allheilmittel sein möchte und darum eine verborgene Unzufriedenheit an ihr nagt. Kann unsere Seelsorge grundsätzlich umfassen­der sein als Je­su Seelsorge? Kann sie uneingeschränkte und also schrankenlose Seelsorge sein? Noch einmal: könnten viele verdrossene Gesichter sogenannter Seel­sorger nicht davon herstammen, daß sie unbewußt Gottes Seelsorge in der Menschwerdung ablehnen?

Die zeitliche und räumliche Beschränkung, der Stückwerkcharakter der Seelsorge Jesu trägt aber nun nicht den Stempel des Dilettantischen, Halbbatzigen, sondern vielmehr den Stempel der Hoffnung aufs Ewige, Allum­fassende, Ganze hin. Ein Volk für die Völker. Ein Haus für die Häuser der Welt. Ein Blinder für alle Blinden. Ein Erquickter und Befreiter für alle Müh­seligen und Beladenen. Ein Mägdlein von den Toten auferweckt für alle Toten, die erweckt werden. Jede Tat, jedes Wort göttlicher Seelsorge ist gezeichnet von der Absicht aufs Ganze und trägt die Marke der Hoff­nung, ist Zeichen der Zukunft. Die Seelsorge Jesu ist darum konsequent eschatologische Seelsorge. Dieses Skandalon ist am Ende noch größer als das Skandalon des Kreuzes: die Armen, Hungernden, Weinenden, die um Jesu willen Geschmäh­ten, Ausgeschlossenen und Gehaßten werden auf die Zukunft verwiesen und darum selig gepriesen. Aber diese Zukunft ist nun nicht ein Jenseits oder ein St.-Nimmerleins-Tag, son­dern das, was auf uns zukommt, so daß man sich danach richten kann: »Kehret um! Das Reich der Himmel ist genaht.« Dies ist die Zentralbotschaft Jesu, und dies ver­kündigt er in Wort und Tat. Das Reich ohne Tod, ohne Blinde, Lahme und Taube. Das Reich ohne Armut, Hunger, Tränen, die Welt ohne Sünde, die neue Welt ist im Kommen, ist schon nah. In dieser Welt wird die Seelsorge Gottes unbegrenzt und endgültig sein. Diese Welt bedeutet das Ende der Seelsorgebedürftigkeit. »Und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, und kein Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein« (Off 21,4). – Das ist, was auf uns zukommt. Deshalb predigt, heilt Jesus. Deshalb wird er selber seelsor­gebedürftig. Deshalb leidet, schreit und stirbt er. Deshalb steht er auf von den Toten, fährt in den Himmel, um wiederzukommen und die Seelsorge Gottes zu vollenden.

Wenn wir in der Fleischwerdung die Mitte und das Wesen göttlicher Seelsorge erblicken, so sehen wir im Reich das Ziel und die Vollendung al­ler Seelsorge. Jesus stellt den einzelnen vor das nahende Reich. Seine Seel­sorge ist völlig bezogen auf dieses Reich. – Zwei Dinge sind hier deut­lich zu machen.

Dieses Reich bedeutet einmal das Ende dieser Welt, das Ende nicht der Leiblichkeit, aber das Ende unserer fleischlichen Existenz. Dieses Reich be­deutet Weltuntergang, Weitende einer­seits, Schöpfung einer neuen Erde und eines neuen Himmels andererseits. Das Ende des alten Menschen und die Vollendung des neuen Menschen. Und darum können Fleisch und Blut das Reich nicht ererben (1 Kor 15,50). Dieser welterneuernde Charakter des kommenden Reiches hat seine Konsequenz für die Seelsorge: weil die Heraufkunft des Reiches das vorläufige Ende aller Dinge bedeutet, darum ist die Seelsorge Jesu nicht Seelenpflege in dem Sinne, daß sie bloß seeli­sche oder religiöse Bedürfnisse zu befriedigen sucht, denn die Welt der See­le gehört zu der Welt, die mit ihrer Lust und ihrem Weh vergeht. Darum finden wir bei Jesus so wenig seelsorgerlichen Takt: da ist der arme Kerl, der von seinem Bruder übervorteilt wird, da ist der junge Mensch, der Kin­despietät an seinen Eltern üben möchte; sie führen einen ganzen Rei­gen an von Fordernden und Fragenden, die abgewiesen werden. Der wahre Seel­sorger kann merkwürdig »unseelsorgerlich« mit den Menschen umge­hen. Der gute Hirte verhält sich voll­kommen »unpastoral«. – Seelsorge Jesu ist nicht Seelenbedienung, ist vielmehr Konfrontation des Menschen mit dem Reich Gottes.

Weiterhin gilt es zu beachten: dieses Reich, dieses Ende aller Dinge, die­se Neuschöpfung Himmels und der Erde, Jesus sagt es ausdrücklich, ist na­he herbeigekommen! Das steht jetzt vor der Tür. Das Kommen völliger Ge­rechtigkeit, völligen Friedens, völliger Freude, ist nun nicht mehr fern, nicht auf übermorgen zu erwarten, sondern schon auf morgen. Die Wie­der­kunft Christi ist unmittelbar zu erwarten; »denn jetzt ist uns die Ret­tung näher als zu der Zeit, in der wir gläubig wurden« (Röm 13,11). Weil das Reich kommt, darum gibt es Seelsorge. Seelsorge ist Zeichen der Reichsnähe.

Und damit haben wir den Ort unserer Seelsorge umschrieben: unsere Seelsorge kommt erst, nachdem die Seelsorge Gottes in der Fleischwerdung schon geschehen ist. Sie geschieht dar­aufhin, daß Gott bald universale Seel­sorge üben und alle Tränen abwischen wird. Sie kann darum nur vorläu­fige Seelsorge sein, eine Unterhaltung im Vorzimmer gleichsam mit ange­spanntem Blick, das baldige Öffnen der Tür erwartend. Unsere Seelsorge ist dadurch be­stimmt, daß die Zukunft des Himmelreiches auf uns zu­kommt, uns schon nahegerückt ist. Unsere Seelsorge ist eine Gestalt der Hoffnung, ein brüderlicher Gang in Gottes Zukunft hinein. Rechte Seelsor­ge ist darum immer »reichsunmittelbar«.

Aktuelle Seelsorge als Vorwegnahme des Reiches

Gottes kommendes Reich ist im Heiligen Geist schon da, schon da mit sei­nem Frieden, seiner Freude, seiner Gerechtigkeit, schon da mit seinen Auf­erstehungskräften. Wo dieser Heilige Geist ausgegossen wird, hat Gott mit dem Trocknen der Tränen schon angefangen, da fallen die ersten Strah­len der aufgehenden Sonne auf die Gletscher und Felsen, ein Zeichen, daß der Tag anbricht. Vereiste und versteinte Herzen werden vom ersten Glanz des wiederkommend­en Herrn beschienen und leuchten jetzt im Frühlicht des anbrechenden Tages. Da gibt es den Pfad der Gerechten, der ist wie Morgenglanz, immer heller werdend bis an den vollen Tag (Spr 4,18). Es gibt eine Schar von Menschen, die »mit aufgedecktem Angesicht die Herr­lichkeit des Herrn« widerspiegeln (2 Kor 3,18). Es gibt den Reflex von Got­tes Licht in dieser Welt, der das Kommen des großen Tages ankündigt. Es gibt den Widerschein von Gottes aufgehender Sonne. Das sind die Seel­sorger Gottes, die jetzt und hier Seelsorge üben und damit ein Zeichen sind, daß die Sonne wirklich im Aufgehen, das Himmelreich tatsächlich im Kommen ist. So gibt es Menschen, die im Licht Christi einen neuen Lebens­raum gefunden haben, die eingetaucht sind in dieses Licht; sie leben »in Christus«, sind erleuchtet von seinem Licht. Christus lebt in ihnen. Der Ko­losserbrief sagt, daß dies das Geheimnis unter den Hei­den sei: »Christus in euch« (Kol 1,27). Dann ist dies das Geheimnis der Seelsorge Gottes auf Erden, jetzt und hier, daß es jetzt schon Menschen gibt, die erleuchtet sind von dem Licht, das alle Menschen erleuchten wird: das sind die Glieder an seinem auferstandenen Leib. Und die Seelsorge Jesu Christi ist heute eine Seelsorge in den Gliedern der Gemeinde. Indem Christus durch den heiligen Geist in der Gemeinde wirkt und wohnt, wird die Gemeinde zur Seelsorge­rin Gottes auf Erden. Das Wunder von Gottes Seelsorge heute ist das Wunder der Gemeinde als Wohnung Christi. Mit dem Sein der Gemein­de ist Seelsorge. Darin liegt die Vollmacht aller kirchlichen Seelsorge, daß sie nicht ihr eigenes Werk treibt, sondern Jesu Christi Werk. Das ist die Würde und Ehre kirchlicher Seelsorge, daß ihr der Herr die Vollmacht zu binden und zu lösen gibt, die Vollmacht über die Geister, die Vollmacht über Sünde und Tod. Sie lebt mit den Schlüsseln, sie öffnet die Zukunft Gottes, indem sie in der Zukünftigkeit lebt. So bricht in ihr die neue Welt an. Indem aber in ihr die neue Welt anbricht, überwindet sie die alte Welt. Im schon erfochtenen Sieg Christi über Tod und Teufel stehend, ist sie schon selber ein aktuelles Zeichen des kommenden Endsieges.

Dies also ist Gottes Seelsorge heute, die Seelsorge der geistbegabten Glieder der Gemeinde, die Seelsorge der Kirche Christi. Darum gibt es nur eine Freude und einen Stolz der kirchli­chen Seelsorge, daß in ihr der kom­mende Gott gegenwärtig ist und handelt. Der Quell von Lebenswasser, aus dem Christus bei seiner Wiederkunft die Dürstenden tränkt (Off 21,6), ist in den Leibern der Glaubenden durch den Heiligen Geist schon aufge­brochen und zum Strömen gebracht (Joh 7,38). So fließt der Heilige Geist als Strom der Seelsorge in die Welt. So üben die Seelsorger die Seelsorge Gottes. Die Gnade gibt Gnadengaben, und in den Gna­dengaben der Ge­meinde geschieht Gottes Seelsorge. Darum gilt für den Seelsorger auch das Wort Luthers vom Prediger: »Nu mag ich unnd eyn iglicher, der Christus wort redet, frey sich rhumen, das seyn mund Christus mund sey. Ich bynn yhe gewisz, das meyn wort nitt meyn, sondernn Christus wort sey, szo mus meyn mund auch des seyn, des wort ich rede.«[2] Wenn Luther recht hat, dann dürfen wir diesen Satz erweitern: der Arm, die Hand, weldie dienen, sind Christi Arm und Hand. Der Fuß, der sich zur Seelsorge in Be­wegung setzt zum andern hin, ist Christi Fuß. In der Seelsorge erweist sich der wiederkommende Herr als der schon gegenwärtige, wirkend in den le­bendigen Gliedern seines lebendigen Leibes. Die Seelsorge Gottes heute ist die Seelsorge Jesu Christi in seinem Leib.

Wenn Christus nicht wirkt, nicht handelt, dann ist unsere Seelsorge eine taube Nuß, ein ausge­sogenes Ei. Man braucht sie nicht, wirft sie weg. Hier liegt die Not unserer Seelsorge, daß sie so oft herrenlose, christuslose, geist­lose Seelsorge ist. Hier liegt die Kraftlosigkeit und Ohn­macht unserer heu­tigen seelsorgerlichen Bemühung, die durch keine Psychologie und keine Methodik zu beheben ist. Damit stellt sich das Problem, wie unsere Seel­sorge wieder Seelsor­ge Jesu Christi wird. – Ist Christus real präsent in un­serer Seelsorge? Oder ist es so, daß unsere Seelsorge zwar noch von Jesus Christus redet, daß er selber aber nicht mehr in ihr redet und wirkt? – Es wird in Pfarrerkreisen oft Klage erhoben, daß der moderne Mensch von der kirchlichen Seelsorge abgewandert ist zum Psychiater, zum Graphologen, zum Briefkasten­onkel, zum Pendler und Hellseher. Mit dieser Klage deu­ten wir einmal an, daß wir Pfarrer uns als die allein legitimen Seelsorger betrachten, verraten damit aber gleichzeitig, daß vorher im geheimen ein ganz anderer aus der kirchlichen Seelsorge abgewandert ist. – Und hier bricht mm die ganze Krisis unserer landeskirchlichen – und wohl auch frei­kirchlichen – Seelsorge auf. Ist das, was wir mit der Etikette »Seelsorge« überkleben, ist das Seelsorge Jesu Christi selber? Inwiefern ist unsere Seel­sorge echt und also Seelsorge Jesu Christi? Ist unser Mund Christi Mund, unsere Hand Christi Hand, unser Fuß Christi Fuß? Hat Christus Gestalt ange­nommen in uns? Haben -wir den Heiligen Geist? Ist das, was wir Ge­meinde nennen, ist das Leib Christi? Ist unsere Seelsorge die Seelsorge Jesu Christi selber? Ist in unserer Seelsorge der am Werk und am Sprechen, der gekommen ist, die Mühseligen und Beladenen zu sich zu rufen, und der wiederkommen wird, alle Tränen abzuwischen? Ist unsere Seelsorge vollmächtig oder ohnmächtig?

II. Unsere empirische Seelsorge

Wenn wir nun unsere empirische Seelsorge an der Seelsorge Gottes mes­sen, sehen wir, wo unsere Seelsorge nicht mehr Jesus gemäß ist, nicht auf das kommende Reich ausgerichtet, wir erkennen ihre Eigenmächtigkeit. Wir schauen darum unsere empirische Seelsorge an wie ein altes Kleid, hal­ten es hoch und drehen es nach verschiedenen Seiten hin mit der Frage, ob wir dieses Kleid noch weiterhin tragen können.

Wir haben gesehen: die Seelsorge Jesu ist konsequent eschatologische Seelsorge, d. h. sie ist streng bezogen auf das nahe Reich. Unsere Seelsorge ist aber radikal enteschatologisiert, d. h. sie steht nicht mehr im magne­tischen Kraftfeld des kommenden Reiches. Sie ist zutiefst hoff­nungslos geworden. Wenn wir nun die Folgen solcher Hoffnungslosigkeit aufzuzei­gen ver­su­chen, so sind wir uns bewußt, daß wir hier sträflicherweise ver­kürzt reden.

Verengung auf das private Heil

Die universale Reichshoffnung wird verdünnt zum Trost der Seele. Jesus ruft ins Reich. In seinen Wundem kann er Zeichen der Reichsnähe aufrich­ten. Unsere Seelsorge dagegen stellt den einzelnen nicht mehr vor das kommende Reich, sondern müht sich um sein privates See­lenheil. Wird aber aus der Verkündigung der Reichsnähe nur eine Präparation aufs Jen­seits, so ist die Seelsorge in ihrem eigentlichen Sinn eine Seelsorge zum Tode! Die Dynamik ist ihr genommen. So zeigt sich uns die kirchliche Seel­sorge in der Welt von gestern. – Heute lebt der Mensch nicht mehr in der Angst um das Seelenheil. Das Jenseits ist kein Land, auf das man sich vorbereiten muß. Aufs Sterben müssen sich die meisten Menschen nicht mehr vor­bereiten. Darum hat heute der Seelsorgerbesuch beim Kranken weithin den Charakter einer Pille. »Es tut ihm gut, er hat es gern. Herr Pfarrer, kommen Sie wieder.« – Die Seelsorge müht sich nicht einmal mehr um ein Jenseits, sie sucht den Wunsch des Publikums zu befriedigen, sucht zu beruhigen, darf unter keinen Umständen aufregen, mißbraucht den 23. Psalm und andere Worte der Schrift, um auch noch eine geistliche Morphiumspritze zu geben.[3]

Abdrängung an den Lebensrand

Eine hoffnungslose Seelsorge muß ihre Trostlosigkeit damit übertünchen, daß sie die Lebensränder dekoriert. Gewiß strahlt das Evangelium auch auf den Lebensrand aus; es kann echte Seelsorge bei Trauung und Beerdi­gung geben. Es ist richtig und wichtig, daß auch am Lebensrand Gottes Wort von Mann zu Mann gesagt wird.

Der Mißbrauch aber liegt darin, daß heute Gottes Wort zu Dekorations­zwecken mißbraucht wird. Schauen wir sie nur an, diese kirchlichen Deko­rateure, schauen wir uns selber an! Smart lächeln wir bei der Taufe, ver­klären die Geburt. Feierlich vollziehen wir den Ritus der Mannbarkeit bei der Konfirmation. Hinter weißen Nelken stehend, segnen wir die Ehe ein, trösten am Grab, auch wenn niemand trauert, immer photogen, ernst oder lächelnd, immer im Schaufenster, Bibelsprüche an die Ränder des Lebens heftend, wie Blumen ins Knopfloch, servile Lakaien der Religion, bestrebt, dem Publikum zu dienen. Jesus Christus aber spricht: »Kehret um, das Reich der Himmel ist genaht!« – Je mehr die Hoffnung schwindet, um so mehr wird Dekoration notwendig. Dabei ist festzustellen: die Seelsorge am Lebensrand kommt sozusagen immer post festum. Geburt, Mannbar­keit, Ehe, Tod, alles ist schon vollzogen, bevor der Seelsorger sich in Be­wegung setzt. Seelsorge als Dekoration kommt immer zu spät und doku­mentiert damit ihre Überflüssigkeit.[4]

Überforderung aus Menschendienst

Eine hoffnungslose Seelsorge trachtet nicht am ersten nach dem Reich Got­tes und nach seiner Gerechtigkeit, sondern danach, den Menschen zu gefal­len. Unsere Seelsorge bemüht sich, den Ansprüchen des Publikums gerecht zu werden. Wo die »Reichsfreiheit« der Seelsorge verlo­rengeht, kommt es zur Hörigkeit. Darum bewegt sich die pfarramtliche Seelsorge in der pa­radoxen Situation, daß die Massen wohl aus der kirchlichen Seelsorge aus­gewandert sind, daß aber gleichzeitig das Verlangen nach Seelsorge ins Unermeßliche gestiegen ist. Das gibt vie­len Pfarrern einerseits Minderwer­tigkeitsgefühle, andererseits ein schlechtes Gewissen.

Reden wir zuerst vom schlechten Gewissen. Der Schrei nach Seelsorge erfordert Omnipräsenz und zerreißt den Pfarrer, zerstückelt seine Exi­stenz. Was übrigbleibt, ist ein müder Funktio­när.[5] Da sind Hausbesuche, die wir nie machen. – Da kommen spezielle Seelsorgefälle: die Kranken, die Depressiven, die Alten, die Jungen, die Männer, die Frauen, dazu die Ehenöte. – Da kommen die Anliegen der Stände, der Bauern, der Arbeiter, der Intellektuellen und bald einmal der Astronauten. Da kommt die Kul­tur, die Schule, der Film, die Presse, das Fernse­hen, der Straßenverkehr. Überall ist die Kirche gefordert, und die Kirche gibt es nur, wo der Pfarrer agiert. – Wir können in einem Pfarr-Verein oder in einer Synode ein Re­ferat hören über den Film oder den Alkohol, über das Fernsehen oder über die Lage im Bauernstand, über Müttererholungsheime oder Automatisie­rung. Wir erleben immer dasselbe: unter immer heftigerem Umrühren wird uns zugeschrien, daß die Kirche versagt habe und daß es nun endlich gelte, dieses Problem zu lösen. Welches Weltproblem sollten wir eigentlich nicht lösen? – Kein Wunder, wenn der Pfarrerstand weiterhin seines Treibens unfroh ist – oder Witze macht und lacht, um das Elend zu übertönen. Eine Seelsorge, die den Anforderungen der Menschen entsprechen möchte, ist überforderte Seelsorge.

Eine Seelsorge, die nicht mehr mit der Nähe des Reiches rechnet und vergißt, daß Seelsorge immer nur ein Zeichen des kommenden Reiches sein kann, bleibt im schlechten Gewissen stecken, weil sie nie und nimmer den Anforderungen, die man an sie stellt, genügen kann. Hier offenbart sich der Sündenfall unserer Seelsorge, daß sie mehr sein möchte als ein Zeichen, daß sie sein möchte wie Gott, daß sie selber alle Tränen abwischen möchte. Weil sie sich damit etwas nimmt, was Gottes baldiges Werk ist, darum erschöpft sie sich in eitlem Gerenne. Sie versucht flächenhaft, frontal vor­zugehen, während Jesus, der wahre Seelsorger, punktuell vorging. Wo die Hoffnung auf das Reich aus der Seelsorge auszieht, kehrt die Sucht nach Gründlichkeit ein, wehe, wenn es erst noch die deutsche Gründlichkeit ist! – Die Seelsorge wird ein Pensum mit Fällen, das absolviert werden muß und nie völlig absolviert werden kann.

Verdünnung unserer Seelsorge zur Moral

Wo eine Seelsorge die Freude und den Schrecken vor dem nahenden Got­tesreich verloren hat, wird sie moralisch, verbreitet einen säuerlichen Ge­ruch abgestandener Bravheit um sich. In der Optik bodenständiger Land­gemeinden ersetzt der Pfarrer die Sittenpolizei. Der patentierte Seelsorger ist der wandelnde Aufruf zum Bravsein. – Als Jesus, der wahre Seelsorger, sich in die Gesellschaft von Kana einführte und zugunsten einer offen­sichtlich angeheiterten Hoch­zeitsgesellschaft zwischen vier und sechsein­halb Hektoliter Wasser in Wein verwandelte, hat er seine Tischgenossen nicht veranlaßt, brav zu sein, er hat es ihnen – horribile dictu – ermög­licht, weiterzutrinken.

Damit haben wir einen weitern Wesenszug unserer landeskirchlichen und pfarrherrlichen Seelsorge gewonnen: an Stelle der Solidarität mit dem Sünder ist die Moralität getreten. – Unsere Seelsorge zeichnet sich dadurch aus, daß sie an der Hochzeit von Kana ostentativ nicht teilnimmt. Erst wenn der Katzenjammer nach dem Fest eintritt, kommt meine Seelsorge in Fahrt, dann gehe ich mit ernster Miene von Haus zu Haus, das Büchlein zur Abstinenz-Ver­pflichtung als Dolch im Gewande! Das Skandalon von der Hochzeit zu Kana zeigt uns, wie sehr wir es verlernt haben, von der Inkar­nation her zu denken. Wir betreiben die Rettung ohne Mitmenschlichkeit und übersehen, daß die Rettung nur durch die Menschenwerdung Jesu ge­schah. Nun kennt schon das Neue Testament Menschen, die die Rettung durch Christus zwar bejahen, seine Fleischwerdung aber praktisch leugnen. Sie werden als »Antichristen« bezeich­net. Wo unsere Seelsorge in die Mo­ralität absinkt, wird sie antichristlich, auch wenn sie sich noch so fromm gibt

Psychologisierung der Seelsorge

Zunächst ist festzustellen: Psychologie ist eine Gabe der Weisheit, eine Gabe des Heiligen Geistes. Es ist grundsätzlich nichts dagegen einzuwen­den, wenn der Psychiater Seelsorge­funktionen des Pfarrers übernimmt, wie andrerseits der Pfarrer nie genug Psychologie kennen kann.

Fatal aber wird die Psychologie für uns da, wo wir die Gabe vom Geber trennen, wo die Gabe den Geber ersetzt, wo also die Psychologie zum Surrogat des Geistes wird. Wo wir Pfarrer das Geheimnis Gottes unter den Heiden vergessen und die Schlüssel verlieren, müssen wir einerseits Minder­wertigkeitsgefühle und andrerseits einen gewissen Konkurrenzneid gegen­über den Psychiatern kultivieren. Solche Haltung zeigt, daß wir das Wort, das wir zu sagen haben, mit heimlichem Mißtrauen begleiten. Wir versu­chen dann, unsere sieche Seelsorge mit Psychologie etwas aufzupulvern, sie soll einem kraftlosen Evangelium aufhelfen. Der Pfarrer befindet sich dann der Psychiatrie gegenüber in der Rolle Wagners, der im Schlafrock und der Naditmütze, eine Lampe in der Hand bei Faust anklopft:

Verzeiht, ich hör Euch deklamieren,
Ihr last gewiß ein griechisch Trauerspiel?
In dieser Kunst möcht ich was profitieren.
Denn heutzutage wirkt das viel.
Ich hab es öfters rühmen hören,
Ein Komödiant könnt einen Pfarrer lehren.

Hier sollen nicht mit Goethes Hilfe unsere verehrten Brüder von der Psychiatrie als Komö­dianten bezeichnet werden, ich möchte nur bitten, daß wir Pfarrer ihnen nicht in der Haltung Wagners im Schlafrock und Nacht­mütze begegnen! Gewiß, wir können viel, sehr viel von ihnen lernen – stehen sie doch z. T. der Seelsorge Jesu Christi näher als wir Pfarrer. Aber wir müssen doch beachten, daß das Wesentliche der Seelsorge der Heilige Geist und nicht die Psychologie bleibt, gerade wenn wir wissen, daß Heili­ger Geist und Psychologie grundsätz­lich nicht Gegensätze darstellen. Ge­rade -wenn Psychologie und Psychotherapie als Gaben der Weisheit ihre be­sondere Ehre haben, sollte man nicht aus ihnen ein Gesetz machen, das letzt­lich tötet. Wenn erst die Psychologie Macht hat, zur Seelsorge zu weihen, wenn die Psychologie zum Kanon wird, an dem allein die Seelsorge zu messen ist, dann pervertiert die Gabe der Weisheit. Die Psychologie ver­führt und verunmöglicht dann eine Seelsorge zum Reich.

Dies aber geschieht darum um so eher unter uns, weil der Dienst des Psychotherapeuten bis jetzt weithin nicht in die Gemeinde integriert wor­den ist. Wird nicht beachtet, daß die Seel­sorge vom Ganzen der Gemeinde geübt wird und daß dem Therapeuten, der seinen Dienst als Glied der Gemeinde tut, ein besonderer Rang zukommt; bleibt also dem Psycho­therapeuten die kirchliche Ehre versagt, so drängt sich Psychologie und Psychotherapie um so eher als Gesetz für alle Seelsorge auf.

Der Theologe beachtet dann nicht, daß er zwar ruhig »in dieser Kunst… was profitieren« darf, daß er aber als Theologe eher nach Prophetie denn nach Psychologie zu eifern hat. Prophetie und Seelsorge, das ist das Pro­blem! Eifern um Prophetie in der Seelsorge, das würde heißen, sich mühen zu hören und zu erfahren, was Gott über den Menschen sagt, der in die Seelsorge kommt. (Leider ist m. E. dieser Aspekt der Seelsorge noch viel zu wenig erarbeitet.)

Klerikalisierung der Seelsorge

Wo eine Seelsorge die Fleischwerdung in Jesus von Nazareth und die Geist­präsenz in der Gliedhaftigkeit der Kirche vergißt, wird sie klerikal und un­terstreicht damit ihre Hoffnungs­losigkeit; denn da, wo die Gemeinde nicht mehr in »Reichsunmittelbarkeit« lebt, braucht sie um so mehr den Statt­halter. In unserer landeskirchlichen Seelsorge hat sich darum weitgehend die Seelsorge auf den Pfarrer als Seelsorger reduziert. Das Bewußtsein, daß die Gemeinde Seelsorgerin ist, hat einem Mythos vom Seelsorger Platz gemacht. Wir Pfarrer hören es gern, wenn man uns als »Seelsorger« be­zeichnet, auch wenn wir keine sind. Praktisch gerieren wir uns als Universal-Seelsorger der Gemeinde, springen da und dorthin, statt zu vertrauen, daß Christus, der wahre Seelsorger, in seinen Gliedern wirkt. Weil wir mehr an uns selber glauben als an den Leib Christi, darum sitzt in uns Pfarrern tief innen ein Mißtrauen gegen die Seelsor­ge der Laien, sie könn­ten es nicht so gut machen wie wir. Sie könnten Irrlehren verkünden. Noch schlimmer: sie könnten es besser machen als wir. Das wäre für uns zu­nächst weit gefährlicher als Irrlehre! So berichtet die Gemeindeschwester einer Diasporagemeinde, daß ihr Pfarrer (nota bene reformierter Konfes­sion!) ihr verboten habe, bei Kranken ein Schrift­wort zu lesen. Das sei sei­nes Amtes.

Der Widerstand gegen die Gemeinde als Seelsorgerin ist nicht nur in der Pfarrherrschaft vorhanden, sondern vielleicht noch mehr in der Gemein­de selber. – Immer wieder führen Laien, die etwa Hausbesuche machen, die bewegte Klage, daß man sie nicht schätze, man wünsche den Pfarrer. Auch wenn der Pfarrer eine unästhetische Figur ist, dekoriert er kraft sei­nes Amtes besser als ein Laie das religiöse Bedürfnis.

Wenn es uns ein Anliegen ist, daß Gott selber in Jesus Christus zur Seelsorge komme, dann können wir Pfarrer nichts Dringlicheres tun, als den Mythos vom pfarrherrlichen Seelsorger zu entmythologisieren und der Rolle des Seelsorgers so weit als möglich abzusagen. Gerade unser seelsorgerlicher Übereifer, unser Alles-selber-machen-Wollen hindert die Ge­meinde daran, Seelsorgerin zu werden, Seelsorgerin zu sein. Somit wird der Pfarrer am besten Seel­sorge üben können, der sich im Stand der De­mission befindet, in der Demission zugunsten der Gemeinde; der Pfarrer muß »abnehmen«, damit die Gemeinde wachse.

Wir haben das Kleid unserer kirchlichen Seelsorge gleichsam an den Bü­gel gehängt, haben es hin und her gewendet, versucht, es im Licht der gött­lichen Seelsorge zu sehen, und erkennen seine Schadhaftigkeit darin: sie ist nicht solidarisch, sondern moralisch. Ohne Hoffnung be­gnügt sie sich mit Seelentrost und Lebensrand. Sie ist nicht gliedhaft, sondern klerikal und nimmt sich viel zu wichtig. Empfängt ihren Impetus mehr von menschli­chen Wünschen als von der Kraft des Heiligen Geistes, sucht mehr nach psychologischer Weisheit statt nach der Weisheit Gottes. Sie sinnt nicht, was göttlich, sondern was menschlich ist. Jesus aber sagt zu dem, der aus menschlicher Gesinnung an ihm Seelsorge übt: »Hebe dich weg, Satan?« Und es ist zu fragen, ob nicht über viel seelsorgerlicher Bemühung unse­rerseits dies schreckliche Wort Jesu stehe.

III. Die Seelsorge Gottes in seinen Seelsorgern

Wir haben von Gottes Seelsorge gesprochen, haben unsere Seelsorge dar­an gemessen und gerichtet. Nun fragen wir, wie es geschehen kann, daß wir als Pfarrer und Gemeinde Seel­sorge Gottes üben? Wie müßte das neue Kleid unserer Seelsorge aussehen? Wie geschieht es, daß unsere kirchliche Seelsorge wirklich Seelsorge Jesu Christi wird? Mit dieser Frage sind die Jünger einmal zu Jesu gekommen: »Was sollen wir tun, daß wir die Werke Gottes wir­ken?« Jesus antwortete und sprach zu ihnen: »Darin besteht das Werk Gottes, daß ihr an den glaubt, den jener gesandt hat« (Joh 6,29). So geschieht also das Werk Gottes, das Werk der Seelsorge, daß wir glau­ben. Will unsere Seelsorge Seelsorge Jesu Christi sein, so muß sie Seelsorge sein im Glauben an Jesus Christus. Die in diesem Glauben durch die Ge­meinde gewirkte Seelsorge ist die Seelsorge Jesu Christi selber. Die Pro­blematik unserer kirchlichen Seelsorge ist also die Problematik unseres Glau­bens. Die Problematik unseres Glaubens aber ist die Problematik der gött­lichen Gegenwart in der Gemeinde, die Problematik des Heiligen Geistes und seiner Wirksamkeit. Wenn wir zu wenig oder nicht glauben, heißt das, daß Gott zu wenig oder nicht wirkt. Wir fragen darum: wie kommt es, daß Gott heute sein Werk tut? Daß er Glauben schenkt? Seelsorge wirkt?

Damit das Werk Gottes geschehe, braucht es rätselvollerweise das Schrei­en der geistlich Armen. Das Schreien der von Gott Verlassenen, die in den Schrei Jesu am Kreuz einstimmen: »Eli, eli, lama sabachthani!« Diesen geistlich Armen ist das Reich der Himmel und das heißt die reale Herrschaft und Aktion Gottes verheißen. So wird Seelsorge Gottes, daß Gott­lose in ihrer Gottverlassenheit schreien um die Nahe des Reichs. Ist Jesus Christus aus unserer Seel­sorge ausgewandert, so können wir ihn nur bitten, wiederzukommen, ihn zum Handeln und Wirken mahnen! Ist das Kleid unserer kirchlichen Seelsorge nicht mehr tragbar, müssen wir den Herrn der Herrlichkeit bitten, er möchte unserer Seelsorge ein »Schmuck- und Ehren­kleid« anziehen.

Will unsere Seelsorge die Seelsorge Gottes sein, dann ist sie die Seelsor­ge der geistlich Armen, die nichts können als schreien, rufen, betteln. Sie ist Gebet. So wird unsere Seelsorge zur Seelsorge Jesu Christi selber, daß unser erstes und letztes Werk in der Seelsorge das Gebet ist. – Was heißt nun das: Seelsorge ist Gebet? Wir blicken hier in ein Geheimnis, ins Ge­heim­nis des Bundes Gottes mit uns Menschen, der sich nach der Fleisch­werdung fortsetzt im Kom­men des Geistes. Wir schauen ins Geheimnis sei­ner Liebe, daß er, der freie und souveräne Herr, uns vor sich hinstellt. Und nun dürfen wir etwas sehr Kühnes und Vermessenes tun – wir kön­nen es nur zaghaft sagen – wir dürfen gleichsam Seelsorge an allerhöchster Stelle üben. Das ist ein Wunder des Gebetes, daß Gott uns darin gleich­sam zu »Seelsorgern« seiner selbst macht.[6]

Solche »Seelsorge« am himmlischen Herrn übt der Psalter. So etwa Psalm 21,14:

Erhebe dich, o Herr, in deiner Kraft,
so wollen wir singen und preisen deine Stärke!

Oder noch deutlicher Psalm 44,24-27:

Wach auf! Warum schläfst du, O Herr?
Erwache! Verstoße nicht ewig! Warum verbirgst du dein Angesicht,
vergissest unsres Elends und unsrer Drangsal?
Denn in den Staub ist gebeugt unsre Seele,
und unser Leib klebt an der Erde.
Mache dich auf, uns zu helfen, und erlöse uns um deiner Gnade willen!

Der dritte Jesaja weiß um diesen »Seelsorgedienst«: »Über deine Mau­ern, Jerusalem, habe ich Wächter bestellt; den ganzen Tag und die ganze Nacht, nimmer sollen sie schweigen! Die ihr den Herrn an Zion erinnert, bleibet nicht ruhig und laßt auch ihm keine Ruhe, bis er Jerusalem aufrich­tet und bis er es macht zum Ruhme auf Erden« (62,6 f).

Dieses Wächteramt an Gott überträgt Jesus seinen Jüngern, wenn er sie im Unser-Vater die ersten drei großen Reichsbitten lehrt. Jesus umschreibt diese »seelsorgerliche« Funktion der betenden Kirche im Gleichnis von der bittenden Witwe, die den ungerechten Richter an seine Pflichten erinnert. So ist die Gemeinde – wenn man so sagen darf – die »Seelsorgerin« an Gott selber, indem sie als Witwe vor dem Richter steht, damit er ihr Recht schafft in Bälde (Luk i8,i–8). Rätselvoll und wunderbar, daß der große Richter sich von diesem jammernden Weiblein in Kur nehmen läßt. Unfaß­lich, daß Gott »Seelsorger« einsetzt für sich selber. Eigenartig, daß er im­mer noch »seelsorgebedürftig« ist, daß er sich Menschen zu Wächtern setzt, daß er sich aus göttlichem Schlaf erwecken läßt. Ist er angewidert von menschlicher Undankbarkeit, gleichsam ein inaktiver, resignierter Seelsor­ger geworden, so stellt er Wächter auf die Mauern, die ihm das Wort Gottes sagen, die ihn gleichsam von Mann zu Mann an das erinnern, was er zu tun sich vorgenommen.

Bevor er uns braucht, seine Seelsorge auf Erden zu üben, stellt er uns gleichsam als Weckor­donnanz seiner Majestät ein, macht uns zu »Seelsor­gern« der allerhöchsten Person. Mehr kann er uns nicht anvertrauen! – Wer hier verzagt ist darob, daß er so wenig brauchbar ist zur Seelsorge an Menschen, dem wird hier höchste Ehre zuteil: er ist berufen zur »Seelsor­ge« am hohem Ort. Bevor wir Seelsorger von Menschen sind, bevor wir Menschen Gottes Wort wei­tersagen, dürfen wir »Seelsorger« des Aller­höchsten sein, dürfen wir ihm sein Wort vorhalten. Dies ist das Prälu­dium dafür, daß wir die Seelsorge Gottes auf Erden üben dürfen, daß wir gleichsam zur »Seelsorge« am dreieinigen Gott gerufen sind. – Und wenn Gott uns nur zu diesem Präludium brauchen wollte, wäre dies für uns Glücks genug!

Wir wollen nun versuchen, das neue Kleid unserer Seelsorge zu betrach­ten, indem wir fragen, was die drei Seiten der göttlichen Seelsorge für unsere Seelsorge zu bedeuten haben.

Seelsorge Gottes in der Solidarität

Steht unsere Seelsorge in der Hoffnung und in der Bitte um das kommen­de Reich, so kann sie nichts anderes sein als Seelsorge in der Solidarität. Sie ist eine doppelte: Verbundenheit mit dem Leben der Brüder, im Teil­nehmen und Teilhaben-Lassen.

Seelsorge heißt Teilnahme, herzliche Teilnahme. Übernahme eines andern Lebens in mein Leben. Umhüllung eines fremden Lebens mit meinem Le­ben. Ich nehme teil am Leben des Bruders, erlebe sein Leben in meinem Leben. So höre ich mit ihm Gottes Wort, indem ich mit ihm seelsorgebedürftig werde. – Darum schreibt Paulus an die Philipper, daß er sie »im Her­zen« trägt (1,7), während er den Korinthern sagen kann, daß sie »nicht engen Raum« in ihm haben (2 6,12). So ist Paulus Seelsorger einer Ge­meinde, daß er das Leben der vielen in sich versammelt, das Leben der vielen lebt.

Andrerseits läßt er die Gemeinde an seinem Leben teilhaben, schenkt sein Leben in die Ge­meinde hinein, verteilt sein Leben an die vielen, wie er das Wort an die vielen austeilt. »So waren wir voll herzlicher Zunei­gung zu euch willig, euch nicht allein am Evangelium Gottes teilhaben zu lassen, sondern auch an unsern eignen Seelen« (1 Thess 2,8). Seelsorge heißt Teilnehmen-Lassen. Hingabe meines Lebens an das Leben der an­dern. Enthüllung des eignen Lebens für den andern. Ich lasse den andern mein Leben erleben. So höre ich mit ihm das Wort Gottes. So übt Seelsor­ge die »schenkende Tugend«.

Auf diesen Weg ist unsere Seelsorge gestellt: Entäußerung, Dahingabe eignen Lebens, Über­nahme fremder Schuld, Identifikation mit einem ent­laufenen Sklaven. Dieser Weg bedeutet für uns ein Weg des Sterbens, ein Weg zum Kreuz.

Seelsorge heißt also: Solidarität mit dem Frommen, Solidarität mit dem Bekehrten, Identifi­kation mit dem Menschen, dem ein Sklavengeschmäcklein anhaftet. Wenn Gott Mensch wird, dann begibt er sich in die Solida­rität auch mit dem frommen Menschen. Er, der Freie, wird solidarisch mit dem Homo religiosus seiner Zeit. Er ist unter das Gesetz getan (Gal 4,4). Der einen neuen Tempel baut, bezahlt die Tempelsteuer. Jesu polemische Auseinandersetzung mit der Gesetzesreligion seines Volkes ist getragen von dieser Solidarität.

So geschieht die Seelsorge Jesu Christi heute in der Solidarität auch mit dem frommen Men­schen. Sie ist keineswegs unkritisch, sie mag polemisch sein, sie wird aber zu fassen sein als Bemühung um die Einheit der Ge­meinde. – Gerade dies fällt uns vielleicht am schwersten: Solidarität mit den Frommen, Solidarität mit Bekehrten, Eifrigen, denen Sklavenmoral an­haftet.

Verbundenheit mit der Kreatur

Indem die Seelsorge auf das Kommen des Reiches wartet, steht sie in der Solidarität mit aller Kreatur. Weil sie auf das Kommen einer neuen Erde wartet, weiß sie sich mit der Erde solida­risch. Sie beschränkt sich darum nicht auf die Getauften, auf die eigene Konfession. Sie ist darum nicht nur »Besorgung des Leibes Christi in seinen Gliedern«, wie Trillhaas definiert.[7] Was in der Gemeinde als Bruderschaft, als Solidarität gelernt und geübt wird, ist nach der Welt hin offen, ist bloß Paradigma für die Solidarität mit der Welt.

In der Nachfolge Jesu lebt die Gemeinde als Seelsorgerin nicht ein ent­rücktes Dasein, sondern kennt sich als ein wissendes Stück der versöhnten Welt, nimmt in der Nachfolge Jesu teil an der Lust und am Weh der Welt. Sie steht unter der Mahnung: »Freuet euch mit den Fröhli­chen, weinet mit den Weinenden« (Röm. 12,15). Die Gemeinde weiß zwar um die Kürze der Zeit, die das Lachen und Weinen relativiert (1 Kor 7,29 f); aber sie wird deshalb nicht ge­mahnt, das laute Lachen der Welt zu temperieren. Sie wird ausdrücklich zuerst zum Mitlachen und dann auch zum Mitweinen aufge­rufen, d. h. sie soll teilnehmen, herzlich teilnehmen an den Freuden und Leiden der Kreatur. Nur im Mitlachen und Mitweinen, im Mitfühlen mit den Weltkindern kann die Gemeinde ihr Amt der Seelsorge ausüben. Ge­rade dies haben wir in der Kirche weithin verlernt, daß es eine Seelsorge des Mitlachens gibt. »Schmunzeln ist auch eine Gnade, von der leider die Theologen nicht schreiben.«[8]

Weiß die Seelsorge um ihre Verbundenheit mit der Kreatur, so ist zu beachten, daß im Tenor der biblischen Schriften die Solidarität mit dem Volk Gottes stärker betont wird als die Soli­darität mit der Welt; denn ge­rade die Verbundenheit der Brüder hat Weltbedeutung! Diese Solidarität mit den Brüdern zuerst und dann mit der Welt findet ihren deutlichsten Nieder­schlag erstaunlicherweise in der Gemeinschaft des Essens!

Man müßte einmal eine Theologie des Essens schreiben. Mit dem Essen eines Apfels fängt die Seelsorgebedürftigkeit des Menschen an. Mit dem Essen vom Hochzeitsmahl des Lammes hört die Seelsorgebedürftigkeit des Menschen auf. Am Anfang und am Ende der Bibel ist vom Essen die Rede. Und in der Mitte der Bibel steht der Tisch, an dem der sitzt, den seine Feinde einen »Fresser und Weinsäufer« nennen. Er bricht das Brot: »Neh­met, esset!«

Am Anfang, am Ende und in der Mitte der Bibel wird betont vom Essen gesprochen. Die Bibel ist in dem Sinne ein Buch vom Essen. Die Seelsorge ist des Essens wegen notwendig geworden. Sie wird sich an einem Mahl vollenden. Alle Seelsorge ist darum letztlich Einla­dung zum Tisch, ist es­sende Seelsorge. Seelsorge geht durch den Magen.

Beachten wir einmal die genauen Anweisungen, die Jesus den Jüngern für das Essen gibt. Da sind Anweisungen, wer zu einem Festmahl einge­laden werden soll, neben Anweisungen darüber, wie sich die Jünger bei Einladungen zum Tisch benehmen, wo sie sitzen und was sie essen sollen. – Beachten wir, daß das erste kirchliche Amt, das neben dem Apostelamt ent­steht, ein Amt ist für das Essen, das Amt der Witwenpfleger. Beachten wir Paulus, der in der höchsten Seenot das Brot bricht, dankt und zu essen anfängt. So übt er Seelsorge an Schiff­brüchigen, daß er ihnen vorißt und sie zum Essen ermuntert. Sollten wir anders Seelsorge an den Schiffbrü­chigen unseres Säkulums üben können?

Beachten wir ferner, wie etwa ein Luther in seinen Tischreden Seelsorge übte oder welch große Rolle bei den beiden Blumhardt der Tisch und das Tischgespräch spielen,[9] dann dürfen wir erkennen, daß das Essen zum Hir­tenamt gehört, zur schönen Seite des Hirtenamtes. Gott liebt seine essen­den Kinder! Seine Seelsorge besteht darin, daß er uns den Tisch deckt im Angesicht unserer Feinde und den Becher voll einschenkt, daß er selber mit den Zöllnern und Sündern ißt. – Sollten wir da unsern Tisch nicht auch decken? – Sollten wir da nicht auch anfangen, in der Nachfolge Jesu mit den Zöllnern und Sündern zu essen?

Jedes gemeinsame Mahl darf ein Zeichen sein des nahenden Reiches, das nicht in Essen und Trinken besteht, in dem aber doch ein Neutrinken statt­findet. Dann werden wir im Hohen auf das Reich frei gemacht, uns an den Tisch des Sünders zu setzen, frei gemacht, den Sünder an unserem Tisch sitzen zu lassen. Wir müssen unsere Gemeinde wieder lehren, Gastfreund­schaft um Christi willen zu pflegen, müssen sie in die Freiheit der Kinder Gottes führen, ein­zuladen und sich einladen zu lassen. Wir müssen lernen, unseren Tisch in der Perspektive des Abendmahltisches und den Abend­mahlstisch in der Perspektive unseres Tisches zu sehen.

Gerade hier wird dann deutlich, daß Seelsorge nicht getrennt werden kann von Leibsorge. Biblische Seelsorge kümmert sich um den Magen ebensosehr wie um das sogenannte Seelenheil. Sie ist darum immer wieder auch Diakonie!

Die Seelsorge des Leibes Christi

Wenn das erkannt und bejaht ist, daß die Seelsorge Gottes heute die Seel­sorge des Leibes Christi ist, dann können wir zur Entklerikalisierung der Seelsorge zweierlei tun: recht von der Gemeinde predigen und sie zur Seel­sorge malmen.

a) Rechte Predigt von der Gemeinde

Paulus muß die Seelsorger von Korinth zweimal fragen, ob sie vergessen haben, wer sie sind. »Wisset ihr nicht, daß ihr Gottes Tempel seid und daß der Geist Gottes in euch wohnt?« (i Kor 3,16). Das könnte auch bei uns geschehen, daß die Gemeinde den Gast vergißt, der in ihrem Haus wohnt. Es könnte sein, daß die Seelsorger den wahren Seelsorger in ihnen verges­sen, und dann käme der ganze Jammer unserer Seelsorge von diesem Ver­gessen her. Man müßte hier einmal bedenken, welche Wahrheiten in der glaubenden Existenz der Gemeinde einfach verlorengehen und von den Predigern notorisch verschwiegen werden; so spielt die Taufe, obwohl noch allzu fleißig geübt, im Vollzug glaubender Existenz und also für die Ausübung der Seelsorge keine Rolle. Was Absolution bedeutet, wird in den Gemeinden nicht gewußt; diese Ignoranz könnte ein Signal sein, daß das Evangelium selber in Vergessenheit geriet. – Man könnte hier noch vieles nennen, und man würde immer wieder sehen, daß die Gemeinde an einer ungeheuren Vergeßlichkeit leidet. Tndem sie aber Wahrheiten ihres Glau­bens vergißt, vergißt sie den, der die Wahrheit selber ist.

Darum hat die Gemeinde eine Predigt nötig, die sie an die Wahrheit er­innert, an die von ihr übersehene Wirklichkeit des Glaubens. Christus lebt in der Gemeinde! Dies ist nicht eine Sache des Gefühls, sondern Botschaft, gegeben und gepredigt, um geglaubt zu werden. Welch ein Stolz, welch eine Freude und welch eine Demut kann uns das geben, wenn wir das Ge­heimnis der Einwohnung Christi in den Gliedern der Gemeinde wahr sein lassen, gelten las­sen. Welch eine Freude zu jedem Gespräch, daß Christus reden wird! Welch eine Freude zu jedem Hausbesuch, daß er mitkommt! Welch eine Freude, daß er Gestalt annimmt in der Gemeinde! Wir verfal­len beim Problem der Seelsorge in ohnmächtige Krämpfe, wenn wir das nicht glauben, wenn wir dem Wort Gottes nicht zutrauen, daß es wahr ist, durch Taufe und Abendmahl bestätigt: »Christus in Euch« (Kol 1,27). Der Erhöhte und Wiederkommende existiert jetzt in der Gemeinde auf Erden. Er wohnt und bleibt in den Gliedern seiner Ge­meinde. Er handelt in ihnen als der wahre Seelsorger. Die reale Präsenz Christi in der Ge­meinde ist Gottes Seelsorge auf der Welt. Und die muß gepredigt werden!

Wenn unsere Gemeinden heute schlechte Seelsorgerinnen sind, dann kommt das wohl daher, daß der in der Gemeinde wirksame Christus zu we­nig kräftig verkündigt wird. Die homile­tisch unterernährte Gemeinde ist zur Seelsorge unfähig. – Die Gemeinden haben tatsächlich vergessen, daß sie Gottes Tempel sind. Sie haben ihr Geheimnis vergessen! Daran müssen die Gemeinden kräftig an die Realpräsenz Christi in ihnen erinnert werden. Mit einem Wort: der Gekreuzigte ist als der Auf erstandene zu verkündi­gen, der Auferstandene ist als der im Geist Gegenwärtige anzusagen.

Die Erkenntnis von der Seelsorge Gottes im Leib Christi befreit die Seel­sorge nicht nur von der Klerikalisierung: sie befreit die Seelsorge auch von uns selber, lehrt uns lachen über unsere seelsorgerliche Autorität und Wür­de! »Somit ist weder der etwas, welcher pflanzt, noch der, welcher begießt, sondern Gott, der das Gedeihen gibt« (i Kor 3,7). Paulus, Kephas, Apollos sind nichts. Was sie an Seelsorge üben mögen, ist nichts. Nur daß Gott das Gedeihen gibt, das ist etwas. (Wie lächerlich ist es, daß ich aufgeregt auf den Knopf einer Hausglocke drücke, weil ein wichtiges Gespräch bevor­steht: »Nein, das ist nichts.« – Wir können nicht gering genug von uns sel­ber denken und von dem, was wir tun. Wir können nicht hoch genug von dem denken, der in uns und bei uns ist und der das Gedeihen gibt. Gerade das muß unser Stolz sein, das Gelächter über uns selbst. Das Staunen über den himmlischen Regen, das himmlische Wachstum. Das muß der Ruhm un­serer Seelsorge sein, daß sie im Blick auf uns gar nichts, im Blick auf Gott sein Werk ist – in den Gliedern seines Leibes.

b) Mahnung der Gemeinde zur Seelsorge

Zur Predigt dieser Realpräsenz gehört nun auch der Aufruf der Gemeinde zur Seelsorge. Den Gliedern des Leibes wird zugerufen zu realisieren, was sie schon sind.

Die apostolischen Briefe sind voll solcher Mahnungen zu gegenseitiger Seelsorge: »Ermahnet einander und erbauet einer den andern wie ihr auch tut« (1 Thess 5,11). – Die lebendigen Stei­ne tragen und stützen sich ge­genseitig, mahnen und trösten einander, sind aufeinander zuge­ordnet, ein­ander zum Dienst gesetzt. »Wir aber, die Starken, sind verpflichtet, die Schwach­heiten der Ungefestigten zu tragen und nicht uns selbst zu Gefal­len zu leben. Jeder von uns lebe dem Nächsten zu Gefallen für das Gute, zu seiner Auferbauung« (Röm 15,1 f). Die Glie­der der Gemeinde werden also ermahnt, erbaulich zu sein, und dies ist nun nicht als seelische Trö­stung zu verstehen, sondern im Sinne einer geistlichen Architektur. Der Nächste soll durch den Dienst des Bruders fest aufgebaut werden auf den Grund der Apostel und Propheten. – So werden die Epheser zu seelsorgerlichem Reden ermahnt: »Aus eurem Munde komme kein faules Wort, son­dern eins, das gut ist zur Erbauung« (4,29). Durch das Reden der Ge­meinde wird der Neubau Gottes in die untergehende Welt hineingebaut.

In dieser neuen Gemeinschaft wird einer für den andern verantwortlich gemacht. »Wir ermah­nen euch aber, ihr Brüder; weiset die Unordentlichen zurecht, tröstet die Kleinmütigen, neh­met euch der Schwachen an, seid lang­mütig gegen alle! Sehet zu, daß keiner einem andern Böses mit Bösem ver­gelte, sondern jaget allezeit dem Guten nach gegeneinander und gegen je­dermann« (1 Thess 5,14 f).

Hier muß unsere Bemühung einsetzen, daß in unseren Gemeinden die Verantwortung der Glieder füreinander stark wird, daß einer für das Heil des andern sorgt, daß alle für das Heil der Welt sorgen und also nach dem Reiche Gottes und seiner Gerechtigkeit trachten, daß der Leib Christi wirk­lich Leib sei. Und da, meine ich, sollte eine Umschichtung und eine Akzent­verlagerung in unseren seelsorgerlichen Bemühungen stattfinden. Unsere Seelsorge sollte weniger Betreuung als vielmehr Rekrutierung und Aus­bildung von Bauleuten sein. Nicht Seelenpflege, sondern Ruf zum Reich! – Ein wesentlicher Teil der Seelsorge von uns Pfarrern wird dann der sein, die Wirkungsweisen Christi in den Gliedern zu entdecken, die Gaben zu fin­den und zu wecken, die in der Gemeinde schlummern. – Wenn heute ein Pfarrer neu in eine Gemeinde kommt, kann es ihm geschehen, daß ihm der Vorgänger eine Liste von gebrechli­chen Großmüttern in die Hand legt, die er besuchen möchte. Wunderbar, diese Großmütter, die für die Gemeinde beten. Wunderbar, der Besuch bei einer Witwe: er ist der reine unbe­fleckte Gottesdienst (Jak 1,27)! Muß ich aber den reinen und unbefleckten Gottes­dienst unbedingt selber zelebrieren? Wäre es nicht wichtiger, ich würde die Gemeinde zu solchem Gottesdienst anleiten? Wäre es nicht besser, Haus­genossen oder Nachbarn eines Gebrechli­chen anzuleiten, dem kranken oder alten Menschen ein Wort zu lesen und mit ihm zu beten? Es gibt an den Zollstätten und bei den Fischnetzen ganze Scharen, die darauf warten, von Jesus angesprochen zu werden! Viele Menschen sehnen sich danach, einen Dienst tun zu dür­fen, sie sehnen sich danach, eingebaut zu werden in die Gemeinde. Gott aber will den Men­schen bei sich haben, in seinem Dienst. Darum müßte hier das Schwergewicht unserer Seel­sorge liegen: die einzel­nen Glieder zum Funktionieren, zum Dienen zu bringen, Charis­men auf­zudecken, die Wirkungsweise Christi in den einzelnen Gliedern aufzu­zeigen. – Damit haben wir versucht, einen Teilaspekt prophetischer Seel­sorge anzudeuten.

c) Seelsorge im Anbruch des Reiches

Wir sind gefragt, ob wir es Jesus glauben, daß das Reich nahe ist, ob wir in der Seelsorge zu diesem Reich umkehren, ob die Seelsorge der Gemeinde und unsere Seelsorge aus der Reichs­nähe kommt und in die Reichsnähe führt. Unsere Seelsorge ist auf alle Fälle die Konsequenz unserer Eschatolo­gie. Nun fragt es sich, ob unsere Eschatologie konsequent ist. Wie muß un­sere Seelsorge aussehen, wenn Jesus mit seiner Botschaft vom nahen Reich recht hat? Wir notieren hier nur einige Punkte, die im einzelnen einer be­sonderen Entfaltung bedürften.

1. Die Seelsorge im Vorfeld des Himmelreiches ist eine Seelsorge in der Furcht des Herrn. Wie sollten wir uns nicht fürchten, wenn es gilt, Gottes Werk zu tun? Wie sollten wir uns nicht fürchten, wenn der Herr uns ver­antwortlich macht für den Tod des Sünders, der ohne unsere Mahnung stirbt? Die Seelsorge in der Reichsnähe ist bestimmt von der Furcht. Nicht Menschenfurcht, sondern Herrenfurcht. Die Apostelgeschichte beschreibt die Seelsorge übende Gemeinde als eine in der Furcht stehende: »So hatte nun die Gemeinde in ganz Judäa und Galiläa und Samarien Frieden, indem sie sich aufbaute und wandelte in der Furcht des Herren; und sie mehrte sich durdi den Zuspruch des Heiligen Geistes« (Apg 9,31). Man kann sagen, daß der »Wandel in der Furcht des Herrn« die Seelsorge begründet; vor dem kommen­den Christus wissen sich die Glieder füreinander verant­wortlich. Darum gibt es Seelsorge.

2. Ist das Reich ein Reich der Freiheit, ist im Angeld des Geistes Freiheit (vgl. i Kor 3,17), dann geschieht Seelsorge als Recht und Geschenk der Freiheit. Seelsorge kommt aus Freiheit und führt zur Freiheit. Sie besteht einerseits als Sorge um die Bewahrung und Bewährung der Freiheit der Glieder, andrerseits geschieht in ihr die Befreiung der Gebundenen (vgl. unten S. 122).

3. Eine Seelsorge in der Nähe des Reiches ist getragen von der Freude. Die Freude am Herrn ist unsere Stärke in der Seelsorge. Seinen Seelsorgern ruft der Herr zu: »Freuet euch vielmehr, daß eure Namen in den Himmeln aufgeschrieben sind« (Luk 10,20). – »Dein Nam“ stets vor ihm leuchtet, daß er dir Hilfe sendt.« – Ist die Seelsorge getragen von der Freude, dann ist auch das Ziel der Seelsorge Freude. Das Himmelreich ist ein Reich der Freude. Die Seelsorger sind Mitarbeiter an der Freude der Gemeinde (2 Kor 1,24).

4. Wird die Seelsorge geübt in einer Welt, deren Gestalt vergeht, in einer Zeit, da Christus bald kommt, dann wird die Seelsorge den Mut zum Wort haben, den Mut, das Bibelwort zu sagen. – Der Seelsorger ist Botschafter. Eine hoffnungslose Seelsorge schämt sich, den Mäch­tigen und Gebildeten das Wort zu sagen, und meint, ihnen gegenüber das Wort in einer beson­deren Emulsion servieren zu müssen. O diese Emulsionen, diese plötzliche Scheu, vor Dok­tortiteln und Industrieaktien! O diese Ritter von der trauri­gen Gestalt, die es im Männersaal nicht wagen, ein Wort zu sagen. Man beachte, wie feierlich und volltönend der 2. Timo­theus­brief gegen diese falsche Scham kämpft: »Ich beschwöre dich vor Gott und Christus Jesus, der die Lebendigen und die Toten richten wird, und bei seiner Erscheinung und bei seinem Reich: Predige das Wort, tritt dafür ein zu gelegener und ungelegener Zeit, überführe, weise zurecht, ermahne, mit aller Langmut und Belehrung« (4,1–2). – Wenn das Reich kommt, muß gerade auch den Mächtigen das Wort gesagt werden! Darum appelliert ein Paulus an den Kaiser!

5. Eine Seelsorge, die den Mut zum Wort findet, wird den Mut haben zur Berufung. Markus berichtet, wie Jesus nach seiner Reichspredigt die ersten Jünger zu Menschenfischern beruft (1,16 ff). Wie er eine bestimmte Anzahl zu sich auf den Berg bestellt, und zwar ausdrücklich die, »welche er wollte«, und wie er dann aus diesen Berufenen sich zwölf erwählt (3,13 ff). Seel­sorge zum Reich ist eine Seelsorge der Berufung zur Arbeit in der Ernte. Lukas berichtet, daß Jesus vor der Berufung der zwölf die Nacht im Gebet verharrte (6,12). Nun leidet unsere Kirche an Pfarrermangel, sie hat Man­gel an Diakonissen, Evangelisten, und dieser Mangel weist auf die man­gelnde seelsorgerliche Berufung. Und diese wieder auf das mangelnde Ge­bet. Wenn wir in die Nähe des Reiches umkehren, werden wir frei werden für dieses Gebet, frei in Furcht und Freude, die Berufung Gottes weiterzu­sagen.[10]

6. Eine Seelsorge der Berufung wird den Mut haben zur kleinen Zahl, sie bejaht die kleine Herde, der nach des Vaters Wohlgefallen das Reich gegeben wird. Sie weiß das Geheimnis der Gnadenwahl, wonach in Abra­ham alle Geschlechter der Erde gesegnet sind, so daß im Blick auf das kommende Reich gerade die Erwählung des Einzelnen besondere Bedeutung hat. So kämpft der Vater Blumhardt in Möttlingen um einen Menschen. Indem der eine Besessene zur Freiheit und zum Heil kommt, geschieht für ganz Möttlingen ein Durchbruch zum Heil. – Eine Seelsorge zum Reich kann sich Beschränkung leisten!

7. Gerade in dieser Freiheit zur Beschränkung ist die Seelsorge nach al­len Menschen hin offen. Das Reich kommt für alle. Die Nähe des Reiches ist allgemein verbindlich. Wir »er­mahnen jeden Menschen und lehren je­den Menschen in aller Weisheit, damit wir jeden Menschen vollkommen in Christus vor Gott hinstellen« (Kol 1,28). Jedem Menschen bin ich Gottes Wort und Gottes Liebe schuldig. Jedem Menschen bin ich mich selber schul­dig. Die Seelsorge zum Reich ist grenzenlos, oben gegen jeden Menschen. Sie beschränkt sich nicht darauf, »kirchliche« Seelsorge zu sein.

8. Steht die Seelsorge im Kommen des Reiches, dann ist sie offen gegen den Himmel hin, d. h. sie ist begleitet vom Zeichen. Das Wunder ist dann das Natürliche. Sie fordert keine Zei­chen, aber sie steht im Wunder; und dies ist eine stückweise Vorwegnahme dessen, was universal kom­men wird.

9. Das Reich ist noch nicht da. Und darum heißt Seelsorge Kampf. Kampf nicht mit Men­schen, sondern Kampf mit dem Reich Satans. Wohl ist der Sieg Jesu zu Karfreitag und Ostern komplett und universal. Wohl jubelt die Gemeinde mit Heinrich Vogel: »Herr Christ, du bist der Sieger, dein Werk ist schon vollbracht.« Wohl ist Jesus der Siegesheld. Aber noch liegt ihm nicht alle Welt zu Füßen. Darum ist noch Seelsorge nötig. Der Sieg muß behauptet und durchgesetzt werden gegen einen immer lauter sich ge­bärdenden Gegner: »Unser Ringkampf geht nicht wider Fleisch und Blut, sondern… wider die Beherrscher dieser Welt der Finsternis, wider die Gei­sterwesen der Bosheit in den himmlischen Regionen« (Eph 6,12).

Betrachten wir die Seelsorge unter diesem Aspekt, so folgt daraus ein Zweifaches. Erstens: wo wir in der Seelsorge auf Widerstand stoßen, wo wir angefeindet werden, wo Menschen wider uns aufstehen, müssen wir nicht gegen die Menschen kämpfen, sondern gegen die Mächte. Mein Geg­ner ist dann nicht der mehr oder weniger einflußreiche Herr Sowieso, son­dern die Macht hinter ihm. Wenn wir dies erkennen, werden wir vor Ver­bitterung bewahrt. Zweitens: ist Seelsorge im Anbruch des Reiches ein Stück Kampf, Kampf wider Geister, dann gibt es eine Spezialaufgabe in der Seelsorge: die Austreibung der Geister. Das Aufräumen auf dem Schlacht­feld der Menschenseele. Darum spielen die Berichte von Austreibungen der Dämonen in der Synopse eine so große Rolle. Hier finden Durchbruchs­schlachten des Him­melreiches in das Reich der Finsternis statt. »Wenn ich dagegen durch den Finger Gottes die Dämonen austreibe, so ist ja das Reich Gottes zu euch gekommen« (Luk 11,20). Wenn er die Jünger aussen­det, beauftragt er sie ausdrücklich zum Exorzismus: »treibet Dämonen aus« (Matth 10,8). Nach dem Schluß des Markusevangeliums wird dieses ein Zeichen sein, das die Gläubiggewordenen begleitet: »in meinem Namen werden sie Dämonen austreiben« (16,17). Der Sieg über die Dämonen wird hier als eine normale Form des Glaubens angesehen. Die Gelehrten sagen uns, daß der Markusschluß unecht sei, dann aber muß es eine Gemeinde gegeben haben, die diese Weissagungen als Tatsache vor Augen hatte. Die Austreibung der Dämonen war eine Frucht ihres Glaubens an den wieder­kommenden Christus. – Was ist mit unserem Glauben los, daß diese nor­male Frage gerade das Außergewöhnliche ist? Warum bewegt sich Gottes Finger nicht?

10. Wenn wir so fragen, müssen wir etwas bedenken, das alles Vorher­gesagte umschließt: Ist Seelsorge Kampf, dann stellt uns die Ausübung der Seelsorge ins Leiden. Der Seelsorger leidet mit dem andern und für den andern, weil das Reich zwar nahe, aber noch nicht da ist. Seelsorge in der Nähe des Reiches leidet für die Zukunft des andern.

Jesus leidet am Kreuz für die Zukunft der Welt. Die Gemeinde aber kann nur Seelsorgerin sein, indem sie dem Ruf in die Nachfolge des leidenden Jesus gehorcht. In diesem Gehorsam stehen die Glieder der Gemeinde bis zu Jesu Wiederkunft in einer Passionszeit, in der sie für die Zukunft der andern leiden. Diese Passionszeit ist die Zeit der Seelsorge. – Man kann bei den großen Seelsorgern – etwa bei Jean-Baptiste-Marie Vianney, dem Pfarrer von Ars, oder bei Johann Christoph Blumhardt in Möttlingen – sehen, daß sie – um der Menschen willen – ohne Wehleidigkeit Leidende waren, in der Liebe für die Menschen Leidende. – Was bei Vianney und Blumhardt exemplarisch sichtbar wird, gilt grundsätzlich für alle Glieder der seelsorgeübenden Gemeinde. Seelsorge im Anbruch des Reiches ist Lei­denschaft, Passion für den andern im Opfer der Liebe.

Unser Mangel an Vollmacht in der Seelsorge hängt offensichtlich mit un­serer Leidensscheu zusammen, die sich nicht am Mitmenschen engagiert, weil sie weder liebt noch hofft. – Noch einmal: was ist mit uns, daß wir so wenig in Liebe zu leiden vermögen? Warum ist unsere Seelsorge so un­passioniert? Hat sie sich losgemacht vom Reich? – Hier gilt es noch einen letzten Punkt zu beachten.

11. Lebt die Gemeinde in Verbundenheit mit aller Kreatur, nimmt sie in der Nachfolge Jesu teil am Leiden für die Zukunft der Menschen und exi­stiert also stellvertretend für die Welt, dann nimmt sie im Geist teil an der Zukunft Gottes und steht daher stellvertretend für ihn – im Namen Jesu – in der Welt, um den Menschen das Reich aufzuschließen. Die Gemeinde exi­stiert als Seelsorgerin Gottes für die Absolution.

Ich kann hier nur wiederholend aufnehmen und skizzenhaft andeuten, was eingehender Erör­terung bedürfte: Übt die Gemeinde Gottes Seelsorge in der Welt, ist der Kommende im Geist in der Gemeinde gegenwärtig und tätig; dann tut die Gemeinde alles, was sie als Seelsorgerin tut und nicht tut – sei es im Dienst der Liebe, sei es im Berufen oder sonst im Sagen des Wor­tes – mit den Schlüsseln. Noch mehr: Im Anbruch des Reiches lebt die Gemeinde im Binden und Lösen. Sie lebt die Schlüssel.

Es ist fatal, daß das Schlüsselamt immer wieder vorschnell mit der Beichte in Zusammenhang gebracht wird. Dadurch bekommen die Schlüssel den Charakter des Extraordinären, eine Möglichkeit, in unser freies Belie­ben gestellt oder ausschließlich zu liturgischem Gebrauch reserviert.

Durch diese falsche Sicht wird der Sachverhalt verdunkelt, daß die Gna­de sich in Gnadenga­ben der Gemeinde mitteilt und daß diese nur im Mit­teilen und Austeilen von Gnade bewahrt wird. Also hängt ihre eigene Zu­kunft an der Zukunft des Seelsorgebedürftigen. – Anders ausgedrückt: Ist der Gemeinde der Dienst der Versöhnung aufgetragen, so artikuliert das »absolvo te« unsere neue Existenz und bespricht mit der Zukunft des an­dern unsere eigene Zukunft. Geschieht aber dieser Dienst an der Versöh­nung, in der Solidarität mit der Welt – und wie könnte er anders Dienst der Versöhnung sein? – so geschieht die Absolution in der Profanität. Und das heißt: die Gemeinde formuliert in ihrer ganzen Existenz das »absolvo te«. Sie lebt für die Absolution, gleichviel ob sie essende Seelsorge übt oder um einer Berufung willen fastet. Ist Christus real präsent in solcher Seelsorge, wird seine Vergebung real präsent, so ist der gemeinsame Dienst aller Gnadengaben auf Absolution gerichtet. So mag sie auch einmal aus­drücklich zur Sprache kommen in dem Satz der Hochsprache: »Dir sind deine Sünden vergeben.«

So ruft die Seelsorge zum Reich, indem sie unterwegs ist zur Absolu­tion, selbst Absolution ist, zur Absolution anleitet und bevollmächtigt. Das ist die Seelsorge Jesu Christi heute in den Gliedern seiner Gemeinde: ein Auftun des nahen Reiches für den einzelnen, daß der Mensch Gottes sei.

Warum aber funktioniert die Absolution so schlecht? Warum geschieht so wenig Absolution um uns her? Warum lassen wir das Reich verschlos­sen?

Hier sind wir wieder bei dem Grundproblem aller Seelsorge, bei unse­rem Glauben, bei der Wirksamkeit des Heiligen Geistes. Hier wird auch deutlich, daß wir, die Seelsorger, heute die seelsorgebedürftigsten Leute sind, daß wir zuerst auf die Zentralbotschaft Jesu zu hören haben: »Keh­ret um, das Reich der Himmel ist genaht.«

Quelle: Rudolf Bohren, Dem Wort folgen. Predigt und Gemeinde, München-Hamburg: Siebenstern, 1968, S. 97-124.


[1] Vortrag, gehalten auf Boldern an einer Tagung von Pfarrern und Psycho¬therapeuten über Seelsorge, Frühjahr 1957.
[2] WA 8, 683.
[3] Vgl. hierzu R. Bohren, Mission und Gemeinde. ThEx-NF 102,1962. In dieser Schrift habe ich versucht, den theologischen Hintergrund solcher »Seelsorge« anzudeuten. Zum Problem der Privatisierung vgl. O. Weber, Das lösende Wort, Erwägungen über das seelsorgerliche Einzelgespräch, o. J.
[4] Vgl. hierzu R. Bohren, Unsere Kasualpraxis – eine missionarische Gelegenheit? ThEx-NF 83, 19612.
[5] Vgl. die Ausführungen über »Das Pfarramt in der Sicht des Theologiestudenten«.
[6] Theologische Kritiker möchten hier die Anführungszeichen beachten!
[7] Der Dienst der Kirche am Menschen, 1950, 112.
[8] M. J. Metzger, ein römisch-katholischer Märtyrer im Dritten Reich, zit. nach G. Jacobi, Langeweile, Muße und Humor, 1952, 88.
[9] Vgl. den. Aufsatz über »Die Hauskirche J. Ch. Blumhardts«.
[10] Vgl. die Ausführungen über »Das Pfarramt in der Sicht des Theologiestudenten« in »Predigt und Gemeinde«, 1963, 173 ff.

Hier Bohrens Text als pdf.

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