Hermann Diems Predigt über Lukas 6,20-31 von 1954: „Doch denken wir uns einmal den Fall, wo ein Armer zu mir um eine Unterstützung kommt, vielleicht ein Ostzonenflüchtling oder irgend jemand, der aus einem besonderen Grund in Not geraten ist, wie das täglich mit fast allzugroßer Selbstverständlichkeit bei mir geschieht.“

Predigt über Lukas 6,20-31

Von Hermann Diem

Liebe Gemeinde,

in den lutherischen Gemeinden in Amerika, die ich vor einigen Jahren besuchte, wurde mir immer wieder voll Stolz berichtet, wie­viel Geld die Gemeindeglieder zur Erhaltung ihrer Kirchen auf­bringen. Man hat mir dabei in der Tat beträchtliche Summen ge­nannt. Daraufhin pflegte ich zu sagen: „Und was tut ihr für eure armen Leute?“ Auf diese Frage erhielt ich immer wieder die er­staunliche Antwort: „Wir haben gar keine armen Leute.“ Zuerst verstand ich das gar nicht, denn natürlich gibt es in Amerika nicht nur reiche, sondern auch arme Leu­te; und zwar ist man dort, wenn man schon einmal arm wird, auch gleich sehr arm. Aber bald merkte ich, wie sich die Sache verhielt. Nur etwa die Hälfte der Einwohner gehört dort einer der christlichen Kirchen an, die allein durch die freiwilligen Gaben ihrer Mitglieder erhalten werden. Und gerade die Ärmsten der Armen gehören meist zu keiner Kirche, schon weil sie kein Geld dafür beisteuern können und auch für den Besuch des Gottesdienstes nichts Rechtes anzuziehen haben. Zu diesen ordentlichen und meist wohlhabenderen Leuten, aus denen sich die Glieder der Kirche zusammensetzen, passen sie gar nicht hin. Unter ihnen könnten sie sich schlecht sehen lassen. Dafür kümmert sich dann um sie die Heilsarmee oder sonst ein Missions­unternehmen.

Ich mußte dabei an unseren heutigen Predigttext denken, der anfängt: „Selig seid ihr Armen, denn das Reich Gottes ist euer“, und überlegte mir, was denn dort ein Pfarrer macht, wenn er über diesen Text vor einer Gemeinde predigen soll, in der es praktisch keine Armen gibt, voll­ends wenn es dann in unserem Text nachher weitergeht: „Aber dagegen wehe euch Reichen!, denn ihr habt euren Trost dahin“. Da muß doch einiges inzwischen anders geworden sein, seit unser Heiland durch die Städte und Dörfer von Judäa und Galiläa zog und dem armen Volk das Reich Gottes verhieß, wenn heute für dieses arme Volk nicht einmal mehr Raum in seiner Kirche ist.

Nun ist das alles bei uns zum Glück nicht ganz so kraß. Bei uns gehören fast alle zur Gemein­de, außer den wenigen, die ausgetreten sind. Ob sie reich oder arm sind, spielt dabei keine Rolle. Unter den Ausgetretenen sind wohl manche, denen die Kirchensteuer zu hoch war und die deshalb gingen; und nachdem wir in der letzten Woche an die säumigen Zahler, die andau­ernd sich mahnen lassen, ohne daß sie es auch nur für nötig hielten, darauf zu antworten, Zahlungsbefehle schickten, werden es wohl in der nächsten Zeit noch einige mehr werden. Aber es ist kein einziger darunter, der deshalb austreten müßte, weil er zu arm wäre und die Kirchensteuer nicht bezahlen könnte — in solchen Fällen kann man immer noch miteinander reden —, sondern weil er sie nicht zahlen wollte.

Ich habe gerade angesichts der freikirchlichen Ordnung in Amerika unsere volkskirchliche Ordnung wieder mehr schätzen gelernt, bei der in der Kirchengemeinde einfach alle beiein­ander sind, wie sie in der bürgerlichen Gemeinde Zusammenleben, wo jeder einfach nach seinem Einkommen beisteuern muß und es darum keine Rolle spielt, ob jemand reich oder arm ist. Und man kann ja gerade in unserer Gemeinde wirklich nicht sagen, daß für die Armen und Bedürftigen nichts getan würde. Wir sind die einzige Gemeinde in ganz Württem­berg, die in der Zusammenarbeit von Kirche, Rathaus und Industrie ein solch umfassendes Hilfswerk eingerichtet hat, daß niemand, der wirklich in Not gerät, ohne Hilfe bleibt. Ich darf dies hier wohl auch einmal ausdrücklich sagen, weil Viele das nicht wissen oder nicht wissen wollen.

Aber trotz alledem, liebe Gemeinde, was ist nun mit unserem Text? „Und erhob seine Augen auf über seine Jünger und sprach: Selig seid ihr Armen, denn das Reich Gottes ist euer“. Und dann weiter: „Aber dagegen wehe euch Reichen, denn ihr habt euren Trost dahin“. Nicht wahr, hier ist etwas so völlig Unerhörtes und die Welt Umstürzendes gesagt, vor dem jene Unterschiede, wie wir sie zwischen unseren Verhältnissen und jenen amerikanischen Gemein­den gesehen haben, wirklich keine Rolle mehr spielen. Das merken wir gewiß alle. Hier ist ja nicht bloß gesagt, daß die Reichen ver­pflichtet seien, an die Armen zu denken und für sie mitzusorgen. Das wäre gar nichts Neues und Besonderes; denn daß es ohne das nicht mehr geht, das weiß heute bereits jedes Kind. Darum bemühen sich auch jene, die etwas haben, zu helfen, wo sie können, und die nichts haben, melden tapfer ihre Ansprüche an und suchen herauszuschlagen, auch was sie können. Das alles ist für den sozialen Wohlfahrtsstaat des 20. Jahrhunderts, in dem wir leben, schon fast zur Selbstverständlichkeit geworden, und es ist dabei eigentlich bloß noch die Frage, wie lange die Konjunktur anhalten wird, damit wir das Geld für alle diese Ausgaben aufbringen können.

Doch denken wir uns einmal den Fall, wo ein Armer zu mir um eine Unterstützung kommt, vielleicht ein Ostzonenflüchtling oder irgend jemand, der aus einem besonderen Grund in Not geraten ist, wie das täglich mit fast allzugroßer Selbstverständlichkeit bei mir geschieht. Und nun würde ich zu ihm sagen: Mein lieber Freund, Sie sind hier nicht beim Wohlfahrtsamt und nicht beim Amt für Soforthilfe und nicht bei der Fürsorge und nicht bei der Arbeitslosenver­sicherung, sondern Sie sind hier beim Pfarramt. Ich will Ihnen zwar gerne helfen, so gut ich kann, damit Sie etwas zu essen oder eine Fahrkarte oder ein paar Mark für Ihre Notlage be­kommen. Aber das ist nicht meine eigentliche Aufgabe. Ich bin vielmehr dazu da, Ihnen das Evangelium zu verkündigen. Und dieses Evangelium lautet: „Selig seid ihr Armen, denn das Reich Gottes ist euer“. Was meint Ihr wohl, liebe Gemeinde, wie der Betreffende mich an­schauen würde? Er würde wohl denken, ich würde ihn zum Narren halten und ihn in seiner Not noch verspotten. Er würde jedenfalls kein Wort von dem begreifen, was ich sagte, und deshalb würde ich es ihm jedenfalls auch nicht so direkt sagen, obwohl ich das doch tun müß­te, weil es ja das Evangelium ist, das zu verkündigen ich beauftragt bin.

Und nun nehmen wir gleich das Wort an die Reichen: „Aber dagegen wehe euch Reichen!, denn ihr habt euren Trost dahin“. Nehmen wir an, ich würde dem Reichen, vielleicht wenn ich gerade bei ihm eingeladen bin und an seinem Tisch sitze, diesen Weheruf über die Rei­chen sagen. Und ich müßte ja auch das tun, weil ich doch den Auftrag habe, das Evangelium zu verkündi­gen. Würde der Reiche mich besser verstehen als jener Arme? Ich glaube kaum. Er würde mich vermutlich nur für grob und unver­schämt halten und meinen, ich wollte ihn beleidigen. Dabei sind doch aber beide, der Reiche und der Arme, Christen!

Wir sagten vorhin, daß etwas anders geworden sein müsse, seit Jesus mit seiner Botschaft von dem Reiche Gottes über die Erde ging. Das ist offenbar anders geworden: Nun sind wir alle Christen. Die ganze Welt um uns her ist christlich geworden, und wir halten uns sogar unge­heuer viel darauf zugute, daß wir in einer christ­lichen Welt leben. Aber dafür verstehen wir anscheinend die Bot­schaft des Evangeliums nicht mehr. Aber dabei kann es ja nun auch nicht bleiben, daß wir das betrübt feststellen. Das Evangelium ist ja aufgeschlagen und wir haben es zu verkündigen, was hier steht: „Selig sind die Armen, denn das Reich Gottes ist euer. Aber dagegen wehe euch Reichen! Ihr habt euren Trost dahin“. Doch wie sollen wir das verstehen?

Seht, liebe Freunde, wir wollen vor allem einmal das beachten, daß hier keine Theorien über den Lauf der Welt erzählt werden. Hier werden auch keine sozialen Programme entwickelt und keine Wirtschaftskämpfe ausgetragen, wie wir das gerade in diesen Wochen bis zum Überdruß erleben, sondern hier wird einfach das Evan­gelium verkündigt. Das Evangelium aber ist eine Botschaft, die Trost, Hilfe und Rettung bedeutet, und zwar für alle Menschen, für Arme und Reiche, für Kranke und Gesunde, für Unglückliche und Glückliche, für Böse und Gute. Ihnen allen wird die Botschaft vom Reiche Gottes verkündigt, und d. h. die Botschaft, daß Gott sich aufgemacht hat, um in der Welt wieder seine Ordnung aufzu­richten und her­zustellen. Diese Ordnung besteht darin, daß alles wieder an den Platz gestellt wird, wo es hingehört, daß jeder Mensch wieder seinen Gott und Vater hat, dessen Gnade er sein Leben verdankt und dem er darum mit Freuden gehorcht, daß keiner mehr sich selbst zum Herrn machen und darum möglichst viel von dieser Welt und ihren Gütern und Freuden an sich reißen will, daß darum keiner im andern den Feind und Gegner sieht, der ihm den Platz an der Sonne streitig machen will, sondern daß sich alle finden in der Dankbarkeit gegen den, der seine Sonne scheinen läßt über Böse und Gute und läßt regnen über Gerechte und Un­gerechte.

Und nun fragen wir uns, wer von all diesen Menschen, welche diese Botschaft erreicht, sie wohl am ehesten hören und verstehen, wen sie wohl vor allem glücklich und selig machen wird? Doch wahrscheinlich jene nicht, welche sich in dieser Welt ganz gut eingerichtet und sich in ihr durchgesetzt haben, denen nichts fehlt und die deshalb mit der Ordnung dieser Welt ganz zufrieden sind und gar keine Veranlassung haben, etwas daran geändert zu sehen. Was sollten denn sie mit diesem Evangelium vom Reiche Gottes anfangen? Ihnen genügt diese Welt und das Leben, wie es ist.

Darum kann Jesus sie nicht selig preisen und ihnen das Heil und das Glück des Reiches Got­tes nicht verkündigen. Ihnen kann er eben nur sagen: „Weh euch, die ihr voll seid!, denn euch wird hungern. Weh euch, die ihr hier lachet!, denn ihr werdet weinen und heulen“. Das Reich Gottes kommt ja doch, ob sie es wollen oder nicht. Aber weil sie in dieser Welt schon völlig aufgegangen und untergegangen sind, kann diese Botschaft für sie keine Seligpreisung, son­dern nur einen Weheruf bedeuten.

Wie ist es dagegen mit den Andern, den in dieser Welt Armen, den Hungernden und Weinen­den und Verlästerten? Können wir nun einfach fortfahren: Ihr dagegen, ja, ihr werdet selig­gepriesen! Weil ihr in dieser Welt zu kurz gekommen seid, deshalb gehört euch das Reich Gottes? So steht es freilich da: „Selig seid ihr, die ihr hier hungert, denn ihr sollt satt werden. Se­lig seid ihr, die ihr hier weinet, denn ihr werdet lachen“. Aber es steht davor noch ein Sätz­chen, das wir nicht übersehen dürfen: „Und er hob seine Augen auf über seine Jünger und sprach: Selig seid ihr Armen“. Er sagt es also nicht einfach zu jedem Armen, zu jedem, der in dieser Welt leidet: Selig bist, wenn dir das widerfährt, sondern er sagt es zu seinen Jüngern, zu denen, die ihre Hoffnung auf ihn und das Reich Gottes gesetzt haben, denen ihre Armut nicht zum Anlaß wurde, die Reichen zu beneiden und zu hassen, weil sie doch selbst gern mit ihnen tauschen wollten, denen die Ordnung dieser Welt nicht nur darum mißfällt, weil es ihnen selbst nicht gelungen ist, sich dabei obenan zu setzen.

Nein, er sagt das alles zu seinen Jüngern, und d. h. zu denen, die wirklich unter der Ordnung dieser Welt leiden, weil sie darin die Ordnung Gottes verkehrt und verdorben sehen, die nicht auf eine neue Gesellschaftsordnung, sondern die auf das Reich Gottes warten, weil sie Trost und Hilfe und Rettung nicht nur für sich selbst, sondern für die ganze Welt und für alle Men­schen suchen.

Denken wir nun wieder an jenen Armen, der an unsere Türe kommt. Wir verstehen vielleicht jetzt besser, warum wir es ihm nicht so direkt zu sagen wagen: „Selig seid ihr Armen, denn das Reich Gottes ist euer“, und warum er uns das nicht so einfach abnehmen kann. Er ist wahrscheinlich darüber ver­bittert, daß es ihm schlecht geht, während um ihn her so viele leben, die von keiner Not etwas zu spüren scheinen. Er denkt wahrschein­lich gar nicht an die Ordnung des Reiches Gottes, sondern einfach an sich selbst und wie er es zu etwas bringen kann. Und vielleicht hat er einen Haß auf alle, die noch etwas haben. Wenn ich ihm die Selig­preisung der Armen sage, dann kann ich es nur so tun, daß ich hinzufüge: Aber das sage ich dir im Namen Jesu, der gerade für solche Leute wie für dich gekommen ist, nicht um jetzt statt der Andern euch in den Sattel zu setzen, sondern um uns allen miteinander aus dieser bösen Ordnung der Welt zu helfen. Und weil er um unsere verbitterten und neidischen und rachgie­rigen Herzen weiß, darum hat er auch gleich hinzugefügt, worin sich diese Ordnung des Rei­ches Gottes ganz grundlegend von allem unter­scheidet, was wir an menschlichen Ordnungen kennen:

Aber ich sage euch, die ihr zuhört: Liebet eure Feinde; tut denen wohl, die euch has­sen; segnet die, so euch verfluchen; bittet für die, so euch beleidigen. Und wer dich schlägt auf einen Bak­ken, dem biete den andern auch dar; und wer dir den Mantel nimmt, dem wehre nicht auch den Rock. Wer dich bittet, dem gib; und wer dir das deine nimmt, da fordere es nicht wieder.

Daraufhin würde der Arme mich wahrscheinlich ganz einfach fragen: Ja, tust du denn diese erstaunlichen Dinge selbst, die du mir da sagst! Und ich müßte ihm antworten: Du hast ganz recht, mich so zu fragen, denn hier steht ausdrücklich in meinem Text: „Und wie ihr wollt, daß euch die Leute tun sollen, also tut ihnen gleich auch ihr“. Es darf hier also keiner dem an­dern etwas sagen oder zumuten, was nicht ebenso für ihn selbst gilt. Aber nun wird es wohl so sein, daß uns das beiden gleich schwer fällt; daß wir beide geneigt sind, mit Neid auf jene zu schauen, die es besser haben als wir, und Armut und Leiden keineswegs als Vorzug im Blick auf das Reich Gottes zu sehen; daß es uns beiden eben nicht um die Ordnung des Reiches Gottes geht, sondern nur um eine Ordnung der Welt, die gerade uns ein besseres Leben er­möglicht. Darum will unser Herr uns beiden helfen, mir, der ich allerlei habe, und dem Ar­men, der mit dem, was ich ihm geben kann, nachher doch wieder in seine Armut hinaus­gehen muß. Und geholfen hat er uns beiden dann, wenn ich die Botschaft, die dem an dieser Welt Leidenden den Trost und die Hilfe und die Rettung des Reiches verheißt, zuerst für mich selbst gehört habe, ehe ich sie dem Armen verkündige, und wenn der Andere dann diese Bot­schaft unter seine armen und leidenden Brüder trägt.

Vielleicht bin ich ihm gegenüber in Vielem reich, und vielleicht ist er mir gegenüber in Allem arm. Aber geholfen ist uns beiden, wenn die Botschaft in unseren Herzen brennt, die wir in der Schriftlesung den Apostel sagen hörten: „Denn ihr wisset die Gnade unseres Herrn Jesu Christi, daß, ob er wohl reich ist, ward er arm um euretwillen, auf daß ihr durch seine Armut reich würdet“.

Amen.

Evangelische Theologie 14 (1954), S. 241-246.

Hier die Predigt als pdf.

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